Winnetou lebt nur in Deutschland

von Peter Iden


Bei unserem letzten Besuch in Deutschland sah ich beim Einkaufen bei ALDI zwei eigenartige Figuren: Der Mann trug einen riesigen Cowboy-Hut und eine wollene Fransenjacke, dazu schwarze Jeans und Westernstiefel. Die Frau war als Indianerin verkleidet, mit einer Mischung von Stoffkleidung, die ziemlich unindianisch war. Die gehen wohl zu einer Maskerade, dachte ich mir, und ließ es dabei.
Für jemand wie mich, der mit Winnetou, Old Shatterhand, Billy Jenkins, Bill Cody und anderen “deutschen” Wildwest-Helden aufgewachsen ist, war so etwas nicht gerade unwahrscheinlich. Schliesslich sieht man auch in Toronto während der Karneval-Veranstaltungen einige als Cowboys und Indianer bekleidete Teilnehmer.


Einer meiner beliebtesten Helden war Billy Jenkins, als “König der Cowboys” bekannt. Selbst während der Nazi-Zeit waren Wild-West Autoren populär. Jenkins wurde als Halbjude namens Erich Rudolf Otto Rosenthal in 1885 geboren, und war als “Mischling” nicht der Verfolgung vollblütiger Juden ausgesetzt. Schließlich hatten viele der Nazis selbst jüdische Elemente in ihrer Herkunft. Billy Jenkins Bücher wurden allerdings während der Nazi-Zeit verboten, weil sie amerikanische Namen und Begriffe enthielten.
Aber Billy Jenkins war schon etwa zwei Jahrzehnte vor der Nazi-Zeit populär. Wie viele Deutsche mit jüdischer Abstammung versuchte er diese zu verstecken und trat der NSDAP in 1933 unter dem Namen “Fischer” bei (dem Namen seiner nicht-jüdischen Mutter). Seine blauen Augen trugen natürlich dazu bei, dass er als “Arier” klassifiziert wurde. Eine andere Quelle berichtet, dass er auch den Namen “Wilhelm Gengkers” benutzte, und diesen dann auf “Jenkins” änderte.
Billy Jenkins bereiste ganz Europe mit seiner “Wild West Show” (In 1940 sogar Polen) mit seiner jüdischen Partnerin Frieda Schoenmann. Aber Jenkins hat niemals den Amerikanischen Westen besucht. Seine Bücher und Groschenromane (die letzteren nicht von ihm selbst geschrieben) waren Phantasien aus diversen Quellen, unter anderem auch die von Karl May, der ebenfalls niemals Nordamerka besucht hatte.
Karl May’s Bücher holten wir uns aus der Leihbücherei. Er war der “Hauptspinner” von Indianer-und Wild-West-Geschichten, obwohl er selbst niemals (bis sehr viel später in seinem Leben) Nordamerika besucht hatte. Sein Hauptcharakter Winnetou lebte nur in seiner Phantasie und hat ebenfalls nur in seinen Büchern, jedoch nie in Amerika gelebt. Kein gebürtiger Nordamerikaner hat jemals von Winnetou oder Old Shatterhand gehört.
Karl May war ein faszinierender Charakter, dessen illegale Aktivitäten (u.a.Diebstahl und Betrug) ihn mehrmals in Gefängnisse brachte. Dort hatte er Zugang zu den Büchereien und verschlang die Bücher von James Fenimore Cooper (Der letzte der Mohikaner) und anderen Western-Autoren. Nach seiner Zeit in den Gefängnissen schrieb er etwa 70 Bücher, und in vielen von ihnen waren Winnetou und Old Shatterhand die Helden, letzteres der Name, den er für sich selbst erwählt hatte.
Die Faszination der Deutschen mit dem Leben und der Kleidung der nordamerikanischen Indianer ist nichts Neues und grenzt an Besessenheit. Es war Karl May, der diese Leidenschaft unter den Deutschen mit seinen imaginären Geschichten der Abenteuer von Winnetou und Old Shatterhand entfachte. Karl May lebte von 1842 bis 1912 und war einer der populärsten Autoren nicht nur seiner Zeit, sondern auch im nachfolgenden Jahrhundert. In den 1960’er Jahren wurden sogar einige seiner Geschichten verfilmt.
