Haida Gwaii – das Galapagos von Kanada

von Peter Iden

Kanada - Haida GwaiiDer Name “Haida Gwaii” ist seit 1994 in mein Gehirn eingebrannt. Wir besuchten damals zum ersten Mal Vanvouver Island, und fuhren von Tofino aus mit dem indianischen Wasser-Taxi zu der Insel Meares Island, die im Territorium der Nuu-chah-nulth Indianer liegt (auch “Nootka” genannt), eine aus 13 “First Nations” bestehende Indianer-Gruppe des Pazifischen Westens, die saemtlich auf Vancouver Island leben. Vor unserem Haus waechst seitdem eine Nootka Zypresse (Callitropsis nootkatensis), heute bereits vier Meter hoch. Dieser Nadelbaum wurde zuerst auf Vancouver Island, dem Land der Nootka gefunden.

Einen Tag verbrachten wir auf Salt Spring Island, eine der “Gulf Islands”, welche vor Vancouver Island in der Strait of Georgia liegen. Der Name des Haupt-Ortes auf Salt Spring Island ist “Ganges”, bezeichnend fuer die Menschen, die dort leben. Abgesehen von dem Natur-Maler Robert Bateman und einigen anderen bekannten Kuenstlern sind es meistens “Hippies”, die ihre Handarbeiten auf dem Markt in Ganges verkaufen.

Dort trafen wir Peter Prince, ein junger Volks-Musiker und Film-Produzent, der in 1985 auf die Insel zog, weil er dort zahlreiche Gleichgesinnte gefunden hatte. Auf seiner ersten CD “Sea of Dreams” singt er von den “grossen gruenen Grossvaetern” der Haida Gwai, die gewaltigen Nadelbaeume, welche von den Holzfirmen getoetet wurden (“Thunderbird”). Sein Lied “Haida Warrior” ist der Jugend gewidmet, die in den verschiedenen “Camps Rediscovery” die eingeborenen Gebraeuche und Geschichten wieder entdecken. In der Zwischenzeit hat Peter Prince vier weitere CD’s herausgebracht, saemtlich im Stil der 1950-1960’er Jahre, angenehme Melodien und Texte, die irgendwie an Jimmy Buffett erinnern. Ebenso produzierte er dort mehrere Dokumentar-Filme, die allerdings kaum in Kanada bekannt sind.

http://www.peterprince.com/music/dreams/one.html

http://www.youtube.com/user/dzongbird

Die Namen “Haida Gwaii” und “Gwaii Haanas” haben selbst fuer Kanadier einen gewissen Klang, der die Sehnsucht weckt, sie einmal zu besuchen. Aber fuer nur wenige Kanadier wird es wahr, denn es dauert sehr lange, sie zu erreichen. Ich gebe zu, dass wir es auch noch nicht geschafft haben. Ich schreibe eigentlich nie ueber Plaetze, die ich nicht besucht habe oder ueber Themen, mit denen ich nicht wirklich total familiaer bin. Aber der Entschluss Haida Gwaii zu besuchen reift in mir, seit wir vor etwa zwei Jahren einen neuen Schwiegersohn bekamen, der viele Jahre dort lebte und sehr enge familiaere Verbindungen und Informationen zu den Haida hat. Und dann ist da natuerlich noch das Internet.

Eine kurze Anmerkung: Dieser Beitrag enthaelt 6 Videos. Ich habe sie aus Dutzenden in YouTube und Truveo ausgesucht, weil sie die Landschaft und die Natur-Attraktionen von Haida Gwaii bestens illustrieren. Bilder und Videos sind besser dazu geeignet, diese zu zeigen, als es Worte koennen.

Haida Gwaii in der Haida-Sprache heisst “Inseln der Wunder”, aber auch “Inseln der Menschen”. Die Haida-Legenden besagen, dass die Welt hier ihren Anfang hatte. Urspruenglich war der Name “Xhaaidlagha Gwaayaai” (Inseln am Ende der Welt), aber wie bei allen nordamerikanischen Indianerstaemmen gab es bis zum Ende des 20. Jahrhundert kein formelles Alphabet, und der Name wurde auf “Haida Gwaii” gekuerzt.

