Weihnachtszeit in Kanada

von Peter Iden

Kuerzlich las ich in einem Bericht eines Einwanderers, dass die Weihnachtszeit in Kanada nicht dieselbe Bedeutung hat wie in Deutschland. Er vermisste die Weihnachtsmaerkte und all das, was man dort finden kann, um das “Weihnachtsgefuehl” zu bekommen und zu erleben.

Das letztere gab mir den Anschub, etwas ueber die Weihnachtszeit in Kanada zu schreiben.

Zuerst einmal das Fest selbst. Der wichtigste Tag fuer Kanadier, der Weihnachtsmorgen, nachdem der Santa Claus in der Nacht vorher die Geschenke abgeladen hat, ist sehr praktisch angesetzt.

Die Familie versammelt sich um den “Christmas Tree”, unter dem die Geschenke spaet am Vorabend magisch erschienen, nachdem die Kinder bereits im Bett waren. Der Weihnachtsbaum wird traditionell schon einige Tage vorher aufgestellt und mit buntfarbigen Lichtern und viel Kleinkram-Behaengen dekoriert. Aber im Gegensatz zu anderen Laendern, wo die Geschenke schon Tage vorher unter dem Baum liegen, hat das ploetzliche Erscheinen der Geschenke am Sonntag-Morgen doch mehr Logik, natuerlich nur fuer die Kinder, die noch an Santa Claus glauben.

Ein Vorteil des Sonntagmorgens ist auch dass Familien wie die unsere an der Weihnachtsabend-Tradition festhalten koennen. Unsere Familie ist dann total versammelt, um zusammen zu feiern. Fuer uns ist es keine religioese Angelegenheit, sondern eben ein Fest des Gebens und der Liebe. Schliesslich ist Weihnachten ein Fest, das seine Anfaenge schon lange vor dem Christentum hatte.

Weihnachten dreht sich um das Sonnenwende-Fest. Die alten Voelker der Vorzeit hatten ein tiefes Wissen dieser Ereignisse. Selbst die Inkas und Mayas in Mittel-Amerika orientierten sich und ihre Kalender nach den Himmels-Ereignissen, dem Einfluss der Sonne, des Mondes und der Gestirne. Und das schon viele Hunderte, sogar Tausende von Jahren bevor die “westlichen” Voelker diese Fakten “erfanden” und als ihr geistiges Eigentum erklaerten. Das “heidnische “ Wissen dieser Tatsachen wurde von der Christenheit verworfen und zu ihren Zwecken umgewandelt, immer bedacht darauf, dass bestimmte Daten und Ereignisse einbehalten wurden, um die “Bekehrung” der Heiden zum Christentum zu beguenstigen.

Ohne all zu weit in die graue Vorgeschichte der heutigen “Weihnacht” einzutauchen, die weit in die Vergangenheit zurueck geht, bis zu den Babyloniern, den Roemern, den Wikingern und vielleicht noch vor diesen, die saemtlich die winterliche Sonnenwende auf ihre Art feierten, muss allerdings erwaehnt werden, dass die erste geschichtliche Erwaehnung eines Festes zur Geburt von Jesus erst etwa 380 Jahre spaeter kam. Das genaue Datum seiner Geburt ist noch immer zweifelhaft. Der Gregorianische Kalender, nach dem wir uns heute orientieren, existierte damals noch nicht. Bis 1582, als Papst Gregor XIII ihn einfuehrte, brauchte die westliche Welt den Julianischen Kalender der Roemer. Und die hatten absolut kein Interesse am Geburtsdatum eines christlichen Propheten. Die Beibehaltung des Alexandrischen Kalenders der Orthodoxen Christen traegt ebenfalls nichts zur Bestimmung des genauen Datums bei.

Zurueck zu Kanada: wie heute in den meisten anderen Laendern, so faengt auch der kommerzielle “Weihnachts-Zirkus” bereits Ende Oktober an. Weihnachtsmaerkte sind natuerlich nichts weiter als eine schamlose kommerzielle Ausnutzung des groessten Verkaufs-Rummels des Jahres. Auch in Kanada gibt es Weihnachtsmaerkte aus demselben Grund. Und nicht nur Menschen mit dem christlichen Glauben nehmen daran teil. Da kann man absolut alles kaufen was man als Geschenk geben oder selbst brauchen, oder auch nicht brauchen kann.

