In Québec wo die Binsen wachsen (5) – Die Kartoffel

von Alexander Ausserstorfer

Streuner sah Gus im Garten werken.
“Was tust du da?”, fragte er.
“Ich pflanze Kartoffeln an.”
“Ihr Québecer spinnt. Warum kaufst du sie dir nicht einfach?”
“Ich will sie nicht kaufen. Ich möchte sie verkaufen.”
“Dann kauf sie halt billig ein und dreh sie teuer wieder ab. Wenn das jeder machen würde, würde jeder reich werden – und niemand müsste mehr arbeiten.”
Gus sah fragend auf.

Bemerkung: Bei den Leuten in Québec, wo ich damals war, herrschte ein besonderes Bewusstsein. Sie machten viel selber und produzierten auch ihre Nahrungsmittel zum großen Teil selbst. Gus hatte mir einmal erklärt, wie hart die Ankunft der ersten Siedler und Pioniere gewesen sein musste; sie hatten nach der Überfahrt nur noch einen kurzen Sommer, um sich winterfest zu machen. Es gab keine Gedanken daran, etwas zu kaufen – schließlich gab es ja keine Geschäfte. Geld schien für die Québecer daher eine eher untergeordnete Bedeutung zu haben. Viel entscheidender war, dass man sich gegenseitig half.

Und im Winter wurde teilweise wenig oder überhaupt nicht gearbeitet. Geld bedeutet ja eigentlich nur, dass sich die Menschen gegenseitig abhängig machen. Wer keine Leistungen eines anderen Menschen in Anspruch nimmt, der braucht auch kein Geld. Aber all diese Dinge habe ich erst im Laufe der Zeit lange nach meinem damaligen Québec-Aufenthalt gelernt. Schließlich wird einem in der Schule (in Deutschland) beigebracht, dass man 40 Stunden die Woche arbeiten und möglichst viel verdienen muss, um etwas für die Rente auf die Seite zu bringen. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, frage ich mich inzwischen aber schon. Denn es bedeutet auch, dass man viele Chancen im Leben vielleicht gar nie nutzen kann, weil man finanziell “angehängt” ist und nicht auskommt. Und wer eine längere Reise, z. B. mit dem Fahrrad, macht oder generell für eine längere Zeit ins Ausland geht, zahlt meistens seinen Preis dafür. So wie Heinz Stücke, der 52 (!) Jahre lang mit seinem Fahrrad unterwegs war. Er bekommt zwar keine Rente, hat aber wenigstens etwas von der Welt gesehen und viel erlebt. Gelebt.

In der Geschichte wird versucht, dieses Unverständnis zwischen zwei verschiedenen Kulturen aufzuzeigen.

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2 Kommentare

Erich Zehetner 23. Februar 2017 - 13:42

Bin begeistert von dem Artikel.
Lesen und nachdenken.

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Moni Ellerbeck 23. Februar 2017 - 10:52

Ďanke für die tolle Geschichte die so viel Wahrheit und Weisheit enthält.Tut mir leid und hoffe es ist ok das ich sie geteilt habe.

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