Es ist eine aus mehr als 200 grossen und kleinen Inseln bestehende Inselgruppe, etwa 300 km lang und bis 100 km breit, ungefaehr 100 Kilometer von der Festlandkueste von British Columbia, deren noerdlichster Punkt auf der Hoehe von Prince Rupert und beinahe an der Suedgrenze von Alaska liegt. Von Vancouver sind es 720 Kilometer. Die meisten der Inseln sind unbewohnt und unerforscht, und die heute etwa 5,000 Einwohner leben hauptsaechlich auf den beiden groessten Inseln, Graham und Moresby.

http://www.gohaidagwaii.ca/

http://www.truveo.com/tag/Gwaii

Haida Gwaii liegt am Rand des “Continental Shelf” von Nord-Amerika – dem “Ende der Welt” in den Haida-Legenden. Hier ist der Pazifik 3,000 Meter tief, die Berge der San Cristoval Mountains 1,000 Meter hoch. Die Westkueste ist felsig und ungeschuetzt. Die staerksten Winde und die hoechsten Wellen an der kanadischen Westkueste wurden hier gemessen. Der jaehrliche Regenfall liegt bei 4 Meter. Erdbeben sind nicht selten, wiel die Inseln auf drei seismischen Grenzzonen liegen, welche sie sehr anfaellig fuer Erdbeben machen. Das jemals staerkste Erdbeben in Kanada (8.1 auf der Richter-Skala) wurde in 1949 auf den Queen Charlotte Islands gemessen. Es gab keine Menschenopfer, weil es dort eben nicht viele Menschen gibt.

Graham Island hat nur eine Strasse, die sich etwa 115 km von Skidegate nach Masset erstreckt. Es lohnt sich also kaum, ein Auto auf der Faehre mitzunehmen. Das Haupt-Verkehrsmittel ist das Boot, und von den wenigen Ortschaften kann man Touren zur Wal-Beobachtung oder nach Gwaii Haanas (der South Moresby National Park Reserve) sowie der Haida Heritage Site auf dem suedlichen Teil von Moresby Island unternehmen.

Wie kommt man nach Haida Gwaii?

Am besten auf dem Seeweg, und zwar von Port Hardy (Bear Cove) an der Nordspitze von Vancouver Island nach Prince Rupert durch die einmalig schoene “Inland Passage” zwischen dem Festland von BC und den davor liegenden Inseln. Eine Lebens-Erfahrung fuer sich selbst, wie mir unser Schwiegersohn versicherte. Die Fahrt dauert 15 bis 16 Stunden und kostet $ 170 ($ 114) Dazu kommt die Faehre von Prince Rupert nach Skidegate ($ 39). Senioren zahlen weniger. Diese Fahrt dauert 7 bis 8 Stunden.

Also muss man schon mit 22 bis 24 Stunden Anfahrtszeit auf dem Wasser rechnen. Nicht vergessen darf man auch, dass man zuerst einmal von Vancouver mit der Faehre hinueber zum Vancouver Island fahren muss, um dann die etwa 390 km von Nanaimo bis Port Hardy/Bear Cove zu schaffen (von Victoria noch 111 km extra). Wer in Kanada reist, muss sich mit diesen Entfernungen abfinden. Unterkuenfte wie Motels, Bed & Breakfast,
Fishing Lodges usw. sind zahlreich in dem Natur- und Angler-Paradies Haida Gwaii.

http://www.bcferries.com/fares/

http://www.britishcolumbia.com/regions/towns/?townID=3958

http://www.members.shaw.ca/lumpot/index-coast.htm

Air Canada fliegt im Sommer zweimal taeglich von Vancouver nach Sandspit, Pacific Coastal Airlines fliegt taeglich von Vancouver nach Massett, und North Pacific Seaplanes fliegen zweimal taeglich von Prince Rupert nach Massett und Sandspit.

http://www.aircanada.com/en/home.html

http://www.pacific-coastal.com/

http://www.northpacificseaplanes.com/

Die Haida Gwaii Inseln waren waehrend der Eiszeiten praktisch von Kanada isoliert. Der Golf und die Inland-Passagen sind teilweise mehr als 1,000 Meter tief und verhinderten dadurch die kilometer-dicke Eisschicht, die vor 12,000 bis 15,000 Jahren den Rest von Kanada bedeckte. Obwohl die geologische Aufmachung der Inseln etwa 200 Millionen Jahre alt ist, fanden sie ihre heutige geologische Position vor der Kueste des heutigen British Columbia erst vor etwa 20 Millionen Jahren.

Die Haida kamen vor etwa 13,000 Jahren aus Asien ueber die damalige Landbruecke zwischen Sibirien und Alaska nach dem heutigen British Columbia und entwickelten dort ihre Kultur, basiert auf dem Reichtum des Ozeans und ihrer neuen Heimat. Sie waren ausgezeichnete Seefahrer und betrieben Handel mit verschiedenen Staemmen auf anderen Inseln und dem Festland.

Der spanische Eroberer Juan Perez fand die Inseln in 1774, handelte mit einigen der Haida, aber ging niemals an Land und hisste auch nicht die spanische Flagge, um die Insel(n) als “Spanisches Eigentum” zu proklamieren. Das machte der britische Kapitaen George Dixon in 1787 und nannte sie “Queen Charlotte Islands” nach seinem Schiff, der “Queen Charlotte”.

