Unterwegs in Nova Scotia, Kanada – Tag 6

von Peter Iden

Sonntag, 9. Juni 2002 – Fortress Louisburg, Marconi Trail, Canso Causeway, Cape Breton, Keltic Lodge, Ingonish.

Fortress Louisburg – und ein wenig Geschichte:

Mit Ausnahme einiger Dienstfahrzeuge sind Autos im Fort nicht erlaubt. Wir werden mit einem Bus vom Besuchergebaeude etwa hundert Meter vor dem Eingang in einem “Pub” abgesetzt. Es ist noch nicht die Hauptsaison fuer Touristen. Nur wenige Besucher kommen zu dieser Zeit, also haben wir viel Zeit, uns ohne Massenandrang gruendlich umzusehen.

Bienvenue a notre Fortresse:

Die Wache am Eingangstor spricht uns auf Franzoesisch an. Fragt uns, ob wir Franzosen waeren. “Naturallement!” antworte ich in meinem besten Franzoesisch. “Bienvenue a notre Fortresse!” (Willkommen in unserem Fort), sagt er und tritt beiseite. Drinnen sage ich ihm, dass wir “Anglais” waeren. “Das ist in Ordnung,” meint er lachend: “Wir lassen auch Englaender ein. Ob ihr allerdings wieder herauskommt, ist eine andere Frage!”. Dann erzaehle ich ihm, dass wir urspruenglich aus Deutschland kommen. “C’est bien”, sagt er erfreut. Es waeren allerhand Deutsche und Schweizer unter seinen Kollegen. Soldaten, Handwerker und sogar einige hoeher gestellte Einwohner des Forts!

Wir wechseln um auf Englisch, denn mein franzoesischer Wortschatz ist schnell erschoepft. Er erzaehlt uns vom Soldatenleben in der “Fortress”. Lange Arbeitszeiten, schlechtes Essen, kalte Quartiere. Je drei der Soldaten bekommen ein Doppelbett zugewiesen. Zwei von ihnen schlafen, waehrend der dritte auf den Mauern Wache steht. Im Winter frieren sie, im Sommer schwitzen sie in ihren europaeischen Uniformen, welche absolut unpassend fuer nordamerikanische Wetterverhaeltnisse sind. Ein hartes Leben!

Leben um etwa 1740:

In vielen der mehr als 50 sogfaeltig neu erbauten Gebaeuden der Festung zeigen “Volunteers” (Freiwillige), wie das Leben etwa in 1740 hier zuging. Schmiede, Tischler, Schiffsbauer und zahlreiche andere Handwerker sorgten dafuer, dass alles so lief, wie es die Befehlshaber wollten. Diese lebten, soweit so etwas in einer Kolonie moeglich war, in grossem Komfort. Sie waren von eingefuehrten Moebeln und vielen Dienern umgeben, tranken franzoesiche Weine und hoerten franzoesische Musik, waehrend die Soldaten sowie die Handwerker draussen ihr karges Leben fristeten. Die heutigen “Voluntaere” im Fort verrichteten ihre Arbeit einst ohne Bezahlung. Sie tragen zwar teilweise immer noch das “V” ihrer Organisation auf der Kleidung, werden aber jetzt von dieser mit kleinen Regierungs-Gehaeltern bezahlt.

Man trifft sich im “Pub”:

Im Pub werden wir von Frauen mit weissen Hauben, langen blauweissen Kleidern und weissen Schuerzen bedient. Wir sitzen auf Holzbaenken an langen Tischen ohne Tischtuecher, bei einer Schuessel Erbsensuppe mit einen Krug “hot buttered rum”. Nach den kuehlen 9 Grad draussen werden wir hier schnell aufgewaermt! Neben uns sitzt ein Ehepaar mit starken englischen Akzenten. Auf die unumgaengliche Frage “Woher und Wohin?” erzaehlen sie uns, dass sie am Anfang Mai ihre Heimatstadt Vancouver mit ihrem Camper verlassen haben und seitdem durch ganz Kanada gefahren sind. In unseren Heimatort Brampton haben sie Freunde besucht. Auf die Frage “Wo in Brampton?” finden wir heraus, dass ihre Freunde nur eine Strasse von uns entfernt leben. Unsere naechste Frage nach dem Namen ihrer Freunde ist ebenso unumgaenglich. Die Welt ist oft sehr klein!
Die Schulfreundin der Frau aus England war lange Jahre Sportkameradin meiner Frau im Sportzentrum, wenige Minuten von uns entfernt! Wir verlassen Rita und John aus Vancouver mit Gruessen an Ruth und ihren Mann in Brampton!

