Der harte, felsige Norden von Kanada

von Peter Iden

Als ich zuerst in 1954 in Kanada ankam und mein letztes Schuljahr (hier Grade 13) nachholte, hoerte ich zuerst die Geschichte der einst gewaltigen Bergketten im Norden des Landes. In Deutschland hatte ich davon noch nie gehoert. Aber damals gab es in Europa sowieso kaum Informationen ueber Kanada, und das, was uns erreichte, war oft nicht korrekt. Abgesehen davon, selbst die meisten Kanadier haben noch nichts davon gehoert oder gelernt, denn das kommt erst in den letzten Jahren der „High School“, wenn ein Schueler Geologie als Zusatzfach waehlt. Trotzdem ist zumindest der Begriff “Canadian Shield” (auch “Laurentian Plateau” genannt) den meisten Kanadiern bekannt, auch wenn sie weiter nichts darueber wissen.

Den meisten Kanadiern ist allerdings der Begriff “bedrock” bekannt. Wer sich eine Cottage oder ein Haus im Norden baut, oder einen Brunnen bohren laesst, wird frueher oder spaeter auf dieses Nachbleibsel des Canadian Shield stossen, meistens in der Form von Granit wenige Meter unter der Oberflaeche.

Dass die “story” von gewaltigen Bergen im Norden Kanada’s kein Maerchen war, lernte ich einige Zeit spaeter, nachdem mein Interesse an der Naturgeschichte des Landes in 1958 erweckt wurde. Dass diese Ketten durch tektonische Einfluesse entstand, die scheinbar auch mit dem Entstehen von Hunderten von Vulkanen verbunden war, ist teilweise bewiesen und teilweise Theorie. Jedenfalls deutet die faszinierende geologische Geschichte des kanadischen Nordens darauf hin, dass er einst einst erhebliche und langzeitliche vulkanische Aktivitaet sah. Granit hat einen vulkanischen Ursprung.

Gerade das machte das Canadian Shield zu dem gewaltigsten Lagerhaus von Mineralen, Metallen, Diamanten, Gold und anderen Erdschaetzen der Welt. Ganz abgesehen von dem Erdoel, welches bewiesenerweise noch unter dem teilweise eisbedeckten Arktischen Ozean liegt.

Das Canadian Shield erstreckt sich – mit Ausnahme der inlaendischen Rocky Mountains und der Pazifischen Kuestenberge, ueber einen Grossteil von Quebec (noerdlich des St.Lorenz) und Ontario, Labrador, die Grossen Seen, die Adirondack Mountains in New York, den noerdlichen Teil von Lower Michigan, sowie das gesamte Upper Michigan, Nord-Wisconsin, Nordost-Minnesota, Zentral- und Nord-Manitoba, die Great Plains, Nord-Saskatchewan, Nordost-Alberta, die Northwest Territories und Nunavut. Auch die Hudson Bay gehoert dazu, obwohl das Shield dort unter Wasser liegt. Das gesamte Groenland ist ebenfalls ein Teil des “Canadian Shield”. Es entstand zurueck gerechnet waehrend des geologischen Praekambrium-Zeitalters von 4,5 Milliarden bis 540 Millionen Jahren.

Die Rocky Mountains dagegen sind erst etwa 70 Millionen Jahre “jung”, die Alpen nur etwa 100 Millionen Jahre. „Junge“ Berge erkennt man an den scharfen „Matterhorn“ Profilen der Berge. In der relativ kurzen Zeitspanne von 70 bis 100 Millionen sind noch nicht genuegend Natur-Ereignisse geschehen, um diese Berge abzutragen. Dass dieses jedoch ein dauernder Prozess ist, kann man an den Geroell-Halden an den Fuessen vieler Berge erkennen, wie auch an dem von Gletschern zurueck gelassenem Geroell. Die aelteren Gebirge wie z.B. die Laurentians und die Appalachians sind abgerundet, die urspruenglichen Geroell-Halden haben sich mit kleinerem Gestein und Erde gefuellt und sind dicht ueberwachsen.

