Okanagan Valley – Kanadas Obst- und Weingarten

von Heidi Giebl

„Splendor sine occasu“ … „Pracht ohne Einschränkung“ verkündet stolz das Wappen von British Columbia, der westlichsten Provinz Kanadas am Pazifischen Ozean.

Prachtvoll präsentiert sich auch das landschaftlich sehr reizvolle Okanagan Valley, mitunter auch „Tessin Kanadas“ genannt. Das 4 bis 19 km breite Tal wird von den Monashee Mountains und dem Thompson Plateau begrenzt und erstreckt sich, eingebettet in das hügelige, teilweise über 2.000 m hohe Bergland des Southern Interior Plateau, über eine Distanz von ca. 175 km in Nord-Süd-Richtung von Enderby im Norden bzw. Oloyoos im Süden. Hier, am 49. Breitengrad, verläuft auch die Grenze zu den USA. Insgesamt leben im Okanagan Valley ca. 180.000 Einwohner (Stand 2011).

In dieser Region lebten vor Ankunft der ersten Pelztierjäger Interior Salish Indianer, die als Jäger und Sammler mit den Völkern des Nordwestens Handel betrieben. Die ersten Weißen kamen 1811 in das Tal und an der Mündung des Okanagan in den Columbia River errichtete die North West Company einen Außenposten. Bis zum Jahr 1846, als der 49. Breitengrad als Grenze zwischen den USA und dem kanadischen Territorium im sog. „Oregon-Kompromiss“ festgelegt wurde, führte durch das Okanagan Valley ein stark frequentierter Trail nach Kamloops. Wegen befürchteter Handelsrestriktionen wurde der Trail aufgegeben. Der neuen beschwerlicheren Route durch die Canyons von Fraser und Thompson River zur Küste folgten den Pelztierjägern Goldgräber, Viehzüchter und Siedler. Zunehmende künstliche Bewässerung brachte etwa um die Jahrhundertwende den Obstanbau in das Okanagan Valley, heute Hauptwirtschaftszweig des Tales.

Das Okanagan Valley brilliert mit dem schönsten Wetter in BC! Das Klima ist außergewöhnlich mild mit trockenen, heißen Sommern und Temperaturen von über 30 °C und relativ milden Wintern mit wenig Schnee und Temperaturen um 0 °C.

Unter diesen klimatisch günstigen Bedingungen und durch intensive und geschickte künstliche Bewässerung hat sich in dem regenarmen Tal reicher Obstbau entwickelt. Die Plantagen in der Talebene und den leicht terrassierten Hängen entfalten vor allem zur Blütezeit ein ungewöhnliches kanadisches Landschaftsbild und dank des Windschutzes durch die Kordilleren gedeihen in dieser Region neben Gemüse üppig Äpfel, Kirschen, Pfirsiche und Aprikosen, Birnen, Pflaumen und  W e i n t r a u b e n ! Während der Erntesaison bieten die Obstbauern die Produkte auf ihren Farmen und an Verkaufsständen entlang der Landstraßen an. Früher wurde in dieser Region sogar Tabak angebaut.

 

 

 

 

Zahlreiche klare, warme Seen und sandige Badestrände machen das Okanagan zu einem sehr beliebten Feriengebiet. Größter See ist der ca. 120 km lange Okanagan Lake. Östlich von ihm liegt im Nordteil der Swan Lake; im breiten Talboden liegen der Kalamalka Lake und Wood Lake; südlich schließen sich Skaha Lake, Vaseux Lake und Osoyoos Lake an.

Entlang dieser Seen befinden sich die wichtigsten Städte, z. B. Armstrong, Vernon, Kelowna, Penticton (in der Sprache der Salish-Indianer „Pen-Tak-Ton“ … „Platz/Ort zum Bleiben“), Oliver sowie ganz im Süden Osoyoos als letzte kanadische Ortschaft vor der Grenze zum US-Bundesstaat Washington. Das Gebiet um Osoyoos ist das nördliche Ende des Great Basin, dem amerikanischen Wüstengürtel, der bis nach Mexico reicht.

Der Osoyoos Lake ist einer der wärmsten Badeseen Kanadas. In dieser Region ist es extrem warm und trocken; Temperaturen im Sommer bis 40 °C sind keine Seltenheit. In dieser Gegend fühlen sich jedoch auch Klapperschlangen wohl und es ist deshalb besondere Achtsamkeit geboten!

