Unterwegs auf dem Großen Sklavensee in Kanada – ein Wintermärchen – Teil 1

von Sui Kings

Die Idee zu dieser Reise verdanke ich meinem Freund Bernd, den es schon vor einigen Jahren nach Yellowknife in die Northwest Territories verschlagen hatte. Während eines Telefonats erzählte ich ihm, wie heiß es gerade in Ontario sei, er jedoch hatte soeben die Arbeit an seinem Wassertank einstellen müssen, da es angefangen hatte zu schneien und die Temperaturen um den Gefrierpunkt lagen. Er berichtete von einer Skidoo-Tour im letzten Jahr, die aber an Temperaturen unter -40° gescheitert war. Es werde jedoch bald einen neuen Versuch geben, von Yellowknife aus mit dem Skidoo über den Großen Sklavensee bis hoch zu den Barron Grounds zu kommen. So ganz nebenbei meinte er dann, dass ich den Winter dort oben im hohen Norden einmal erleben müsste und ob ich nicht Lust hätte, bei der nächsten Tour dabei zu sein? Klar, ich hatte Lust, das Fieber hatte mich schon gepackt!!

Skidoo Trip, Kälte, Eis und Schnee, Einsamkeit und Weite … Meine Frau war einverstanden, die Vorbereitungen begannen. Es wurden Wintersachen gekauft, die den arktischen Temperaturen standhalten konnten. Ich hatte zwar schon Winter in Kanada verbracht, aber noch nie so hoch im Norden und daher war ich nicht sicher, was deutsche Winterbekleidung taugen würde. Aber um es vorweg zu nehmen, sie hat standgehalten.

Auch an der Kondition musste gearbeitet werden. Waldläufe und Rucksack-Wanderungen mit 20 kg auf dem Rücken nahm ich mehrmals die Woche in Angriff. Als der Abflugtermin nach Yellowknife heran gekommen war, war ich bestens vorbereitet.

Am 26. März war es dann so weit – die Reise sollte beginnen. Beim Einchecken auf dem Flughafen Köln/Bonn schaute mich die Dame von der Lufthansa etwas mitleidig an. “Nach Yellowknife fliegen Sie? Was macht man denn in dieser Jahreszeit in Alaska??? Muss man sich das antun?“ Ich klärte sie auf, was ich vorhätte, und Ihr Blick wurde immer verständnisloser, so dass ich dachte, nur gut, dass sie das Flugzeug nicht fliegt – wer weiß, wo ich dann angekommen wäre. Aber hoffentlich kommt mein Gepäck auch wirklich in Kanada an!

Bestes Flugwetter mit super Sicht. Gigantisch lag die Eiswüste Grönlands unter uns. Furchteinflößend und dennoch wunderschön. Dann die Landung in Calgary. Die Zeit ist etwas eng bis zum Anschlussflug nach Edmoton, dort heißt es noch mal umsteigen und dann bin ich endlich in Yellowknife. Aber der Zoll in Calgary machte mir einen Strich durch die Rechnung – ausgerechnet ich wurde rausgefischt und musste alles auspacken. Als man mich nach dem Grund meiner Reise fragte, gab ich diesen wahrheitsgemäß an, aber so ganz glaubte man mir aber dann doch nicht. Erst als der ganze Berg Gepäck ausgebreitet war, konnte ich wieder einpacken und hatte Glück, dass der Flieger nach Edmonton auch Verspätung hatte und die Weiterreise nach Yellowknife reibungslos lief. Beim Landeanflug auf die Stadt sah ich sie dann zum ersten Mal – die tanzenden Geister am Himmel – Nordlichter! Was fürein Anblick, er entschädigte mich reichlich für die Strapazen der Reise! Traumhaft schön, wie sich die immer verändernden Konturen am nördlichen Himmel abzeichnen. Bernd, seine Freundin Elke und Thomas holen mich am Flughafen ab. Mit ihnen werde ich die nächsten drei Wochen verbringen. Es ist bitter kalt, das Thermometer zeigt minus 27°. Ich bekomme also schon einen kleinen Vorgeschmack auf die nächsten Wochen. Nach der Ankunft und dem obligatorischen Begrüßungs-Drink ging es dann noch mal raus in die Kälte – ich wollte unbedingt dieses Knirschen des gefrorenen Schnees unter meinen Sohlen hören. Den ganzen Abend über konnte ich die Nordlichter vom Fenster aus beobachten, bis mich dann endlich die Müdigkeit übermannte.