Meine Recherchen in das Thema brachten für mich erstaunliche Fakten: etwa 40.000 Deutsche in mehr als 400 deutschen “Indianer-Klubs” und “Wild West Klubs” ziehen heutzutage noch mehrmals im Jahr ihre “indianische” und “western” Kleidung an und spielen “Wild West” mit Tipis, Tänzen, Lagerfeuern und Kriegsspielen in Dutzenden deutscher Lokalitäten, sowie auch in Dänemark, Polen und Tschechien. Selbst einige der deutschen Politiker sind schon in Indianerkostümen gesichtet worden!
Seit 1952 ist Bad Segeberg bei Hamburg populär mit seinen sogenannten “Karl May Festspielen”. Nach der Abweisung unseres Antrags zur Einwanderung in die USA im selben Jahr besuchte ich mit meinen Eltern die Festspiele in 1953, ein Jahr vor unserer Auswanderung nach Kanada, Trotz meines nicht sehr fest fundierten Wissens über den amerikanischen Westen fand ich diese sehr primitiv und oberflächlich, und widmete mich lieber den Fledermaus-Kolonien in den anliegenden Kalksandsteinhöhlen, welche den Hintergrund für die Festspiele waren, und noch heute sind. Der deutsche Schauspieler Jan Sosniok spielt bereits zum sechsten Mal den “Winnetou”.
https://www.karl-may-spiele.de/nav-main/aktuell/
Die “Westernstadt El Dorado” nahe Berlin ist ebenfalls heutzutage einer von mehreren Plätzen, wo der “Wild West” und das Indianerleben in Deutschland promoviert wird. Der Cheyenne Indian Club in Schwanau (1957), der Western Club Freising (1972) und der Wild West Club in Ratingen sind nur einige der Beispiele von Klubs, deren Mitgleider ihre Phantasien auf diese Art ausführen. Der Cowboy Club in München besteht bereits seit 1913. Der “Westernbund e.V. Deutschland” hat etwa einhundert Mitgieder-Klubs in ganz Deutschland.
https://www.westernbund.de/über-uns/mitgliedsvereine/
(Bild: Die Männer eines der deutschen Western-Clubs – keine Frauen?).
Die Jugend von heute hängt an den Fernsehern und ihren Telefonen, um die Fußballspiele und andere Sportarten und ihre Resultate zu verfolgen, oder mit ihren Freunden zu “texten” und “bloggen”. Das gab es nicht in unseren Zeiten.
Aber wir, als Nachkriegs-Generation, hatten andere Vorbilder. Die imaginären Indianer von Karl May, Billy Jenkins und anderen “Wild West Helden” waren unsere Traumwelt in einer Zeit, in der nicht sehr viele Träume verwirklicht wurden und wir die Träume der (uninformierten) deutschen Schriftsteller als Wahrheit annahmen.
Für uns war es damals ein langer Spaziergang zu den Zeitungs-Kiosken, um die neueste Folge der Romanhefte unserer Helden zu kaufen. Die waren für nur wenige Groschen zu haben (die 10-Pfennig-Münze in Deutschland – daher die Bezeichnung “Groschenroman”) Das konnten wir als Kinder uns ohne Taschengeld (gab’s damals nicht) schon irgendwie leisten.
Wir machten unser “Taschengeld” mit dem Sammeln und Verkauf von Altmetall, und das war nach dem Krieg sehr lohnend. Ein Onkel meiner Frau war nach dem Krieg viele Jahre lang ein Altmetall-Sammler und konnte sich so in Abwesenheit anderen Einkommens (wie z.B.Rente) ein recht gutes Leben leisten. Unser Newfie-Nachbar gegenüber macht auch noch heute genügend Geld mit der “Entsorgung” alter Metallsachen wie Eisschränken, Öfen, Waschmaschinen, Holzkohlengrills usw., um sich sein Haus und zwei Fahrzeuge leisten zu können.

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1 Kommentar

Gary Kiemle 17. Oktober 2017 - 17:04

Hallo Peter,
habe heute erfahren, dass im Dezember dieses Jahr ein neuer Film genau zu diesem Thema erscheint:
“Forget Winnetou! – Going beyond Native Steroptypes”
Hier ist ein ca. 3 Min. trailer dazu: https://www.youtube.com/watch?v=dVeYN5-c6vg&feature=youtu.be

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