Das Fort des Sonnen-Koenigs Louis XIII:

Fortress Louisbourg wurde 1713 auf Befehl des Sonnenkoenigs Louis XIII erbaut, zuerst als Fischereihafen. Das waren beinahe zweihundert Jahre nach der ersten Reise von Jacques Cartier in die Neue Welt, und ein Jahrhundert, nachdem Samuel de Champlain und Pierre du Gua de Monts den Ort Port Royal an der Westkueste Nova Scotia’s gruendeten. Louis wollte den Englaendern einen strategischen Stuetzpunkt vor die Nase setzen, nachdem diese fast das gesamte damals bekannte Nordamerika im Friedensvertrag von Utrecht zugesprochen bekamen. Frankreich bekam lediglich zwei Inseln, die Ile Royale (heute Cape Breton Island) und die Ile Saint-Jean (Prince Edward Island). Die kleinen Inseln von St.Pierre et Miquelon durften sie behalten, jedoch Cape Breton und Prince Edward Islands gingen zurueck an die Briten.

Dreissig Jahre lang war das Leben in der Festung Louisbourg zwar hart, jedoch friedvoll. In 1750 lebten dort 4,500 Seelen, eine der groessten Siedlungen in der Neuen Welt. In 1745 ueberraschten die Amerikaner die Franzosen, als sie mit einer privaten Amateur-Armee vor den Toren erschienen und die Festung nach einer laengeren Belagerung einnahmen. Es war Amerika’s erster Militaersieg, eine Vorschau auf den Freiheitskrieg der Amerikaner nur eine Generation spaeter! Als die Briten die Festung Louisbourg drei Jahre spaeter wieder an die Franzosen zurueckgaben, fuehlten sich die “New Englanders” (Neu-Englaender) verraten. Viele der vorherigen Bewohner kehrten aus Frankreich zurueck, und einige Jahre lang lief alles so wie vorher.

Die Englaender zerstoeren das Fort:

In der Mitte des 18. Jahrhunderts brach jedoch ein neuer Anglo-franzoesicher Krieg aus. 27,000 britische Soldaten belagerten Fortress Louisbourg und nach laengerer Bombardierung fiel die Festung zum zweiten Mal. Quebec kapitulierte im folgenden Jahr. Montreal folgte kurz darauf. So wurde Neu-Frankreich zum Britischen Nordamerika. Die Einwohner von Louisbourg wurden nach Frankreich zurueckgeschickt. Das Fort wurde in 1760 zerstoert, dem Erdboden gleich gemacht.

Kanada erweckt den Phoenix aus der Asche:

Genau zweihundert Jahre spaeter erweckte die Diefenbaker-Regierung Fortress Louisbourg aus seinem langen Todesschlaf. Wie ein Phoenix sollte das Fort wieder aus seiner Asche aufsteigen. Anhand der Original-Plaene aus Frankreich planten Geschichtsexperten die Wiedererweckung, und in 1961 begann der Aufbau. Ein damaliger Bekannter von mir war der erste Historiker, welcher vom Royal Ontario Museum nach Louisbourg entsandt wurde. Er und Hunderte seiner Kollegen, sowie Hunderte von arbeitslosen Kohlenarbeitern aus Cape Breton haben Fort Louisbourg in mehr als vierzig Jahren zu einem der groessten historischen Schauplaetze in Kanada gemacht. Um das Fort in seinem heutigen Zustand zu erleben, muss man mindestens einen halben Tag in seinen Mauern verbringen und absolut alle seiner hervorragenden Gebaeude besichtigen!

