Winter in Kanada

von Peter Iden

Kanada - WinterUm es gleich voraus zu nehmen: Kanada ist das schneereichste Land der Welt. Global gesehen macht Schnee etwa 5% des gesamten Niederschlags der Welt aus. In Kanada sind es 36%.

In den Prairie-Provinzen ist die Schneeschmelze mit 80% lebenswichtig fuer die Stroeme und die “sloughs”, die Nistplaetze der Wasservoegel. In Saskatchewan sind es 80 bis 85%, mit Schneefall von bis zu 48% des jaehrlichen Niederschlags.

Die Gletscher der “Western Cordillera” (der korrekte Name der Kuestenberge und der Rocky Mountains) haben insofern einen Einfluss auf das kanadische Wetter, indem sie den warmen, feuchten Pazifik-Winden den Schnee entlocken. Dieser wird ueber viele Jahrtausende durch die jaehrlich hohen Schneefaelle zu Eis komprimiert. Gletscher haben ihr eigenes Mikro-Klima, aber der nun feuchtigkeitsarme “Down-Wind” fuehrt oft zu den “Chinooks” auf der Inland-Seite der Berge (siehe weiter unten).

Das Wetter ist eines der kompliziertesten Themen der Welt, und waehrend Regierungen Milliarden ueber Milliarden ausgeben, um das Wetter auf den verschiedenen Planeten zu erforschen, koennen die Wissenschaftler die Eigenheiten des irdischen Wetters noch immer nicht korrekt deuten oder vorhersagen. In einem riesigen Land wie Kanada, mit seinen diversen Landschaften und geographischen sowie geologischen Unterschieden ist eine genaue regionale Wetter-Vorhersage eine theoretische Unmoeglichkeit mit einem nur etwa 50/50 Erfolg.

Die sogenannten “Klima-Experten” sind heute durchgehend politisch orientiert und Stipendien-hungrig oder eben nur an hohen Einkuenften fuer ihre Auftritte und Buecher interessiert. Im Fall des Klima-Propheten Al Gore faellt dieses sogar alles unter einen Hut. Dazu das folgende interessante Video:

http://www.youtube.com/watch?v=QECr4ksKNZ0

Die “grossen” Wetter-Systeme lassen sich zwar besser verfolgen als die kleinen regionalen Konditionen. Wir wissen, dass sie sich vom Westen zum Osten ueber ganz Kanada verbreiten. Wir wissen auch, dass z.B. unser Wetter in Sued-Ontario im mittleren Westen der USA zusammengebraut wird. Wir wissen, dass der “Jetstream” sich dauernd von Norden nach Sueden und umgekehrt verschiebt, und dass er die Grenze zwischen kaltem und warmem Wetter bestimmt. Wir wissen ebenso, dass die Grossen Seen einen gewaltigen Einfluss auf das Wetter im Osten des Landes haben. Aber was sich wann, wie und wo innerhalb der grossen Wetter-Systeme durch oft nur minimale Schwankungen dieser Komponenten ploetzlich radikal veraendert und Naturkatastrophen ausloest, ist kaum bekannt.

Schnee faellt in vielen suedlichen Gegenden in Kanada von etwa Mitte November bis Ende Maerz, oft noch bis Mitte April. In den Rocky Mountains laeuft die Ski-Saison durchgehend bis in den Mai. Natuerlich gibt es viele regionale Unterschiede, bedingt durch die Praesenz groesserer Wassermassen, wie z.B. die Grossen Seen. In den weiter noerdlich gelegenen Gebieten ist praktisch 6 Monate lang Winter mit Schnee. Ueber den sogenannten “Lake Effect” (im Winter die “Snow Belts”) hatte ich bereits vorher geschrieben.

https://www.kanadaspezialist.com/2010/02/15/kanada-snowbelts-grosse-seen/1882/

Die Ansammlungen von Schnee in den Rockies und den Coastal Mountains gehoeren zu den hoechsten der Welt. Schneetiefen von 2,500 cm sind nicht selten, mit einem Rekord von 2,900 cm in 1998-99. In einigen Ortschaften in den Snow Belts der Grossen Seen werden nicht selten Schneefaelle bis 900 cm waehrend eines Winters gemessen. Der deutsche Rekord war in 1944 auf der Zugspitze mit 830 cm Schneedecke.

