Kanada und das Insulin

von Peter Iden

Mein erster „richtiger“ Job in Kanada vom 1. Juni 1954 bis 31. Mai 1957 (vorher arbeitete ich kurz in einer Buerstenfabrik) war bei den Connaught Medical Research Laboratories, damals ein Teil der University of Toronto.

Die ersten 18 Monate war ich „Mailboy“, d.h. ich musste die Post zwischen den verschiedenen Laboratorien der Universitaet austragen, unter anderem auch zum und vom „Banting & Best Institute“. Die Arbeit war faszinierend und alles andere als langweilig. Ich durfte durch die Laboratorien wandern (ausser den “Isolation Labs”, in denen nur medizinische Techniker arbeiten), ich konnte die Tierfarm besuchen, auf der Pferde und andere Tiere fuer die Produktion von Seren benutzt wurden.

Heutzutage werden Test-Versuche an Tieren in vielen Laendern boykottiert, aber damals haben sie Millionen von Menschen das Leben gerettet

Dort arbeitete auch das Team von 1921 bis 1922, um Insulin zu entwickeln: Dr. J.J.R. Macleod, Dr. Frederick Banting, Dr. Charles Best und Dr. J.B. Collip, die „Mit-Erfinder“ des Insulin.

Wer genau die entscheidende Entdeckung machte, ist zwar heute sehr klar dokumentiert, aber Dr. Frederick Banting wird generell als Einziger damit kreditiert.

Der Nobel-Preis fuer Physiologie und Medizin wurde in 1923 an Dr. Banting’s Boss, Dr. J.J.R. Macleod, und an Dr. F. Banting verliehen.

Dass Dr. Banting danach seinen finanziellen Teil des Nobel Preises mit Dr. Best teilte, waehrend Dr. Macleod seinen Preis mit Dr. Collip teilte beweist eindeutig, dass es nicht Banting allein war, sondern ein Vierer-Team, welches das Insulin entwickelte.

Aus einem deutschen TV-Programm ueber die Entwicklung von Insulin:

„Banting und sein Assistent testeten das von ihnen isolierte Insulin zunächst im Selbstversuch, bevor sie es im Januar 1922 an einem Patienten ausprobierten und diesem damit das Leben retteten.“

http://www.themen-tv.de/gesundheit/zeitzeichen/3489.htm

Das ist natuerlich journalistischer Bloedsinn. Keiner der vier Mitglieder des Teams war Diabetiker, konnte also den von Dr. Collip entwickelten Insulin-Extrakt nicht an sich selbst versuchen. Er wurde zuerst von zwei Kollegen von Dr. Collip, Drs. Campbell und Fletcher, an einem 14-jaehrigen Diabetiker getestet und fuer wirksam befunden.

Aber wie auch mit Edison (der „seine“ Erfindungen generell von den finanziell minderbemittelten wirklichen Erfindern kaufte und sich damit kreditierte – wie z.B. die Gluehbirne, welche von einem Kanadier in Brantford, Ontario erfunden wurde), so werden besonders von den Medien einzelne Namen anstatt ganze Teams mit Erfindungen kreditiert.

Die Polio Vaccine, der Impfstoff, der Kinderlaehmung weltweit ausmerzte, wurde von dem Amerikaner Dr. Jonas Salk erfunden. Es war im Connaught Laboratory in Toronto jedoch, wo die Massen-Herstellung des Polio-Impfstoffs erfunden wurde, und zwar in dem Jahr, in dem ich nach Kanada kam und anfing, bei Connaught zu arbeiten. Connaught hatte kurz vorher das Salk Institute gekauft.

Ebenfalls kurz nach meiner Ankunft in Kanada am 24. April 1954 begann ein gewaltiges weltweites Projekt zur Bekaempfung der Poliomyelitis-Seuche, unter der Millionen von Kindern weltweit litten. 1,800,000 Kinder in Nord-Amerika wurden mit der Connaught Polio Vaccine geimpft, um sie vor der Kinderlaehmung zu schuetzen. Polio in der westlichen Welt, und spaeter auch in fast allen Teilen der Welt wurde praktisch total ausgemerzt.

Ich bin kein Freund von Impfungen, aber meine drei Jahre bei Connaught haben doch bei mir den unausloeschlichen Eindruck hinterlassen, dass bestimmte Impfmittel wie z.B. die gegen Polio oder die Smallpox (Pocken) absolut zum Wohle der Menschheit beitragen.

Connaught stellte und stellt immer noch Impfstoffe gegen Pertussis, Typhus, Paratyphus, Cholera, Diphterie, Tetanus und Staphylococcus sowie zahlreiche andere medizinische Produkte her.

Vielleicht darf ich meine heute noch immer sehr gute Gesundheit darauf zurueck fuehren, dass ich waehrend meiner Zeit bei Connaught mehrere kostenlose Impfungen gegen diverse Krankheiten bekam.

Oder auch nicht.

Zwei unserer Toechter sind Impfungs-Gegner, ihre Kinder wurden nie geimpft und sind kerngesund, waehrend die dritte auf Impfungen ihrer Kinder schwoert, aber ihre Kinder viel oefter krank sind als unsere anderen zwei Enkel!

Connaught wurde in 1972 an die Canadian Development Corporation verkauft und privatisiert, dann in 1989 an das franzoesische Institut Merieux verkauft, wo es dann in 1999 durch den Zusammenschluss von Rhone Poulenc, der deutschen Firma Hoechst und der Merck Company in den USA ein Teil des gewaltigen Chemie-Giganten Aventis Pasteur wurde.

Das Gebaeude, in dem ich meinen ersten guten Job in Kanada fand und ausuebte, steht noch heute in der Mitte der Spadina Avenue, bevor sie zur Avenue Road wird.

Auch mein Vater arbeitete fuer Connaught, seinem einzigen Arbeitgeber in Kanada, fuer 35 Jahre, bevor er in 1989 mit meiner Mutter nach Deutschland zurueck kehrte, wo er kurze Zeit spaeter an einem Gehirn-Tumor starb.

Peter Iden
Brampton, Ontario, Kanada

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1 Kommentar

Peter Iden 14. Februar 2010 - 21:58

Was ich nicht in meinem Beitrag erwaehnte ist dass ich einige Monate nach Anfang meiner Anstellung von meinem ersten Mentor und Boss gefragt wurde, ob ich mit meinem ebenfalls „untergeordnet“ angestelltem Freund Bud McInnis den Ablage-Raum unter dem Dach von Connaught aufraeumen koennte. Natuerlich gab es dafuer fuer uns einen kleinen „Bonus“. Mehrere Wochen arbeiteten wir daran, alte Dokumente und Briefe auszusortieren und zu entscheiden, was wichtig war und aufbewahrbar erschien. Der Staub und Schmutz von 40 Jahren (Connaught wurde in 1914 gegruendet) war unglaublich. Nach Besprechung mit unserem Boss wurde dann entschieden, alles zu vernichten, denn die Buchhaltung und alle neueren Dokumente wurden separat abgelegt. Im Nachhinein dachte ich, dass wir zumindest eine Anzahl von Dokumenten (wie Briefe zwischen Doktoren und Wissenschaftlern) haetten retten sollen. Nun, zumindest wurden unsere Briefmarken-Sammlungen damals erheblich aufgefrischt. Lustig ist, dass meine Frau in ihrem ersten Job in Kanada vier Jahre spaeter dieselbe Anfrage von ihrem Boss bekam und die Ablagen ihres Arbeitgebers in kurzer Zeit auf ein „Deutsches Niveau“ brachte, ohne aber irgend etwas zu vernichten!

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