Unimog Abenteuer in Canada: Nova Scotia

von Stefan Dr. Kelbch

Stefan & Elke

Wer die Bücher von A.E. Johann gelesen hat, ist schon von der Sucht infiziert.
Schon in den 70er und 80er Jahren begann der Traum. Der Nordwesten und der Norden von Canada waren die Orte der Reisebegierde.
1983 wurde der Traum erstmals wahr. Als frisch gebackener Diplom- Physiker (Schwerionen- Atomphysik, ein Begriff mit dem nur ganz wenige Spezialisten etwas anfangen können), schickte mich die Universität für viele Monate in die USA, um komplizierte Experimente an US-Beschleunigern durchzuführen.
Das war die Gelegenheit.
Neben der Arbeit an verschiedensten Instituten in den USA, sollte auch ein erster Urlaub im Traumland Canada möglich werden.
Aber wie? Wie konnte ich mit meiner (frisch) Verlobten einigermaßen kostengünstig das Land bereisen?
Ein Auto ist in Nordamerika so nötig wie die Luft zum atmen, das musste sowieso her.
Motels?- zu teuer.


Wohnmobil mieten – viel zu teuer für die damalig knappe Kasse.
Die Lösung: ein gebrauchter Fullsize Pickup mit Hardtop wurde gekauft, Matratze, Schlafsäcke, Kühlbox und Gepäck auf die Ladefläche – fertig war das Minimal-Wohnmobil. Für weniger als 3000 $. Damit wurden erstmals British Columbia, Alberta, Yukon und Alaska bereist – ein Traum wurde wahr.

Dann kamen Hochzeit, Promotion, Job bei großer Chemiefirma, Hauskauf, Geburt eines Sohnes und Alltag. Der Traum aber blieb.

2008 dann erstmals wieder ein Urlaub in Canada mit Frau und Sohn im gemietetem Allrad Pickup-Camper. Yukon und Alaska waren die Ziele der viel zu kurzen 3 Wochen.

Weitere Jahre gingen vorbei, bis sich 2015 plötzlich die Möglichkeit eines finanziell attraktiven Angebots für den Vorruhestand der Firma bot. Der Sohn erwachsen, seine Ausbildung beendet. Meine Frau war bereit, mit mir in einem Wohnmobil auf Weltreise zu gehen (großer Fehler?). Wir haben dann Nägel mit Köpfen gemacht. Da wir das Offroad-Fahren als kleines Hobby betreiben (Jeep, Landrover) kam nur ein Allrad-Wohnmobil infrage. Und welches Fahrzeug ist für eine ultimative offroad performance besser geeignet, als ein Unimog? Zwei Wochen nach der Unterschrift auf dem Aufhebungsvertrag war das Basisfahrzeug erworben. Ein Unimog 1550L der belgischen Streitkräfte mit sage und schreibe nur 3845 km auf dem Tacho. Zustand wie gerade von Mercedes Benz ausgeliefert. Nicht ganz ein Jahr dauerte es, daraus ein Expeditionsmobil zu bauen, das den Namen „SUMO“ erhielt. Neben der technischen Aufrüstung des Fahrgestells (Leistungssteigerung, 2. Tank, Splittgetriebe, verstärkte Federn und noch vieles, vieles mehr, wurde die Leerkabine gebaut und dann mit dem Innenausbau begonnen. Genaue Planung und dauernde Kontrolle sorgten für einen (fast) reibungslosen Bau von „SUMO“. Der Name passt zum Erscheinungsbild und steht auch für „Stefans Uni MOg“. Im Oktober 2015 war er zu 95% fertig.

SUMO
Da wir als Alleinreisende mit dem Hang zu üblen Wegen und Tracks auch viel offroad unterwegs sein wollen, haben wir vorgesorgt:
Falls SUMO offroad doch mal stecken bleiben sollte (unwahrscheinlich), sind wir gerüstet:
– Allrad Antrieb, 50 cm Bodenfreiheit
– Differentialsperren Mitte, vorne, hinten
– Reifendruck-Kontrollsystem zum gleichzeitigen Ablassen oder Aufpumpen aller 4 Reifen
– 6 Sandbleche und ein Haufen Bergegurte, Schäkel, Umlenkrollen
– Highlift, Schaufel, Axt, Kettensäge
– und eine hydraulische 6 t Winde, die vorne oder hinten montiert werden kann.
Damit sollte es möglich sein, sich aus jeder Malaise selbst wieder zu befreien…
Auch unsere Pläne für die erste (Welt-) Reise von SUMO waren gediehen. Beginnen sollte sie mit 6 Monaten Canada. Die Verschiffung von Hamburg verlief problemlos.

