Kanadas Yukon – In den Grabstein-Bergen

von Berthold Baumann

Müde und zerschlagen erreiche ich den Divide Lake und baue mein Lager auf. Den ganzen Tag, rund elf Stunden, habe ich mich zu Fuß durch das obere Tal des Nordarms des Klondike Rivers gekämpft. Was vom Dempster Highway wie ein angenehmer Spaziergang aussieht, ist das anstrengende Wandern durch bis zu zwei Meter hohe, dicht an dicht stehende Büsche. „Bush whacking“ – sich durch den Busch hacken – wird es genannt. Teilweise gibt es Wege, aber oft verliert man sie, weil sie überwuchert sind. Ich befinde mich im Norden des Yukons, das wiederum ganz im Nordwesten Kanadas an der Grenze zu Alaska liegt.

Der Tombstone Mountains Territorial Park im kanadischen Yukon wurde nach jahrelangem Streit um Regeln, ob zum Beispiel das Befahren mit ATV’s (all terrain vehicles – Quads) erlaubt ist oder wie es mit bereits erteilten Schürfrechten steht, erst Ende Oktober 2004 ins Leben gerufen. Er umfasst etwas mehr als 2.000 Quadratkilometer, die beiderseits des Dempster Highways liegen. Etwa von Kilometer 54 bis 114, hauptsächlich auf der westlichen Seite, aber auch östlich davon. Er umfasst die schroff geformten Gipfel und die funkelnden Seen der Tombstones, die zu den Ogilvie Mountains gehören, sowie eine ausgedehnte Tundralandschaft, die man sonst nur viel weiter nördlich in der Arktis findet, die Blackstone Uplands. Eine Region, die seit vielen Jahren bei Naturliebhabern und Jägern gleichermaßen beliebt ist. Sie diente schon vor Jahrhunderten zwei Indianerstämmen als ergiebiges Jagdgebiet. In dieser Gegend gibt es viele seltene Pflanzen, weil sie während der letzten Eiszeit nicht von Gletschern überzogen war.

Die 16 Kilometer haben sich auf jeden Fall gelohnt. Wie eine schwarze Wände ragen vor mir senkrecht die unbewachsenen Mount Monolith 2.139 und Tombstone Mountain 2.196 Meter in die Höhe. Der scharf gezackte Berg aus von abgekühlter Lava überzogenem Sedimentgestein spiegelt sich im unbewegten Wasser des Divide Lakes an dem ich mein Zelt aufschlage. Tagsüber wanderte ich unter einem strahlend blauen Himmel und bei 20° C. Trotzdem ich in der Haupturlaubszeit auf dem Hauptwanderweg unterwegs bin, begegnet mir in drei Tagen kein einziger Mensch. Um mich herum herrscht absolute Stille. Erst später am Abend höre ich den melancholischen, klagenden Schrei eines Sterntauchers. Nach dem Untergang der Sonne wird es merklich kühler.

Wildniszeltplatz

Basiscamp für Wanderungen und Jagd ist der Tombstone Mountain Campground, der bei Kilometer 71,5 des Dempster Highways zu finden ist. Abends führen die Park Ranger kurze Wanderungen in die Umgebung oder informieren bei schlechtem Wetter über Flora, Fauna oder Geologie im geheizten Schutzraum. Das ist der einzige Luxus, den der Zeltplatz neben Stellplätzen mit Feuerstellen, einer Wasserpumpe und Klohäuschen bietet. Bereits 1972 hat die UNESCO empfohlen, die Region wegen ihrer außergewöhnlichen Bedeutung für Tier- und Pflanzenwelt unter Schutz zu stellen. Allerdings gab es legale Probleme mit den Ureinwohnern vom Stamme der Tr’ondek Hwech’in, denen diese traditionelle Jagdregion Anfang der neunziger Jahre im Land Claim Settlement zugesprochen worden war.

