Auf nach Kanada – Neuntes Kapitel

von Peter Iden

Das achte Kapitel finden Sie hier

Die Geschichte einer (etwas anderen) Auswanderung

Donnerstag, 22. April 1954 – St. Lorenz Strom

Heute morgen um 06:00 Uhr kam der Lotse bei Father’s Point an Bord. Er soll uns den St. Lorenz hinauf bringen.

09:00. An Backbord ist das Land jetzt nur als schwarzer Streifen in der Ferne zu sehen. Aber an Steuerbord fahren wir ganz dicht unter Land. Es ist eine ganz andere Landschaft, die wir jetzt sehen.

Unmittelbar aus dem Wasser steigen hohe Berge empor, zum Teil mit Schnee bedeckt, durch den man oft den nackten Fels sieht. Weiter in der Ferne leuchten die weissen Schneekoepfe der Tausender im Inland.

Am Ufer zwischendurch riesige Sandduenen, eine phantastische Landschaft, mit keiner deutschen vergleichbar. Man kann verstehen, dass die Indianer in diesem Land gluecklich waren, bevor der Weisse Mann es eroberte.

Im Fluss liegen grosse Inseln, dicht bewachsen, und kahle, gelbe Sandbaenke. Der St. Lorenz ist hier viel, viel breiter als die Elbe bei Cuxhaven.

14:00 Uhr. Die Landschaft wird immer interessanter, die Berge immer hoeher. Wir halten uns dicht am Ufer und sehen dort, wo die Berge etwas zurueck treten oder Taeler bilden, Farmen und Haeusergruppen, und immer ist eine Kirche dabei.

Eine wunderbare Landschaft, obwohl jetzt im Winter ziemlich oede.

14:20 Uhr. Ganz ploetzlich ist die Sonne verschwunden, eben so schnell ziehen Wolken auf und in wenigen Minuten giesst es in Stroemen. Es ist jetzt nichts mehr zu sehen.

Gestern habe ich bei einer Wette mit dem II. Ingenieur einen Kasten Bier gewonnen. Es ging darum, dass ich aus dem Maschinenraum in meine Kabine kaeme, ohne von ihm geschnappt zu werden.

Seit Anfang der Reise habe ich das Schiff von vorne bis hinten, von oben bis unten kennen gelernt. Ich schaffte es, nach einer rasenden Jagd durch das ganze Schiff, meine Kabine zu erreichen. Die 24 Flaschen Bier gehoerten mir!

Ueberhaupt habe ich festgestellt, dass die Matrosen nicht in Flaschen, sondern nur in Kisten Bier denken. Wenn sie etwas kaufen wollen, wird erst einmal umgerechnet, wieviele Kisten Bier man fuer das Geld bekommen koennte. Erst dann wird die Wahl getroffen.

15:00 Uhr. Der St. Lorenz ist jetzt schmutzig gelb geworden. Die Sicht ist diesig, aber der Regen ist vorbei. Unser Kurs geht jetzt den Fluss hinauf, aber suedwestwaerts, es wird zusehends waermer.

18:00 Uhr. Die Berge rechts werden immer hoeher. Rauschende Wasserfaelle bringen das Regenwasser des vorherigen Gewitters und das Schmelzwasser zum St. Lorenz.

Immer wieder wundern wir uns ueber die vielen Kirchen. Einige sind sogar aus Aluminium gebaut. Auch die Daecher der Wohnhaeuser bestehen zum grossen Teil aus Aluminium.

19:00 Uhr. Quebec ist keine Hafenstadt wie Hamburg, sondern zieht sich kilometerweit am Ufer des Stromes hin. Da wir sie bei Dunkelheit passieren koennen wir nur ihre Lichterflut sehen. Der Mittelpunkt der Stadt liegt um die alte Zitadelle, die ein wichtiger Verteidigungspunkt in den damaligen Kaempfen zwischen Amerika und Kanada war.

Quebec bietet einen ganz anderen Anblick als alle deutschen Staedte. Wieder sehen wir viele Kirchen, die meisten haben grelle Neon-Kreuze.

