Wasser in Kanada – Teil 1

von Peter Iden
Wasser in Kanada - Lake Winnipeg

Wasser in Kanada – Lake Winnipeg

Das Land des Wassers.

Wasser ist ein Element, fuer das man sich in Kanada unbedingt auf eine oder die andere Weise interessieren muss. Schliesslich lebt ja fast jeder Bewohner des Landes nicht all zu weit von einem See, einem Fluss, oder selbst nur einem Bach entfernt. Allerdings haben wir als ehemalige Hamburger auch nicht weit vom Wasser gelebt, und sind daher schon von Geburt an eng mit ihm verbunden.

Meine Erfahrungen mit dem kanadischen Wasser (abgesehen von der langen Anfahrt auf dem Atlantik und dem St.Lorenz Strom) begannen fast sofort nach unserer Ankunft, und dehnten sich im Laufe der Jahre auf Kanu-Fahren, Segeln und letztlich auf Windsurfen aus. Wir haben die Gewaesser von Nord-Amerika erforscht, segelten auf dem Atlantic und in der Karibik, auf den Seen und Fluessen von Quebec bis British Clumbia, paddelten unser Kanu ueber die Seen und Fluesse von Ontario, und erforschten die Korallenriffe zahlreicher Laender in der Karibik. Wasser war und ist  unser Element.

Dass mir bestimmte Arten von Wasser nicht gerade an das Herz gewachsen sind, ist wahrscheinlich nur “Geschmacks- und Geruchs-bedingt“. Salzwasser z.B. interessiert mich nur, wenn ich obendrauf in einem Boot bin. Chloriniertes Wasser interessiert mich absolut nicht, weshalb man mich auch nur sehr selten in einem Swimmingpool findet. Auch unser Wasser zum Trinken und Kochen kommt aus einer Multi-Filter Umkehr-Osmose Maschine.

Kanadische Gewaesser dagegen mit ihrem Suesswasser sind eine Welt , in der ich mich am meisten zuhause fuehle. Aber auch in oder auf ihnen kann man Sachen erleben, die nicht in positiver Einnerung verbleiben. Hier nur einige Erfahrungen aus unseren Jahren in Kanada, dem “Land des Wassers”.

Orkan Hazel, Toronto, Oktober 1954.

Sozusagen als “Begruessung” ein halbes Jahr nach unserer Ankunft wurde uns die Macht des des Wetters und des Wassers mehr als graphisch demonstriert . Einer der toedlichsten Orkane aller Zeiten besuchte Kanada und hinterliess 89 Tote und Ueberschwemmungen in ganz Sued-Ontario. “Hazel” hatte bereits in Haiti etwa 1,000 Menschen und in den USA 95 Menschen auf dem Gewissen. Die meisten kanadischen Todesfaelle waren in Toronto, wo die Fluesse ganze Strassen mit saemtlichen Haeusern weg schwemmten.

Als Hazel uns erreichte, war es eigentlich kein Orkan mehr (die gibt es nur entlang der Meereskuesten), sondern ein sogenannter extra-tropischer “Zyklon”, aber die damaligen Medien blieben bei “Hurricane Hazel”. Der Name “Hazel” wurde, weil es bei den Namensgebern von Orkanen Aberglaube ist, seitdem nie wieder fuer einen Orkan benutzt. Allerdings wurde der Begriff  „Hurricane-Hazel“ etwas spaeter auf eine Person ubertragen.

„Hurricane Hazel“ McCallion ist die dynamische Buergermeisterin von Mississauga, heute ein Teil der „Greater Toronto Region“. Sie brachte es dazu, eine Ansammlung mehrerer kleiner „Doerfer“ im Westen der Stadt in 1974 als „City of  Mississauga“ zusammen zu fassen und zu der am schnellsten wachsenden Stadt in Kanada zu machen. „Pearson International Airport“, der groesste Flughafen des Landes, liegt in Mississauga, wo Mayor Hazel McCallion seit 1978 mit eiserner Hand regiert. Sie wurde am 21. Februar 2012 achtzig Jahre alt und ist immer noch ein „aktiver Orkan“ im weiteren Aufbau ihrer Stadt.

