In Québec wo die Binsen wachsen (16) – Der Tag des Todes

von Alexander Ausserstorfer

Bild (Alexander Ausserstorfer): Herbststimmung am unteren  Sankt-Lorenz-Strom

Regenbogenauge: „Streuner? Darf ich reinkommen?“
Streuner hatte tief und fest geschlafen. Jetzt war er auf einen Schlag hellwach.
So ist das, wenn man liebt.
„Ja“, sagte er.
Regenbogenauge betrat mit der Laterne den Raum. Sie leuchtete herum. Sie konnte Streuner jedoch nicht sehen.
„He! Wo bist du?“
„Hier.“
Streuner kroch aus dem leeren Bierfaß. Er schwitzte. Er musste Fieber haben.
„Hier also schläfst du immer! Wir alle warten auf dich!“
Vorwurf und Tadel zugleich.
Es war Helloween. Der Tag des Todes. Der Tag, an dem sich die Kinder verkleiden, von Tür zu Tür gehen und rufen durften: „Spendieren oder schikanieren!“. Es war der Tag, an dem die Kinder den Erwachsenen Streiche spielen durften, wenn sie beim Hausieren nichts bekamen. Und es war der letzte Tag, an welchem die Bäckerei in Kamouraska geöffnet hatte. Sie würde erst nächstes Frühjahr wieder aufsperren.
Abends hatten sich noch einmal alle Mitarbeiter in der Bäckerei getroffen. Nur Streuner war wieder einmal nicht gekommen. Es war ein Kreuz mit ihm. Nie wusste man, wo er eigentlich steckte. Sich herumtrieb.


Sie hatten lange gebraucht, um draufzukommen, dass Streuner im Weinkeller schlief. Dort drin war es schön kühl und still.
Regenbogenauge und Ding waren zum Weinkeller geritten, um Streuner einzusammeln. Dingsda half Streuner aufs Pferd. Streuner stieg aber nur widerwillig auf. Er wäre viel lieber zu Fuß gelaufen.
Sie ritten nebeneinander her. Regenbogenauge blieb etwas zurück und blickte immer wieder zu Streuner hinüber, der hinter Dingsda auf dem Sattel saß. Sie redete viel. Schien glücklich zu sein. Ding schwieg.
Sie erreichten die Bäckerei. Ding band die Pferde an. Regenbogenauge schob Streuner indessen in die Bäckerei. ‚Wie du mir, so ich dir.‘ So entschlossen hatte er sie selten erlebt.
Man hatte mehrere Tische in eine Reihe gestellt. Dort saßen sie alle: Gèrald, Goldsternchen, der Chef, die Chefin, Marilou mit ihrem Mann, Samuel und Iwan. Viele davon trugen ein Kostum. Marilous Mann war als Bild gekommen: Er hatte einen Bilderrahmen um seinen Kopf befestigt.
Streuner setzte sich an einen freien Platz. Regenbogenauge daneben.
Ding kam etwas später in den Raum. Er setzte sich an das untere Ende der langen Tischreihe, wo noch ein Stuhl frei war.
Regenbogenauge blieb neben Streuner sitzen. „Willst du was essen?“, fragte sie.
Ohne eine Antwort abzuwarten wurde ihm ein Teller gereicht.
Ihm war schlecht.
Streuner sah Regenbogenauge selten glücklicher. Ding hatte sie scheinbar total vergessen.
Dieser stand schließlich auf, nahm seinen Stuhl und stellte diesen auf die andere Seite von Regenbogenauge. Dann fing er an, sie abzuknutschen.
„Mein Krieger!“, sagte sie schließlich.
Streuner bekam allmählich Angst. Er blickte zu Goldsternchen hinüber. Diese saß schweigend in einiger Entfernung von ihnen an ihrem Platz und blickte starr auf die Tischplatte. Streuner wäre in diesem Moment am liebsten aufgestanden und hätte sich neben Goldsternchen gesetzt.
Schließlich sagte er: „Mir ist nicht gut. Ist es in Ordnung für euch, wenn ich wieder gehe?“
Er verabschiedete sich von allen. Regenbogenauge ging mit ihm in den Verkaufsladen und packte ihm noch ordentlich Proviant für die bevorstehende Reise zusammen.
„Es mag sein, dass wir eines Tages…“ Sie beendete den Satz nicht.
Als Streuner im Regen zurück zum Gemeinschaftszelt ging, war ihm ganz komisch. Er wusste nicht recht, was er denken sollte.

Ähnliche Artikel & Themen

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie diesem zu. Datenschutzbestimmungen