NOVA SCOTIA

Am 5. Mai 2016 konnten wir SUMO aus dem kanadischen Zollbereich in Halifax, NS, gegen eine milde Gabe von C$ 150 auslösen. Wir hatten das Glück bei einer alten Freundin in Halifax für einige Tage bleiben zu können, die wir zum Umräumen, neu Verstauen und Verproviantieren benutzen. Eine Gasflasche wird gekauft und befüllt, wie auch alle Diesel-Tanks. Nun kann es los gehen. Wie es sich gehört ändert sich das Wetter von miesem Dauerregen seit unserer Ankunft kurz nach Abfahrt aus Halifax zum besseren. Die wenigen Nebelschwaden bei Peggys Cove (berühmter Leuchtturm, in der Nähe die Absturzstelle eines Flugzeugs der Swiss Air, Flug 111 von 1998) verziehen sich und die Sonne strahlt.
Weiter entlang wunderschöner Küstensträßchen bis nach Lunenburg. Die angefangene Nachbildung des einstmals schnellsten Segel“fischkutters“ der Welt, die Bluenose II, liegt hier, aber noch unfertig unter Planenabdeckung. Das Fischermuseum ist noch zu. Übernachtung auf dem fast verwaisten örtlichen Campground. Nach Rundgang durch das pittoreske Lunenburg, beschließen wir den (Mutter-) Tag bei Lobster im „Rum Runner Inn“. Teuer, aber empfehlenswert.
Unser Plan, einige Tage im Kejimkujik Nationalpark am See zu verbringen scheitert an der frühen Jahreszeit: wie so vieles andere ist auch der Park „closed for season“, Übernachtungen im Park sind noch nicht gestattet. Nun ja, ein Tagesbesuch tut es auch, wir werden mit der Begegnung mit einem Stachelschwein belohnt und lernen, dass Stachelschweine auf Bäume klettern können.
Am nächsten Tag geht es weiter nach Annapolis. Dort haben wir zunächst etwas Blumen berochen (auch die Frau muss zu ihrem Recht kommen), d.h. die historischen Gärten angesehen, danach dann die alte Festung Annapolis – natürlich „closed for season“. Beim deutschen Bäcker Brot und Teilchen gekauft und mit der sächsischen Bäckerin getratscht. Weiter zog es uns, immer die Küste entlang, zu einem schönen Stellplatz direkt am Meer.
Nun ist endlich Zeit, unseren Gasgrill umzubauen, damit wir ihn mit Coleman Gaspatronen betreiben können. Nach einem kleinen Malheur (Grill geht in Flammen auf), herausgefunden, dass der Adapter für die Coleman Patronen KEINEN Druckminderer enthält (obwohl er so aussieht). Also einen Druckminderer dazwischen gefummelt und schon können wir unserer Bratwürste schön grillen.
Wir hätten statt SUMO zu bauen, doch ein Standard Wohnmobil kaufen sollen.
So langsam fängt es an zu nerven… Sobald wir irgendwo den Motor abstellen und Menschen in der Nähe sind, werden wir umringt und angesprochen:
„What the heck is that?“,
„Never seen a truck like this one!“,“Wow! What a rigg!“
usw. usw. Man muss dann höflich etwas erzählen und kommt nicht von der Karre weg.
Am schlimmsten sind Supermarktparkplätze.
Wenigstens nachts hat man Ruhe.
Am nächsten Morgen fahren wir die Nordküste entlang nach Grand Pré, Unesco Weltkulturerbe, Zentrum für die Geschichte der Akadier – leider zu. Weiter an der Küste bis nach Burnt Head (Leuchtturm und Steilküste mit vorgelagerter Insel bei Ebbe). Der Tidenhub hier ist immens.
Es geht weiter entlang der Küste der Bay of Fundy. Rehe und Kaninchen kreuzen die Straße. Im Fischerdörfchen Arisaig zum Hafen gefahren (kleiner Leuchtturm) und just die Fischer beim Ausladen ihres Tagesfangs beobachtet. Eine Kiste Hummer nach der anderen wird entladen. Da sind ganz schöne Brummer dabei. Ein junger Fischer zeigt uns ein Foto eines blauen Hummers (ja die gibt es!), den er gestern gefangen hatte. Nach dem Ausladen der Hummer nimmt jedes Boot ein paar Kisten Köderfische für den nächsten Tag an Bord.

