Indianische Ortsnamen in Ontario – Kanada

von Peter Iden

Vor dem Eindringen des Weissen Mannes in den nordamerikanischen Kontinent war die Landschaft um die grossen Seen herum mit beinahe ununterbrochenen Waeldern bedeckt. Fluesse und Seen waren die einzigen Verkehrsstrassen in der dichten Waldwildnis, und Rindenkanus das einzige Transportmittel der Indianer.

Ein weitmaschiges Netz von Wasserwegen, die schon seit zahlreichen Generationen benutzt wurden, ueberspannte das Land. Die ersten Forschungsreisenden benutzten diese alten Wasserstrasssen und ihre Tragestrecken (Portages) auf ihren Expeditionen in das Landesinnere, gefuehrt von indianischen „Pfadfindern“.

Wo immer sie auch hinkamen, stiessen sie auf Fluesse, Seen, Landeplaetze sowie Siedlungen mit bedeutungsvollen und farbenreichen indianischen Namen, die zwar oft recht lang und scher auszusprechen und zu erinnern waren, dennoch aber die charakteristischen Eigenschaften dieser Plaetze bestens wiedergaben.

Zweihundert Jahre spaeter war Ontario schon verhaeltnismaessig dicht besiedelt. Altebekannte Ortsnamen wie Hamburg, Paris, London, Berlin und Hanover erschienen auf der Landkarte, zusammen mit vielen anderen europaeischen Namen.

Zahlreiche Ortschaften haben aber auch ihre urspruenglich indianischen Namen beibehalten, meistens jedoch in einer vereinfachten Form. Aber selbst fuer Kanadier sind diese Nachbleibsel aus der Vorgeschichte ihres Landes Fremdworte, die zwar taeglich von vielen gebraucht werden, deren Bedeutungen ihnen aber schon seit langer Zeit nicht mehr bekannt sind.

Toronto, oder vielmehr das Land, auf dem sich heute die Stadt mit ihren 5,5 Millionen Einwohnern ausbreitet, war einst ein Teil des grossen Waldes, der sich von der sub-arktischen Baumgrenze bis an die Ufer der Grossen Seen und noch sehr viel weiter suedwaerts erstreckte.

Den Kanu fahrenden Indianern erschien dieser Wald, als ob er sich direkt aus dem Wasser empor hob, und so nannten sie den Landeplatz in der geschuetzten Bucht „Deondo“ (Baeume wachsen aus dem Wasser).

Ein zweiter Landeplatz an einer Flussmuendung bot den gleichen Anblick, aber dort war eine bestimmte Baumart haeufiger vertreten als anderswo, also bekam er den Namen „Wadobekaung“ (Wald von Erlenbaeumen). Spaeter wurde daraus bei den weissen Siedlern „Etobicoke“.

Ein dritter Landeplatz westlich von Toronto war „Mimokoo“ („wo der Mais gerieben wiurde“) Mais war ein wichtiger Bestandteil der indianischen Nahrung). Hausfrauen wird es sicher interessieren, dass der Mais in der Ojibwa-Sprache „Mandamin“ hiess. Der Ort heisst heute „Mimico“.

Die Spadina Avenue in Toronto endete einst dort, wo heute die Casa Loma steht. Die Indianer nannten die ehemalige Route, entlang der diese Strasse gebaut wurde, „Ishapadena“ (ein Huegel). Dort erbaute der Industrialist Sir Henry Mill Pellatt zwischen 1911 und 1914 seine Traumburg „Casa Loma“. Die Burg brachte ihn zum Bankrott, und sie wurde in 1924 als Zahlung seiner Steuern von der Stadt Toronto uebernommen.

Wasser spielte eine grosse Rolle im Leben der Indianer. Viele ihrer Ortsnamen sind eng mit dem Wasser verbunden. „Washago“ bedeutet z.B. „Klares Wasser“, und der Ort dieses Namens liegt am „langen Wasser, das zwei Seen voneinander trennt“, den „Couchiching“ und den „Simcoe“ (letzterer nach dem ersten Gouverneur von Upper Canada und Gruender der Stadt York – heute Toronto – benannt).

Bei Bobcaygeon (mehrere Jahre lang Wohnort unserer aeltesten Tochter) „rauschte das Wasser durch eine Felsenenge“ (heute eine Schleuse im Trent- Severn Waterway). In „Coboconk“ und „Kakabeka“ gibt es „glatte Felsen, ueber die das Wasser gleitet“.

Kommt man nach „Cataraqui“, so findet man dort „Felsen ueber dem Wasser“. Nicht weit davon, bei „Gananoque“, erheben sich „Felsen im tiefen Wasser“ Der See „Ontario“ wurde nach seinem westlichen Teil benannt, denn nur dort, in der Naehe von Hamilton, gibt es „hohe Felsen ueber dem Wasser“.

Und „Niagara“ bedeutet – aeusserst passend benannt – „donnerndes Wasser“.

