Ungeschriebene Geschäftsregeln in Kanada – Teil 1

von Peter Iden

Fuer viele Europaer bleibt es ein lebenslanges Raetsel, wie man sich in der kanadischen und amerikanischen Geschaeftswelt zurecht findet. Der freundliche und familiaere Ton zwischen nordamerikanischen Geschaeftsleuten ist besonders fuer die formellen Deutschen unbegreiflich.

Ein Grund fuer die freie Umgangsweise der Nordamerikaner ist die Abwesenheit des Wortes “Sie” als Anrede. Diese ist “you”, ganz gleich auf welcher geschaeftlichen Ebene der Ansprech-Partner steht.

Ein anderer Grund ist auch die Abwesenheit von schriftlichen Redewendungen wie “Sehr geehrter Herr”, “Hochachtungsvoll” oder sogar “Mit vorzueglicher Hochachtung”in der englischen Sprache.

Im nordamerikanischen Geschaefts-Englisch faellt auch meistens die Barriere der Anrede “Mister” nach dem ersten Kontakt mit einem bisher unbekannten Geschafts-Kontakt.

Zwar wollen das einige Einwanderer nicht glauben oder annehmen, selbst wenn sie schon laengere Zeit hier leben. Ich darf diesen jedoch versichern, dass es tatsaechlich so ist, nach mehr als 50 Jahren in der kanadischen Geschaeftswelt mit Zigtausenden Kontakten und Dutzenden von neuen Kontakten jede Woche.

Ab und zu gibt es tatsaechlich einige wenige, die eine Anrede mit ihrem Vornamen als ungewoehnlich empfinden. Meistens sind diese jedoch in Europa aufgewachsen, oder in einem orientalischen Land, wo die Umgangsformeln ebenfalls noch althergebracht sind.

In Kanada gibt es noch einen weiteren Grund, nur den Vornamen zu benutzen. Einwanderer aus vielen Laendern haben oft komplizierte und unaussprechbare Namen. Die Namen von Geschaeftsleuten aus Indien, Indonesien, Griechenland und vielen anderen Laendern bestehen nicht selten aus 15 bis 20 Buchstaben, die ein Nordamerikaner kaum aussprechen, auf jeden Fall jedoch nicht erinnern kann.

Geschaeftsleute aus Hong Kong haben zwar meistens kurze chinesische Nachnamen, und ebenso kurze chinesische Vornamen, haben aber ihre Vornamen schon seit laengerer Zeit “angliziert” (durch ihre hundertjaehrige Verbindung zum Britischen Reich). Li Cheng wird da zu “Lisa” Cheng, aus Jiao Chu wird „John” Chu.

Im Gegensatz zu europaeischen Geschaeftsleuten, die sich gerne als “sehr reserviert” auffuehren – besonders wenn in einer “gehobenen Position”, sind selbst die Hoechsten der Hohen – Praesidenten, CEO’s und andere Spitzenleute von kanadischen und US-Firmen nicht dagegen, mit ihrem Vornamen angesprochen zu werden.

OK, den ersten Kontakt mit einem neuen Kunden – generell per E-mail – kann man immer mit der Anrede “Dear Mr. Martin” beginnen. Kommt die Antwort dann an “Dear Peter” zurueck, sagt mir das, dass der Schreiber nichts dagegen hat, in Zukunft ebenfalls mit seinem ersten Namen angeredet zu werden. Das laeuft so in fast 100% unserer Kontakte mit neuen Personen und Kunden.

Die meisten Geschaeftsleute in Nordamerika haben auch nichts dagegen, ab und zu persoenliche Details auszutauschen. Ist man z.B. Golfspieler, Skifahrer, an Hockey oder einem anderen Zuschauer-Sport interessiert, kann das zu einer bleibenden Verbindung zwischen Geschaeftspartnern fuehren.

Das hat noch einen anderen Vorteil. Wer gute Arbeit leistet, wird von bestehenden Kunden oft an deren Geschaeftsfreunde weiter empfohlen. Das nennt sich “Networking”. Die meisten unserer langjaehrigen Kunden (etwa 70% bis 75%, einige seit Gruendung unseres Geschaefts) kamen auf diese Art und Weise zu uns.

