Das Schulsystem in Kanada

von Helmut Daiminger am 4. Oktober 2009

Das Schulsystem in Kanada

Das kanadische Schulsystem umfasst sowohl öffentliche als auch private Schulen, vom Kindergarten bis zur Universität. Die Verantwortung für das Bildungswesen liegt bei den Provinzen, was bedeutet, dass es Unterschiede im Bildungssystem der einzelnen Provinzen gibt. Der Bildungsstandard in Kanada ist auch im Vergleich zu anderen westlichen Ländern sehr hoch, wie die Pisastudie erst vor Kurzem erneut bewiesen hat.

Die Schulpflicht beginnt in Kanada mit dem 5. Lebensjahr. Dann besuchen die Kinder den “Kindergarden”, welcher bereits in den Räumen der Elementary Schule stattfindet. Die meisten Kindergarden Programme dauern nur 2,5 Stunden täglich, während ab Grade 1 der Unterricht von 9 – 15 Uhr stattfindet. Das Schuljahr geht von September bis Juni, wobei Juli und August die Ferienmonate sind.

In Kanada besteht keine freie Schulwahl, da jede Schule ihr Einzugsgebiet hat. Jedes Kind hat Anspruch auf einen Platz in der Schule des Einzugsgebiets (catchment area), jedoch kann man einen Antrag stellen eine andere Schule besuchen zu dürfen (cross boundary application). Der Erfolg haengt aber von der Auslastung und weiteren Faktoren im Ermessensrahmen der “Zielschule” ab.

Eine Ausnahme stellen die privaten und konfessionellen Schulen dar, welche unabhängig vom Wohnort besucht werden können. Privatschulen verlangen aber oft ein sehr hohes Schulgeld und sind daher nicht für jedermann geeignet. Die üblichen Gebühren hier im Grossraum Vancouver sind $1.000 – $1.500 pro Monat für Privatschulen. Konfessionelle Schulen sind meist etwas günstiger, verlangen aber auch Schulgeld und ausserdem muss man z.B. Mitglied einer entsprechenden Kirchengemeinde sein.

In jeder Provinz werden auch Early und Late French Immersion Programme angeboten. So haben die viele Schulen also auch einen französischen Zweig, in welchem der exakt gleiche Stoff wie im englischen Pendant vermittelt wird, jedoch eben in Französisch. Early French Immersion beginnt im Kindergarden, während Late French Immersion ab der 6. Klasse beginnt. Der Andrang in diese Programme ist sehr gross und die begrenzte Anzahl von Plätzen wird meist per Losverfahren vergeben. Auch hier gibt es wieder entsprechende Einzugsgebiete der französischen Schulen. In der Regel gibt es auf den Web-Seiten der entsprechenden School Districts Stadtpläne in welchen die Einzugsgebiete der Schulen verzeichnet sind.

Da die kanadischen Schüler einen wesentlichen Teil ihres Tages in der Schule verbringen, werden neben den Leistungsfächern auch viele Wahlfächer angeboten. Drama, Computerkurse, Kunst, Werken, Instrumentalunterricht, und Outdoor Education sind bei den Schülern sehr beliebt. Sport wird in Kanada wie in ganz Nordamerika gross geschrieben. Jede Schule hat Ihre eigenen Sportteams, die sich in den Farben der Schule kleiden. Volleyball, Basketball, Baseball, Lacrosse und vor allem Football sind beliebte Mannschaftsspiele. Die schuleigene Band gibt mehrmals im Jahr Konzerte und sorgt auch bei den Sportveranstaltungen für Stimmung.

Da viele Aktivitäteten im Rahmen von Schulveranstaltungen stattfinden, haben die kanadischen Schüler eine starke Bindung an ihre Schulen. Sie sind stolz auf ihre Schule und besuchen die Heim- und Auswärtsspiele der High School Schulmannschaften. Samstags vereinigen die diversen Wettkämpfe Eltern, Lehrer und Schüler auf dem Sportplatz. Die Schulband und die Cheerleader unterstützen mit schmissiger Musik, akrobatischen Vorführungen und Zurufen die Sportmannschaft. Der Kanadier lässt sich nicht vom schlechten Wetter abschrecken. Es ist keine Seltenheit, dass die Fans im Herbst bei Minusgraden mit heissem Kaffee ausgerüstet, und in dicke Decken gemummt, im Freien auf den nackten Zuschauerbänken sitzen und Ihrem Footballteam zujubeln.

Die meisten Schulen sind sehr gut mit Computern ausgestattet. Unser Schuldistrikt hier in Richmond, BC ist komplett mit modernen Mac Computern ausgestattet.

Das kanadische Schulsystem unterscheidet sich in wesentlichen Punkten vom deutschen. Zum einen sind alle Schulen Ganztagsschulen. Zum anderen ist das kanadische Schulsystem “durchlässiger” als das deutsche, da Schüler nicht schon nach der 4. Klasse in eine Hauptschul-, Realschul- oder Gymnasiumslaufbahn gepresst werden.

Nach Abschluss der 12. Klasse, und nachdem die Schüler die von der jeweiligen Provinz festgelegten Prüfungen absolviert haben, bekommen sie ihr High School Diploma. Um zur Universität zugelassen zu werden, muß man in der High School gehobene Kurse in Englisch/Französisch und den naturwissenschaftlichen Fächern belegt haben. Auch hier in Kanada sind sehr gute Noten die Voraussetzung für Studiengänge wie Recht, Medizin und Ingenieurwissenschaften.