Waelder, Wasser und Felsen, das waren die den Indianern vertrautesten Elemente entlang ihrer Kanu-Routen. Noch heute ist es so, wenn man eine Kanu- oder Bootsfahrt auf Ontario’s Wasserwegen unternimmt.

Am zahlreichsten sind indianische Ortsnamen noch im Norden unserer Provinz. Dort wurden sie nicht, wie in Sued-Ontario, durch nichtssagende europaeische Namen ersetzt.. Der Nipissing See war fuer die Indianer „ein kleines Wasser“, im Vergleich zu den grossen Gewaessern des Ontario- und des Huronen-Sees. Der „Nipigon“ jedoch ist „so lang, dass man sein Ende nicht sehen kann“.

„Temagami“ und „Temiskaming“ bedeuten beide „tiefer See“, „Kenogami“ ist der „lange See“ und „Kapuskasing“ besitzt „das schiessende Wasser“. „Mattawa“ und „Madawaska“ sind zwei verschiedene Namen fuer eine „Flussmuendung“.

Die letzten zwei Silben von „Athabasca“ und „Madawaska“ sagen uns „es gibt Gras dort“ in der Sprache der Cree-Indianer. „Abit“ heisst „halbwegs“, „Ipi“ ist Cree fuer „Wasser, also ist der Abitibi-See ein See, der halbwegs liegt. Erstaunlich daran ist, dass er tatsaechlich halbwegs zwischen dem Lake Nipissing und der Hudson Bay liegt.

Die Verbundenheit mit dem Wasser war jedoch nicht die einzige Quelle ihrer Ortsnamen. So war „Oshawa“ der Platz „wo es viel gelbe Erde“ gab. Aurora war es, „wo die Geister der Toten tanzen“.

Auch „Orillia“ ist indianischen Ursprungs, denn dort wuchsen die Beeren, die von den Ojibwa „Orelia“ genannt wurden. In „Waubaushene“ dichtbei „waechst viel Schilf“, „Penetanguishene“ (heute „Penetang“ genannt), war der „Platz des rollenden Sandes“.

„Muskoka“ wurde nach dem indianischen Haeuptling „Misquickey“ benannt. Bei Napanee stand eine Muehle, bei der die Indianer ihre Felle gegen Mehl einhandelten. „Napaneh“ heisst „Mehl“.

In „Conestoga“ baute ein furchtsamer Siedler eine Pfahlhuette in einem kleinen See. Fuer die Indianer war es der „Platz der versenkten Pfaehle“.

„Cayuga“, „Chemung“ und „Ahmic“ bedeuten „schmutziges Land“, „ein Kanu“ und „ein Biber“.

Fast saemtliche indianische Ortsnamen in Ontario stammen aus den Sprachen der drei indianischen Volksgruppen unserer Gegend. Da waren die Algonquins, die nordoestlich der heutigen Georgian Bay lebten, dann die Huronen, die etwa 1650 von den aus dem Sueden eindringenden Irokesen nach Norden vertrieben wurden.

Jede der drei Gruppen bestanden aus zahlreichen Staemmen, die fast ebenso viele Dialekte sprachen. Eine indianische Schriftsprache gab es nicht, und so war es zuerst sehr schwer, Ortsnamen in unser Alphabet zu uebertragen.

Fuer Ottawa findet man z.B. mehr als 30 verschiedene Schreibweisen und Namen in den Tagebuechern der Erforscher. Andere Namen wurden von den Forschern und Siedlern „verstuemmelt“. Aus „Manitominnitik“ (der „Insel des Grossen Geistes Manito“) machten die franzoesischen Voyageurs „Manito-l’isle“ (l’isle = die Insel). Die nachfolgenden Englaender wiederum machten daraus „Manitoline“, und schliesslich „Manitoulin“. Vielen indianischen Namen erging es aehnlich.

Selbst die Faehre, die von Tobermory nach Manitoulin faehrt, bekam einen indianischen Namen: „Chi-chi-maun“ heisst „Grosses Kanu“ in der Sprache der „Anishinaabe“, der Indianer-Staemme der Grossen Seen.

Heutzutage besteht der „Trend“, viele der englischen Ortsnamen, besonders in den Territorien, wieder auf indianische Namen umzuaendern. Zahlreiche Ortsnamen wie z.B. „Frobisher Bay“ in Nunavut, wurden umbenannt. Es heisst seit 1967 „Iqualuit“.

Nur der Name unseres Landes bleibt ewig. „Kanata“ bedeutet schliesslich, in der Sprache der Huronen-Indianer, „eine Ansammlung von Huetten“.

Und das ist Kanada immer noch!

Peter Iden
Brampton, Ontario, Kanada

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1 Kommentar

Rolf Breidenbach 12. April 2010 - 21:58

Ihr Artikel ist mir sehr interessant und und weckt Erinnerungen.
Können Sie mir auch das indianische Wort für die aus Lederriemen geflochtenen
„snow shoes“ zu mailen? Ich würde sehr darüber freuen.
Herzlichen Dank für Ihre Bemühungen.
Mfg Rolf Breidenbach

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