Auf nach Kanada – Erstes Kapitel

von Peter Iden

Die Geschichte einer (etwas anderen) Auswanderung

Die meisten Emigranten der 1950’er Jahre verliessen Europa auf den grossen Auswanderer-Schiffen der damaligen Zeit: die „Homeric“ , die „Bremen“, die „Hanseatic“, die „Italia“, sowie mehrere andere Schiffe, mit Kapazitaeten von 1,200 bis 1,500 und mehr Passagieren. Eine Auswanderung mit einem Flugzeug war damals noch nicht moeglich. Die Zeit der Trans-Atlantic Fluege hatte erst begonnen.

Dieses sind aktuelle Eintraege aus meinem Tagebuch, welche ich waehrend unserer Ueberfahrt nach Kanada regelmaessig machte. Nichts an diesen Eintraegen ist geaendert worden. Auch die Namen der Passagiere wurden nicht geaendert. Keiner von ihnen lebt heute noch, denn alle waren erheblich aelter als ich, mit der moeglichen Ausnahme eines juengeren Maedchens.

Fuer mich als damals 17-jaehrigen war die Ueberfahrt ein Abenteuer, welches man auf den grossen Schiffen nicht auf diese Art erleben konnte.

Die “Vorgeschichte”

Ich wurde am 25 Maerz 1937 in Hamburg-Wandsbeck geboren, besuchte die Volksschule, dann die Technischen und Wissenschaftlichen Oberschulen und das Gymnasium. Meine Ambitionen eines Besuchs der Universitaet in Hamburg wurden durch unsere Auswanderung nach Kanada beendet.

Nach unserer Ausbombung in 1943 lebte ich mit meiner Grossmutter, Tante und Onkel 10 Jahre lang in unserer zweiraeumigen “Gartenlaube”. Waehrend des Krieges hatte niemand die Gelegenheit oder Zeit, sich um ihre Aufrechterhaltung zu kuemmern. Zuerst sah sie tatsaechlich so aus wie auf dem ersten Bild.

Das zweite Bild zeigt sie in ihrem urspruenglichen Zustand in 1938, und nach 1943 wurde sie zuerst auf diesen Zustand renoviert, dann in 1946 von meinem Onkel ummauert und fuer den Winter wohnbar gemacht. Wir waren nicht allein in unserem „Gartenlauben-Dasein“. Mehrere Hundert der in Hamburg Ausgebombten lebten in unserer „Garten-Kolonie“. Meine Erinnerungen an diese Zeit gehoeren zu den besten meines Lebens.

Das Bild zeigt meine Mutter und mich, meinen Gossvater, Grossmutter und Tante in 1938. Mein Onkel kam erst in 1946 aus Sibirien zurueck, nachdem er aus einem Gulag Gefangenen-Lager ausbrach und ueber die Ukraine und Oesterreich zu Fuss nach Deutschland wanderte.

Eine kurze Zeit – bis zu unserer Auswanderung in 1954 – hatte ich dann in der neuen Wohnung meiner Eltern ein eigenes Zimmer. Aus meinem Fenster konnte ich die Fussballspiele der Oberliga Nord auf dem Platz der „Concordia“ Mannschaft direkt nebenan gegen den HSV, FC St. Pauli und Victoria Hamburg beobachten.

Mittwoch, 7. April , 1954, an Bord von MS “Colonia”

Endlich ist es soweit. Nach vielen grossen und kleinen Schwierigeiten ist nun alles zur Abfahrt bereit, die Ladung uebernommen und die Passagiere sind an Bord.

Unser Schiff heisst “Colonia” und ist fuer eine Atlantik-Ueberquerung eine sehr kleine “Nussschale”. Die MS “Colonia” und ihr Schwesterschiff die MS “Ciandra” sind eine neuartige Kombination zwischen Frachtschiff und Passagierschiff. In der letzteren Hinsicht stellen diese beiden Schiffe manche Luxusdampfer in den Schatten.

Die schlanke MS “Colonia” wurde in 1953 zusammen mit ihrer Schwester “Ciandra” auf der Luessen-Werft in Bremen-Vegesack fuer die Ahlmann-Transatlanta-Linie fertig gestellt.

Das Schiff hat 2,170 Tonnen, ist 255 Fuss lang (etwa 77 Meter) und nur 33 Fuss (11 Meter) breit, und meistert eine Geschwindigkeit von 13 Knoten.

Die beiden Schiffe sind in erster Linie zur Frachten-Befoerderung bestimmt, aber sie haben gleichzeitig Einrichtungen mit 12 Kabinen fuer Passagiere. Sie sind die modernsten zur Zeit schwimmenden Passagier-Frachtschiffe.

Alles ist blitzende Sauberkeit und Neuartigkeit. Die Kabinen sind mit Schreibtischen ausgestattet, nebenbei auch mit einem versenkbaren Radio sowie einem Waschbecken mit fliessend heissem und kaltem Wasser. Und – total neu fuer uns – eine “Klima-Anlage”, mit der man die Temperatur der Kabine kontrollieren kann!

Zu erwaehnen waere auch die Couch, die sich mit wenigen Handgriffen umdrehen und in ein Bett verwandeln laesst, ganz abgesehen von den weiteren Einrichtungen wie z.B. ein Ventilator, die bereits erwaehnte Klima-Anlage, geraeumige Schraenke und neuartige Neon-Beleuchtung.

An den 12 Kabinentueren sind die 12 Tierkreiszeichen angebracht, an meiner die “Waage”. Stimmt zwar nicht, aber was solls!

Musik und Meldungen koennen in allen Ecken des Schiffes abgehoert werden. Die vielseitige Funkstation der “Colonia” ermoeglicht allen Passagieren Verbindung mit Familie oder Geschaeftsfreunden an Land.

Ein warmes Bad in der kuxurioesen Badekabine ist ein Genuss. Die Kabinetwanne ist zwar etwas kuerzer als gewoehnlich, aber dafuer ist es ja eine “Schiffswanne”. Auf einer gekachelten Weltkarte laesst sich bequem der Reiseweg verfolgen.

Heute werde ich das erste Mal in meinem Leben in einer Schiffskabine schlafen. Die Koje ist sehr bequem. Nur an das staendige Vibrieren des Schiffskoerpers, das von den Motoren und Pumpen kommt, muss man sich noch gewoehnen.

Hier geht es zum 2. Kapitel

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1 Kommentar

Das Canadian Museum of Immigration in Halifax - KanadaSpezialist.com 9. Mai 2017 - 09:50

[…] Meine eigene Geschichte schrieb ich dann in 2009 mit einigen mehr Einzelheiten im „KanadaSpezialist“ (Auf nach Kanada). […]

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