 

 

 

Unzählige Zugvögel legen im Okanagan einen Zwischenstopp im Frühling und Herbst ein, vornehmlich am Vaseux Lake im Vaseux Lake Provincial Park. Sowohl die nur in Nordamerika beheimateten seltenen Trompetenschwäne als auch viele Kanada-Gänse finden hier geeignete Nistplätze. Ein Paradies für Vogelliebhaber!

Das Gebiet zwischen Oliver und der Grenze zur USA wird als Pocket Desert bezeichnet. Karge, wüstenähnliche Vegetation, künstlich bewässerte Felder und Plantagen, Feigenkakteen und wilde Salbeibüsche prägen das Landschaftsbild.

Eine Besonderheit und spektakulär ist die Farbenpracht des sog. „Spotted Lake“, ein abflussfreier Sodasee, der durch seine hohe Konzentration an Mineralien vor allem in regenarmen Zeiten facettenreich schillert.

In Vernon steht British Columbias älteste Farm, die 1897 gegründete O’Keefe Historic Ranch, und heute interessantes Freilichtmuseum.

 

Hauptort des Okanagan Valley ist mit ca. 125.000 Einwohnern Kelowna … „Heart oft the Okanagan“! Die Stadt mit über 2.000 Sonnenstunden im Jahr liegt ca. 400 km von Vancouver und ca. 130 km von der Grenze zu den Vereinigten Staaten entfernt. Kelowna (344 m  ü.d.M.) liegt am Ostufer des Okanagan Lake und ist das Zentrum im Weinbau im Okanagan Valley. Die idyllische Landschaft rund um Kelowna, geprägt von klaren Seen mit Sandstränden, Kiefernwäldern, Obstplantagen und prächtigen Gebirgszügen, zieht jährlich zahlreiche Gäste aus der ganzen Welt an.

Der Name „Kelowna“ bedeutet in der Sprache des Salish-Volkes „Grizzlybär“. Allerdings … es gibt zwar durchaus Schwarzbären im Okanagan Valley, die sich zuweilen in den Weinbergen an den Reben laben und den Weinbauern einiges Kopfzerbrechen bereiten, jedoch keine Grizzlybären.

1859 wurde die erste europäische Siedlung gegründet; 1905 hatte Kelowna ca. 600 Einwohner und wurde zur Stadt ernannt. Einen ersten großen Aufschwung erlebte Kelowna, nachdem es Anlegeplatz für die von der Canadian Pacific Railway betriebenen Heckraddampfer wurde, die viele neue Siedler in das Tal brachten. Bereits 1909 zählte Kelowna ca. 1.800 Einwohner und war eine aufstrebende Stadt. Bedeutend für die Stadt waren auch die Eröffnung des Hope – Princeton Highway im Jahre 1949 sowie der Bau der Okanagan Lake Bridge im Jahre 1958 – Kanadas längste „schwimmende“ Brücke und heute Denkmal.

Die „neue“ Brücke, William R. Bennett Bridge, benannt nach dem 27. Premier von BC, ist eine 1 km lange fünfspurige Pontonbrücke, wobei der schwimmende Teil ca. 0,7 km beträgt. Die gigantische Brücke wurde 2008 eingeweiht, ist Teil des Highway 97 und wird täglich von ca. 46.000 Fahrzeugen befahren.

Was für Schottland „Nessie“, ist für das Okanagan das Seeungeheuer „Ogopogo“! In den Tiefen des Okanagan Lake soll sich das legendäre Monster aufhalten. Über „Sichtungen“ von Ogopogo, dem angeblich zweiköpfigen, schlangenähnlichen Seeungeheuer, wird bereits seit 1872 berichtet, wobei die Beschreibungen über sein Aussehen variieren. Der Name „Ogopogo“ stammt aus einem Konzertsong der 1920er Jahre (The Ogo-Pogo – The Funny Fox-Trot von Songwriter Clark Cumberland); „Ogopogo“ ist Maskottchen des Eishockeyteams Kelowna Rockets.

Besondere Bedeutung kommt dem Weinbau zu! Die Geschichte des Weinanbaus in Kanada geht auf das Jahr 1811 zurück, als Johann Schiller, ein deutschstämmiger Offizier, in Ontario die ersten Weingärten mit Wildreben anlegte. Allerdings war der daraus entstandene Rebensaft wenig schmackhaft und er verkaufte das Weingut. Erfolgreicher war 1866 ein Weinbauer aus Kentucky, der auf einer Insel im Eriesee mit der Rebsorte „Isabella“ Weinbau begann. In der Folge entstanden immer mehr Weingüter und Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Kanada bereits ca. 50 Weingüter.

