Die kanadische Küche

von Peter Iden

Die kanadische Kueche kam urspruenglich aus zwei Quellen: die der Franzosen und die der Englaender. Da es sich bei den ersten Einwanderern meistens um Bauern und Soldaten handelte, waren ihre kulinarischen Erwartungen nicht sehr hoch. Sie lebten zuhause vom Land und sehr aermlich, und so mussten sie es zuerst auch hier. Hunger war ihr staendiger Begleiter auf beiden Seiten des Ozeans.

Aber die Essgewohnheiten der Siedler aenderten sich sehr schnell nach ihrer Ankunft. Zuerst einmal gab es die ihnen bekannten Zutaten zum groessten Teil nicht in Kanada, und so mussten sie mit lokalen wilden Gemuesen und Fruechten “experimentieren”. Es war also bereits der Anfang der “kanadischen” Kueche. Die spaeter ankommenden Siedler aus anderen Teilen Europas brachten nach und nach viele andere Elemente in die Essgewohnheiten der Kanadier.

Allerdings funktionierte das auch in entgegengesetzter Richtung. Viele Gemuese und Fruechte, wie die den Eingeborenen bekannten Mais, wilden Reis, Squash, Kartoffeln, Tomaten usw. wurden von Rueckkehrern aus Nord-und Sued-Amerika nach Europa gebracht, um dort zu einem wichtigen Bestandteil der kulinarischen Szene zu werden.

Die Chinesen waren Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten, die in Kanada und den USA Restaurants eroeffneten. Mit jeder Welle von Einwanderern kamen auch deren Restaurants, zuerst nur fuer ihre eigenen Mitglieder. Mitte der 1950’er Jahre hatten einige Kanadier bereits die chinesischen, juedischen, griechischen und ungarischen Restaurants entdeckt.

Inzwischen hat sich die kanadische Kueche zu einer der abwechslungsreichen der Welt entwickelt. Der Grund dafuer ist natuerlich die Einwanderung von Menschen aus mehr als hundert Laendern der Welt. Jedes Volk hat seine eigenen Spezialitaeten, und viele von diesen wurden in die kanadische Kueche integriert, wie auch umgekehrt. Zahlreiche Rezepte, wie z.B. ein Grossteil der chinesischen, wurden “nordamerkanisiert”, weil die Original-Zutaten fuer Kanadier und Amerikaner zu fremdartig waren.

Heute gibt es besonders in den Grosstaedten Tausende Restaurants saemtlicher Volksgruppen. Viele Kanadier sind zu “Connaisseurs” (Kenner und Feinschmecker) fremdartiger Mahlzeiten und Esswaren geworden. Riesige chinesische Restaurants wie die “Mandarin” Buffets fuettern in ihren Restaurants taeglich mehr als 20,000 Kanadier. “Sushi”, “Roti”, “Jerk”, “Pizza”, “Tacos” als “fast foods” gibt es fast an jeder Strassenecke in den Staedten. “Fast Food” ist natuerlich ebenfalls eine nordamerikanische Erfindung, und die grossen Ketten wie McDonalds, Burger King, Pizza Hut, Swiss Chalet, Wendy’s gibt es in vielen Laendern der Welt. Auch die (ehemals) kanadische Tim Hortons Kette hat sich schon sehr stark in den USA etabliert.

Die Ketten funktionieren als sogenannte “Franchises”, d.h. sie arbeiten unter “Exklusiv-Vertraegen” mit den Eltern-Firmen, welche sie sich sehr teuer erkaufen muessen. Franchises kosten zwischen mehreren Hunderttausend bis zu 1 Million Dollars, je nach Lage und Kunden-Potential der naeheren Umgegend.

Wirklich “kanadische” Rezepte zu finden ist heutzutage nicht leicht, aber es gibt sie in vielen verstreuten Zeitschriften und sogar einigen Buechern. Das beste ist ohne Frage das “Canadian The Scenic Land Cookbook” von Pol Martin, Chef/Koch, Kochlehrer und Fotograf aus Montreal (York Promotional Books, Toronto, ISBN 0-920620-80-9).

Das Buch ist logisch aufgeteilt in verschiedene Kapitel. Als erstes natuerlich erscheint

The French Heritage (Das Franzoesische Erbe):

Die Franzosen waren die ersten Besiedler von Kanada (die Wikinger koennen wir wohl getrost vergessen. Sie blieben nicht lange genug hier). Hier findet man Rezepte wie Lac St-Jean Tourtiere, Bouillabaise Port-Cartier, Gaspe Salmon, Trout a l’Estrie, Beef Bourguignon u.v.a. Ich versuche lieber nicht, diese Namen zu uebersetzen. Bouillabaise, Tourtiere und Bourguignon sollten in Deutschland sowieso bekannt sein.

