Unterwegs auf dem Großen Sklavensee in Kanada – ein Wintermärchen – Teil 2

von Sui Kings

Auf dem Waschbrett nach Lutselke

Der Trail wird nun immer anspruchsvoller und plötzlich erkenne ich durch die Bäume diese unendliche weiße Weite – wir haben den Ostarm des Großen Sklavensees erreicht und genießen den grandiosen Anblick. Wie eine gigantische weiße Wüste liegt er da, das andere Ufer ist nicht zu sehen. Da müssen wir runter, meint Bernd, und dann noch ein paar Stunden durch diese Eiswüste bis Lutselke. Also reißen wir uns von dem Anblick los, denn wir wollen noch im Hellen Lutselke erreichen. Auf dem Großen Sklavensee fährt es sich wie auf einer Motocross-Strecke. Man stelle sich einfach einen See mit Wellengang vor, der von einer Minute auf die andere zufriert – da hat man einen Eindruck, wie es sich auf so einem See fährt. Wir fahren – wenn es schnell geht – mit 30-35 km/h und die Schläge, die man in den Rücken bekommt, lassen gar keine schnellere Fahrt zu. Wir stoppen dann nach drei Stunden um nachzutanken und uns selbst auch zu stärken. Man muss sehr viel trinken, wenn man in diesen kalten Zonen unterwegs ist. Der Körper trocknet regelrecht von Innen her aus, auch wenn man sich kaum körperlich betätigt. Stunde für Stunde fahren wir dann weiter, bis am Horizont Lutselke auftaucht – der letzte Außenposten menschlicher Zivilisation. Hier hat Bernd eine Übernachtungsmöglichkeit bei einem Freund organisiert. Wir fahren zum CO-OP Markt, wo sich einige Natives aufhalten und uns misstrauisch aber auch etwas neugierig beobachten. Was mögen Sie wohl denken? Im CO-OP Markt gibt es alles nötige zu kaufen, aber beim Blick auf die Preise vergeht einem die Lust am Einkaufen. Alles, aber auch alles, ist viel teurer als in Yellowknife, ist aber auch kein Wunder, da alles mit dem Flieger bzw. im Sommer mit dem Schiff angeliefert werden muss – Lutselke verfügt über keinerlei Straßenanbindung. Das einzige, was es hier nicht zu kaufen gibt, ist Alkohol. Lutselke ist eine ‘dry Community’ – kein Tropfen darf hier verkauft werden.

Wir genehmigen uns einen Kaffee, der gratis angeboten wird. Bernd telefoniert derweil Paul, den Besitzer der Hütte, in der wir die Nacht verbringen dürfen, herbei. Er zeigt uns den Weg zur Hütte und verspricht, am Abend vorbei zu kommen. Wir sind froh, nicht im Zelt übernachten zu müssen, denn die Temperaturen sind schon unter -20° gefallen und fallen stetig weiter.

Eisbeine und Ernüchterung am Feuer

Ein Feuer lässt es in der kleinen gemütlichen Hütte schnell angenehm warm werden – das heißt von den Knien aufwärts – unten an den Füßen bleibt es kalt. Nachdem wir die Schlafplätze eingeteilt haben, wird das Abendessen gekocht. Es gibt Caribou Stew. Wir trinken gerade die x-te Tasse Tee, als wir Motorenlärm hören. Es ist Paul. Schnell wird noch eine Kanne Wasser aufgesetzt und Nachschub gekocht. Wir erzählen Paul von unserem Vorhaben und sein Blick lässt nichts Gutes erahnen. Er zeigt Respekt für unseren Plan, macht uns aber nicht gerade viel Hoffnung mit seiner Warnung, dass einige Kilometer hinter Lutselke die Trails aufhören! Alle warten auf die Caribous, jedoch ist die große Herde bisher ausgeblieben und daher wurden auch noch keine Trails gebrochen. Mit anderen Worten, wenn wir dort hoch wollen, dann müssen wir unsere Trails selbst brechen. Das war niederschmetternd. Damit waren die ganzen Berechnungen des Spritverbrauches über den Haufen geworfen. Wir zeigen Paul die Karte, auf der unser geplanter Weg eingezeichnet ist. Er schlägt vor, die Karte einigen ‘Elders’ zu zeigen und verspricht, in zwei Stunden wieder zurück zu sein. Wir beratschlagen nun, was mit dem zu Verfügung stehendem Sprit machbar ist, denn mit diesem steht und fällt unser Vorhaben. Paul bringt dann die Karte, in die er einen Weg eingezeichnet hat, der uns zu unserem Ziel, einem kleinen See in der weißen Weite von nirgendwo, führt. Das Ziel, die Barron Grounds zu erreichen, haben wir an diesem Abend begraben. Noch lange sitzen wir mit Paul in der Hütte. Als er sich spät abends verabschiedet, sehen wir wieder die tanzenden Nordlichter am Himmel. Wir werden wirklich von der Natur verwöhnt. Die Temperatur fällt in dieser Nacht unter die -30°-Marke. Am nächsten Morgen küsst uns die Sonne wach und taucht Lutselke in ein warmes Licht. In der Hütte ist es angenehm warm, nur die Stiefel, die auf dem Boden standen, sind steif gefroren.