Wer in Kanada nach Weihnachtsmaerkten im “Deutschen Stil” sucht, findet auch diese in Orten wie Kitchener in Ontario, und wahrscheinlich auch in anderen kanadischen Ortschaften mit einer einigermassen groesseren deutschstaemmigen Bevoelkerung. Wir haben diese niemals gesucht oder besucht, denn in Kanada lebt Weihnachten in allen Shopping Plazas, auf den “Christmas Markets”, bei den “City Halls” und in zahlreichen Veranstaltungen der Theater, Kirchen und in vielen Gemeinden kleinerer und groesserer Staedte.

Weihnachten lebt auch im Stolz vieler Einwohner, die ihre Haeuser mit Hunderten, oft Tausenden von farbigen Lichtern und weihnachtlichen Figuren dekorieren. Viele wollen ihre Nachbarn mit ihren Dekorationen beeindrucken, und das fuehrt in einigen Gegenden zu Wettbewerben, die man sogar auf organisierten Busfahrten bewundern kann.
www.planetchristmas.com/ShowingOff2009.htm

Aber das Feiern des Festes am ersten Weihnachtstag gibt uns als “New Canadians” (neu nur in dem Sinn dass wir die ersten in unseren Familien waren die nach Kanada einwanderten), die Chance, an unserer Tradition des Weihnachtsabends festzuhalten. Die kanadischen Mitglieder unserer Familie (die Maenner unserer Toechter und ihre Kinder) koennen dann den ersten Weihnachtstag mit ihren Familien verbringen. Ideal fuer beide Seiten der Familie!

Auch unser Weihnachtsbaum wird schon einige Tage vor dem Fest aufgestellt und geschmueckt. Wir haben in den letzten Jahren keine farbigen Lichter, sondern nur noch weisse Lichter am Baum, und weisse Lichterketten, Sterne sowie einige beleuchtete Rehe am und vor dem Haus.

Unseren Baum holen wir meistens von einer “Christmas Tree Farm“, wo wir ihn aus Hunderten von Tannen selbst auswaehlen und absaegen. Gluehwein, „Hayrides“ und ein Lagerfeuer werden meistens von dem “Tree Farmer” arrangiert

Bei uns faengt der Weihnachtsabend mit einem Festmahl an: nicht unbedingt Truthahn wie in den meisten kanadischen Familien, sondern in den letzten Jahren oft Filet Mignon oder Rouladen mit den diversen altbekannten Zugaben. Natuerlich duerfen der Weihnachts-Stollen und diverse weihnachtliche Backwaren, Eierlikoer, Gluehwein usw. waehrend der Weihnachtszeit auch nicht fehlen.

Danach gibt es unser traditionelles Weihnachtsingen mit einigen bekanntesten kanadischen und deutschen Weihnachtsliedern. Selbst unsere Enkelkinder kennen einige deutsche Weihnachts- Lieder, und da einige auch Instrumente studieren, spielen diese, wie Klarinette, Gitarre usw., dabei ebenfalls eine Rolle.

Dann folgt gewoehnlich eine “Photo-Session”. Saemtliche unserer Toechter und Enkelkinder haben Kameras und machen ihre Aufnahmen, die dann nachher ausgetauscht werden.

Solange wir in Kanada sind, hatten wir immer ein Dutzend richtige weisse Weihnachtskerzen an unserem Baum. Es ergab sich, dass wir nun 12 Familien-Mitglieder haben, also darf jeder seine eigene Kerze anzuenden.

Erst dann folgt das Auspacken der Geschenke, was sich meistens ueber eine laengere Zeit ausdehnt.

Nach dem Aufwaschen des Geschirrs usw. setzen wir uns dann gemeinsam an unseren grossen Esstisch und spielen Karten.

Bei vielen Einwanderer-Familien geht es aehnlich zu.

Aber die Frage, was Familien mit anderen Heimat-Traditionen oder anderen religioesen Festen zu verschiedenen Daten machen, ist schon etwas schwerer zu beantworten. Ich habe schon immer behauptet, ein Jude im hauptsaechlich katholischen Quebec zu sein waere ideal. Da bekommt man nicht nur die juedischen Ferien und Feiertage mit, sondern auch die katholischen und evangelischen, sowie auch saemtliche kanadische Feiertage.

Nach den Indern hier in Brampton zu urteilen, sind viele ihrer Haeuser genau so farbenfreudig dekoriert wie die ihrer kanadischen Landsleute. Besonders ihre Kinder machen schon sicher, dass ihre Familien sich in dieser Hinsicht integrieren, auch wenn sie noch weiterhin ihre eigenen religioesen und kulturellen Feste feiern.

