In Québec wo die Binsen wachsen (14) – der Habenichts

von Alexander Ausserstorfer

Bild (Alexander Ausserstorfer): Szene am Sankt-Lorenz-Strom

Regenbogenauge stand plötzlich am Waschbecken. Sie wusch ab.
Streuner blickte sie fragend an.
Das hatte sie noch nie getan. Es war auch nicht ihre Aufgabe.
„Warum tust du das?“
Er bemerkte, dass sie Tränen in den Augen hatte.
„Entschuldigung. Ich habe gerade etwas erlebt, das nicht schön gewesen ist.“
„Reg…“


Regenbogenauge redete plötzlich davon, dass sie es nicht leicht gehabt hatten, jeden Tag satt zu werden, bis der Chef bei ihnen in Kamouraska aufgetaucht war. Der Chef stammte vom gleichen Kontinent wie Streuner, lebte jedoch schon seit über zehn Jahren im Indianerland.
Streuner wunderte sich schon den ganzen Sommer über.
„Wo ist dein richtiger Vater?“, fragte er plötzlich.
„Er ist im Krieg gefangen und verschleppt worden. Keiner weiß, wo er ist und ob er überhaupt noch lebt.“ Sie war damals sechs Jahre alt.
Plötzlich stand Goldsternchen neben den beiden. Sie schickte Regenbogenauge hinüber in die Küche.
Regenbogenauge kehrte kurz später mit einem neuen Gehaltsscheck zurück. Sie reichte diesen Streuner.
Regenbogenauge wurde noch mehr verlegen. Sie hatte Streuner seit einigen Wochen zu zahlen vergessen gehabt.
Dann brach sie plötzlich in Tränen aus.
Streuner nahm sie in die Arme.
‚Immer dieses Scheißgeld‚, dachte er.
Sie drückte ihre Stirn gegen Streuners Schulter.
Die Chefin erschien. Sie sagte zu Regenbogenauge, sie solle sofort wieder in die Küche verschwinden.

Als Streuner am Nachmittag nach seinem üblichen Mittagsschlaf den Weinkeller verließ, stieg Regenbogenauge gerade vom Pferd.
Sie wollte zu Gus.
Der jedoch war in Québec City.
„Der ist nicht da.“
Streuner schob sie ins Zelt.
Außer den beiden war überhaupt niemand da.
Außer vielleicht ein Paar Mücken.
„Setz dich!“
Streuner und Regenbogenauge setzten sich gegenüber. Sie sahen sich eine Zeitlang still schweigend an.
Regenbogenauge sah in diesem Moment nicht besonders attraktiv aus. Ihre Augen waren ganz rot. Wie lange hatte sie geweint?
Außer dem Flattern der Zeltplane im Wind konnte man nichts hören.
„Weißt du“, unterbrach sie schließlich die Stille, „ich habe mich dieses Jahr von Haudrauf getrennt. Das war sehr schwierig gewesen, weil er alles für sich behalten wollte.“
Streuner schwieg.
„Er war heute bei uns im Laden gewesen. Ich konnte sein Verhalten nicht mehr ertragen. Da wurde es mir einfach zuviel.“
‚Wer war Haudrauf überhaupt?‘
„Er war ein alter Freund“, sagte Regenbogenauge plötzlich, als hätte sie Streuners Gedanken gelesen. „Wir haben von einer gemeinsamen Familie geträumt. Aber die Realität nicht gesehen.“
‚Man heiratet nicht einfach einen Freund‘, dachte Streuner, der lange unter seinen eigenen Eltern gelitten hatte.
Aber da war noch mehr. Viel mehr als nur das. Streuner hatte das mit seiner empfindlichen Nase schon lange gerochen. Er hatte nur nie etwas dazu gesagt.
Die Unsicherheit des Lebens. Nichts zu haben. Immer umherzuziehen auf der Suche nach Arbeit. Nach Essen. Sich jeden Tag durchzukämpfen. Nicht zu wissen, ob jemand tatsächlich Freund oder Feind war. Keine Sicherheit der Familie.
Er hatte das alles erlebt und würde es jeden Tag wieder erleben.
Er konnte sie irgendwie verstehen.
„Was ist mir dir?“
„Was?“
„Mit einer Squaw?“
„Hm.“ Was sollte Streuner ihr sagen? Dass er ein Habenichts war? Der jeden Tag zusehen musste, wie er durchs Leben kam? Dass er so einfach keine Familie haben konnte?
„Da war nie etwas gewesen.“
„Ich glaube, du magst das so.“
Nein. Er mochte es nicht. Aber es war so. Zumindest war er ehrlich.
„Kennst du ‚Dingsda‘?“
„Wen?“
„Dingsda. Meinen neuen Mann und Krieger. Er ist gebaut wie ein Schrank. Wir alle nennen ihn nur Ding.“
Dingsda. Was für ein bescheuerter Name. Aber wenigstens nicht so lange wie der ihrige. Sonst müsste ich soviel tippen. Achso. Nennen wir ihn halt kurz einfach nur ‚Ding‘. Was im übrigen Regenbogenauge schon erwähnt hat. Mist. Da war sie jetzt schneller gewesen als ich.
„Hm. Ich glaube nicht.“
Streuner wusste an dieser Stelle der Geschichte nicht, wie sehr er sich täuschte.

 

 

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