Kanada und Weinbau passen nur bedingt zusammen! Die Rebe stellt hohe Standortansprüche … neben Boden und Lage ist das Klima für den erfolgreichen Weinbau entscheidend und da ist es schlichtweg in Kanada in den meisten Regionen zu kalt, die Winter zu lang. Die Reben gedeihen am besten in der gemäßigten Klimazone, auf der nördlichen Halbkugel liegt die Anbauzone etwa zwischen dem 30. und 50. Breitengrad. Aber nicht nur die klimatischen Bedingungen machen den Weinbau schwierig, auch die Reblaus, die in Nordamerika schon immer vorkam, bereitete den Winzern Probleme.

Auch wenn Kanada keine „große“ Weinnation wie z. B. Frankreich, Italien oder Spanien in Europa ist, so erfreut sich Wein in Kanada großer Beliebtheit.

Weinbau wird in Kanada vor allem in zwei Regionen in größerem und erfolgreichem Umfang betrieben. Bedeutendster Weinbaubereich des Landes ist in Ontario (Niagara-Region) und im Westen in British Columbia. Wichtige Anbauzonen sind in BC der Weinbaubereich Fraser Valley in der Region um die Stadt Vancouver, das Okanagan Valley, Similkameen Valley sowie Vancouver Island. Die größte Bedeutung kommt mit ca. 200 Weingütern dem Okanagan Valley zu, denn hier, im „Napa des Nordens“, werden rund 90 % der Weine der Provinz BC gekeltert. Auf karstigen Böden, Moränensand und Flusskiesel wachsen hier überwiegend alte Hybridsorten sowie Riesling, Chardonnay, Pinot Blanc und Gewürztraminer; daraus werden säurebetonte Weißweine gekeltert. Rotweinreben – Cabernet Sauvignon, Pinot Noir, Syrah und Merlot – ergeben trockene kräftige Weine. Die Weine aus dem Okanagan Valley sind inzwischen auch international bekannt und gefragt.

Kanada ist weltweit größter Erzeuger von Eiswein. Aufgrund der konstanten, eisigen Winter ist Kanada in der Lage, jährlich besten Eiswein zu produzieren. Bei Wintereinbruch gefrieren die dafür bedeutendsten Rebsorten Chenin Blanc, Vidal Blanc und Riesling. Diese Eigenschaft machen sich die kanadischen Winzer zunutze und keltern zuverlässig jährlich süßen Eiswein.

Die Anfänge des Weinbaus im Okanagan Valley gehen eigentlich auf den katholischen Missionar Pater Charles Pandosy zurück. Um 1859/60 errichtete Pater Pandosy mit zwei Theologiestudenten eine Missionsstation. Er soll zur Versorgung der Missionsstation Reben und Apfelbäume angepflanzt haben. Weinproduktion in nennenswertem Umfang begann allerdings erst um 1926. Den ersten kommerziellen Weinberg legte Mister Hughes, Besitzer einer Rosenzucht, an.

Die Prohibition (1916 – 1927) bewirkte im Gegensatz zu den USA einen Aufschwung im kanadischen Weinbau, denn hier war Wein durch geschicktes Lobbying der Winzer vom strikten Alkoholverbot ausgenommen. Zu dieser Zeit wurde auch das bis heute gültige „Liquor Board System“ geschaffen, bei dem der Verkauf von alkoholischen Getränken durch staatliche Läden erfolgt. Allerdings hat dieses System inzwischen eine Lockerung erfahren und der Verkauf ist auch durch private Geschäfte erlaubt.

Entscheidend für den Weinbau und die positive Entwicklung des Weinanbaus im Okanagan war Dr. Eugen Rittich, der ab 1932 genau prüfte, welche Reben im Okanagan Valley am besten gedeihen. Seine Dokumentationen waren die Grundlage für die Entwicklung des Weinbaus im Okanagan. Er gilt als der „Vater der Weinproduktion“! Auch Helmut Becker von der deutschen Forschungs- und Lehranstalt für Weinbau und Kellertechnik in Geisenheim, ist maßgeblich am Erfolg kanadischen Weinbaus im Okanagan beteiligt. Er bereiste bereits 1976 das Okanagan Valley und erkannte nach verschiedenen Versuchen dessen Potential und versorgte die Obstbauern mit Stecklingen.