Nach einem ausgiebigen Frühstück brechen wir auf. Wir haben uns mit Paul an der Tankstelle verabredet, denn wir müssen unsere Spritkanister sowie die Skidoos randvoll betanken. Wieder kommen einige Natives vorbei und fragen nach unserem Vorhaben. Sie schütteln nur ungläubig die Köpfe, für nichts in der Welt würden Sie da raus fahren – nur des Abenteuers wegen. Es sei denn, die Caribous wären dort draußen. Das war auch die häufigste Frage an uns – ob wir auf dem Weg hierher Caribous gesichtet hätten, denn das ganze Dorf wartet auf die große Herde, um die Fleisch-Vorräte aufzufüllen. Leider können wir solch frohe Botschaft nicht vermelden. Nach dem Volltanken verabschieden wir uns von Paul und machen uns auf den Weg ins Unbekannte. Wir versprechen, wenn es uns die Zeit erlaubt, auf dem Rückweg noch mal bei Ihm vorbei zuschauen.

Abschied von der Zivilisation

Gemütlich lassen wir es angehen, wunderschön ist die hügelige Landschaft unter ihrem Winterkleid anzusehen. Die Sonne schickt wärmende Strahlen und der wolkenlose Himmel erscheint unendlich. Unsere Tagesetappe haben wir heute mit ca. 90 – 140 Kilometern geplant. Zuerst kommen wir noch gut voran aber dann – wie von Geisterhand abgeschnitten – enden die Trails und wir müssen uns den Weg selber suchen. Das ist gar kein so leichtes Unterfangen – auch nicht mit GPS und gutem Karten-Material, denn kein noch so gutes GPS sagt einem voraus, wo Overflows sind. Aber der Zufall spielte uns die Trumpfkarte Natur in die Hände. An einem See, wo Overflow zu erwarten war – das hatte uns Paul gestern abend in die Karte eingezeichnet – sind wir einfach der Fährte eines einzeln umherstreifenden Wolfes über den See gefolgt. Diese Tiere spüren offenes Wasser und machen einen Bogen herum – so sind wir trockenen Fußes am anderen Ende des Sees angekommen. Nach einigen Kilometern standen wir dann vor dem nächsten Problem. Die Landschaft wurde immer hügeliger und die Schneedecke immer höher. Wir mussten Zwangspausen einlegen, weil die Motoren heiß liefen und die 140 Kilometer konnten wir vergessen. Nun war guter Rat teuer. Es gab nur eine Möglichkeit – wir mussten die Tobagans abhängen und voraus fahren, um einen Trail zu brechen. Um aber nicht zu viel Sprit zu verbrauchen, sollten das nur zwei Skidoos erledigen. Bernd und Thomas hatten die meiste Erfahrung, also war klar, werden Trail bahnt und wer bei den Tobagans bleibt. Jeder von den Beiden nahm zwei Reservekanister mit auf den Weg. Elke und ich richteten uns eine Feuerstelle ein und kochten Tee. In der Ferne hörten wir wie die Motoren aufheulten, sie mussten Schwerstarbeit verrichteten. Elke und ich machten es uns mit dem Tee in der Sonne gemütlich. Welch ein Leben, so fernab von jeglicher Hektik. Nach einiger Zeit hörten wir auch die Motoren der Skidoos nicht mehr, es war so still, dass man den eigenen Herzschlag hören konnte.