Meine Erinnerung an den Orkan Hazel stammt aus dem Einsatz als  einer von mehreren Hundert Volontaeren. Unsere Hauptaufgabe als Mitglieder einer “Rover Troupe” (Pfadfinder ueber 16 Jahre alt) war es, gefaehrdete Personen sowie Leichen entlang des Humber River aufzuspueren und ihren Fundort an die Rettungs-Mannschaften der kanadischen Armee weiter zu geben. Eine Erfahrung, die bei jeder Nachricht von einem Orkan immer wieder in den Vordergrund meiner Gedanken rueckt. Sie wird noch verstaerkt durch einen Orkan in Florida, sowie die Nachwirkungen eines Orkans in Puerto Rico, welche wir persoenlich miterlebten.

Don River, Toronto, 1965.

Ich arbeitete in meiner Freizeit 16 Jahre lang als Naturfuehrer (Naturalist) in den Parks von Toronto und Umgegend. Einer von diesen lag entlang des Don River. Dieser Fluss im Osten Torontos war zum Inbegriff der Verseuchung kanadischer Gewaesser geworden. Sein Wasser schillerte bereits seit vielen Jahren in allen moeglichen Farben durch die chemischen Abwaesser zahlreicher Industrien und Fabriken entlang seiner Ufer. Es floss langsam wie eine dicke Suppe, und ein grosser Teil dieser “Chemie-Suppe” fand ihren Weg direkt in den Ontario-See.

Die Fabriken produzierten Holz, Papier, Wolle, Ziegelsteine, Kleidung, Seife, Waschmittel, Metallsaerge, Whisky und viele andere Sachen. Alle fuehrten ihre mit Chemikalien ueberladenen Abwaesser direkt in den Fluss. Die Abwaesserungs-Anlagen am Auslauf des Don River waren veraltet. Die erste wurde in 1910 erbaut, und selbst die spaeter gebauten Anlagen waren ungenuegend fuer eine Stadt, die schon in 1965 bereits 2 Millionen Einwohner hatte.

In 1969 wurde der Don River offiziell als “tot” erklaert. Die Medien schrieben dazu “Endlich gab es eine Beerdigungs-Feier fuer den Don River. Nach dem verfaulte Geruch des Verstorbenen zu urteilen, haette dieser schon lange begraben werden muessen”.

Heute ist die 36,000 Hektar grosse Wasserscheide des Don River teilweise unter Naturschutz, zumindest in seinen oberen Gefilden. Die Fabriken sind abgerissen oder auf moderne “Lofts”(teure Apartment-Wohnungen) umgebaut worden. Aber 150 Jahre der Verschmutzung lassen sich nicht einfach umkehren.Das Wasser ist immer noch stark verschmutzt und die 1,5 Millionen Bewohner der Don River Wasserscheide tragen ihren Teil dazu bei, dass es mit der Genesung des einst toten Patienten nur langsam voran geht. Zahlreiche Probleme verbleiben und die Loesungen fuer diese scheitern heute oft an den mangelnden Finanzen der groessten Stadt Kanada’s.

Killarney Provinz-Park, Nord-Ontario, 1970.

Unser Kanu scheint auf der Oberflaeche des Lake George im Killarney Provinz-Park in Ontario zu schweben. Wir koennen den Boden des Sees 5 bis 8 Meter unter uns klar erkennen. Sicherlich das klarste, sauberste Wasser, welches wir jemals gesehen haben. Aber was ist das? Am Rande des Sees schweben grosse gruene, schwammaehnliche Gebilde durch das Wasser. Algen, welche die scheinbare Gesundheit des Wassers in Frage stellen.

Etwas spaeter hoeren wir, dass Lake George, wie viele Seen in dieser Gegend, durch Schwefel-Ausduenstungen der nahen Nickel-Minen in Sudbury bereits vor Jahrzehnten “gestorben” ist. Das Wasser enthaelt zu viel Schwefelsaeure. In ihm gibt es keine Fische, keine Vegetation, kein Leben ausser den Saeure liebenden gruenen Algen.