Vertraege mit Kunden, wie z.B. “Powers of Attorney” zaehlen sehr wenig in Kanada und den USA. Sie koennen jederzeit wiederrrufen werden, selbst wenn sie eine Zahlung von Strafen fuer “Non-Fulfillment” enthalten. Die Gerichte sind ueberfuellt mit solchen Prozessen.

Ein wunder Punkt bei fast allen Kanadiern und Amerikanern ist wenn ihnen ein Einwanderer beibringen will, dass die Arbeit in ihren Laendern nicht auf dem Standard ist, der im Heimatland des Einwanderers existiert. Die Aussage “in Germany we do it this way” oder “in Switzerland we do it better” treibt die Nordamerikaner “auf die Palmen”. In Kanada und den USA ist es eben anders. Auf bestimmten Gebieten stehen sie an der Spitze, auf anderen Gebieten liesse sich noch vieles verbessern.

Aber: „if it works, don’t fix it“ oder “It worked so far, so let’s keep it that way” sind zwei beliebte Sprueche der Nordamerikaner.

Peter Iden
Brampton, Ontario, Kanada

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3 Kommentare

Peter Iden
Peter Iden 11. November 2016 - 00:11

Hallo, Alora:
Ich bin der Meinung, dass mein im Januar 2010 geschriebener Beitrag meine Arbeitserfahrungen in Kanada seit 1954 sehr klar darstellt, obwohl ich darin meine Kontakte und Arbeitsgebiete mit internationalen, kanadischen, amerikanischen, asiatischen und deutschen Firmen vielleicht nicht ausgiebig genug erwaehnte.
Um nur einige der deutschen und schweizerischen Firmen zu erwaehnen, fuer die ich entweder als Angestellter arbeitete (mehr als 15 Jahre Lufthansa, Braun, Dr.Oetker, Wild und Leica), oder die ich nach Eroeffnung meiner eigenen Firma als Consultant und Spezialist in Zollsachen beriet (Kuemmerling, Schiansky, Durst, Nagra, Varta, Kindermann, um nur einige der deutschen Klienten zu nennen).
Eine meiner Aufgaben war es, ihre fuer Nordamerika erwaehlten Fuehrungskraefte mit dem kanadischen Geschaeftswesen bekannt zu machen. Das geschah auf einer „Person-to-Person“ Basis hier in Kanada. In fast allen Faellen waren besonders die Deutschen der festen Meinung, dass sie mit einer „Persoenlichen Distanz“ zu ihren kanadischen Geschaefts-Partnern weitaus erfolgreicher sein wuerden.
Da sie saemtlich in ihren Firmen Vorgesetzte Leiter und Direktoren hatten wurde ich mehrmals von diesen angewiesen, nachdem meine „Schueler“ ihe Berichte einsandten, in Zukunft davon abzusehen, ihnen solchen „Bloedsinn“ beizubringen.
Dass sich kaum eine dieser Firmen jemals in Nord-Amerika etabliert haben, ist wohl sehr bezeichnend fuer diesen Standpunkt.
Ich kann leider deinen (!) Jahrzehnte langen geschaeftlichen Umgang mit Nord-Amerikanern nicht beurteilen, aber Aussprueche wie „Un-Kultur“, „Duz-Gleichmacherei“, „keine gewachsene Kultur“, „hohen Standard Europas“, „unterirdische amerikanische Schrottstandard“ usw. sagen mir klar und deutlich, dass sich an der „Deutschland ueber alles“ Logik in einem halben Jahrhundert nichts geaendert hat.
Ueber Handelsabkommen solltest du lieber nichts schreiben, was du aus den Medien „gelernt“ hast. Wir haben in Kanada taeglich in unserem Geschaeft mit bisher 12 solcher Abkommen zu tun. Drei weitere treten in Kuerze in Kraft, acht sind in Verhandlungen, vier weitere werden bereits diskutiert. Fuer Kanada also insgesamt 27 Handelsabkommen.
Eure liebe EU steht mit insgesamt 84 Handelsabkommen an der Spitze. Davon sind 33 schon teilweise seit 1972 in Kraft, 25 sind provisionell in Kraft, 24 weitere sind gesetzkraftig, zwei treten in Kuerze in Kraft (Kanada und Ghana).
Was also die „Zerstörung europäischer Qualitätsnormen“ betrifft, sind besonders diese schon seit mehreren Jahrzehnten durch extensives „Outsourcing“ eurer Industrien aus Billiglohn-Laendern verloren gegangen.
Und die „Zerstörung des gesamten europäischen Wirtschaftssystems“ haben eure Politiker schon bestens selbst ins Rollen gebracht. Zuerst mit der Ausrufung des „Single Markets“ in 1985, dann mit der Gruendung der EU in 1993, der Oeffnung aller Grenzen zwischen den EU-Laendern, und der Einfuehrung des EURO in 1998/99. Der Bankrott mehrerer europaeischer Laender ist das beste Zeugnis dafuer!

