Kaffee-Kultur in Kanada

by Peter Iden

Kanada - Kaffee - KulturKanada ist ein Land, in dem mehr Kaffee getrunken wird als in den meisten anderen Laendern der Welt. Es steht an 11. Stelle im Kaffee-Konsum, noch vor Deutschland (Platz Nr. 12) und Oesterreich (Nr. 13). Auf den ersten 6 Plaetzen liegen alle skandinavischen Laender. Nur Holland hat sich auf Platz 5 dazwischen geschoben. Die Schweiz steht auf Platz 7, Belgien auf Nr. 8, Luxembourg auf Nr. 9, und das (hollaendische) Aruba auf Platz 10. In anderen Statistiken liegt Kanada allerdings auf Platz 9 oder 13 hinter Deutschland. Ganz gleich wo Kanada steht, wir gehoeren zu den groessten Kaffee-Trinkern der Welt.

Das war nicht immer so. Als wir in Kanada landeten, war Tee DAS Getraenk der hauptsaechlich britischen Einwanderer. Der Kaffee in den Restaurants war blah-blah und schmeckte, als ob eine einzige Kaffeebohne an einem Band durch heisses Wasser gezogen wurde. In einigen der Restaurants ist das noch heute so, und viele Besucher lernen leider nur diese kennen und beurteilen kanadischen Kaffee nach ihnen.

Rueckkehrer aus dem 2. Weltkrieg jedoch brachten die inzwische hochentwickelte Kaffee-Tradition Europas mit sich und “amerikanisierten” sie. Macdonalds began in 1948, jedoch zuerst noch ohne Kaffee, der erst etwa 25 Jahre spaeter in ihr Programm aufgenommen wurde. Seit 2002 serviert Macdonalds ihren “Gourmet-Coffee”, wohl hauptsaechlich, um mit den “besseren” Kaffee-Sorten von Starbucks und Tim Hortons zu konkurrieren.

Der kanadische Hockey-Spieler Tim Horton eroeffnete seinen ersten “Coffee and Donut Shop” in 1964 in Hamilton, Ontario. Obwohl die Franchise-Kette heute in US-Haenden ist, wird sie trotzdem immer noch als “urtypisch kanadisch” angesehen. Im Juli 2010 gab es in Nord-Amerika 3,627 Tim Hortons Restaurants, davon 3,040 in Kanada und 587 in den USA. Tim Hortons serviert nur eine Kaffee-Sorte, die populaerste in Kanada.

Starbucks eroeffnete das erste “Coffee House” in Seattle in 1971. Es ging langsam voran, mit nur 6 Laeden in 1980. Heute hat Starbucks mehr als 9,000 Laeden in 34 Laendern der Welt. Ihr Kaffee wird von Fluglinien (wie United Airlines) serviert und kann in den meisten Supermarkets sowie online gekauft werden. Starbucks serviert mehrere Dutzend verschiedene Kaffee-Sorten und verkauft mehrere Hundert Sorten und Verpackungen on-line.

www.starbucksstore.com/starbucks-coffee/

“Consumer Reorts” verglich die “normalen” Kaffees mehrerer “Fast Food Chains” in den USA mit einander, ohne verschiedene Geschmacksrichtungen, Milch oder Zucker und kam zu dem Ergebnis, dass Macdonalds den besten und billigsten guten Kaffee serviert, gefolgt von Starbucks. Die Kaffees bei Burger King (Rivale von Macdonalds) und Dunkin Donuts (Rivale von Tim Hortons) waren schwach und schmeckten „wie Wasser“

Europaeische Delicatessen-Laeden:

Nach unserer Ankunft in Kanada in 1954 entbehrten wir einige Zeit die uns aus der Heimat bekannten Esswaren, auch den Kaffee. Aber kurz danach eroeffneten deutsche Einwanderer mehrere Laeden, in denen man zumindest einige deutsche Sachen bekam, hauptsaechlich in Ontario, wohin die meisten Deutschen hin zogen. Die Geschichte der bekanntesten deutsch-kanadischen “Deli-Stores” geht zurueck in die 1950’er Jahre: Denninger’s in Hamilton (1954, heute 6 Laeden), Pillers in Waterloo (1957),
Dimpflmeier Bakery (1957, Baeckerei), Brandt in Toronto (1958). Diese Laeden beliefern heute zahlreiche kleine und groessere Deli Stores in ganz Kanada. Brandt hat etwa 30 Sorten deutschen und europaeischen Kaffee, die anderen Firmen fast genau so viele (bei Dimpflmeier gibt’s guten Kaffee im Restaurant).