Am nächsten Tag wandere ich über den Tombstone Pass zum Talus Lake. Nur rund 150 Höhenmeter sind zu bewältigen. Auf der Passhöhe schaue ich zurück, ein überwältigender Anblick: Nach einer kalten Nacht glänzt das herbstliche Tal grün, gelb, orange und rot in den Farben des Indianersommers. Flankiert von den schroffen, teils grauen, teils schwarzen Felsen der Berge liegt es unter einem herrlich blauen Himmel. In meiner Nähe höre ich ein Pfeifen und ein Murmeltier stellt sich wachsam auf. Ich vergesse mein ursprüngliches Ziel, setze mich auf den Boden und genieße die stimmungsvolle Landschaft. An einigen kleinen Seen vorbei gehe ich weiter zum Talus Lake, in dem sich der Grabsteinberg wieder in einer anderen Ansicht spiegeln. Am späten Nachmittag bin ich am Zelt zurück.

Überall Karibupfade

Verschiedene Einflüsse haben die Landschaft geformt: Das Aufeinandertreffen tektonischer Platten hat den Grund, der vor zwei Milliarden Jahren Meeresboden war, aufgeworfen, Ströme von Magma und Gletscher sind darüber gezogen und darüber hinaus hat die Witterung rund hundert Millionen Jahre daran genagt. In den Tombstones sind oberhalb der Baumgrenze alpine Pflanzen zu finden und die Hügel sind von verschiedenen Sträuchern dicht bedeckt Währenddessen dominieren in den baumlosen Blackstone Uplands Flechten, Moose und Grase, aber auch erstaunlich viele verschiedene Blumen. Sie sind sowohl die Heimat vieler Vögel, Murmeltiere, Dallschafe, Karibus und Elche, als auch ihrer Jäger, den Greifvögeln, Schwarz- und Grizzlybären. Überall stößt man auf die Pfade der Karibus, die seit mehr als einer Million Jahre in dieser Region leben.

Auf dem Rückweg versuche ich den Büschen zu entgehen, indem ich die westliche Bergflanke hoch steige und entlang wandere. Viel einfacher ist es nicht, aber ich habe einen anderen Blickwinkel und schaue von oben auf das Tal herab. Ich muss rauf und runter, um senkrecht abfallende Rinnen zu umgehen. Außerdem muss ich mehrmals Felder von riesigen Felsen überqueren. Von Stein zu Stein hüpfe ich dabei, in der Hoffnung, dass die alle sicher liegen. Wenn nicht, verlagere ich schnell das Gewicht und springe zum nächsten Felsen.

Der Himmel bewölkt sich und kurz darauf beginnt es zu regnen. Nun, ich habe zwei herrliche Wandertage in diesem notorischen Schlechtwettergebiet gehabt und auf dem Rückweg ist es nicht mehr so schlimm, nass zu werden. Ich trage zwar gute Regenkleidung, aber da ich mich durch die Büsche schlagen muss, findet das Wasser letztlich seinen Weg zum Körper. So lasse ich kurzerhand die Wanderschuhe an, als ich etwa zwei Kilometer vor dem Campingplatz, den Klondike Rivers überquere. In der geheizten Schutzhütte schlüpfe ich in trockene Kleidung und erzähle mit einigen anderen anwesenden Touristen über diese tolle Wanderung.

450 Millimeter Niederschlag pro Jahr

Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei -7° C, im Januar bei -23° C und arktische Tiefdruckgebiete können sie im Winter für Wochen auf -40° C und weniger fallen lassen. Unter anderem deshalb ist hier vor über 75 Jahren eine Hundeschlittenpatrouille der Mounties erfroren. Obwohl es im Sommer – Juli bis Mitte August – bis weit über 25° C warm werden kann, sollte man jederzeit auf schnelle Wetterumstürze gefasst sein. Die südlichen Ogilvie Mountains sind die Hauptbarriere der im Herbst von Alaska herauf ziehenden Stürme. So fallen rund 450 Millimeter Niederschlag pro Jahr – mehr als die Hälfte davon als Schnee, in höheren Regionen auch ganzjährig. Die Bergkette blockiert ebenfalls das normalerweise im nur eine Stunde entfernten Yukontal herrschende kontinentale Klima.

Ein Japaner – es tut mir leid, dass ich hier ein Klischee bediene, aber es ist wahr – zeigt auf seinem Laptop Bilder, die er geschossen hat, als er mit dem Auto den Dempster Highway entlang fuhr. Phantastische Aufnahmen, aber für mich nicht mit dem tollen Gefühl zu vergleichen, nach einem harten Wandertag allein in der Natur, die Schatten der Tombstones im spiegelglatten Divide Lake länger werden zu sehen.

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