In Québec wo die Binsen wachsen (21) – _Kein_ Abschied in La Sarre

by Alexander Ausserstorfer

Es war bereits dunkel geworden. Sie blickten im Mondschein auf eine kleine Stadt.
Das also war La Sarre: Einige Holzhäuser und viele der typischen Rundzelte.
Außenrum nichts als flaches Land, über das sich der Schnee gelegt hatte. Es gab kaum noch Bäume.

 

Die Landschaft ging allmählich in eine Tundra über.
Ein eiskalter Wind bließ. Man sah jeden Atemzug. Streuner, Regenbogenauge und Dingsbums saßen in Decken gewickelt auf ihren Pferden.
„Das war knapp“, sagte Dingsbums. „Wir haben bereits Vollmond.“
Morgen Früh würden sich die Krieger auf den Weg machen.

Regenbogenauge zeigte Streuner sein Quartier.
„Hier bei der Familie darfst du übernachten“, erklärte sie. „Sie sind entfernte Verwandte von uns.“
„Es gibt keine Gaststätte hier in La Sarre?“, fragte Streuner.
„Es würde dir nicht gefallen“, erwiderte sie trocken. „Hast du schon einmal in so einem Zelt geschlafen?“
Streuner schüttelte den Kopf: „Ist es da drin nicht kalt?“
Canada ist im Winter ein sehr kaltes Land“, sagte Regenbogenauge. „Daran wirst du dich gewöhnen müssen.“


„Du meinst Koanado?“
Wie sprichst du das aus?“
Streuner sagte es ihr noch einmal vor, und Regenbogenauge versuchte es nachzusprechen: „Ca-na-da.“
„Nicht Kanada. Koanado!“
„Ich habe aber _C_anada gesagt.“
Nach einigem Hin und Her gaben sie es auf. Regenbogenauge schob Streuner ins Zelt.
„Hallo!“
Sie hoben die flache Hand zum Gruß, so wie es hier der Brauch war.
Die Familie saß an einem kleinen wärmenden Feuer in der Mitte des Zeltes zusammen. Ein Mann, eine Frau und zwei kleine Kinder. Man zeigte ihm seinen Schlafplatz.
„Du musst hier auf dem Boden schlafen. Aber das bist du ja gewohnt.“
Das war Vorwurf und Tadel zugleich. Regenbogenauge dachte an den Abend, als sie Streuner im ganzen Dorf gesucht und nicht gefunden hatten.
Dann bemerkte Streuner eine junge Frau, die weiter hinten im Eck auf dem Boden saß und irgendeine Arbeit zu verrichten schien. Ihre Blicke trafen sich.
„Das ist Aufunddavon‘. Du darfst mit ihr schlafen“, erklärte der Familienvater. „Du bist hier Gast.“
Streuner blickte Regenbogenauge fragend an: „Sitten habt ihr hier in Koanado. Wieso sollte ich das wollen? Ich kenne sie doch gar nicht. Und überhaupt, was sagt denn sie dazu? Man muss sich doch erst einmal kennen lernen und aneinander gewöhnen, um…“
Jetzt war er echt schockiert.
Regenbogenauge legte ihren Kopf auf Streuners Schulter.
„Kommst du nachher noch mit nach draußen? Es gibt ein großes Fest.“

Einige schlugen Rhythmen. Andere tanzten dazu. Gesang. Auch Ding war irgendwo unter der Menge.
Regenbogenauge, Streuner und ein älterer Indianer dagegen hocken gemeinsam in der Kälte an dem großen Feuer in der Mitte des Dorfplatzes und wärmten sich daran.
Der Indianer gab Streuner eine Flasche.
Streuner setzte an und trank.
Aber er spuckte gleich wieder alles aus.
Es gab eine große Stichflamme.
„Pfui Deifel, was ist das denn?“
„Lebenswasser. Ich dachte, du magst das.“
„Ich trinke doch keinen Alkohol“, erklärte Streuner. „Habe ich nie gemocht.“ Er warf die Flasche weit von sich.
Schade um den Whisky.
„Aber ich dachte immer, ihr vom Stamm der Bayern trinkt gerne Bier?“, fragte der Indianer verwundert und dachte an das Oktoberfest, das er vom Hörensagen her kannte. Es musste wohl einem Besäufnis gleichen. (Da hatten die Schotten und die Bayern was gemeinsam.)
„Das mag ja so sein“, erwiderte Streuner, „nur deshalb sind noch lange nicht alle gleich.“
„Aber schimpfen und raufen kann er schon“, sagte Regenbogenauge. „Davon hatten wir diesen Sommer in Kamouraska echt genug.“
„Immer noch besser, als alles ständig schönzureden und jedem noch so kleinen Problem davonzulaufen wie ihr hier“, entgegnete Streuner.
„Das Land ist doch groß genug“, meinte Regenbogenauge. „Wo ist da das Problem?“
„Der kann echt raufen?“, meinte der Indianer. „Dann solltest du Bruder mit uns auf Kriegspfad gehen!“
„Wieso? Und gegen wen zieht ihr eigentlich in den Krieg? Das hat mir bis jetzt niemand erzählt.“
„Sie klopfen sich mit den Engländern“, fiel Regenbogenauge ins Wort. „Das machen sie jedes Jahr, wenn’s keine Arbeit mehr gibt und es langweilig wird. Sie können’s halt einfach nicht lassen.“
Streuner winkte ab. „Mit den Engländern habe ich nichts am Hut“, sagte er. „Wenn’s Preußen wären, hätt‘ ich vielleicht Lust dazu.“