Die weiterführende Ausbildung an College oder Universität ist nicht kostenlos, sondern es werden Studiengebühren erhoben, die je nach Provinz und Universität variieren. Es gibt jedoch Regierungsprogramme (wie den Registered Education Savings Plan – RESP), welche es Familien ermöglichen schon in jungen Jahren mit dem Sparen für die Ausbildung der Kinder anzufangen.

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{ 6 Kommentare… unten lesen oder hinzufügen }

Peter Iden 4. Oktober 2009 um 23:10

Ein aeusserst guter und informativer Artikel, Helmut, ohne die sinnlosen Vergleiche,
die oft von Neu-Einwanderern vorgebracht werden. Ob du einer von ihnen bist, weiss
ich nicht, aber jedenfalls hat dein Beitrag die Essenz des kanadischen Schulsystems
klar dargelegt. Nur eine kleine Berichtigung ueber die “Konfessionellen Schulen, auf
jeden Fall hier in Ontario. Die katholischen Schulen nehmen hier auch nicht-katholische Schueler auf, natuerlich gegen Bezahlung eines “Aufpreises” im Vergleich zu den dort registrierten katholischen Schuelern.

Peter Iden, Brampton, Ontario.

Heinrich Köpke 5. Oktober 2009 um 23:31

Man sollte vielleicht etwas hinzufügen über Eintrittsbedingungen in das Schulsystem hier in Quebec: Nur Kinder, deren Eltern auch in den englischen Schulen der Provinz Quebec gewesen sind , dürfen in die englischen Schulen der Provinz eintreten. Alle Einwanderer müssen die französische Schulen besuchen, wenn sie nicht diesen Nachweis erbringen können. Dabei werden meines Wissens englische Schulbildungen aus anderen kanadischen Provinzen nicht anerkannt.

Susann Welk 19. Oktober 2009 um 03:13

Eine gelungene und korrekte Zusammenfassung des kanadischen Schulsystems, Helmut.
Ich möchte gerne noch hinzufügen, dass bereits auf der High School Kurse angeboten werden, die nicht auf einen späteren College oder Universitätsbesuch vorbereiten, sondern auf eine praktische Ausbildung, mit der Lehre vergleichbar.
Weiterhin gibt es zur Finanzierung des College oder Universitätsstudiums eine Vielzahl von Stipendien, für die sich High School Schüler und Studenten durch gute Noten, Sporterfolge, aber auch hervorragenden außerschulischen Einsatz / Voluntärarbeit in der Gemeinde qualifizieren können. Diese Stipendien werden sowohl von der Unis und Colleges, aber auch von Organisationen (Rotes Kreuz z.B.), Firmen, Stiftungen und Privatpersonen ausgegeben. Schüler müssen sich bewerben, mal mit einem einfachen Formular, manchmal mit seitenlangen Aufsätzen und Referenzbriefen. Studenten können außerdem zinsgünstige Darlehen von Staat und Provinz in Anspruch nehmen, um ihre Ausbildung, d.h. Studiengebühren, Kost & Logis, Schulbücher etc. zu finanzieren.

Barbara Buch 22. Oktober 2009 um 22:52

Zu ergänzen ist noch, dass es – im Gegensatz zu Deutschland – das “Homeschooling” (selbst zu Hause unterrichten) gibt, wobei hierbei verschiedene Formen anerkannt bzw. erlaubt sind (z.B. in Verbindung mit einer “distant school” oder frei).

Armin Arend 6. Januar 2010 um 15:07

Auch ich möchte noch etwas hinzufügen, das mir wichtig erscheint, da eine kurzer Überblick nie umfassend sein kann.

An den meisten Schulen gibt es viele AGs in denen auch außerhalb von sportlichen Aktivitäten Schülern Hobbies und Interessen nachgehen können. Dieses Angebot ist natürlich im ländlichen Umfeld geringer bemessen, da ja die Schulbusse verpaßt werden.

Wichtig erscheint mir auch, daß man zumindest in den höheren Jahrgängen jeden Tag den selben Stundenplan hat, der alle halbe Jahr wechselt. Das heißt das Lernen ist intensiver, in den wenigen Fächern die man nimmt, was aber auf Grund der fehlenden Beschränkung auf akademische Fächer nicht gleichzusetzen ist mit weniger breit.

Auch ist wichtig zu wissen, daß es dann keine Klassenverbände in unserem Sinne gibt, sondern die Schüler nach jeder Stunde den Raum wechseln, nachdem sie in ihren Spinden die Unterrichtsmaterialien ausgetauscht haben, und obendrein die Schüler alle halbe Jahre wieder neu zusammengewürfelt werden.

Vorbereitung für schule und Leben sind diezumindest halbjährlich stattfindenden Prüfung und die Tatsache, daß jederzeit jedes Wissen abegfragt werden kann, anstatt nur das der letzten Stunde bzw seit der letzten Klassenarbeit, wie es z.B. in Bayern bei Exen und Klassenarbeiten der Fall ist.

Das Verhältnis der Schüler ist geprägt von der Hilfsbereitschaft untereinander und dem oben schon angeführten “school spirit”. In Bezug auf den Umgang der Schüler miteinander gibt es aber große Unterschiede von Schule zu Schule, wobei es m.W. nicht die Probleme der US Ghetto-Schulen und der deutschen Schulen mit hohem Ausländeranteil gibt.

christian 12. Januar 2012 um 11:41

ich finde diesen text sehr informativ

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