In Sudbury selbst gleich die Umgegend einer Mondlandschaft, eine leblose Wueste, in der die ehemals weissen Felsen durch die Schwefelduenste schwarz gefaerbt sind. Zwischen ihnen waechst nichts, kein einziger gruener Fleck ist zu finden.

Irgendwie erinnerte Sudbury mich an das Ruhrgebiet der 1950’er Jahre, als wir in 1952 mit unserer Pfadfindergruppe unsere Zelte im Nachtdunkel an einem rauschenden Baechlein aufschlugen und uns darueber freuten, so einen romantischen Zeltplatz gefunden zu haben. Unsere Freude endete abrupt am Morgen, als wir uns auf einer mit dickem Kohlenstaub bedeckten Wiese fanden. Absolut alles war schwarz, die Vegetation, die Wege, das Ufer des Baechleins, und das Wasser war braun.

Die Medien behaupteten, dass die “Mondlandschaft” von Sudbury der Grund war, warum die Astronauten hier in 1969 fuer den ersten Flug zum Mond als ein Teil ihrer Mission trainierten. Aber der Grund fuer ihr Training in Sudbury ist ein weit anderer. Die Stadt liegt im zweitgroessten Meteoriten-Krater der Welt (62km lang, 30km breit, 15km tief), und als solches war die Gegend in bestimmter Hinsicht der Krater-gespickten Oberflaeche des Mondes sehr aehnlich, zumindest in den Gegenden ohne Vegetation.

Heute ist sehr viel der ehemaligen Vegetation wieder vorhanden, aber nur Dank des groessten Schornsteins in der westlichen Welt, dem “Inco Super Smoke Stack”, der mit einer Hoehe von 380 Metern die Schwefelsaeure-Daempfe von Sudbury weit ueber Ontario verteilt. Das Wasser der Seen sowie die Landschaft nahe Sudbury hat sich erheblich erholt, aber nur auf Kosten der Luft und der Seen in anderen Teilen von Ontario.

Ontario-See, Toronto, 1985.

Mein Windglider gleitet ueber den Ontario-See im Osten der Stadt Toronto. Ich bin Teilnehmer an der Weltmeisterschaft der Windsurfer, einem Teil der World Masters Games fuer Senior-Sportler ueber 45 Jahre (nur nebenbei bemerkt, ich belegte Platz 13 in der Welt in meiner Gewichtsklasse mit 65 kg Gewicht, nach einem Sommer mit sehr intensivem Training und mehr als 60 Segeltagen).

Die Oberflaeche des grossen Ontario-Sees am Ausgang des Don River ist mit einer braunen “Suppe” bedeckt, zweifellos aus der unzulaenglichen Abwaesserung der Stadt in den See hinaus gespuelt. In den seichteren Teilen entlang der Kueste tummeln sich die Algen, und einige der Segler entsteigen dem Wasser mit algenbedecktem Koerper. Unsere Windglider-Bretter kommen total verschmutzt an das Regatta-Ziel.

Inzwischen haben zahlreiche Saeuberungs-Projekte, das Abwandern vieler industrieller Niederlassungen, neue Abwasser-Behandlungs-Anlagen und diverse biologische “Vergruenungen” des Flusses und des grossen Sees die einst unbehinderte Verschmutzung des Wassers zum groessten Teil gebremst, teilweise sogar stark verbessert. Aber die Grossen Seen, die mehr als ein Fuenftel des gesamten Frischwassers der Welt enthalten, und an deren Kuesten weit mehr als 30 Millionen Menschen leben, leiden noch immer an der durch diese Menschenballung verursachte Verschmutzung. Die einzige Grossstadt, die ihr filtriertes Wasser nicht wieder zurueck in die Grossen Seen leitet, ist Chicago. Diese Stadt pumpt taeglich beinahe 10 Milliarden Liter in die Mississippi-Wasserscheide, die ihre eigenen, teilweise sehr erheblichen Probleme hat.

Alberta, Sommer 2004.