Von den einst bis zu 12,000 Meter hohen Felsenbergen des Canadian Shield ist kaum noch etwas nachgeblieben. Durch zahlreiche Eiszeiten und andere klimatische Einfluesse wurden sie nach und nach “abgehobelt” oder abgetragen, bis nur noch eine relativ flache, mit spaerlicher Erde, Waeldern und Suempfen bedecktes Felsen-Plateau nachblieb. Dieses ist auch die Gegend, in der der kanadische “bush” vorwiegt, sowie die Suempfe (muskeg) und die baumlose Steppenlandschaft (tundra) des “Far North” mit ihren zahlreichen Felsenauswuechsen. Das Geroell dieser Berge wurde von den Gletschern der Eiszeiten weit ueber das Land verstreut. Mehrere der gewaltigen Geroellsteine von 2 bis 3 Meter Durchmeser wurden z.B. beim Bau der Haeuser in unserer Strasse gefunden und dekorieren noch heute die Vordergaerten ihrer Eigentuemer.

Die unvorstellbare Gewalt der Gletscher der Eiszeiten kann man sich erst vorstellen, wenn man den groessten Geroellstein in Nord-Amerika (genannt „glacial erratic“) gesehen hat. Er liegt 8 km nordlich von Trenton, Ontario in der Bleasdell Conservation Area bei Glen Miller. Der „Bleasdell Rock“ ist 13,41 m lang, 7,32 m breit, 6,71 m hoch, und wiegt etwa 1,000 Tonnen. Sein Ursprung ist unbekannt, aber er wurde wahrscheinlich mehrere Hundert Kilometer von den Gletschern nach Sueden getragen.

Die verbleibenden “Berge”, wie die Torngat Mountains in Labrador (maximal 1652 m) und die Laurentian Mountains in Quebec (max. 1166 m) und die Appalachian Mountains (max. 1917 m) sind zwar nicht unbeachtlich fuer den Osten, aber “klein” im Vergleich zu den Bergen im Westen (Kanada = Mt. Logan, Yukon Territory, 5956 m; (USA = Mt. Ebert, Colorado, 4401 m).

Das Canadian Shield ist nur spaerlich bewohnt, ausser in der Seenlandschaft seiner suedlichsten Regionen um die Grossen Seen herum. Mehrere der groessten Fluesse Kanada’s fliessen durch das Canadian Shield. In Quebec z.B. hat das zu den groessten hydro-elektrischen Projekten gefuehrt, die die Provinz sowie einen Teil der USA mit Elektrizitaet versorgen.

Was die tektonische Aktivitaet in Kanada anbetrifft, sind Erdbeben alles andere als selten. Jaehrlich werden etwa 1200 Erdbeben registriert, also 3 bis 4 pro Tag. Die meisten von ihnen koennen nur mit sehr sensitiven Instrumenten gemessen werden. Am aktivsten ist die Erde in British Columbia, hauptsaechlich auf Vancouver Island und den Queen Charlotte Islands, wo etwa 200 Erdbeben pro Jahr gemessen werden. Die Gegend oestlich von Vancouver wird als moegliche Szene eines gewaltigen zukuenftigen Erdbebens angesehen, mit bis zu 9 auf der Richter Skala. Dort rutscht die „Nord-Amerikanische tektonische Platte“ langsam aber sicher unter die „Juan de Fuca Platte“, und sammelt somit einen enormen Druck, der sich nach wissenschaftlichen Voraussagen etwa alle 300 bis 500 Jahre in enormen Erdbeben aeussert. Es ist dasselbe Ereignis, welches in 1906 die Zerstoerung von San Francisco mit sich brachte.

Auch im Osten Kanada’s sind Erdbeben eine absolute Gefahr, mit Staedten wie Quebec, Montreal, Ottawa und Toronto als moegliche Szenen fuer grosse Erdbeben.

Bisher sind allerdings wenige Todesfaelle registriert worden, obwohl zahlreiche Gebaeude zerstoert wurden (1732, Montreal; 1929, Neufundland, eine Tsunami toetete 29 Personen, 7,2 auf der Richter-Skala; 1949 + 1976 + 1980, Vancouver Island, R.7,2 + R.6,7 + R.6,8; 1949 + 1970, Queen Charlotte Islands, R.8,1 + R.7,4; 1985, McKenzie River, NWT, R.6,9; 1988, Saguenay Region, R.6,0).

Am 25. September 1998 arbeitete ich in einer Ecke unseres Gartens, als die Erde poetzlich anfing, sich zu bewegen. Es war bereits das dritte Mal in beinahe 50 Jahren, dass ich so etwas gefuehlt habe. Ein Blick zum Haus: es bewegte sich. Das dauerte nur wenige Sekunden, aber es war wie in 1986, als unsere Bilder an der Wand schaukelten und die Glaeser im Schrank klirrten.

Peter Iden
Brampton, Ontario, Kanada

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