Kanada – Leben im Kanadischen Bush

von Peter Iden

„Bush“ ist ein typisch ur-kanadisches Wort. Der Begriff hat eine sehr breite Bedeutung in Kanada und kann nicht einfach als „Busch“ oder “Wald” ins Deutsche uebersetzt werden.

„Bush“ ist urspruenglich alles Land im Norden Kanada’s, welches nicht auf Strassen erreicht werden kann. Und davon gibt es noch immer unwahrscheinlich viel. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts waren viele der Lokalitaeten im bush nur mit Kanus oder zu Fuss zu erreichen.

„Bush“ ist meistens eine zu Fuss nur schwer durchdringliche Landschaft mit zahlreichen umgefallenen Baeumen, einem sehr starken Unter-Gebuesch, vielen wilden Ranken von Wein und anderen Pflanzen, sowie auch zahlreichen sumpfigen Stellen, kleinen Teichen und Seen, Felsen und anderen Hindernissen. Orientierung im bush ist schwer, und es passiert nicht selten, dass sich Menschen im bush tagelang verirren oder verloren gehen. Besonders in den Wintermonaten kann das oft toedlich ausgehen.

In 1911 machte der Amerikaner Glenn Hammond Curtiss die ersten Abfluege und Landungen mit einem von ihm entwickelten “Sea Plane”, praktisch eines von den Wright Brothers gebauten Landflugzeugs, das durch den Anbau von zwei “floats” (Schwimmern) imstande war, auf dem Wasser aufzusteigen und zu landen.

Dieser Flugzeug-Typ wurde sehr schnell zum bevorzugten Transportmittel fuer die Menschen, die es vorzogen, irgendwo im “bush” von Kanada und Alaska zu leben.

Die „Bush Planes“ fuehrten auch zu einem Beruf, der Zaehigkeit, Ausdauer und Anpassung erforderte: der „Bush Pilot“. Diese Piloten mussten sich am Anfang ohne Radar und ohne Karten ueberall im Norden orientieren koennen, was sie meistens an Hand von erlernten Land-Merkmalen machten (Fluesse, Seen, Berge).

Heute macht die fortgeschrittene Elektronik (GPS usw.) es ihnen schon erheblich leichter, ihren Weg durch den kanadischen bush zu finden. Die Original Bush Pilots sind ausgestorben.

Heutzutage kann man wohl von zwei Arten „bush“ reden: dem „wilden“ und dem „zivilisierten“. Im wilden bush hat man oft oder meistens meilenweit keine Nachbarn. Der zivilisierte bush zeichnet sich dadurch aus, dass er teilweise mit dem Auto erreicht werden kann, aber oft viele Kilometer von der naechsten Siedlung, Laeden, Schulen, Krankenhaeusern usw. entfernt ist.

Zwar gibt es im „zivilisierten“ bush Nachbarn, die sitzen einem jedoch nicht unmittelbar „auf der Pelle“ wie in den Staedten und, besonders in Touristen-Gegenden mit zahllosen Cottages, sind sie oft nur an Wochenenden und selten im Winter anwesend. Nichts destoweniger, der Begriff „bush“ trifft auch auf diese Gegenden zu.

Die “Cottagers” wuenschen sich meistens einen Platz, wo sie sich von der Hast und dem Stress der Stadt erholen koennen. Sie kaufen sich also ein Stueck “wildes” Land irgendwo im bush, vorzueglich aber an einem See. Solche Plaetze werden immer seltener, und die Preise (nur fuer das Land, wohlgemerkt) liegen bereits in den Hundertausenden.

Als erstes werden viele ungewollte Baeume umgeschlagen und gerodet, um Platz fuer die Cottage zu machen. Sobald diese gebaut ist, muss zuerst einmal ein grosser Rasen gelegt werden, der dann viel Wasser und Chemikalien zur Aufrechterhaltung braucht. Dann muss ein huebscher Garten mit Stadtblumen her, sehr oft ein “Steingarten” mit Felssteinen aus der Umgegend.

Die “erholsamen” Wochenenden sind angefuellt mit mehr und mehr Arbeit, um die Cottage und ihre Umgebung aufrecht zu erhalten. Besonders fuer aeltere Menschen wird das nach einigen Jahren zuviel, ausser wenn sie es sich leisten koennen, andere fuer die Arbeit zu bezahlen. Und das machen viele der Eigentuemer, deren Cottages von $ 500,000 aufwaerts (zusaetzlich zum Landpreis) gekostet haben

Was heisst es aber, hier in Kanada vollzeitig im „bush“ zu wohnen und zu leben? Fuer Stadtmenschen hat diese Lebensweise sehr wenige Anziehungspunkte. Die Menschen, die dort das ganze Jahr leben, tun so, als ob sie sich daran gewoehnt haben. Nicht selten hoert man aber doch heraus, dass sie nicht immer damit zufrieden sind, „abseits“ zu leben.

Zuerst einmal die langen Winter. Sechs Monate lang Schnee auf dem Boden. Die Kaelte dauerst fast genau so lange an.

Dann die Insekten. Drei Monate lang, vom Mai bis in den Juli, kommen zuerst die „Blackflies“, kleine, moerderische schwarze Fliegen, die blutende Bisse austeilen. Kurz danach kommen die gewaltigen Horden von Muecken aller Groessen, gegen die praktisch nichts nuetzt – auch nicht die (leider sehr oft giftigen) Insekten-Schutzmittel, denn sie stechen ohne Schwierigkeiten durch die leichte Sommerkleidung.