Mehrere andere Volksgruppen in Kanada und anderswo feiern zur selben Zeit wie Christen, basiert auf ihren eigenen Religionen und Kulturen.

Anhaenger der Koptischen Branche der Christlichen Religion feiern ihren Weihnachten nach dem Alexandrischen Kalender, am 7. Januar.

Die Juden feiern ebenfalls im Dezember das “Hanukkah”, das Fest des Lichtes, ein 8 Tage langes Fest mit zahlreichen religioesen Traditionen und Gebraeuchen.

“Kwanzaa” ist ein neueres Fest zur Weihnachtszeit, basiert auf afrikanischen kulturellen Traditionen, und findet vom 26. Dezember bis zum 1. Januar statt. Religion spielt keine Rolle in diesem Fest, denn es vereinigt die diversen Kulturen aus Afrika, welche durch die Swaheli-Sprache verbunden sind.
www.officialkwanzaawebsite.org/origins1.shtml

Auf Weihnachten folgen in Kanada die “Boxing Sales”. Wer vor Weihnachten etwas gekauft hat, findet dieses ploetzlich zum halben Preis in denselben Laeden. Also werden die Weihnachts-Geschenke wieder eingepackt (in ihre urspruenglichen “boxes” – daher “Boxing Days”) und wieder zu den Geschaeften zuruck gebracht. Braucht man dasselbe wirklich, dann wird es jetzt weitaus billiger irgendwo anders gekauft.

Im Grossen und Ganzen funktioniert die Integration der kanadischen Weihnachts-Gebraeuche mit denen der Neu-Einwanderer recht gut in Kanada. Schliesslich basieren die kanadischen Gebraeuche zum groessten Teil auf denen, die von den britischen und anderen Volksgruppen schon seit mehreren Jahrhunderten hierher gebracht wurden.

Haendel’s “Messias” wird als Inbegriff der Weihnachtszeit in vielen Kirchen und Theatern aufgefuehrt, Tchaikovsky’s “Nussknacker-Suite” ist Bestandteil fast aller Theater zur Weihnachtszeit, und Fernseh-Filme wie “The Christmas Carol”, “National Lampoon’s Christmas Vacation”, “Rudolph the Red-nosed Reindeer” und vor allem “Miracle on 34th Street”, ein 1947’er Film den ich zuerst in der Aula meiner Volksschule in Hamburg in der Original-Version mit deutschen Untertiteln sah. Unsere Lehrer hielten diesen Film damals fuer das beste Medium, die Weihnachtsgebraeuche anderer Laender (in diesem Fall die der USA) kennen zu lernen.

Kanada ist wahrscheinlich das toleranteste Land der Welt in dieser Hinsicht, und alles Neue, was aus anderen Laendern, Sitten und Religionen stammt, wird von Kanadiern zuerst begutachtet und dann in das multi-kulturelle Gewebe aufgenommen, wenn es als gut angesehen wird.

Das macht Kanada zu einem Land, in dem man sich ueber die Abwesenheit von aeusserlichen Einfluessen zur Weihnachtszeit keinesfalls beklagen kann.

Das echte Weihnachtsgefuehl, ob religioes oder nicht, kommt jedoch nicht von diesen, sondern von dem, was im Inneren des Menschen vorgeht. Zugegeben, mit voraus eilendem Alter, wenn auch die Kinder und Enkelkinder schon aelter sind, wird es etwas schwieriger, in die richtige weihnachtliche Stimmung zu kommen, besonders weil das Fest mit sehr viel Aufwand und Arbeit verbunden ist. Die Abwesenheit von nahen Familien-Mitgliedern praesentiert natuerlich besonders die neueren Einwanderer mit Situationen, in denen Heimweh eine Rolle spielt.

Mit der Zeit jedoch sollten diese Gefuehle in den Hintergrund treten. Tun sie es nicht, dann ist das der Zeitpunkt, die “Tausend Dollar Kur” zu praktizieren. Und zwar, kurzfristig zu Weihnachten nach Deutschland zurueck zu kehren. Nur das ist der einzige Weg heraus zu finden, ob die Weihnachtszeit dort immer noch dieselbe Magik ausuebt, die in der Erinnerung lebt. Wenn ja, sollte man lieber gleich dort bleiben oder dorthin zurueck kehren. Wenn nicht – nun, deshalb sind die meisten von uns noch hier!

Peter Iden
Brampton, Ontario, Kanada

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1 Kommentar

Aurelia 24. Dezember 2015 - 14:00

danke

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