Allerdings war der Wein anfänglich von geringer Qualität. Erst in den 1980er Jahren erreichten die Winzer mit ihren Weinen Qualität auf internationalem Niveau. Im Jahre 1988 wurde das Appellations-System VQA (Vinters Quality Alliance) eingeführt. Dabei wird die Provinz bzw. die geopraphische Herkunftsbezeichnung, also das Weinanbaugebiet, angegeben. Die Weine müssen aus Trauben des angegebenen Weinanbaugebietes stammen und auch dort abgefüllt werden. Es sind auch nur bestimmte Rebsorten zugelassen. Die Weine absolvieren eine Kontroll-Degustation und erhalten je nach erreichter Punkte das schwarze oder goldene VQA-Siegel. Inzwischen gibt es zahlreiche Weingüter, die Weiß- und Rotweine sehr guter Qualität keltern und Weinkenner weltweit sind angetan von den kanadischen Weinen. Erstmals im Jahr 1992 gewann sogar ein Chardonnay aus dem Okanagan Valley bei Wettbewerben in Europa gegen die internationale Konkurrenz.

Neben Riesling, Chardonnay, Pinot Gris, Cabernet Sauvignon, Pinot Noir und Merlot u. a. sind weite Teile der Rebflächen mit Hybridreben bestockt, da diese widerstandsfähiger sind und besser mit den klimatischen Bedingungen zurechtkommen als viele andere Rebarten. Die häufigste Hybridrebe ist die rote Rebe „Concord“, aus der überwiegend sherry- und portweinähnliche Weine erzeugt werden.

Die besten Weine stammen aus den Weingärten in der Nähe des Okanagan Lake. Der riesige See sorgt im Hochsommer für Abkühlung in der Nacht; im Herbst und Winter dagegen wirkt er wie ein Wärmespeicher, was den Obstplantagen und vor allem den Weinreben zu Gute kommt. Dieses Mikroklima kommt den Winzern sehr entgegen.

Foto: Mission Hill Winery

Das imposante Weingut Mission Hill von Anthony von Mandl mit seinem weit sichtbaren zwölfstöckigen Glockenturm liegt auf einem Hügel in der Nähe von Kelowna – umgeben von Weingärten und Villen – und steht beispielhaft für den Aufstieg des Weinbaus in Kanada und lädt zu Führungen und Verkostungen ein. Das bedeutende Weingut produziert hervorragende Weiß- und Rotweine und räumt bei internationalen Wettbewerben einen Preis nach dem anderen ab.

Zahlreiche Winzer sind sehr erfolgreich und profitieren vom Weinboom in Kanada! Zum Beispiel so auch die „Wild Goose“-Vineyards von Adolf Krüger mit seinen Söhnen Roland und Hagen oder die 1972 gegründete Gray Monk Estate Winery von George und Trudy Heiss. Sie gehören zu den Pionieren im Weinbau und zählen zur „ersten Adresse“, ebenso wie die Cedar Creek Estate Winery, die seit über 30 Jahren Wein anbaut oder Summerhill Pyramid Winery, die hervorragenden Wein aus biologisch angebauten Reben keltert.

Auf den Weinkarten taucht das Okanagan Valley international äußerst selten auf und nur wenige Weingüter sind über Kanada und die USA hinaus bekannt. Die Weine werden kaum nach Europa exportiert; das mag zum einen an den hohen Preisen der kanadischen Weine liegen und zum anderen an den hohen Einfuhrzöllen in Europa.

Besonders reizvoll ist das Okanagan Valley im Mai, wenn die Hügel rund um die vielen Seen in voller Obstbaumblüte stehen. Im Sommer zieht es zahlreiche Urlauber in diese Region. Das Okanagan Valley ist ein bevorzugtes und bekanntes Golfmekka mit gepflegten Plätzen von internationalem Format und beliebtes Ziel von Wassersportlern und Anglern. In den Herbstmonaten locken zahlreiche „Wine & Food Festivals“ mit kulinarischen Angeboten.

Die abwechslungsreiche Berg- und Naturlandschaft, seine reizvolle Lage, das außergewöhnlich milde Klima sowie zahlreiche kulturelle Einrichtungen lassen das Okanagan Valley neben Victoria (Vancouver Island) zu einer beliebten Ruhestandsregion und äußerst begehrten Wohngegend Kanadas werden.

Eine Umfrage von Canada Pulse ergab, dass 90 % der Bewohner finden, dass Kelowna „ein großartiger Ort zu leben“ sei! Kelowna, eine der lebenswertesten Städte Kanadas!

Weinkultur ist zu allen Zeiten Ausdruck der Lebensfreude und Lebenskultur gewesen!

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