Alkohol in Kanada – Teil 1

von Peter Iden

Alkohol vor dem 20. Jahrhundert in Kanada

Der Gebrauch von Alkohol ist schon seit etwa 5,000 B.C. in diversen Voelkern und Zivilisationen dokumentiert. Die Chinesen, die Inder, die Babylonier, die Griechen, die Roemer und viele andere benutzten alkoholische Getraenke, teiweise zu religioesen Zwecken, aber auch als stimulierende Getraenke fuer die allgemeine Bevoelkerung.

In Mittel- und Sued-Amerika, vor der Ankunft des Weissen Mannes, waren es alkoholische Getraenke wie „Pulque“ (in Mittel-Amerika aus dem fermentierten Saft der Maguey-Pflanze produziert). „Chicha“, aus dem Saft von Mais, Manioc, Yucca und Cassava war populaer bei den Indianern der Anden. „Cauim“, aus denselben Saeften praepariert, aber vorher durch Kauen der Fruechte und Saaten teilweise fermentiert, gab es in Brazilien und anderen sued-amerikanischen Gegenden bei verschiedenen vorgeschichtlichen Zivilisationen.

Die nord-amerikanischen Indianer hatten keine alkoholischen Getraenke, also auch keinen Widerstand gegen die Effekte des Alkohols, der von den weissen Eroberern und Siedlern aus Europa mitgebracht wurden. Sie hatten nicht die Toleranz fuer alkoholische Getraenke, die sich bei diesen bereits ueber Jahrhunderte und Jahrtausende aufgebaut hatte. Die Auswirkungen des Alkohols waren fuer sie horrende, und sind es auch noch heute.

Die Siedler (mit Ausnahme der abstinenten puritanischen Einwanderer), begannen fast sofort nach ihrer Ankunft nach alternativen Fruechten und Pflanzen zu suchen, aus denen sie Alkohol produzieren konnten. Dabei half ihnen die Tatsache, dass die oestlichen Gegenden von Kanada teilweise mit wildem Wein bedeckt waren. Den Wikingern, Kanada’s ersten Besuchernum das Jahr 1,000, fiel das sofort auf, und sie nannten das neu gefundene Land (Neufundland) „Vinland“ (Weinland). Eigentlich sehr lustig, denn die „Newfies“ trinken kaum Wein, ebenso wenig wie die Wikinger.

Weil die wilden Reben sich aber nicht fuer das eigneten, was wir heute „guten Wein“ nennen, brauten die meisten Pioniere ihr eigenes Bier. Selbst die Franzosen tranken meistens Bier, die Englaender Rum, der aus den englischen Kolonien der Karibik importiert wurde. Wer sich das nicht leisten konnte, machte sein eigenes Bier oder distillierten „Schnaps“ und Alkoholika aus Weizen, Kartoffeln und anderen landwirtschaftlichen Produkten, wie sie es in Europa bereits gelernt hatten. Dazu kam auch der (damals nur in Nord-Amerika angepflanzte) Mais.

Alkohol im 20. Jahrhundert in Kanada

Eine Frage, die oft aufkommt, wenn Besucher In Kanada nach einer Flasche Wein oder Alkohol im Supermarket suchen und diese nicht dort finden: Warum duerfen die Supermarkets und Privatlaeden in den meisten Provinzen keinen Alkohol verkaufen?

Die Methode des Alkohol-Vertriebs in ganz Kanada ist noch immer ein Nachbleibsel der aus England importierten puritanischen Einstellung zum Alkohol, eine Einstellung, die sich mehr als 250 Jahre in Kanada aufrecht hielt, obwohl sich in der zweiten Haelfte des 20. Jahrhundert allerhand geaendert hat.

Sie fuehrte nebenbei bemerkt auch zum Verbot jeglichen Alkohol-Konsums waehrend der „Prohibition“, dem totalen Verbot des Imports, Verkaufs und Genusses von alkoholischen Getraenken in ganz Kanada in der ersten Haelfte des 20. Jahrhunderts..

Die “Womens’ Christian Temperance Union” war erfolgreich in dem Bestreben, Alkohol in ganz Kanada in allen Provinzen und Territorien von den Regierungen verbieten zu lassen.

Diese puritanische Frauen-Bewegung hatte durch ihre (oft politisch active) Ehepartner einen erheblichen Einfluss auf die Alkohol-Politik und Gesetze in ganz Kanada.

Prince Edward Island war die erste Provinz, in der in 1901 saemtliche alkoholischen Getraenke verboten wurden.

Waehrend des Ersten Weltkrieges folgten alle Provinzen und Territorien (Ontario und Alberta in 1916, Quebec in 1918).

In Quebec jedoch war die Prohibition (das Verbot) nur “waehrend der Dauer des ersten Weltkrieges“ in Kraft. Da jedoch der Krieg bereits in 1918 beendet wurde, gab es in Quebec niemals eine wirkliche „Prohibition“. Die Quebecois durften also als einzige Kanadier weiter trinken!