Heritage of Upper Canada (Das Erbe der Briten, die den Franzosen letztlich Kanada wegnahmen):

Grilled Arctic Char (gegrillter Arktischer Lachs), Roast Loin of Pork (geroestete Schweine-Lende), Deep-fried Ontario Smelts (frittierte Ontario Silber Smelt), Scotch Broth (Schottische Rinderbouillon), Cream of Pumpkin Soup (Kuerbis-Cremesuppe), Roast Beef with Horseradish Sauce (geroestetes Rindfleisch mit Meerrettich-Sosse), Roast Stuffed Turkey with Cranberry Sauce (geroesteter Truthahn mit Fuellung und Cranberry-Sosse) und viele mehr.

Prairie Harvest (Prairie Ernte). Dort kamen die Siedler erst spaeter an:

St. Basil’s Bread (Koptisches Suessbrot), Western Chuck Stew (Schmorfleisch), Kartoshnich (Kartoffel-Kuchen), Calgary Stampede Chili, Prairie Rabbit Stew (Prairie-Kaninchen Eintopf), Saskatoon Berry Pie (Saskatoon-Beerentorte), Buffalo Ribs (Bueffel-Rippen), Buffalo Steak (Bueffel-Steak), Alberta Rib Roast (geroestete Rinder-Rippen) usw.

Catch of the Day (Fang des Tages, an beiden Kuesten von Kanada):

Cod Filet Platter (Stockfisch Filet), Frogs Legs a l’ail (Froschbeine mit Knoblauch), Crabmeat Coquille (Krabbenfleisch-Coquille), Oysters Florentine (Austern Florentine), Baked Coho Salmon (gebackener Coho-Lachs), Poached Pacific Cod (pochierter Pazifik-Stockfisch), Poached Salmon Steaks (Lachs-Steaks), Stuffed Sea Trout (gefuellte See-Forelle), Boiled Lobsters (gekochte Hummern), Coquille St-Jaques, und viele andere mundwaessernde “Seafood” Gerichte.

The First People (Die Eingeborenen):

Die haben uns so manche Sachen vererbt, wie Mais, Kartoffeln, Tabak, wilden Reis, Kuerbisse, und vieles andere: Wild Rice (Wilder Reis), Blueberry Corn Pancakes (Mais und Blaubeer-Pfannkuchen), Succotash (Mais und Limabohnen Eintopf), Bannock (Lagerfeuer-Roestbrot), Squash Soup (Kuerbis-Suppe), Huron Style Mussels (Huronen-Muscheln), Moose Shoulder Roast geroestete Elchschulter), Roast Wild Goose (geroestete Wildgans), Moose Steak (Elch-Steak), Buffalo Steak (Bueffel-Steak), Venison Roast (geroestetes Wildbret), und andere Gerichte.

International Cities (Ethnische Gerichte der Grossen Staedte):

Mehr als 100 Nationalitaeten leben in Toronto, Montreal und Vancouver. Broccoli alla Romana, Chicken Pie Nicoise, Quiche Lorraine, Pork Vietnamese, Mexican Fruit Salad, Lobster Peking, Hawaiian Curried Chicken, Tempura Fried Shrimp, Scallopini Marsala, Hamburg Steak, Greek Lemon Soup, Hungarian Goulash, und vieles andere, was schon beim Lesen ungeahnte Gelueste erweckt.

Canadian Party Time (Kanadier leiben Parties jeder Art):

Was Kanadier so auf Parties servieren. Unter anderem kleine “hors d’oeuvres” (Mini-Appetit-Anreger) und andere erstaunliche kleine Delikatessen.

The Great Outdoors (Kanada hat mehr als alle anderen Laender):
Kanadische Garten-, Cottage- und Zelt-Parties erfordern besondere Mahlzeiten. Fleisch, Fisch, Gemuese – es gibt kaum etwas, was Kanadier nicht auf dem Grill vorbereiten.

Hearty Winter Fare (Die Winter in Kanada sind fast 6 Monate lang):

Der lange, kalte kanadische Winter bringt Mahlzeiten, die mehr Energie und heisse Gerichte und Getraenke enthalten. Darunter viele Fleisch- und Fisch-Rezepte, Chili, heisse Suppen usw.

Sweet Treats (Kanadier sind allgemein “suesse” Menschen):

Sie lieben suesse “treats” wie Kuchen, Crepes, Trifle, Tarts, Flans, Biscuits, Custards, Souffles, Brittles, Fudge usw. usw.

Soweit also die Geschichte der kanadischen Kueche. Ich werde in der nahen Zukunft einzelne kanadische Rezepte vorstellen, weise jedoch von Anfang an darauf hin, dass ich nicht der Koch in unserer Familie bin. Das ist meine Frau, die “Beste Koechin der Welt”.

Peter Iden,
Brampton, Ontario, Kanada

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1 Kommentar

Günter Frillmann 9. Februar 2010 - 16:26

Hallo Peter Iden,
schöner Beitrag über kanadische Küche. Es ist allerdings nur ein Satz der mich total begeistert, das ist der letzte Satz, eine schönere Liebeserklärung kann man seiner Frau nicht machen, danke,
herzlichst aus der Rattenfängerstadt
Günter Frillmann

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