“Ich trinke das sauberste Wasser der Welt, direct aus dem Gletscherfluss hinter meinem Haus” versicherte mir ein Schweizer Landwirt, der Kanada als seine Heimat waehlte. Er wollte den kanadischen Farmern in Alberta beibringen, wie sie ihr Land bearbeiten sollten. Dieser Versuch schlug fehl.

Die Auffassung, dass Gletscherwasser das sauberste der Welt ist, ist natuerlich genau so fehlerhaft wie die, dass Flaschen-Wasser total sauber ist. Schon die natuerliche Luftverschmutzung ueber Tausende von Jahren sorgt dafuer, dass sich in den Eismassen der Gletscher die chemisch angereicherte Asche von Vulkanen sowie andere luftgetragene Partikel natuerlicher sowie neuerdings menschlich geschaffener Luftverschmutzung ablagern. Wer jemals das Wasser am Fusse eines Gletschers gesehen hat, der weiss wovon ich rede, obwohl ein Teil der schmutzig braune Farbe wohl zum grossen Teil auf Schwemmsand zurueck zu fuehren ist.

Lake Winnipeg, Manitoba, 2012.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten hat der Lake Winnipeg Probleme mit der jaehrlichen Entwicklung von blaugruenen Algen, die durch einen Ueberfluss von Phosphor und Stickstoff (Nitrogen) gefoerdert werden. In den letzen Jahren mit ihren warmen Temperaturen ist das Problem scheinbar groesser geworden als jemals vorher. Lake Winnipeg wird heute als einer der am meisten verseuchten Seen in Kanada bezeichnet.

Die Gruende fuer die Entwicklung dieser Algenpest sind vielfach, aber einer der groessten ist die Entwicklung industrieller Farmen und Massen-Tierhaltungen (besonders Schweine) und der damit verbundene Anstieg im Gebrauch von chemischen Duenge- und Fuetterungs-Mitteln, von denen sich viele in dem See wieder finden.

Nicht wenig tragen ebenfalls die rapide wachsenden Gemeinden am See, mit ihren Abwaessern, Duengemitteln und Haushalts-Chemikalien, dazu bei. Lake Winnipeg ist ein sehr flacher See, und immer mehr der in der Filterung des Wassers aktiven Sumpflaender werden fuer landwirtschaftliche Zwecke trocken gelegt.

Zwar hat die Stadt Winnipeg vor wenigen Jahren ein utra-modernes Wasser-Filtrierwerk erbaut, aber das aendert kaum etwas an dem Zustand des Lake Winnipeg.

Der See ist heute in derselben schlechten Verfassung wie es die Grossen Seen in den 1960’er Jahren waren, und nicht viel wird getan, um ihn wie diese wieder einigermassen gesund zu pflegen. “Was sollte denn das”, sagen die Fischer, “der See hat doch immer noch genug Fische!”

Die kanadischen und provinzionellen Regierungen versuchen inzwischen, mit diversen Geld-Beihilfen und Projekten in der gewaltigen Wasserscheide des Lake Winnipeg (eine der groessten der Welt, mit dem See selbst als zehntgroesster Suesswasser-See der Welt) seine weitere Verseuchung zu vermeiden und zu reduzieren, aber es wird noch erhebliche Zeit vergehen, bevor sich positive Effekte zeigen.

http://www.pm.gc.ca/eng/media.asp?id=4931

http://www.climatechangeconnection.org/Impacts/Waterquality.htm

http://www.gov.mb.ca/waterstewardship/water_quality/lake_winnipeg/

Peter Iden,
Brampton, Ontario, Canada.

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1 Kommentar

Siegfried +Renate 30. Mai 2013 - 15:17

Sehr geehrter Herr Iden,
Auf der Suche nach einem Mückenabwehrmittel sind wir auf die „Kanadaspezialist“-Website gestoßen!!!
Mein Mann und ich sind seit 2012 „landed immigrants“, ebenfalls in Ontario,
und wären sehr dankbar,einige Informationen zu Zollangelegenheiten zu erhalten!!!
MfG.Siegfried+Renate

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