In Québec wo die Binsen wachsen (17) – die Einladung

von Alexander Ausserstorfer

Bild (Alexander Ausserstorfer): Die Straße der Seeleute (route des navigateurs) bei Kamouraska.

Es war spät am Abend und bereits dunkel. Streuner kehrte eben von der Post zurück.
Da galoppierte plötzlich Regenbogenauge auf ihrem Pferd an ihm vorbei.
Streuner blieb stehen. Drehte sich herum.
Regenbogenauge und das Pferd waren ebenfalls stehen geblieben.
„He! Wo steckst du! Nie bist du da, wenn man zu dir will!“
Vorwurf und Tadel zugleich.
Streuner schwieg.


Regenbogenauge sprang vom Pferd. Sie ließ es einfach stehen.
Sie und Streuner gingen zum Zelt.
„Dingsbums muss für drei Monate weg“, erklärte sie. „Die großen Krieger versammeln sich beim nächsten Vollmond in La Sarre, um gemeinsam auf Kriegspfad zu gehen.“
Sie schlüpften ins Zelt.
„Ich wollte dich fragen, ob du zusammen mit uns nach La Sarre reiten willst.“
Regenbogenauge hatte mit Hilfe ihres Messers einen Zettel am Holzpfosten aufgespießt, der das Dach des Zeltes hielt. Sie riss ihn mit einer kurzen Handbewegung wieder ab.
„Hier. Ich habe dir eine Einladung hinterlassen. Du warst ja nicht da.“
Wieder einmal.
Sie wirkte eingeschnappt und enttäuscht.
Dann zog sie ihr Messer wieder aus dem Holz und steckte es zurück in ihren Gürtel.
Die Post lag auf dem Weg zur Bäckerei. Warum hatte Streuner Regenbogenauge nicht gesehen? Oder war sie aus der anderen Richtung gekommen?
„Weißt du, eigentlich bin ich heute Abend bei Dingsbums Familie eingeladen. Und außerdem, wie sehe ich überhaupt aus? Gott, wir haben heute zuhause soviel gearbeitet…“
Regenbogenauge wirkte völlig durcheinander. Etwas stimmte nicht mit ihr.
Er, Regenbogenauge und Dingsda zusammen etliche Tage unterwegs? Würde das gutgehen? Und überhaupt, Streuner mochte das Reiten nicht. Lief alles zu Fuß oder nahm das einzige Fahrrad des Dorfes, worüber er von den Einheimischen ständig verspottet wurde.
Aber er liebte sie.
„Ja, ich komme gerne mit“, sagte er daher schließlich entgegen aller Vernunft.
„Gut“, sagte Regenbogenauge. „Wir holen dich ab.“ Dann schlüpfte sie aus dem Zelt.

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