Über Ihr Englisch wird niemand lachen

von Roland Kiemle
3 mins read

 

Den „typischen Kanadier“ gibt es nicht. Man kann kaum von nationalen Charakterzügen sprechen: Grundsätzlich findet man eine größere Kontaktfreudigkeit, die auch Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft einschließt, die allerdings (wie auch in den USA) meist recht oberflächlich ist. Wegen der Sprache braucht man sich kein Kopfzerbrechen zu machen, wenn man wenigstens rudimentäres Umgangs-Englisch spricht.
Mit weit über einer Million Kanadiern deutschsprachiger Herkunft repräsentiert diese Gruppe nach den Anglo- und Frankokanadiern den drittstärksten Bevölkerungsanteil, wobei ich mir nicht sicher bin wie hoch mittlerweile der Anteil von Asiaten ist. Jedenfalls, wer erwartet, dass in den Straßen Deutsch gesprochen wird, der irrt sich gewaltig, denn keine Landsmannschaft assimiliert sich so schnell wie die deutsche. Während die Eltern noch Deutsch miteinander sprechen, reden die Kinder nur noch englisch. Hinzu kommt, dass die Klassifikation „deutsch“ immer noch einen negativen Beigeschmack zu haben scheint, während bayerisch, schweizerisch und österreichisch als durchaus positiv gelten.


Und damit wären wir bei der Sprache. Kanada ist bekanntermaßen zweisprachig. Doch weit gefehlt, wenn jemand mit französischen, doch ohne englische Sprachkenntnisse auskommen zu können glaubt. In BC und Alberta beispielsweise geht da gar nichts.
Die Kanadier haben zwar Hunderte von Millionen ausgegeben, um den Bundesangestellten die zweite Landessprache näherzubringen, doch nicht nur mir scheint es: Hätten sie das Geld in den Ottawa River geworfen, hätten sie es wenigstens plumpsen gehört.
Umgekehrt halten es die Quebecois mit der Einsprachigkeit – dort ist Französisch die allein seligmachende Sprache. Glücklicherweise beherrschen die meisten Leute, mit denen der Besucher in Kontakt kommt, auch das Englische und gebrauchen es wieder, nachdem in der Provinz Quebec das „francais seulement“ durchgesetzt wurde.
Auf dem flachen Quebec-Lande und mitunter auch in Montreal, wird der französisch sprechende Europäer allerdings erstmals staunend die Ohren aufsperren, bis er zwar eine ganz entfernte Ähnlichkeit mit der Sprache der Diplomaten und Verliebten erkennt, das „Joual“ aber noch lange nicht versteht. Ein Trost: Er wird wenigstens verstanden…
Ähnlich – wenn auch nicht ganz so schlimm – ist es mit dem Englischen auf Neufundland.
Aber wie sieht’s denn in Deutschland aus? Lassen wir doch mal umgekehrt einen Kanadier, der Deutsch gelernt hat (es soll ein paar geben, auch wenn ich noch keinen getroffen habe), an einen Ur-Bayern oder einen platt schnackenden Ostfriesen geraten.
Generell: Die Kanadier sind mit dem Problem vertraut, mit einem Menschen konfrontiert zu werden, der kaum oder nur schlecht Englisch spricht, und geben sich alle Mühe. Ohne zu lachen…

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4 Kommentare

Claudia 25. Oktober 2017 - 22:16

Ich hab mal eine interessant Grafik gesehen, die zeigt, dass in Manitoba (und ich denke auch in Saskatchewan) nach den offiziellen Sprachen die am meisten gesprochene Sprache ist. Kann aber auch sein, dass das Angaben zur sprachlichen Herkunft sind und in der Hinsicht hab ich die Erfahrung gemacht, dass “nur” weil jemand angibt einen deutschen/deutschsprachigen Migrationshintergrund zu haben, das noch lange nicht heißt, dass er/sie auch Deutsch spricht bzw. versteht.

Außerdem ist heute eine neue Statistik des Census 2016 veröffentlicht worden, dass Europa unter den Herkunftsregionen vom zweiten auf den dritten Platz (hinter Asien und Afrika) gerückt ist …. Auch wenn es sehr, sehr viele deutschsprachige EinwanderInnen gibt, gehen die/wir doch in der Masse eher unter. Kommt aber bestimmt auch drauf an, wo man sich niederlässt …

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Gary Kiemle 27. Oktober 2017 - 00:02

Ja, die Europäer machen nur noch 5% der Menschheit aus, wir sind die letzten unserer Spezie.

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Heidi Giebl 24. Oktober 2017 - 16:20

… das klingt doch sehr beruhigend … und die “Gelassenheit” macht doch gerade die Kanadier aus und macht sie so beliebt rund um den Globus …
Wir Deutsche tun uns da vielfach mit unserem Hang zum Perfektionismus viel schwerer …

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Falk 1. März 2016 - 14:13

Genau das ist es, was dieses Land so sympathisch macht (von der grandiosen Natur mal abgesehen). Freue mich schon, das alles demnächst wieder genießen zu können 😉

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