Am nächsten Morgen ein ebenso schöner Sonnenaufgang. 30° unter Null zeigt das Thermometer. Heute steht ein Besuch beim Caribou Carnival auf dem Programm, ein Event, das die Stadt drei Tage in seinen Bann zieht. In der Oberstadt findet gegen Mittag ein Ereignis statt, das ich in dieser Art auch noch nicht kannte – zwei Teams von jeweils 14 Hunden werden vor zwei Pick Ups gespannt und müssen diesen dann ca. 300 Meter schnurstracks über die Main Street von Yellowknife ziehen. Dem Gewinner winken 2.000 Dollar Preisgeld. Mehrere Hundert Zuschauer säumen die Straße und feuern Ihr Favoriten-Team lautstark an.

Am Nachmittag steht noch eine Ausfahrt mit dem Skidoo an. Bernd zeigt mir die Trails rund um Yellowknife – so bekomme ich das Gefühl für Maschine und Trail. Nicht selten sind nur wenige Zentimeter zwischen Kufen und Wurzelwerk, das unter der Schneedecke lauert. Schon bei diesem zweistündigen Ausritt erahne ich, was auf mich zukommen wird. Es ist anstrengend, die Maschine auf den engen Trails zu manövrieren, aber Bernd meint, das wäre gar nichts im Vergleich zu dem, was uns noch erwartet. Wie Recht er behalten würde!

Die Vorbereitung für die bevorstehende Reise ist eine logistische Herausforderung. Jedes Teil wird aufgeschrieben, das Essen vorgekocht und eingefroren, damit wir es auf dem Trip nur noch warm machen müssen. Frühstück, Zwischenmahlzeiten und Abendessen – alles kommt getrennt in wasserdichte Tonnen oder Seesäcke. Und als dann alles zusammen in einem Raum zum Verpacken stand, war ich überzeugt, dass wir dafür einen LKW brauchen werden. Aber Bernd, der Kopf der Gruppe, hat Erfahrung mit solchen Dingen und ich staunte, wie präzise und akribisch er alles verpackt hat. Nur so kann es jedoch funktionieren, denn unser Leben könnte davon abhängen – in der Wildnis werden keine Fehler verziehen!

Am Vorabend der Abreise gönnten wir uns dann noch ein richtig gutes Fischessen in einem urigen Lokal. Morgens früh um Fünf war dann die Nacht zu Ende und ein unbeschreiblich schöner Sonnenaufgang empfing uns – dieses Licht, das man nicht mit Worten beschreiben kann. Jeder, der schon mal im Winter in nordischen Breiten unterwegs war, weiß, wovon ich rede. Nachdem wir alles in die Tobagans verpackt und verzurrt und uns mit einem typisch kanadischen Frühstück mit Bratkartoffeln, Eiern, Speck und jeder Menge Kaffee gestärkt hatten, ging es um 9 Uhr endlich los. Das Thermometer zeigte -26°. Die ersten Kilometer führten ein Stück über den großen Sklavensee, vorbei an der Native-Siedlung Detah. Dann über zugefrorene Seen, immer durch kleinere Portagen miteinander verbunden, aber gerade diese hatten es in sich. Einem Waschbrett ähnlich ging es auf und ab – Kilometer um Kilometer. Einige dieser Trails waren bis zu zehn Kilometer lang, bis es dann wieder über das Eis des nächsten Sees ging. Immer wieder wechselten sich Felsformationen links und rechts der Seen mit wunderschönen Wäldern ab. Diese See- Passagen waren die reinste Erholung für den Rücken, dort kamen wir am schnellsten voran, wenn man überhaupt von Schnelligkeit sprechen kann. Nach rund 60 Kilometern machten wir dann unsere erste Pause. 60 Kilometer hört sich nicht viel an – aber die unendlichen Portagen ließen einfach keine Möglichkeit schneller voran zu kommen. Immerhin benötigten wir fast drei Stunden für diese Strecke. Jetzt hatten wir unsere Brote, die wir unter dem Parka so gut es ging vor dem Frost schützten, verdient. Der heiße Tee mit Ahornsirup weckte auch wieder unseren Tatendrang. Ein tolles Gefühl, sich inmitten dieser grandiosen Natur zu bewegen.

