EISBÄREN AN DER HUDSON BAY

by Heidi Giebl

Es ist Anfang November … etwa 950 Eisbären, die „Herren der Arktis“ warten sehnlich darauf, dass sich das Meereis bildet und die Hudson Bay zufriert! Während des gesamten Herbstes ziehen immer mehr Eisbären in Richtung Küste. Es ist für die Polarbären eine harte Zeit, sie sind am Ende ihrer Energiereserven! Den Sommer über haben sich die Eisbären an Land vorwiegend nur von Früchten und Pflanzen ernährt.

Etwa in der zweiten Novemberhälfte ist es endlich soweit! Das Eis bildet sich zunächst entlang der Westküste der Hudson Bay und verläuft von Cape Churchill aus meist entlang der Küste nach Norden. Endlich können die Eisbären von Eisschollen aus auf Jagd gehen – auf Robbenjagd, ihrer Hauptnahrungsquelle! Ringelrobben zählen zu ihren beliebtesten Beutetieren. Polarbären haben eine äußerst gute Nase. So wittern sie die Robben in ihren Schneeverstecken schon aus ca. 2 km Entfernung.

 

Auch an Atemlöchern wird gelauert (sog. Stilljagd) und das auftauchende Tier im Sprung getötet. Mitunter ist der Eisbär in Begleitung eines Polarfuchses zu sehen, der von den Jagdresten profitiert.

Eisbären leben nur in arktischen Gebieten der nördlichen Hemisphäre. Der Polarbär, das größte an Land lebende Raubtier der Erde, streift als Einzelgänger umher und hält auch keine Winterruhe. „Gähnen“ bedeutet bei den Eisbären auch nicht etwa „müde“ sondern „Stress, wachsam sein“! Eisbären haben keine natürlichen Feinde und daher auch keine Angst.

In der eisfreien Periode im Spätsommer, wenn Nahrungsengpässe entstehen, können Polarbären in einen winterruhe-ähnlichen Zustand übergehen, ihren Stoffwechsel herunterfahren und auf die nächste Beute warten. Viele Monate können Eisbären mit minimaler Nahrung auskommen. Trächtige Weibchen lassen sich einschneien und ziehen sich in einer selbst gegrabenen (Geburts-)Höhle zurück, um dort den Nachwuchs zur Welt zu bringen und aufzuziehen.

Unter vielen Namen ist der Eisbär bekannt! Sein wissenschaftlicher Name lautet Ursus maritimus, was soviel wie „Meer-/Seebär“ bedeutet. Erstmals im Jahr 1773 wurde der Eisbär durch den englischen Politiker und Entdecker Constantine John Phipps wissenschaftlich beschrieben. Nanuq („Ein Tier, das großen Respekt verdient“) heißt er in der Inuit-Sprache und in der Arktis wird er Polarbär genannt.

Weltweit gibt es schätzungsweise rund 25.000 bis 30.000 Eisbären. Ihre Lebenserwartung liegt bei 25 – 30 Jahren. Ihr Habitat ist die Arktis und das umliegende Polarmeer. Etwa 950 Eisbären zählt die Western-Hudson-Bay-Population; vor ca. 15 Jahren waren es noch ca. 1.200 Tiere.

Der Polarbär ist hervorragend an das Leben in extremer Kälte angepasst. Eine dicke Speckschicht von bis zu 11 cm und sein Fell schützen vor Kälte. Das Eisbärenfell besteht aus zwei Schichten – einem dichten, isolierenden Unterfell, das von unterschiedlich langen wasserabweisenden Haaren bedeckt ist. Die Haut der Polarbären ist schwarz und ist ein guter Wärmespeicher.

Die im Durchmesser bis zu 30 cm großen Tatzen verteilen das Körpergewicht (Männchen ca. bis 600 kg schwer; Weibchen ca. 300 kg) optimal und ermöglichen dem Polarbär, auch auf dünnem Eis zu laufen bzw. nicht im Schnee einzusinken. Die schwarzen Fußballen und Hautpolster auf der Unterseite jeder Tatze speichern hervorragend die Wärme. Eine Fellschicht auf den Sohlen schützt zusätzlich die Tatzen. Eine weitere Besonderheit sind die Spannhäute, eine Art Schwimmhaut zwischen den einzelnen Zehen.

Der Eisbär ist ein hervorragender Schwimmer und Taucher; beim Schwimmen wirken die Vorderpfoten des Bären wie große Paddel und die Hinterpfoten dienen als Ruder.

Genau wie ein Hund muss der Polarbär zum Kühlen seine Zunge oft heraushängen lassen. So gut sein dichter Pelz auch wärmt, isoliert er auch in umgekehrte Richtung und lässt keine Körperwärme nach außen. Der Polarbär hat kein Problem mit der Kälte, bei ihm besteht viel eher die Gefahr der Überhitzung, vor allem, wenn er schnell läuft. Deshalb gehen Eisbären normalerweise gemächlich.

Das kleine Städtchen Churchill (ca. 900 Einwohner), hoch oben im Norden der Provinz Manitoba am Ufer der Hudson Bay in der kanadischen Tundra gelegen – 1.800 km nördlich von Winnipeg und nur per Eisenbahn und Flugzeug erreichbar – „vermarktet“ sich als Welthauptstadt der Eisbären! „Polar Bear Capital of the World“ … und das ist keine Übertreibung, denn nirgends ist man den Eisbären so nahe wie in dieser Region; an kaum einem anderen Ort der Welt lassen sich die weißen Riesen so gut beobachten wie in der Region um Churchill an der Hudson Bay.