Viele Jahre lang nahmen wir unsere eigene kleine Kaffee-Maschine mit auf unsere Reisen, oft sogar unseren Kaffee. Heute ist das nicht mehr noetig. Die meisten Hotels haben saemtlich Kaffee-Maschinen in jedem Zimmer und sehr gute Kaffee-Sorten.

Die Ueberraschung fuer viele “Kaffee-Prospektoren” heutzutage sind die Supermarkets. Zusaetzlich zu den zahlreichen Kaffee-Sorten im Standard-Angebot auf ihren Regalen haben viele dieser grossen Laeden mindestens 30 Sorten Kaffee-Bohnen aus aller Welt in speziellen Kaffee-Staenden. Man kann sie dort selbst mahlen, bekommt also frischen Kaffee. Unglaublich, aber selbst die Walmart-Superstores haben solch eine grosse Auswahl. Sie sind den bereits abgepackten Sorten (wie z.B. Melitta) jederzeit vorzuziehen, weil sie weniger Chemikalien enthalten.

Kaffee-Getraenke wie Espresso, Cappucino usw. gibt es schon in Kanada seit mindestens 30 Jahren, zuerst natuerlich in den italienischen Laeden und Restaurants.

Meiner zweiter Job in Kanada (von 1958 bis 1961) war mit der britischen Firma J. Lyons & Company. Englaender waren niemals grosse Kaffee-Trinker. Tee war und ist ihr Haupt-Getraenk. Lyons Tea Houses konnte man an vielen Strassenecken in allen englischen Ortschaften finden. Ich erinnere, wie frustriert der Lyons Tee-Experte war, dass weder guter Tee noch guter Kaffee in Kanada getrunken wurde oder zu haben war.

Ich war weder ein grosser Fan von Kaffee oder Tee. Hamish Watters nahm mich in die Lehre, da mein Job als “Stock Clerk” die Aufgabe enthielt, das Inventar der Teesorten zu dokumentieren und den Import neuer Sendungen aus Indien, Sri Lanka (damals noch Ceylon), Indonesien, Kenya und einigen anderen Laendern zu ueberwachen. Und dafuer musste ich die verschiedensten Teesorten kennen lernen. Nur nebenbei bemerkt war das auch der Anfang meiner Karriere im Import und Export Geschaeft, und 20 Jahre spaeter die Gruendung unserer eigenen Firma als Import-Spezialisten.

Oft rief er Hamish Watters mich in sein Buero, wo er 10 oder mehr Teesorten gebraut hatte, und bat mich, diese zu schmecken, im Mund herum zu wirbeln und dann in das grosse Kupfer-Spucknapf daneben zu befoerdern. Jedes Mal beschwerte er sich ueber die Kanadier, die nur BOP-Tee kauften (Broken Orange Pekoe) und diesen dann mit Milch und Zucker “bastardisierten”. “Red Rose BOP” war die Wahl der meisten Kanadier, und wie der Lyons BOP, so kam auch Red Rose in kleinen Teetueten mit undefinierbarem Inhalt. Einer meiner Jobs war es, freie Kartons mit 20 Teetueten an Leute abzuschicken, die Holzsplitter oder sogar Naegel (von den Teekisten) in ihren Teetueten entdeckt hatten. Schlechte Qualitaet oder mit Salzwasser durchnaesster Tee wurde an Billig- Teefirmen verkauft (da nenne ich lieber keine Namen).

Aber ich wurde Teetrinker auf englische Art, ohne Milch und Zucker. Einem guten “friesischen” Tee mit Rum und Kandis-Zucker waren wir danach jedoch niemals abgeneigt. Auch wenn wir heutzutage nur relativ wenig Tee trinken (am liebsten “Earl Grey”), enthaelt unser Teeschrank noch immer etwa 30 Teesorten, unter anderem die chinesischen Pai Mu Tan, Fujian Oolong und Gunpowder, sowie eine Mischung der georgischen Adjala, Samegredo und Imereti Sorten. Dazu viele Kraeuter-Tees fuer diverse gesundheitliche Zwecke.

