In Québec wo die Binsen wachsen (Ende) – Abschied

by Alexander Ausserstorfer

Goldsternchen ging zu Streuner und drückte ihm zum Abschied die Wange. Niemand sprach, als sie zur Tür ging und verschwand. Streuner stand mit trockener Kehle und stocksteif da.
Endlich konnte er sich wieder bewegen.
Er bekreuzigte sich.
Die Chefs schauten ihn verblüfft an.
„Tradition?“, fragte die Chefin.
Streuner antwortete nicht. Er blickte nur traurig und besorgt zu Boden.

Gegen Mittag erschien Regenbogenauge mit zwei Pferden vor dem Gemeinschaftszelt. Sie betrat das Zelt und suchte Streuners Gepäck.


In der Ecke lag ein zusammengeknoteter Beutel mit Streuners wenigen Sachen.
„Das ist alles?“, fragte sie, verblüfft.
„Das ist alles“, erwiderte Streuner.
Regenbogenauge nahm beides und trug es zu den Pferden hinaus. Streuner war über diese Geste verblüfft, sagte aber nichts.

Zu dritt ritten sie nach Saint Pascal, wo der Bahnhof war. Regenbogenauge und Streuner ritten nebeneinander her, Gus in einigem Abstand hinter ihnen. Er hielt absichtlich soviel Abstand ein. Gus konnte in dieser Entfernung nicht hören, was Streuner und Regenbogenauge miteinander redeten.
Streuner wurde es auf diesem letzten Ritt ganz komisch. Er konnte seine Gefühle nicht verstehen. Nicht begreifen. Hatte so etwas noch nie erlebt.
Regenbogenauge zog eine Wimper von Streuners Augenlid und zwickte es zwischen Daumen und Zeigefinger ein.
„Du musst dir jetzt etwas wünschen“, sagte sie. „Und ich auch. Zeigefinger oder Daumen?“
„Hm. Daumen“, sagte er schließlich.
Regenbogenauge öffnete die Finger. Das Haar klebte am Daumen.
„Dein Wunsch wird in Erfüllung gehen. Nicht der meine“, sagte sie.

Sie standen am Bahnsteig. Der Zug war noch nicht da. Regenbogenauge verschwand für einen kurzen Augenblick in einem kleinen Cafe und kehrte kurz später mit zwei Bechern zurück. Eine Tasse reichte sie Streuner.
„Trink!“, sagte sie.
Es war die übliche heiße Schokolade, welche er hier im Indianderland kennengelernt hatte.
Streuner trank.
Dann fuhr die Eisenbahn ein.
Bevor Streuner einsteigen konnte, umarmte ihn Regenbogenauge plötzlich fest und intensiv. Dann gab sie ihm einen langen Kuss.
Streuner nahm sein Gepäck. Anschließend stieg er in den Waggon.
Als sich etwas später der Zug in Bewegung setzte, blickte er aus dem Fenster zurück. Regenbogenauge winkte ihm nach. Schließlich verdeckten Häuser ihr Anlitz.
Auf der nun langen Reise nach New York dachte er ständig an sie. Er hatte ein flaues Gefühl im Magen. Irgend etwas an der Geschichte hatte nicht gestimmt. Das beschäftigte ihn noch wochenlang.

Als Streuner sich auf dem Dampfer eingeschifft hatte, war alles noch kein Problem. Als er aber tags darauf die Landmassen Nordamerikas allmählich am Horizont verschwinden sah, dämmerte ihm plötzlich etwas.
Er holte sein Tagebuch hervor. Er überflog die Aufzeichnungen:

Donnerstag, 02. September
Regenbogenauge zieht um.

Er blätterte weiter.

Freitag, 24. September
Die sieben Wasserfälle… der Regenbogen… Karte geschrieben… zwischen Bücher gesteckt… Bücher dem Chef zurückgebracht.

Samstag, 25. September
Regenbogenauge besonders gesprächig… mittags die belegten Brote der Mutter… auf dem Heimweg die drei jungen Krieger auf den Pferden… die Worte „Junge, geh heim!“ … nachts… Regenbogenauge bei ihnen im Zelt…

Da erinnerte er sich.
Streuners Herz schlug schneller.
Natürlich!
Einer von den drei jungen Kriegern war Dingsbums gewesen. Dingsda hatte Streuner angebrüllt. Ihm gedroht.

Anfang September war Regenbogenauge direkt von Haudrauf zu Dingsda gezogen. Am 25. September war sie letzterem dann davongelaufen. Dingsda hatte daraufhin zusammen mit zwei Freunden Streuner auf dessen Heimweg bedroht. Streuner hatte Ding zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht gekannt.
Regenbogenauge hatte Dingsda verlassen. Wegen Streuner.
Sie hatte Dingsda nicht geliebt.
Warum hatte niemand etwas gesagt?
Streuner stand an der Reling. Er blickte in Richtung des verschwindenden Kontinents.
Er begriff.
Regenbogenauge hatte es ihm schon gesagt.
Auf ihre indirekte Art. Aber sie hatte sich nicht durchsetzen können.
Er hatte sie nicht verstanden.
„Ich Vollidiot.“
Er hätte niemals so einfach von ihr weggehen dürfen.
Er schlug seinen Kopf gegen das Schiffsgeländer.
„He! Was macht der Junge da?“
Dann kletterte er auf die Reling.
Die fremden Stimmen überschlugen sich.
„Mein Gott! Er wird doch wohl nicht ins Wasser springen wollen!“
„Es ist Ende November!“
„Das Wasser ist eiskalt!“
„Wir sind auf dem offenen Meer. Es ist viel zu weit, um zurück an Land zu schwimmen!“
Jemand packte Streuner und zog ihn zurück.
Er bekam eine gewaltige Ohrfeige.
Er setzte sich in eine Ecke und weinte. Sein ganzer Körper zitterte.
Nun war er auf hoher See.
Es war zu spät.

ENDE

Kommentar: Es fehlt der Teil der Reise von La Sarre zurück nach Kamouraska. Ich fühle mich derzeit aber nicht fähig, dies niederzuschreiben. Vielleicht hole ich es eines Tages nach.
Die Handlung dieser Geschichte ist in den Grundzügen tatsächlich so passiert. Ich konnte das Geschehene erst viel später mit Hilfe des Tagebuches rekonstruieren bzw. verstehen. Von den Kanadiern habe ich nie wieder etwas gehört.

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