Die Gegend um Churchill wird ab ca. Ende Oktober zum Sammelplatz Hunderter Eisbären auf ihrer großen Wanderung nach Norden. Im Oktober und November ist „Bear Season“! Hier ist man dem größten Landraubtier der Erde so nahe, dass Autos und Haustüren grundsätzlich nicht verschlossen werden, um sich bei „Bärenalarm“ (24-Stunden-Hotline 675-BEAR) schnell in Sicherheit bringen zu können. Rund um die Stadt patrouillieren bewaffnete Ranger, sog. „Natural Ressource Officers“, und haben das Betäubungsgewehr stets bereit zum Einsatz. Aber nur im äußersten Extremfall muss zur Waffe gegriffen werden. Die Regionalregierung ist zufrieden und stellte fest, dass es in den letzten Jahren keine ernsthaften Zwischenfälle gab.

Sollte sich ein Eisbär zu weit in die Stadt vorwagen, kommt er vorübergehend in Gewahrsam, und zwar in einen ausgedienten Militäranhänger, in das einzige „Eisbärengefängnis“ der Welt. Sie bleiben dort ca. 30 Tage, bekommen keine Nahrung, nur Wasser. Nach dieser Zeit werden die Bären mit einem Helikopter ausgeflogen und weit ab jeglicher Zivilisation in die Freiheit entlassen. Die Gefangenschaft und die Diät dienen der Abschreckung und man erhofft sich, die Eisbären dauerhaft vom Ort fernzuhalten. Auffällig gewordene Eisbären werden am Fell bzw. Ohr markiert.

Die Bewohner in Churchill haben gelernt, mit der Gefahr zu leben. Grüne Schilder mahnen, den Küstenstreifen zwischen Ort und Wasser zu meiden. Die Menschen in Churchill achten auf Distanz, denn mit den weißen Riesen ist nicht zu spaßen! Die Eisbären zwingen die Einheimischen (und Gäste!) zu dauerhafter „Hab-Acht-Stellung“!

Die kleine Stadt Churchill an der Hudson Bay ist seit Jahren beliebtes Ziel für Ökotourismus … sie lebt mit und von den Eisbären!

Seit vielen Jahren werden Touren zur Bärenbeobachtung hinaus in die Churchill Wildlife Management Area – Manitobas größtem Naturschutzreservat  – mit dem „Tundra Buggy“, einem speziell konstruierten Bus mit Aussichtsplattform, angeboten. Auch in sog. Wilderness-Lodges – z. T. nur erreichbar mit dem Buschflugzeug – lassen sich relativ gefahrlos die Eisbären in der unwegsamen Wildnis aus sicherer Distanz beobachten.

Die Hudson Bay Area zählt zu den saisonalen Eisflächen, d. h. das Eis schmilzt hier jeden Sommer komplett und die Bären müssen bis zum Herbst warten, bis sie wieder jagen können. Die Hudson Bay Bucht bleibt immer länger eisfrei, die Jagdsaison wird dadurch immer kürzer. Eisbären in saisonalen Eisgebieten sind am stärksten gefährdet. Die Fettreserven werden bei immer länger werdenden eisfreien Zeiten vorzeitig aufgebraucht. Geht die Packeisausdehnung auf dem Meer zurück, schwindet auch sein Jagdgebiet. Die Eisbären müssen über längere Distanzen schwimmen und die Tiere schaffen es dann nicht mehr, sich die notwendigen Fettreserven anzufressen, um die eisfreie Zeit zu überstehen. Dazu kommen weitere Gefährdungen wie Umweltgifte in den Beutetieren, die sich in hoher Konzentration im Eisbärorganismus ansammeln.

Die Schutzorganisation „Polar Bears International“ befürchtet, dass die Polarbären gegen Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich von den Ufern der Hudson Bay verschwunden sein werden. Der Klimawandel trifft ganz besonders die Polarbären. Die Zeit, die sie auf Land verbringen müssen, wird länger. Forschungen ergaben, dass die Eisbären in den vergangen 20 Jahren mehrere Kilogramm an Gewicht verloren haben, die Reproduktionsrate rückläufig ist und Mehrlingsgeburten seltener werden.

 

 

 

Bereits seit 2007 wird der Eisbär als gefährdete Art geführt. Der internationale Handel ist geregelt und die Art ist streng geschützt (Artenschutzregelungen der Berner Konvention). Heute werden viele Tiere und ihr Verhalten per Satellitenortung überwacht (z. B. WWF-Canon Polarbär Tracking-Programm). Wissenschaftler können so wertvolle Informationen für die Erhaltung der Polarbären sammeln.

Das Churchill Northern Studies Center empfiehlt ein ausgezeichnet geschriebenes Buch über Eisbären („Eisbären“, geschrieben von Ian Stirling).

Einen überaus nützlichen Beitrag leistet die Schutzorganisation „Polar Bears International“ (https://polarbearsinternational.org), die unermüdlich bestrebt ist, das Bewusstsein für die reale und dringende Bedrohung durch den Klimawandel zu schärfen und eindringlich fordert, die Treibhausgasemissionen deutlich zu senken. Veränderungen geschehen nicht über Nacht, aber die Unterstützung zur Erhaltung der Umwelt muss von überall auf der Welt kommen! „Save the earth“ … dafür müssen ALLE an einem Strang ziehen!

 

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