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Gary Kiemle
Gary Kiemle 11. November 2016 - 16:24

Sehr gute Antwort Peter, dem kann ich nur zustimmen. „Allora“ vertritt hier sicher nicht die mehrheitliche Meinung aller Deutschen und Franzosen gegenueber Canada.
Und wie du richtig bemerkts, die „Zerstörung des gesamten europäischen Wirtschaftssystems“ haben unsere Politiker schon bestens selbst ins Rollen gebracht. Beste Gruesse Gary

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allora 10. November 2016 - 16:34

Lieber Herr Iden,
es ist falsch daß „der freundliche und familiaere Ton zwischen nordamerikanischen Geschaeftsleuten besonders fuer die formellen Deutschen unbegreiflich ist.“. Die Franzosen sind ebenso formell und hassen die amerikanische / kanadische Duz-Gleichmacherei die sowieso nur eine Fassade ist. Deutsche und Franzosen geht es um Respekt und Höflichkeit und einen angemessenen Umgang und das werden Amerikaner und Kanadier nie verstehen, denn sie haben keine gewachsene Kultur.
Dieser sog. freundliche und familiäre Ton bedeutet gar nichts. Während die Offenheit und Direktheit der Deutschen oft als rude bezeichnet wird, ist der familiäre freundliche Ton bei Amis und Kanadiern falsch und gespielt bzw. eben eingeübt. Man spricht die Wahrheit nicht aus, vesteckt sich hinter Floskeln und stösst dem Gegenüber das Messer in den Rücken sobald er den Raum verlassen hat. Das nenne ich hinterhältig.
Man kann diese (Un)Kultur kennen aber man muss sie nicht mögen. Um zu Überleben muß man eben mitspielen, wie so oft im Leben, aber man kann diese Art des Verhaltens dennoch unangebracht finden, was sie auch ist.
Ich habe seit Jahrzehnten geschäflichen Umgang mit dieser (Un)Kultur und kann sie sehr gut decodieren und sehr gut mitspielen. Aber ich finde sie dennoch widerlich. Mir ist Offenheit und wissen woran ich bin lieber.
Und……die Amerikaner und Kanadier waren noch nie auf dem hohen Standard Europas, auf keinem Gebiet. Allerdings werden die großen amerikanischen und kanadischen Handelsabkommen, die auf die Zerstörung europäischer Qualitätsnormen und die Zerstörung des gesamten europäischen Wirtschaftssystems ausgerichtet sind, dafür sorgen, daß Amerikaner und Kanadier irgendwann den „höchsten Standard“ in allen Bereichen haben werden. Nämlich dann, wenn sie, in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Parlament in Brüssel, mit ihren Handelsverträgen den Wirtschaftsraum Europa endgültig zerstört haben. Denn dann, und NUR dann, werden die „Standards“ dieser Länder am „höchsten“ sein – weil sie alle wirklich hohen Standards der Konkurrenz vernichtet haben. Dann regiert der unterirdische amerikanische Schrottstandard die Welt und nichts wird mehr funktionieren. Wir sind schon mittendrin.

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