pic 2

Hummerfischer in Arisaig. Der hier sieht lecker aus…
Weiterfahrt bis zum nächsten Leuchtturm am Cap George mit grandioser Aussicht. Danach wieder auf den Trans-Canada Highway zum Damm nach Cape Breton Island (gehört zu NS). Auf dem Weg zum Cabot Trail kurz in einer Bäckerei Kaffee getrunken. Kurz vor Abfahrt kommt die Bäckerin raus und will den Disput der übrigen Gäste klären, was für ein Fahrzeug unser SUMO denn nun wäre… dann kommt die nächste Neugierige. Seufz, es wird nie aufhören… kaum steht man irgendwo, sammeln sich die Leute und sprechen uns an. Und wir antworten brav und höflich.
Ein Schild mit der Aufschrift „Pictures $ 1,00, Full Story $ 10“ an SUMO anzubringen, könnte tatsächlich Gold (bzw. $$$) wert sein…
Unterwegs kommen wir an einer Whisky Destillerie vorbei. Hier stellen sie den einzigen Single Malt Whisky in Canada her. Auf einer kleinen Tour besichtigen wir die Anlagen.
Nun fängt der Cabot Trail erst richtig an. Kurzer Stopp am Visitor Center und wir haben Tipps zu unseren geplanten Wanderungen. Es folgt ein Lookout am Straßenrand nach dem anderen. Bei Spitzenwetter bieten sich grandiose Aussichten während der Weiterfahrt. Die ersten Elche laufen uns über den Weg.
Am Skyline Trail packen wir die E-Bikes aus und fahren den Trail durch den Wald zu einem SUPER Aussichtspunkt. Dort Blick entlang der Küste und über das Meer.