Die gewoehnlich kurzzeitlich waermeren Temperaturen (oft mit Regen), welche meistens waehrend der ersten drei Monate des Jahres mehrere Tage andauern, haben natuerlich einen Einfluss auf die verbleibende Schneedecke im Sueden des Landes. Der Winter von 2009-2010 war ein relativ “warmer” Winter in Kanada, der waermste und trockenste seit 1978. Der kaelteste kanadische Winter der letzten 50 Jahre war 1971-1972.

Viel Schnee ist allerdings kein Anzeichen fuer einen “harten” Winter. Waermere Luft haelt mehr Feuchtigkeit als kalte. Die Medien lieben die Begriffe “El Nino” und “La Nina”. Realistisch gesehen ist El Nino eine relativ minimale Erwaermung des Wassers im Pazifik, La Nina eine genau so relativ minimale Abkuehlung, basiert auf den Winden, Stroemungen und Aufwellungen des Wassers im Ozean. Minimale Schwankungen fuer unsere Begriffe (1,5 bis 2,5 Grad), aber weitreichend im Schema des Wetters. Waermeres Wasser gibt mehr Feuchtigkeit an die Luft ab, die irgendwann als Regen oder Schnee wieder abgegeben wird. Die Ueberflutungen der letzten Wochen in den Maritimes sowie der danach starke Schneefall an der atlantischen Ostkueste sind Anzeichen dafuer.

Ob oder wie sich der Effekt dieser pazifischen Wasser-Temperaturen auf das Wetter in Europa auswirkt, ist nur beschraenkt bekannt. Bekannt ist aber, dass der von Westen nach Osten fliessende “Jetstream” sich auf das Wetter der noerdlichen Welt auswirkt, und dass die Wetter-Fronten in Europa generell vom Westen ueber den Atlantik einziehen. Dieser wiederum gibt Feuchtigkeit an die Fronten ab, die sich dann als Regen oder Schnee in Europa aeussern. Bekannt ist aber auch, dass sich in El Nino Jahren weniger Orkane und Tropische Stuerme vor Afrika formieren, jedoch mehr Taifune und Ueberschwemmungen in den Pazifischen Regionen.

http://www.pmel.noaa.gov/tao/elnino/faq.html#what

Chinooks, Clippers, Screamers and Maulers

Ein “Chinook” passiert wenn warme, feuchte Luft vom Pazifik ueber die kanadischen Kuestenberge aufsteigt, ihre Feuchtigkeit als Regen oder Schnee an der Westseite der Berge zurueck laesst und dann als trockener Wind an der Ostseite der Berge herunter gleitet. Der Effekt ist ungefaehr derselbe wie der des Foehns auf der Nordseite der Alpen in Europa. Die damit verbundenen relativ schnellen Temperatur-Anstiege sowie starke Luftdruck-Schwankungen werden von vielen Menschen als nicht sehr angenehm empfunden. Temperatur-Anstiege auf etwa plus 10 Grad im Mittwinter kommen jedes Jahr in Alberta vor.

Der “Foehn” ist ein weltweites Wetter-Phaenomen mit zahlreichen Namen. In Kalifornien nennt man es “Santa Ana”, in Hawaii “Kona”, in Frankreich “Vent du Midi”, in Neuseeland “Canterbury Northwester”. Verwandte Winde, jedoch mit einer Flachland- Herkunft, sind der “Mistral” in Suedeuropa, der “Scirocco” in Nordafrika und Mittelmeer-Europa, der “Zonda” in Argentinien, und der “Brickfielder” in Australien.

http://www.weatheronline.co.uk/reports/wind/

Der warme, trockene Luftstrom trifft im Osten Alberta’s sowie in Saskatchewan und Manitoba auf die vorwiegend kalten Winter-Luftmassen und loest dort Winterstuerme aus, welche sich oft in Zentral- und Ost-Nordamerika sehr stark bemerkbar machen. Ein “Alberta Clipper” kann die Temperatur in wenigen Stunden um 15 Grad oder mehr herunter druecken. Starke Winde bringen “windchill factors” von minus 30 bis minus 45 Grad mit sich.

Generell sind “Alberta Clippers” (in Saskatchewan “Screamers”, in Manitoba “Maulers” genannt) trockene, kalte Winde. Grosse Schneefaelle bringen sie meistens nicht. Sobald sie aber die relativ warmen Gewaesser der Grossen Seen erreichen, saugen sie enorme Mengen Feuchtigkeit auf, welche sie dann in den “snowbelts” deponieren. Einige der “Clippers” erreichen den Atlantik, saugen weitere Feuchtigkeit auf und deponieren diese dann von Neu-England bis weiter suedwaerts als Regen, in diesem Jahr sogar als Schnee bis nach South Carolina und Georgia – die erste weisse Weihnacht dort seit 130 Jahren.