Nach zwei Stunden kehrten Bernd und Thomas abgekämpft aber mit einer guten Nachricht zurück: Hinter dem vor uns liegenden Berg kämen wir wiederbesser voran. Sie hatten ungefähr 35 Kilometer Trail gebrochen. Es war aber schon zu spät um weiter zu fahren und für den Aufbau des großen Zeltes reichte die Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit auch nicht mehr. Wir suchten uns also einen geeigneten Lagerplatz auf einer windgeschützten Landzunge.

Schneeschippen war angesagt, wir mussten einen freien Platz für unser Lager schaffen. Inzwischen waren wir ein eingespieltes Team – jeder wusste, was er zu tun hatte. Elke und ich räumten Schnee, Bernd und Thomas schlugen Tannenzweige, die wir als Isolierung auf den Boden legten. Darüber eine Plane und ein Windfang aus der zweiten Plane und schon hatten wir einen super gemütlichen Schlafplatz. Jetzt noch schnell mit der Motorsäge Feuerholz sägen, dazu noch Tisch und Bank aus Baumstämmen gezimmert. Elke ist auch an diesem Abend für das Essen zuständig. Im Nu verbreitete sich der Duft von Nudeln mit Gehacktem und Soße im Lager. Nur gut, dass Meister Petz noch seine Winterruhe hält, diesem Geruch hätte er gewiss nicht widerstehen können! Beim Essen müssen wir uns beeilen, denn es wird schnell kalt auf dem Teller. Auch das Spülen ist nicht gerade angenehm bei der Temperatur. Mit dem letzten Licht des Tages trinken wir noch Tee und lassen den Tag Revue passieren. Einen tollen Lagerplatz haben wir und über uns zeigen sich die ersten Sterne des Abendhimmels. Jetzt erst wird uns richtig bewusst, wie wir den Elementen hier draußen ausgeliefert sind. Wir haben Glück gehabt mit dem Wetter, was, wenn ein Schneesturm aufgekommen wäre? Alles Fragen, die man sich stellt, wenn man sich wie ein winziges Mosaik-Steinchen vorkommt. Wie unbedeutend der Mensch in dieser abgeschieden Wildnis doch ist. Wir sitzen um das wärmende Feuer und bestaunen den mit Millionen von Sternen übersäten Himmel, bis uns die Müdigkeit übermannt und wir in die Schlafsäcke kriechen.

In der Nacht muss ich mich aus dem Schlafsack quälen – der Tee möchte in die Freiheit entlassen werden. Erst jetzt bemerke ich, wie kalt es ist, ich fange an zu zittern und ein Blick auf das Thermometer verrät: – 32 Grad. Leichter Wind setzt ein und ich merke, wie die Kälte durch jede noch so kleine Öffnung in den Schlafsack dringt. Die anderen drei schlafen fest, als sich am Himmel die Geister in Gestalt des Nordlichtes ein Nachlaufen liefern. Ich möchte sie nicht aus Ihrem Schlaf reißen und genieße den Anblick für mich alleine. Noch keine Minute habe ich den Entschluss bereut, diese Reise zu machen.

Der nächste Morgen war bitter kalt, aber ich war für das Feuer zuständig und musste raus aus der warmen Hülle. Schnell die Glut in Gang gebracht und trockenes Holz nachgelegt und binnen weniger Minuten zündelten lodernde Flammen und verlangten nach mehr Brennstoff. Als die anderen die wohlige Wärme des Feuers spürten, kamen sie ebenfalls aus Ihren Schlafsäcken. Nach dem Frühstück brachen wir schon mit Routine – als hätten wir das schon wochenlang gemacht – das Lager ab. Wunderschön glitzerten die Schneekristalle im Sonnenlicht, als wir wieder auf den Trail gingen. Knüppelhart war dieser, aber wir kamen voran und das war die Hauptsache.

Teil 3 folgt

Erlebt und aufgeschrieben von Sui Kings, Fotos von Bernd Pesch und Sui Kings

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