Pelzhaendler folgten etwa zehn Jahre spaeter und waren die einzigen Besucher waehrend der naechsten 100 Jahre, mit katastrophalen Auswirkungen auf die Eingeborenen. Mit ihnen kamen Krankheiten wie Pocken und Tuberkulose, gegen die die Haida nicht immun waren. In wenigen Jahrzehnten wurden die Staemme durch Massensterben dezimiert. Von den schaetzungsweise etwa 10,000 bis 14,000 Haida ueberlebten weniger als 700. Die alten Siedlungen wurden verlassen und fast alle Siedungen ausser Old Massett und Skidegate wurden aufgegeben.

Inzwischen jedoch, wie im Rest von Kanada mit dem Biber, wurden die Queen Charlotte Islands beruehmt fuer ihre See-Otter-Felle. In wenigen Jahren wurden diese possierlichen Tiere fast total ausgerottet. Die Haeuptlinge und ihe Staemme wurden reich, sie bauten zeremonielle “Longhouses”, errichteten enorme Totempfaehle, hielten riesige “Potlatches”, Feste bei denen reichliche Geschenke zwischen den Staemmen ausgetauscht wurden.

Nach dem 1. Weltkrieg wurden ehemaligen Soldaten sowie Agrar-Einwanderern Land auf den Queen Charlotte Islands garantiert, aber wegen der Abgelegenheit der Inseln gaben die meisten Bauern das Farmen nach wenigen Jahren auf. Fischerei war erfolgreicher, und die Inseln waren viele Jahre lang eine Hauptquelle fuer Fische fuer das Festland. Viele der Haida wurden erfolgreiche Fischer. Andere wiederum widmeten sich dem Abbau der Zedern-, Tannen- und Fichten-Waelder (die gruenen Grossvaeter der Haida), um den weltweiten Bedarf fuer ihr Holz zu decken. Haida Gwaii ist fuer seinen Fischreichtum bekannt und wird jaehrlich von vielen Sportfischern besucht.

Heute gibt es etwa 2,200 Haida in Kanada und Alaska. Nur etwa drei bis vier Dutzend der noch lebenden, saemtlich ueber 70 Jahre alten Haida sprechen ihre Sprache 100% fluessig. Die Haida-Sprache ist verwandt mit den Tlingit und Tsimshian Sprachen der kanadischen Westkueste und Alaska. Seit 2005 gibt es ein Woerterbuch der vom Aussterben bedrohten Haida-Sprache. Die “Haida Nation” hat seit 2003 ihre eigene Constitution. Im Dezember 2009 wurde “Queen Charlotte Island” offiziell auf “Haida Gwaii” umgetauft.

http://www.youtube.com/watch?v=gFu25szY3BI&feature=related

Was kann man also auf Haida Gwaai sehen?

Der Gwaii Haanas National-Park ist der erste, der in Kanada von den “First Nations” und der kanadischen Regierung gemeinsam verwaltet wird. Seine Entfernung von der Zivilisation macht ihn zu einem Erlebnis, das man nirgendwo anders in der Welt haben kann. In 2005 wurde Gwaii Haanas als bester Nationalpark in Nord-Amerika ernannt. Die Unesco machte die Sgaang Gwaay Insel bereits in 1981 zu einer “World Heritage Site”, eine Ehre die sich auf den am besten praeservierten Haida-Totems und “Longhouse” Nachbleibseln in ihrer urspruenglichen Umgebung beruht.

Wale, darunter auch die Orcas (“Killer Whales”), Raben, Lachse und Baeren sind unter den Tieren, die man dort sehen und beobachten kann. Wer viel Glueck und den richtigen Fuehrer hat, kann vielleicht auch den “Spirit Bear” (Ursus americanus kermodei) sehen, eine genetisch weisse Abart des Schwarzbaeren. Sehr selten in Gwaii Haanas, aber auf mehreren der abliegenden Inseln (z.B. Princess Royal Island und Gribbell Island) gut etabliert.

Wegen seines Tier-Reichtums – besonders dem ozeanischen – werden die Haida Gwaii Inseln oft das “Galapagos des Nord-Pazifik” bezeichnet. Am besten, wie ueberall an der Pazifischen Kueste, beobachtet man die Kreaturen und Landschaften auf einer Kayak-Tour; diese werden ueberall in Haida Gwaii angeboten:

http://www.youtube.com/watch?v=hQUU02i5Nv0&feature=related

Ein Besuch auf Haida Gwaii ist ein Schritt zurueck in die Geschichte und Vergangenheit von Kanada vor der Ankunft des Weissen Mannes. Fuer uns jedenfalls ist dieser Besuch jetzt sehr viel hoeher auf unserer Liste gerueckt.

http://www.queen-charlotte-islands-bc.com/travel_guide/8_gwaii_haanas_skedans_reef_island.php

http://www.nativeaccess.com/ancestral/totems_1.html

Peter Iden.
Brampton, Ontario, Canada

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