Wir standen noch keine fünf Minuten, als sich die ersten Greyjays näherten und uns in der Hoffnung umkreisten, die eine oder andere Brotkrume zu ergattern. Nach dem Auftanken der Skidoos ging es weiter. Jede Maschine hatte fünf 20-Liter-Kanister bei sich plus vollen Tank, damit wir die Strecke von Yellowknife nach Lutselke zurücklegen konnten. In Lutselke (Snowdrift) bestand die Möglichkeit nachzutanken. Die Felsformationen wechselten sich nun mit Kiefernwäldchen ab. Die kleinen Kiefern hatten unter ihrer Schneelast schwer zu tragen. Jetzt kreuzten wir öfter Seen mit einer Länge von mehr als 20 Kilometern und dort pfiff der Wind gnadenlos. Ich bekam einen Eindruck von dem, was uns auf dem großen Sklavensee erwarten würde. Der Sonnenuntergang nahte, welch ein Bild, als wir über den nächsten See fuhren und vor uns die Blachford Lake Lodge erspähten. Diese Lodge ist im Sommer nur mit dem Flugzeug zu erreichen, im Winter auch mit dem Skidoo. Bernd hatte für die erste Nacht auf unserem Trip eine Hütte gemietet; schnell waren die Tobagans entladen und die Sachen in der Hütte verstaut. Nachdem ein warmes Feuer im
Ofen prasselte, machten wir uns auf den Weg zum Haupthaus. Dort wartete eine schöne Überraschung – der Außenwhirlpool wurde extra angeheizt, damit wir ein Bad darin nehmen konnten. Leute, was für ein Bild! Draußen minus 20 Grad und wir sitzen mit einem Bierchen im Whirlpool bei über 30° Wassertemperatur. Das ist Balsam für die Seele. So einen Komfort hätte ich hier draußen in der Wildnis nie erwartet. Wir genießen den Abend in der Hütte – draußen tanzten wie für uns bestellt wieder die Nordlichter. Welch Anblick, alle Anstrengungen des Tages sind bei diesem grandiosen Feuerwerk der Natur vergessen.

Gleißender Sonnenschein funkelt am nächsten Morgen durch das kleine Fenster in die Hütte. Raus aus dem Schlafsack, schnell vor der Tür ein paar Fotos geschossen und dann wieder rein in die gemütliche Cabin. Bald prasselt ein Feuer im Ofen und verbreitet seine wohlige Wärme. Beim Frühstück sprechen wir die heutige Route durch. Wir werden für einige Stunden auf dem Großen Sklavensee unterwegs sein. Wir starten die Skidoos und sind auch schon wieder auf dem Trail, passieren einige Overflows und da kommt schon ein mulmiges Gefühl in der Magengegend auf, denn ich habe keine Lust, bei -20° baden zu gehen.

Wir sind gerade eine Stunde unterwegs, als Thomas meinte, er müsse vom Weg abweichen und einen eigenen Trail brechen. Bernd ermahnt ihn gerade, das zu unterlassen, da ist es auch schon passiert. Bis zum Bauch hat er sich im Tiefschnee festgefahren. Da kommt er alleine nicht mehr raus, schon gar nicht mit dem schweren Tobagan hinten dran. Das heißt für uns, Schnee schaufeln, schieben und drücken, bis wir Skidoo und Anhänger wieder frei haben. Nach 15 Minuten haben wir es geschafft und die Fahrt kann weiter gehen. Hoffentlich war das für Thomas eine Lehre!

Teil 2 folgt.

Erlebt und aufgeschrieben von Sui Kings, Fotos von Bernd Pesch und Sui Kings

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2 Kommentare

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Thomas Stünkel 1. Februar 2010 - 14:41

Hallo Lisa,

danke für Deinen netten Kommentar!

Für die anderen – die die Kanada-Mailingliste noch nicht kennen – füge ich den Link bei:

http://www.CDN.de oder http://www.KanadaMailing.de

Viele Grüße

Thomas

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Lisa Nitsche 1. Februar 2010 - 13:38

Ich bin noch nicht lange in der canada-mailing-list und habe schon so
manchen Bericht mit Interesse gelesen.
Dieser Reisebericht – Teil 1 – gefällt mir ungewöhnlich gut und
in Gedanken kann ich so richtig gut mit euch reisen.
Ich bedanke mich für diese ausführlichen Zeilen und
grüße ganz herzlich euch alle
Lisa Nitsche

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