pic 3
Blick vom Skyline trail
Sogar ein kleiner Wal zeigt sich kurz. Einer der nächsten Lookouts bietet wieder einen coolen Elch und diesmal deutsche Touristen, die uns ausfragen.
Am MacIntosh Brook wandern wir zu einem kleinen Wasserfall („Extreme Coyote Hazard“: es wird auf Schautafeln gezeigt, wie man den Coyoten mit einem Knüppel vertreiben soll… Wir haben so was von Angst ;-)).
Bald danach verlassen wir den Cabot Trail NP vorübergehend und fahren in den Norden von Cape Breton Island, nach Meat Cove (ehemaliger Walfänger Schlachtort, daher der Name). Dort finden wir einen Spitzenstellplatz hoch oben auf den Klippen mit 1000$-Aussicht, wo wir die Nacht verbringen – siehe Bild SUMO oben.
Gegen 6 Uhr bei schönstem Wetter aufgestanden und mit Bedauern den wunderschönen Stellplatz verlassen. Zurück im Cape Breton NP, ein Stopp an der Black Brook Beach zum Fotografieren. Noch immer Spitzenwetter. Ein Stück weiter besuchen wir den Warren Lake und wandern ein Stück. Kein Mensch hier. Der See ist umgeben von Hügeln und gibt ein typisches Bild von Canada ab.
Nun aber genug mit dem Cabot Trail, wir machen uns auf nach Sydney (NEIN, Sydney Nova Scotia!), um uns bei der Fähre nach Newfoundland vormerken zu lassen.
Unterwegs trübt es ein und kaum in North Sydney eingetroffen fängt es an zu regnen. Muß auch mal sein. Am Fährterminal haben wir dann das Schiff für morgen vormittag gebucht. Nach diversen Einkäufen machen wir uns auf Richtung Louisbourg (alte restaurierte französische Festung, die wichtigste historic site in Canada). Natürlich alles zu. Nicht mal nahe heran fahren können wir, dicke Schlagbäume versperren den Weg. Zu sehen ist auch nicht viel, weil es immer nebliger wird und der Regen zunimmt. Also umgedreht und zum nahe gelegenen Leuchturm von Louisbourg gefahren. Das Wetter wird immer ekliger.
Auf dem unterhalb gelegenen Picknickplatz richten wir uns für die Nacht ein.
Amnächsten Morgen früh aufgestanden, um rechtzeitig an der Fähre nach Newfoundland zu sein. Nach dem Frühstück wie üblich den SUMO gestartet, los gefahren. Nach 100m plötzlich Leistungsverlust, keine Gasannahme mehr, eine riesige Rauchwolke aus dem Auspuff und am Ende schlagen sogar Flammen aus dem Endrohr. Sofort Motor aus.
Das war’s dann. Kapitaler Motorschaden. Ende der Weltreise. Der Motor ist hin. Nichts mehr zu machen. Der Adrenalinspiegel steigt in ungeahnte Höhen.
Oh Mann. Schlimmer kann es nicht mehr kommen…
Die Rauchwolke hat sich verzogen.
Jetzt erst mal tief durchatmen und ein paar Minuten warten.
Szenarien und Kosten für den Rücktransport von SUMO gehen durch die Köpfe.
Aber man soll nichts unversucht lassen.
Nach 5 Minuten erneuter Startversuch:
Eine kurze dicke Wolke noch und SUMO läuft wieder wie eine Eins.
Eine ganze Steinlawine poltert von unseren Herzen.
Jetzt kommt mir ein fieser Verdacht in den Sinn:
Der letzte Stellplatz wurde gegen Abend (Samstag!) ziemlich oft von verschieden Fahrzeugen angefahren (Renzdevous-Parkplatz?). Die meisten drehten wieder um und fuhren davon. Wir störten wohl die geplanten Techtelmechtel. Aber irgendjemand hat uns letzte Nacht etwas in den Auspufftopf gesteckt, das kapitale Endrohr streckte sich dick und offen der Parkplatzseite entgegen. Das erklärt den Leistungsverlust und auch die Flammen, die aus dem Endrohr schlugen. Der Neustart hat dann die letzten Reste raus gefegt und SUMO lief wieder. Erinnerungen an ähnliche Teenager-Streiche in meiner Jugend kommen auf. Irgendwelche Lümmels aus Louisbourg haben uns ganz schön einen Schrecken eingejagt. Trotzdem haben wir nach kurzer Fahrt erst mal angehalten und den Motorölstand kontrolliert. Alles in Butter.
Die Fahrt zur Fähre verläuft problemlos, wir stellen uns in die Schlange und müssen die üblichen Fragen diverser Bewunderer beantworten. Die meist neblige Überfahrt war ruhig und wir konnten an Bord sogar heiß duschen.
(Nächstes Kapitel: Newfoundland & Labrador)

 

 

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5 Kommentare

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Frank 28. Mai 2020 - 04:14

Na das ist nen Benz, der geht so leicht nicht kaputt. Egal. Freue moich schon auf die off road Bilder. Dafuer wuerde das Teil doch eigentlich gebaut. Dreckig muss es sein.

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erwin 20. Januar 2018 - 22:07

ein solches Fahrzeug geht nicht kaputt, ist das Beste noch eine gute Reise

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erwin 20. Januar 2018 - 22:06

ein toller Bericht und ein solches Fahrzeug geht nicht kaputt

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Wolfgang 14. Juni 2016 - 18:17

Der Umbau der Bluenose II ist schon seit zwei Jahren segelfertig! Sie war allerdings „closed for season“ 😉 Ab 10.6. wieder besuchbar!

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Freddy 14. Juni 2016 - 09:52

Wow, sensationeller Bericht. Da kommt echt der Neid in mir hoch! Ich wünsche Euch noch viele tolle Stunden und Abenteuer mit SUMO 🙂

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