Die “Prohibition” erweckte natuerlich eine neue “Industrie” in Kanada, die “Rumrunners”. Einer unserer ersten Bekannten war ein Italiener namens “Charlie”, mit einer Hamburgerin
verheiratet. Er und seine Familie schmuggelten Waehrend der “Prohibition” fast taeglich Alkohol mit Schnellbooten ueber den Ontario-See, aus Rochester und anderen Staedten.

Charlie war ein Gangster seiner Zeit, durch seinen Vater und seine Brueder eng mit der US-Mafia verbunden. Allerdings nicht einer, der sich mit Mord und Totschlag abgab, sondern den Menschen noerdlich der Grossen Seen das brachte, was ihre Regierung ihnen genommen hatte.

Ein sehr netter Kerl, mit dem wir oft auf den Parties in unserem und seinem Apartment viel Spass hatten.

Al Capone und seine regionalen “Mobsters” in Chicago kontrollierten diesen illegalen Alkohol-Schmuggel ueber die drei Grossen Seen, dem Ontario, Erie, und Huron, von 1920 bis 1933.

Die Prohibition existierte natuerlich auch in den USA. Alkohol wurde illegal in Kanada und in den USA produziert und, so eigenartig wie es klingt, wurde nicht nur von den USA nach Kanada geschmuggelt, sondern auch von Kanada in die USA, letzteres hauptsaechlich aus den Maritimes in die puritanischen Ost-Staaten wie Pennsylvania, Massachussets und Maine. In den USA existierte die „Prohibition“ sogar laenger als in Kanada, von 1919 bis 1933.

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges wurden die „Prohibition-Laws“ generell in ganz Kanada aufgehoben (zuerst natuerlich in Quebec und Ontario); in Alberta und Saskatchewan in 1924; aber im puritanischen Prince Edward Island erst in 1948.

Die Puritaner jedoch waren erfolgreich unter ihren „Enthaltsamkeits-Gesetzen“, die Formierung von provinziellen und territorialen „Liquor Control Boards“ (Alkohol-Kontroll-Agenturen) durchzusetzen, um den Verkauf von alkoholischen Getraenken zu „kontrollieren“. Die Gesetze waren zum Teil recht eigenartig, und sind es teilweise immer noch.

Noch heute existiert das Schmuggel-Geschaeft von den USA nach Kanada, aber es konzentriert sich hauptsaechlich auf Zigaretten, welche von den Indianern auf denselben Schleichwegen (hauptsaechlich mit Motorbooten) ueber den St. Lorenz-Fluss und andere Gewaesser nach Kanada gebracht werden. Die Kaughnawaga-Indianer bei Montreal sind notorisch in diesen Schmuggel-Aktivitaeten, aber selbst bei den Anishnaabe in Muskoka kann man “Cheap Zigarettes” kaufen, zu weitaus niedrigeren Preisen als auf dem normalen Markt.

Als ich in 1954 nach Kanada kam, war das Mindest-Alter fuer den Konsum von Alkohol 20 Jahre. Es war auch immer noch verboten, dass Maenner und Frauen eine Bar durch denselben Eingang betraten. Mein Vater musste durch den linken Eingang eintreten, meine Mutter durch den rechten. Drinnen durften sie zusammen ein Glas Bier bestellen. Ich als 17-jaehriger musste draussen warten.

Die alten Gesetze schrieben vor, dass Bier (Wein trank damals sowieso niemand!) nicht ohne Verzehr einer „Mahlzeit“ serviert werden durfte. Eigentlich gab es keine „Mahlzeiten“ als solche in den Pubs, sondern es wurden kleine „snacks“ serviert. Unter anderem stand in fast jedem “Pub” – besonders auf dem Lande, wo das teilweise noch heute so ist – ein grosses Glas mit in Essig eingepoekelten Huehnereiern, die man fuer 10 cents oder so kaufen konnte.

Solche “Public Drinking Establishments” (Pubs) verschwanden sehr schnell, nachdem die kanadischen Soldaten nach dem 2. Weltkrieg aus Europa nach Kanada zurueck kehrten und die weitaus mehr liberalen Gesetze dort hier bekannt machten. Die heutigen „Pubs“ nennen sich „Sports Bars“, in denen man die Ereignisse auf der Hockey-, Baseball-, Football- und (neuerdings) auch der Socker-Szene (den europaeischen „“Fussball“) verfolgen kann – natuerlich mit der notwendigen Kehlen-Befeuchtung.

Ich wuerde aber sagen, dass es am Anfang der 1970’er Jahre (zumindest in den groesseren Staedten) kein Gesetz mehr gab, welches z.B. Paare zwang, durch separate Eingaenge in einen Pub zu gehen. In einigen noerdlichen Gegenden jedoch scheint diese puritanische “Tradition” noch weiter zu bestehen.

Peter Iden
Brampton, Ontario, Kanada

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