Auf nach Kanada – Fünftes Kapitel

von Peter Iden

Das vierte Kapitel finden Sie hier

Die Geschichte einer (etwas anderen) Auswanderung

Montag, 12. April 1954 – auf See

12 Uhr mittags. eigentlich ein Grund zum Feiern, denn die “Colonia” hat seit Passieren des Feuerschiffs “Elbe I” genau 1,000 Seemeilen zurueck gelegt. Von Hamburg genau 1,072 Seemeilen.

Im Laufe der Nacht wurde die Uhr wieder um eine Stunde zurueck gestellt.

Je weiter suedlich wir fahren, desto waermer wird es. Man kann sich jetzt schon ohne Jacke auf der Back aufhalten.

14:00 Uhr nachmittags. Am Horizont  ziehen dicke Wolken auf. Die Duenung wird staerker und laenger.

15:00 Uhr.  Es regnet. Trotzdem bekommt die “Colonia” ein neues Silberkleid. Ueberall ist die Mannschaft dabei, zu kratzen und zu malen. Auch ich beteilige mich daran. Arbeit ist das beste Mittel, Seekrankheit zu verhindern  oder zu vergessen.

“Achtung  achtern, Achtung  achtern. Ein Matrose auf die Bruecke!”. Der Bordfunk ist eine wunderbare Sache. In jedem Winkel des Schiffes koennen Befehle und Nachrichten gehoert werden. Sonst lauschen wir der Musik, die auf Band und Platten abgespielt wird, weil die Radio-Sender vom Land nicht sehr klar empfangen werden koennen.

Abends. Ab und zu ein Regenguss.  Wir fahren fast genau nach Westen, mit einer kleinen Abweichung nach Sueden. Die Duenung kommt jetzt mehr vom Norden und bringt die “Colonia” stark zum Schlingern.

Festhalten in den Gaengen  und auf Deck. Der schoenste Platz fuer mich ist auf der “Back”, dem Vorderteil des Schiffs (“back” heisst eigentlich “hinten”, aber es ist eben Seemannssprache fuer “vorne”).

Hier hebt und senkt sich das Schiff um 5 bis 6 Meter. Es ist ein Gefuehl wie auf dem “Rummelplatz” in der Achterbahn: rauf, runter, gleichzeitig aber auch rechts und links.

Schon wieder Essen. Die Mahlzeiten sind wirklich wunderbar, immer viele Gaenge hinter einander. Die Passagiere werden vom Smutje mit den besten Sachen verwoehnt. Wenn wir in Montreal von Bord gehen, werden wir bestimmt alle “Schmierbaeuche” haben!

Unsere einzigen Beschaeftigungen an Bord sind  Essen, Trinken, Schlafen, Lesen und Sehen. Man gewoehnt sich an alles, selbst an das Faulenzen!

Vormittags. Nach dem Fruehstueck aalen sich die Passagiere auf dem Achterdeck in Liegestuehlen und Haengematten und lassen sich von der Sonne braeunen.

Langsam wird es auch einmal Zeit, die Passagiere vorsustellen.

Da ist erstens Frau Mertens mit ihren Kindern Ingeborg und Heiner. ihr Mann arbeitet schon einige Zeit in Kanada im Auftrage der Carlshuette Rendsburg und holt jetzt seine Familie nach.

Die Firma Carlshuette Rendsburg arbeitet mit der Translanta / Ahlmann / Rendsburg zusammen und lieferte einen grossen Teil der Einrichtungen der “Colonia” und der anderen “C-Liner’

Die neuesten “C-Liner” sind die Schwesterschiffe “Colonia” und “Ciandra”. Die anderen Frachter der “C-Line” sind die “Cumbria”, die “Calla”, die “Carrara” und die “Carlshuette IV”.

Der naechste Passagier ist Herr Vither, ebenfalls im Auftrag der Carlshuette. Dann Herr Philips, auch von der Carlshuette. Herr Felst, auch Carlshuette, dessen Bruder ihn jetzt nach Kanada holt.

