In Québec wo die Binsen wachsen (20) – Mittagessen in Mont Laurier

by Alexander Ausserstorfer

„Siehst du die schneebedeckten Gipfel?“, fragte Regenbogenauge. „Das sind die Laurentinischen Berge. Ein Erholungsgebiet der Montrèaler. Und da vorne sehen wir die ersten Häuser von Mont Laurier. Achiwo (*) hat hier in der Gegend auf einem Bauernhof gearbeitet, nachdem er in unser Land gekommen ist.“ (* Gemeint ist hier der Bäcker von Kamouraska und Streuners ehemaliger Chef, Anmerkung der Übersetzung.)
„Du meinst diese bewaldeten Hügel in der Ferne?“, fragte Streuner.
Regenbogenauge und Dingsda sahen Streuner fragend an.
Jetzt ging das schon wieder los.
Für Streuner, der aus den Bayerischen Hochalpen herstammte, waren Berge halt doch etwas Anderes.
„Was will uns Der-ständig-vom-Pferd-fällt damit sagen?“, fragte Dingsbums.
„Lieb“, sagte Streuner schnell, um abzulenken und die brenzlige Lage noch zu retten.
„Warum ist Achiwo nicht hier geblieben?“, fragte Streuner.
„Er hat halt seine Arbeit verloren. Verstehst du das denn noch immer nicht? Hier bei uns fließt nicht nur Honig.“
Wieso hatte man ihm das dann erzählt?

Sie kamen an ein kleines Gasthaus. Regenbogenauge hielt alle an.
„Hier bleiben wir zu Mittag.“ Sie stieg ab.
„Kein Wunder“, sagte Streuner. „Es ist das einzige Gasthaus, das wir seit der Früh angetroffen haben. Hier in Koanado (*).“ (* Koanado für bayerisch Niemand da. Anmerkung der Übersetzung.)
„Was sagst du?“
„In Koanado. Ich nenne euer Niemandsland so. Es ist ja kaum jemand da.“
Dingsbums band die Pferde an. Es war nicht mehr viel Platz, da bereits einige andere Pferde vor dem Gasthof angebunden waren und auf ihre Besitzer warteten.
„Boah! Ist das ein schönes Pferd!“, sagte Streuner. „Es ist ganz weiß. Und dann diese blonde Mähne!“
„Das ist ein Schimmel“, sagte Dingsbums.
„Hallo Kleiner!“, sagte das Pferd. „Ich bin Jolly Jumper.“
„Jolie wie?“
„Nicht Jolie! Jolly! Sprichst du denn kein Englisch?“
„Nein“, antwortete Streuner. „Wo ist denn dein Besitzer?“
„In der Gaststätte natürlich, du Klugscheißer. Und wo ist dein Besitzer?“
„Ich habe keinen“, sagte Streuner.
„Wie?! Was!? Du hast keinen Besitzer?“, fragte Jolly und lachte.
„Natürlich nicht“, entgegnete Streuner. „Warum glaubst du denn, dass ich Streuner heiße?“
„Das wusste ich nicht. Du bist also herrchen- und heimatlos?“
„Ja“, sagte Streuner.
„Du Glücklicher! Dann geht es dir ja fast so gut wie mir und meinem Partner! Wir leben nämlich den amerikanischen Traum von Unbefangenheit und Freiheit, weißt du?!“
„Streuner! Kannst du bitte aufhören, dich mit einem Pferd zu unterhalten und mitkommen?“, fragte Regenbogenauge.
Dingsbums schüttelte den Kopf.
Zu dritt betraten sie die Gaststätte und hielten nach einem freien Tisch Ausschau. Der Raum war ziemlich voll.
Da fiel Streuner ein Mann vor dem Ausschank auf.
Er blieb stehen.
Regenbogenauge bemerkte das und blieb ebenfalls stehen.
Der Mann am Ausschank redete auf den Wirt dahinter ein. Der Wirt polierte Weingläser und ignorierte den Mann gewissenhaft.
„Kann ich jetzt endlich mein Bier bekommen?“
„Was ist da los?“, fragte Streuner. „Warum beachtet er den Gast nicht?“
„Na, da kennst du unser Land aber inzwischen gut“, sagte Regenbogenauge und ergriff Streuner am Ellbogen. „Der Gast muss ein Engländer oder Amerikaner sein. Zumindest redet er Englisch. Und das mögen die Leute hier gar nicht.“
Plötzlich ertönte ein lauter Knall. Eine der Weinflaschen, die im Regal hinter dem Tresen stand, war zerplatzt. Aus dem Schießeisen am Coltgürtel des Amerikaners rauchte es.
Auf einen Schlag war es muckmäuschenstill.
Streuner hatte nichts gesehen. Die Bewegung des Mannes musste unheimlich schnell gewesen sein. Schneller als sein Schatten.
Der Amerikaner hatte nun geschafft, was er wollte. Er hatte volle Aufmerksamkeit. Denn jetzt wurde er von allen Gästen schweigend angesehen. Und auch der Wirt sah den Mann jetzt an. Verärgert.
„He, Leute! Der Kuhhirte hier macht Ärger!“
Nun stand ein Teil der Gäste auf und ging zum Amerikaner. Sie sahen sich einen kurzen Augenblick lang still schweigend an.
„Jungs… macht keinen Scheiß…“, sagte der Amerikaner leise, indem er sich am Kopf kratzte und dabei seinen weißen Hut hochschob.
Einer aus der Menge packte den Mann bei den Händen, ein anderer an den Füßen.
Dann trugen sie ihn so zur Tür und warfen ihn raus.
Anschließend schmiss jemand noch eine Weinflasche hinterher.
Von draußen hörte man eine Stimme rufen: „Kein Wein! Ich wollte ein Bier!“ Dann: „Mein Hut!? Wo ist mein Hut?
Ein anderer warf ihm den Hut hinterher.
„So ist das hier bei uns“, erklärte Regenbogenauge. „Das ist Gastfreundschaft. Folglich sollte man kein Englisch mit uns sprechen wollen.“
Verstand einer diese Québecer.
„Und der Mann hatte noch nicht einmal für seine Weinflasche bezahlt“, fügte sie plötzlich dem Gesagten trotzig hinzu, als wäre der Amerikaner in ihren Augen noch viel zu gut behandelt worden.
Dingsbums winkte die beiden zu sich her. Er hatte einen freien Tisch entdeckt.
Regenbogenauge setzte sich neben Dingsbums. Streuner sich ihm gegenüber, so dass Regenbogenauge jetzt in der Mitte zwischen den beiden saß.

Dingsda schmeckte die Suppe nicht.
Streuner und Regenbogenauge hatten rein zufällig das Gleiche bestellt.
Regenbogenauge: „Ich muss Dings jetzt für drei Monate vergessen.“
Sie rutschte mitsamt ihrem Stuhl zu Streuner hinüber.
Streuner sah sie fragend an.
Dingsbums ergriff ihren Arm.
„Was machst du da?“, fragte Streuner.
„Ich weiß nicht, was ich mache“, sagte Regenbogenauge und fing zu gaggern an wie ein Huhn.
Hoffentlich würde das gut gehen. Streuner hatte ohnehin nicht verstanden, warum sie ihn mitgenommen hatte.
Wieder einmal.
Würde er denn nie etwas verstehen?

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