Die groesste geschichtliche Neuerbauung in Nord-Amerika:

Wenn man bedenkt, dass saemtliche Gebaeude in der Fortress Louisbourg nicht wiederhergestellt oder “renoviert” wurden, sondern Stein fuer Stein nach den Original-Plaenen wieder aufgebaut wurden, ist es eines der erstaunlichsten historischen Projekte der Welt, jedenfalls aber das groesste in Nord-Amerika. Das Motto des Wiederaufbaus war “Unsichtbares sichtbar machen!”

http://www.louisbourg.ca/fort/
http://www.pc.gc.ca/eng/lhn-nhs/ns/louisbourg/index.aspx
http://fortress.uccb.ns.ca/fldc/images.htm
http://en.wikipedia.org/wiki/Fortress_Louisbourg

Weiter auf dem Marconi Trail:

Wir folgen der Kuestenroute von Louisbourg nach Main-a-Dieux, mit seiner sehr schoenen Bucht und dem Fischerdorf. Vorbei an kleinen Fischerhaefen, kleinen Straenden, felsiger Kueste. Bei Catalone Gut und wieder am Mira Gut inspizieren wir die Straende, immer im Regen. Nichts Aussergewoehnliches, aber im Sonnenschein wahrscheinlich
sehr viel attraktiver! “Gut” heisst eigentlich “Darm” oder “Eingeweide” aber hier in Nova Scotia wird das Wort fuer Fluesse gebraucht, welche am Eingang durch Sand- oder Felsenaufwuerfe teilweise abgedaemmt sind. “Es regnet wieder Katzen und Hunde”, wie man hier sagt, und wir entscheiden uns, den Rest des Marconi-Trails bis Glace Bay zu streichen. Dadurch verpassen wir leider die “Marconi National Historic Site”, von der Gugliemo Marconi am 15. 12. 1902 die erste drahtlose Nachricht ueber den Atlantik nach England schickte.

http://www.pc.gc.ca/eng/lhn-nhs/ns/marconi/index.aspx
http://cbwireless.ednet.ns.ca/cbwirelessp5.html

Canso Causeway und Cape Breton:

Der 255’er und der 23’er bringen uns erst zum 125’er, dann zum 105’er, vorbei an den grossen Staedten Sydney und North Sydney, fuer die wir wenig Interesse haben. Die meisten Besucher benutzen die Faehre bei Englishtown, um den Weg um die St. Ann’s Bay zu ersparen. Wir fahren um die Bucht herum, und das ist gut so, denn es ist eine sehr
huebsche Strecke! Besonders zwischen dem “Causeway” bei St. Ann’s und dem Ort North River Bridge geniessen wir die herrlichen Ausblicke ueber die “Bay”. Dann fuehrt uns die Route inland, und mehr als 60 km lang sieht man nichts mehr vom Ozean, obgleich sich die Strasse durch einige sehr huebsche Berglandschaften windet. Wir fahren jetzt auf dem “Cabot Trail”.

http://en.wikipedia.org/wiki/Canso_Causeway
http://www.transcanadahighway.com/NovaScotia/CabotTrail.htm

Keltic Lodge und Ingonish:

Bei Ingonish Ferry landen wir (beinahe) wieder am Ozean. Dann schwingt die Strasse auf Serpentinen inland und schraubt sich innerhalb von 200 Metern um das “Cape Smokey ” herum, 365 Meter ueber dem Ozean. Auf der anderen Seite des “Rauchigen Kaps” – nach den Nebelwolken benannt, die oft um den Felsen herumhaengen – rollen wir wieder auf “Sea Level” zurueck und sind kurze Zeit spaeter bei der “Keltic Lodge”. Wir haben Glueck. Es ist noch sehr viel Platz dort, und wir zahlen nur $ 99 anstatt der normalen Hochsaison-Preise von $ 300 und aufwaerts pro Nacht. Die kleine Halbinsel, auf der die Lodge liegt, ist ein guter Beobachtugsplatz fuer die Boote der Hummern-Fischer, die ihre Fallen regelmaessig nachsehen. Ein 4 Kilometer langer Pfad fuehrt zur Spitze der Halbinsel.

http://www.kelticlodge.ca/
http://en.wikipedia.org/wiki/Ingonish

Der Teil “Unterwegs in Nova Scotia, Kanada – Tag 7″ folgt morgen.

Peter Iden
Brampton, Ontario, Kanada

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