20:00 Uhr. Wir nahmen neue Lotsen auf, und der Lotse vom Father’s Point verliess das Schiff. Wir muessen heute auf dem Fluss vor Anker gehen. Lotsenbefehl, ohne offizielle Erklaerung.

Freitag, 23. April 1954 – St. Lorenz Strom

08:00 Uhr. Three Rivers (Trois Rivieres) in Sicht. Der St. Lorenz ist hier so schmal, dass man beide Seiten gut uebersehen kann.

Trois Rivieres ist eine Industrie-Stadt fuer die Papier-Gewinnung. In riesigen Bergen liegen die Baumstaemme am Ufer bei den Papier- Fabriken.

Alles ist riesig, die Fabriken, die Autos, das Land und auch die Autofaehren, die Menschen und Autos ueber den Fluss bringen.

Das Land rechts und links des Flusses ist jetzt ganz flach geworden. Das Wasser des St. Lorenz ist schmutzig grau-gelb und sieht sehr nach Schmelzwasser aus. Vereinzelt treiben Eisschollen vorbei.

Eines fiel uns noch an den Haeusern von Trois-Rivieres auf: die grosse Farbenfreude. Die Daecher waren rot, blau, gruen, gelb, silbern und schwarz.

12:00 Uhr. Sorel. Wie man uns sagte, eine typisch “kanadische” Stadt mit einem kleinen Hafen und Getreide-Speichern.

16:00 Uhr. Montreal Die wenigen Wolkenkratzer der Stadt sehen auf uns herab. Unter den riesigen Speichern im Hafen legen wir an.

Im Eiltempo werden wir vom Zoll abgefertigt und ohne jeden Abschied von unseren Reise-Gefaehrten getrennt, auf einen Bus verfrachtet und zum Haupt-Bahnhof in Montreal gebracht.

Wer von uns bis jetzt noch zusammen blieb, wird jetzt auch noch getrennt, denn fast jeder faehrt mit einer anderen Linie zu seinem Ziel.

6 Stunden mussten wir auf unseren Zug warten, also gingen wir zuerst einmal in das Bahnhof-Restaurant, um etwas zu essen. Das Menue war nur in Franzoesisch gedruckt. Ich griff auf meine – nach meiner Meinung – nicht schlechten Kenntnissen der franzoesischen Sprache zurueck und bestellte fuer uns drei Steaks.

Was wir bekamen, waren drei Fisch-Mahlzeiten. Also war mein Schul- Franzoesisch nach 5 Jahren wohl doch nicht ausreichend.

Als es ans Bezahlen ging, gab es fuer uns eine boese Ueberraschung. Der Kellner wollte unsere US-Dollars nicht annehmen. In Deutschland hatte uns niemand gesagt, dass Kanada eine eigene Waehrung hatte.

Angeblich waere ein US-Dollar nur 25 kanadische Cents wert, wollte er uns weis machen.

Der Kellner rief den Manager, aber auch der sprach kein Englisch, oder wollte es nicht, und ging wieder.

Waehrend wir ratlos am Tisch sassen, erschien ploetzlich ein Polizist und wollte unsere Ausweise sehen. Auch er sprach kaum Englisch, Aber ich machte ihm irgendwie unsere Situation klar und – oh Wunder – jetzt wurden unsere US-Dollars ploetzlich zum Wert der Rechnung angenommen. Es war also weiter nichts als ein schlechter Trick, uns “dummen Einwanderern” das Vierfache der Rechnung in US Dollars abzunehmen!

Ein supermoderner Pullmanzug der Canadian National Railways erwartete uns auf den Gleisen.

Geschlafen wurde in den Sitzen. Kissen kosteten 30 cents pro Nacht.

(Das 10. und letzte Kapitel folgt).

Ähnliche Artikel & Themen

Kommentar verfassen

[script_38]

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

This website uses cookies to improve your experience. We'll assume you're ok with this, but you can opt-out if you wish.

Privacy Policy