Aber dieses ist ein Beitrag ueber Kaffee. Ueber Tee kann man wohl noch weit mehr schreiben, denn Tee ist bereits beinahe 5,000 Jahre bekannt.

Eine kleine Kaffee-Geschichte:

Der Kaffee kam aus Arabien zu uns. Dort wurden etwa im Jahre 1100 die ersten Kaffee-Baeume gepflanzt, die Kerne geroestet, zerdrueckt und als “quahwa” gekocht. Das erste “Kaffee-Haus” wurde in Konstantinopel eroeffnet. Etwa um 1600 spaeter erschien der Kaffee in Sued-Europa, und das erste “Kaffee-Haus” wurde in Venedig in 1604 eroeffnet.

Nur wenige Jahre spaeter, in 1607, wurde der Kaffee von Captain John Smith nach Nord-Amerika gebracht. In Kanada war er bereits bekannt bei den englischen Siedlern, aber er wurde erst seit 1716 “offiziell” von der Hudson Bay Company importiert und verkauft.

England sah sein erstes “Coffee House” in 1652. Dort wurde auch der Begriff “TIPS” (Trinkgeld) erfunden. Er bedeutet “To Insure Prompt Service”. Wer eine Muenze in eine Tasse warf, bekam einen besseren Tisch und wurde schneller bedient.

Das erste Pariser “Café” kam in 1672, in Wien in 1683, in Berlin erst in 1721, in Rom in 1750. Wenige Jahre spaeter gab es in Venedig bereits etwa 200 Kaffee-Haeuser.

In Amerika wurde der Kaffee in 1723 zuerst auf der franzoesischen Insel Martinique angebaut. 50 Jahre spaeter wuchsen dort bereits 1920 Millionen Kaffee-Pflanzen. Brasilien folgte Martinique in 1727, mit eingeschmuggelten Pflanzen.

Um 1900 wurde der “Kaffe-Klatsch” in Deutschland populaer. In 1905 wird in Italien die erste Espresso-Maschine verkauft. Drei Jahre spaeter erfand die Dresdenerin Melitta Bentz den Kaffee-Filter, nachdem sie mit dem Loeschpapier in den Schulbuechern ihrer Kinder experimentierte. Im selben Jahr gruendeten sie und ihr Mann die Firma Melitta.
Filtertueten wurden erst in 1937 von Melitta eingefuehrt. Melitta Kaffee und Filter-Tueten gibt es heute in fast allen Supermarkets in Kanada.

Peter Iden

Brampton, Ontario, Canada.

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3 Kommentare

Stepanow 10. Januar 2011 - 22:16

Hier ein Zitat aus wikipedia:

„On 28 September 2009, Tim Hortons Inc. announced it had completed the reorganization of its corporate structure to become a Canadian public company“

Aber sie haben recht, Hortons ist auch in den Staaten an der Börse notiert und die AMis haben noch bedeutende Anteile am Unternehmen!

Antworten
Peter Iden 9. Januar 2011 - 21:19

Leider nicht. Tim Hortons ist eine US-registrierte und US-geeignete Firma, die in 2009 ihr Hauptquartier aus Steuergruenden nach Kanada verlegte und dadurch nun als „kanadische“ Firma angesehen wird. Das ist usus fuer viele US-Firmen, auch fuer kanadische Firmen, welche von US-Firmen gekauft wurden. Corporate Taxes sind in den USA doppelt so hoch wie in Kanada.
Beste Gruesse,
Peter Iden.
http://www.canada.com/business/fp/Hortons+move+signals+Canada+growing+appeal/1744591/story.html

Antworten
Stepanow 9. Januar 2011 - 17:02

Hallo,

vielen Dank für den sehr informativen Artikel! Allerdings ist Tim Hortons, dass einige Jahre zu Wendys aus den USA gehört intwischen wieder komplett in kanadischer Hand!

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