Kanadische Schneesturm-Begriffe

“Snowstorms” sind praktisch alle Schneefaelle, welche den normalen Schneefall in einer bestimmten Gegend uebertreffen. Mit oder ohne Wind, ein Schneefall von 1,5 Meter, wie Mitte Dezember 2010 in Sued-Ontario, ist ein “Snowstorm”. Ein Schneefall von 10 bis 30 cm ist kein Schneesturm in Kanada, sondern eher die Norm. Normalerweise koennen die nordamerikanischen Flugplaetze, Bahnlinien, Buslinien usw. Schneefaelle von 30 bis 50 cm bewaeltigen, ausser wenn sie, wie so oft, von hohen Winden begleitet werden. Dann werden einige der Flughaefen und Highways total geschlossen. Die europaeischen Flughaefen koennen nicht einmal 10 cm Schnee verkraften, geschweige denn 30 cm.

In Europa dagegen loesen solche hohen Schneemengen grosse Probleme aus. Die Menschen, die Autofahrer, die Strassen, die Eisenbahnen oder die Flughaefen sind nicht auf sie eingestellt. Die Strassenmeistereien haben kein Salz mehr. 60 Menschen starben bisher in Europa an den Folgen des Schneefalls und der Kaelte. Der grosse Weihnachts-Blizzard an der Ostkueste forderte nur 5 Menschenleben.

“Blizzards” passieren praktisch unter zwei Umstaenden, mit Wind-Geschwindigkeiten von 35 bis 70 km/h oder mehr. “Ground Blizzards” benoetigen keinen Schneefall, sondern heben den bereits gefallenen Schnee auf und blasen ihn ueber die Landschaft und die Strassen. “Snowstorm Blizzards” resultieren durch starken Schneefall, der von starken Winden ebenso weiter gewirbelt wird. Sie sind oft relativ kurzzeitig, koennen jedoch auch mehrere Stunden dauern.

“Snowsqualls” sind kurze, intensive Schneefaelle, welche die Sicht oft auf nur wenige Meter beschraenken. Wind ist nicht unbedingt ein Faktor. “Whiteouts” sind allerdings mit oder ohne Wind eine Gefahr fuer Autofahrer. Auf einer unserer Ski-Ausfluege nahe Collingwood war der Schneefall auch ohne Wind so dicht, dass wir nicht die Seiten der Strasse sehen konnten. Die Sicht waehrend “Whiteouts” ist extrem begrenzt, und machen eine Reaktion auf Gefahren-Situationen praktisch unmoeglich.

Ein “Cold Spell” bezieht sich auf Situationen, in denen die Temperatur mehrere Tage lang sehr niedrig liegt, oft bei minus 25 bis minus 30 Grad. Absolut nicht selten in Kanada. 1947 war eines der kaeltesten Jahre in Kanada, mit minus 62,2 Grad in Mayo im Yukon, minus 50,6 Grad in Fort McMurray, BC.

Die kaeltesten Staedte in Kanada liegen im Westen: Saskatoon, Regina, Edmonton, Calgary und Winnipeg mit minus 45 bis 50 Grad. Winnipeg hat die Ehre der meisten Tage unter Null Grad: 117 im Jahr. Kein Wunder, dass die meisten Autos in Winnipeg Anschluesse fuer Motor-Waermer haben.

Dann ist da die Frage, die von Europaern oft gestellt wird: “Warum lassen viele Kanadier ihre Auto-Motore im Winter so lange laufen?” Well, wer sich einmal bei minus 25 Grad in ein eiskaltes Auto gesetzt hat, weiss warum. Wer sein Auto aus dem Stand bei derselben Temperatur sofort anwirft und faehrt, kennt ebenso die Antwort. Auch ein Grund, warum Diesel-Motoren in Kanada weit weniger populaer sind als Benzin-Motoren.

“Hurricanes” (Orkane) und “Tropical Storms” (Tropische Stuerme) formieren sich vom Juni bis November im Atlantik vor Nord-Afrika. Sie sind selten in Kanada, aber ihre Auswirkungen bringen warme, feuchte und sehr drueckende Temperaturen aus dem Golf von Mexiko in unsere Region. “Tornadoes” passieren oefter, hauptsaechlich im Fruehling im Mittleren Westen der USA, auch in Sued-Kanada (besonders in Sued-Ontario), haben aber keinen Einfluss auf unser Winter-Wetter.

Peter Iden

Brampton, Ontario, Canada

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