In der heissen Saison kommen dann die „Deerflies“ und „Horseflies“, die sich in die Haare eingraben und starke Bisse auf der Kopfhaut und im Nacken austeilen.

Kleintiere hat kaum jemand im bush. Besonders kleine Hunde und Katzen haben zahlreiche Feinde, von denen sie als Mahlzeiten angesehen werden. Koyoten, Fisher (eine grosse Marder-Art), Woelfe und manchmal Fuechse.

Aber selbst die grossen Hunde sind z.B. nicht gefeit gegen „Skunk-Spray“, die Ausspritzung der Stinktiere, eines der schlimmsten Gerueche, denen Mensch oder Tier ausgesetzt werden koennen.

Ein Garten fuer Gemuese oder Blumen ist fast hoffnungslos im bush. Sicher, man kann einen Zaun drum herum bauen. Aber die Rehe, die fast alles fressen, was angepflanzt wird, springen ohne Probleme ueber einen zwei Meter hohen Zaun. In sumpfigen Gegenden kommen dann noch die Elche (Moose) dazu, die ebenso verfressen sind.

Huehner halten kann man meistens vergessen im bush. Etwa ein halbes Dutzend wilder Tiere fressen Huehner, wenn man sie frei laufen laesst. Einige von ihnen sind Experten, in Huehnerstaelle einzubrechen.

Wilde Tiere? Fast taeglich (und vorwiegend naechtlich) besuchen sie viele der Haeuser und Cottages im bush. Unser Schwiegersohn verbringt Fruehling, Sommer und Herbst
damit, sie aus den Haeusern, Cottages und Schuppen im bush zu entfernen.

Es ist sein Job, Waschbaeren, Eichhoernchen, Fledermaeuse und andere Kleintiere aus dem Dachgestuehlen, Schuppen und Unterbauten zu entfernen und diese gegen zukuenftige “Gaeste” zu sichern, oder Stinktiere, Biber und andere Stoerenfriede in seine Fallen zu locken und in weit entfernten unbewohnten Gegenden auszusetzen.

Wer glaubt, mit diesen Tieren in harmonischer Friedlichkeit zusammen leben zu koennen, der irrt sich!

Baeren kommen ab und zu zum Besuch, und viele der Einwohner (ganz besonders die Frauen) nehmen Abwehr-Spray mit, wenn sie sich vom Haus entfernen.

In Kanada gibt es in jedem Jahr ein Dutzend oder mehr Baeren-Angriffe. In den letzten 100 Jahren wurden 107 Todesfaelle durch Braunbaeren (50 Faelle), Schwarzbaeren (52 Faelle) und Polarbaeren (5) dokumentiert (die letzteren natuerlich nicht im bush, sondern in der offenen Landschaft der „SubArctic. Todesfaelle durch Baeren-Angriffe werden zahlreicher, und nicht unbedingt nur in Touristen-Gegenden, sondern weit oefter in abgelegenen Gegenden im „bush“. Seit 2000 wurden 16 Menschen in Kanada von Baeren getoetet, davon 10 im Westen des Landes, hauptsaechlich in Alberta und BC, waehrend Spaziergaengen, Wanderungen und beim Jagen.

„Bergloewen“ (Mountain Lions = Cougars) gibt es im Osten nicht. Angriffe von diesen grossen Wildkatzen in BC und AB sind nicht selten, Todesfaelle dagegen passieren nur etwa einmal im Jahr. Die “kleineren” Wildkatzen (Lynx und Bobcat) sind weniger gefaehrlich und weitaus seltener im Osten des Landes als im Westen.

Angriffe von Woelfen auf Menschen sind selten. Nur etwa 80 solcher Faelle sind bekannt, und keiner von ihnen lief toedlich fuer Menschen aus. Angriffe von Hunden auf Menschen in dicht bewohnten Gegenden, besonders auf Kinder, sind tausendfach haeufiger.

Der romantische Traum von “Wohnen im Wald an einem stillen See“ ist ein Traum fuer viele Europaer, aber nicht fuer die meisten Kanadier.

Dazu kommt, dass die Arbeitsmoeglichkeiten im kanadischen „bush“ aeusserst begrenzt sind. Das Leben ist hart, und die Armut ist ein staendiger Begleiter dort.

Die Romantik geht ziemlich schnell baden, wenn man im „bush“ lebt. Und die Realitaet, dass man nur von Gelegenheits-Arbeiten leben muss, ist immer praesent, wie auch die Tatsache, dass sich diese Arbeiten in den langen Wintern radikal vermindern.

Allerdings liegen die Erwartungen sowie der Lebensstandard der dauerhaften Bush-Bewohner erheblich niedriger als die unseren als Stadtmenschen, und viele von ihnen wollen nirgendwo anders leben. Auch wenn die Touristen im Winter verschwinden, die Cottages verlassen sind, und die Realitaet ist, dass viele der dort lebenden Menschen sich nur recht und schlecht finanziell ueber Wasser halten koennen.

Fuer Besucher dagegen hat der kanadische bush unwahrscheinlich viele landschaftliche Reize: herrliche Szenerie (hauptsaechlich an den Seen), grossartige Felsenlandschaften, Fluesse, Baeche, Wasserfaelle, wilde Tiere, Kanu-Routen, abgelegene Zeltplaetze und generell Einsamkeit fuer Menschen, die diese suchen.

Beste Gruesse,

Peter Iden

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