Am nächsten Morgen. Es dämmerte. Streuner war in der Dunkelheit bereits eine Runde durch die Zelte gestreunert, als er zu dem Zelt zurückkehrte, wo er geschlafen hatte.
Er schob die Tür zur Seite und stieg rein.
Ein Schrei.
„Was bist denn du?“
Eine alte Frau stand vor ihm.
„Oha!“
Er wurde wieder rausgeworfen.
Streuner hatte versehentlich das falsche Zelt erwischt.
Die Zelte sahen irgendwie alle gleich aus. Von Hausnummern und Beschriftungen fehlte jede Spur.
Keine Ahnung, wie die Post das hier bewerkstelligte.
Dann bemerkte er Ding.
„Regenbogenauge schläft noch“, sagte Ding. „Sie wird erst gegen neun Uhr aufstehen.“
Streuner wunderte sich einmal mehr. Stand sie immer so spät auf?
Dingsda würde Regenbogenauge für einige Monate verlassen: Keine letzte Umarmung, kein Winken zum Abschied – einfach nichts?
Streuner verstand die Einheimischen jetzt noch weniger.
Er an Dingsbums Stelle würde Regenbogenauge zum Teufel jagen. Wie sie ihn behandelte. Armer Kerl!
Aber er hatte keine Ahnung, wie das hier war.
Streuner ging mit Ding zusammen zu den Pferden. Er wartete etwas abseits.
Ding führte etwas später ein Pferd davon.
Die anderen Krieger sammelten sich schon am Rande der kleinen Zeltstadt. Sie hoben ihre Äxte und Bögen in die Luft und schrien.
Ding saß auf.
„He! Was ist mit den anderen Pferden und dem vielen Gepäck?“, fragte Streuner.
„Das gehört alles Regenbogenauge“, erwiderte Ding.
Dann galoppierte er in der Kälte davon.

Als Streuner Regenbogenauge das erste Mal an diesem Tag sah, wirkte sie völlig verändert. Leicht wie eine Feder. Und sie trug jetzt auch völlig andere Kleidung. Sie sah aus wie ein Waldläufer. Und nicht mehr wie eine Squaw.
Sie gingen zum Zelt, wo Streuner geschlafen hatte.
Zusammen mit der Familie frühstückten sie.
„Heiße Schokolade?“, fragte Aufunddavon, die sich als Hausmädchen umtat. Sie stammte von einem fremden Stamm, war gefangen genommen worden und galt als unfrei, wie Streuner erfuhr.
„Nein, danke. Habt ihr nicht lieber etwas warme Milch für mich?“
Alle sahen sich fragend an.
Da entblößte die junge Frau ihre Brust.
„So habe ich das nicht gemeint!“
Zuerst wollte er nicht mit ihr schlafen, und jetzt das. Verstand einer diese Bayern.

Kommentar: Was wirklich gewesen ist, das war der merkwürdige Abschied in La Sarre, das viele Gepäck und die heiße Schokolade, die im Winter überall konsumiert wurde. Den Rest habe ich für diese Geschichte mehr oder weniger dazu erfunden. Die Schotten bezeichneten den Whisky früher als ‚Lebenswasser‘. Dabei handelt es sich eigentlich nur um destilliertes und damit hochprozentiges Bier. Es gab laut einschlägiger Literatur bzw. Berichten zufolge tatsächlich Indianerstämme, die ihren Gästen angeboten hatten, mit ihren Frauen zu schlafen. Viele Indianerstämme waren Jäger und Sammler und kannten die Viehzucht nicht. Und damit auch nicht den Konsum von (Kuh)Milch. Deshalb kommt es am Ende der Geschichte zu dieser Verwechslung.

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