Dann ist da noch Herr Gartzlaff, ein Bremer Uhrmacher, und eine Frau Hoffmann.  Mit uns drei zusammen also 10 Passagiere, wenn man den Hund “Purzel” nicht mitzaehlt, der Frau Hoffmann gehoert.

Das laesst noch zwei mysterioese Passagiere nach. Eine Frau, die sich nie sehen liess, und  ein Mann, der nur ein oder zweimal zum Essen erschien. Nichts ueber diese zwei war oder wurde bekannt.

Mittwoch,  14. April 1954 – auf See

Wieder stellten wir unsere Uhren um eine Stunde zurueck. Die Passagiere spielen Ringwerfen, wobei Ringe ueber Stoecke geworfen werden, welche jeder andere Punkte ergeben. Am besten kann das Kapitaen Lilleike, der uns immer wieder schlaegt!

12:00 Uhr. Strahlende Sonne, jedoch Windstaerke 3 bis 4 und staendig aufbrisend. Das Schiff rollt und schlingert stark. Als ich vorhin auf der Backbordseite des Vorschiffs entlang ging, klatschte mir eine Gischtwelle ins Gesicht. Ich wurde total durchnaesst.

15:00 Uhr. Der Wind wird immer staerker. Andauernd nimmt die “Colonia” Gischt und Schaum ueber. Das Vorschiff schwimmt voll Wasser, auch der Promenadengang bekommt ab und zu etwas ab.

Oben auf der Bruecke wird man beinahe herunter gepustet. Gerade gehen in den Gaengen ist unmoeglich;  man wird von einer Seite auf die andere geschleudert.

18:00 Uhr. Schon so mancher Passagier bekam es mit Neptun’s Abgesandten  zu tun. Ohne Badehose an Deck zu sein hat keinen Zweck mehr. Neben den Brechern, deren Gischt ueber das ganze Schiff spritzt, kommt auch jades Mal ein dicker Wasserstrahl durch die Ankerkluesen.

19:30 Uhr. Ich entdecke von der Bruecke eine Schule Schweinsfische oder Delphine, die uns steuerbords ueberholen. Ich gehe in den Salon und sage den Passagieren Bescheid. Etwas spaeter stehen fast alle auf der Back und  schauen den possierlichen Tieren zu, wie sie vor dem Bug der Colonia” dahin gleiten,  aus dem Wasser schnellen, immer zu mehreren Tieren nebeneinander  ausgerichtet, mit militaerischer Exaktheit. Alle von uns werden mehr oder weniger durchnaesst.

22:00 Uhr. Es brist zusehends mehr auf. Die Wogenberge werden hoeher und hoeher, die Brecher rauschen ueber das Vorschiff und die Back. Das Schiff rollt, schlingert und stampft wie wild.

Bis ueber die Bruecke spritzt die Gischt. Wenn man laengere Zeit dort steht, wird man mit einer feinen Salzschicht ueberzogen, die auf der Haut beisst und sticht.

Festhalten, festhalten, festhalten. Tut man es nicht, fliegt man unweigerlich in irgend eine Ecke!

An Deck ist alles fest vertaeut, die Bullseyes abgedichtet  und die schweren Eisentueren  zugeriegelt. Was im Salon nicht hinter Sturzleisten liegt, segelt durch die Gegend und landet auf dem Boden. Die auf Deck gespannten Seile helfen der Mannschaft, sich dort zu bewegen, ohne ueber Bord gespuelt zu werden. Wir Passagiere wurden schon fruehere angewiesen, nich mehr auf das Deck zu gehen.

Vor unseren Schlafkojen sind Netze gespannt worden, damit wir nicht in der Nacht “aussenbords” gehen. Ich kann nicht mehr schreiben, es wird immer schlimmer.

23:30 Uhr. Ich kann nicht schlafen. Der Sturm reisst das Schiff und uns in den Kojen  umher. Die Gardinen  haengen oft schraeg in die Kabine. Es muss draussen ganz toll etwas los sein.

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