KANADAS STÄDTE – CHURCHILL

von Heidi Giebl

Kurioses und Historisches …

Churchill, dieser inmitten einer zerklüfteten Wildnis gelegene kleine Ort mit ca. 900 Einwohnern an der Westküste der Hudson Bay in der Provinz Manitoba, ist mit keiner anderen Stadt Kanadas zu vergleichen. Churchill, ca. 1.800 km nördlich von Winnipeg, diese Stadt am Rand der Arktis, hat keine Straßenanbindung zum übrigen Kanada und ist derzeit nur per Flugzeug erreichbar. Die einzige Landverbindung (Winnipeg-Churchill-Zug) ist gegenwärtig wegen Schäden auf der Strecke geschlossen. Churchills Bewohner sowie Besucher verlassen sich auf die moderne Technologie mit Mobilfunk, High-Speed und drahtlosem Internet, um mit dem Rest der Welt verbunden zu sein.

Benannt wurde die Stadt nach John Churchill, dem 1. Duke of Marlborough (Gouverneur der Hudson’s Bay Company zu Ende des 17. Jahrhunderts), ein Ahne des ehemaligen britischen Premierministers Sir Winston Churchill. Der englische Seefahrer Henry Hudson war Namensgeber der im nordöstlichen Teil Kanadas gelegenen Hudson Bay, der die Bucht um 1610 erkundete.

Churchill hat eine interessante Vergangenheit. Die Geschichte Churchills reicht sehr weit zurück. Archäologische Ausgrabungen haben Beweise geliefert, dass die Existenz von Menschen in dieser Region etwa 4000 Jahre zurückreicht.

Es wird davon ausgegangen, dass das Gebiet um das heutige Churchill seit Hunderten von Jahren ein saisonales Jagdgebiet war. Bei den Ausgrabungen wurden Artefakte gefunden, die noch von den Völkern der Pre Dorset
(Pre-Dorset-Kultur, 1700 v. Chr.) und Dorset, der Thule-Kultur bzw. der Inuit stammen. Das Eskimo-Museum in Churchill informiert hervorragend von dieser Zeit und widmet sich erstklassig dem Leben und der Geschichte der Inuit.

In diesem Gebiet lebten und jagten Inuit sowie Cree- und Dene First-Nation-Stämme lange bevor die Hudson’s Bay Company im Jahre 1717 einen Handelsposten in Churchill an der Mündung des Churchill River errichtete.

 

Die ersten Europäer kamen 1619 in die Region, als der dänische Seefahrer Jens Munk auf der erfolglosen Suche nach der Nordwestpassage mit zwei Schiffen in der Nähe der heutigen Stadt überwinterte. Von den 64 Mann Besatzung überlebten nur drei, die 1620 nach Dänemark zurückkehrten. Zwischen 1731 und 1771 wurde das Fort Prince of Wales von der Hudson’s Bay Company (HBC) mit außergewöhnlich schönem Mauerwerk erbaut. An jeder der vier Ecken der Anlage befindet sich eine rautenförmige Bastion und innerhalb der Mauern gibt es eine Kanonengalerie. Fort Prince of Wales (National Historic Site of Canada), eine der Sehenswürdigkeiten von Churchill.

Die Eisenbahnlinie der Hudson Bay Railway von Winnipeg nach Churchill schritt wegen schwieriger Landschaftsverhältnisse mit Permafrostboden und ausgedehnten Moorgebieten nur sehr langsam voran, so dass Manitobas einsamer Außenposten Churchill an der Hudson Bay erst 1929 Anschluss an das Eisenbahnnetz erhielt.

Kanadas einziger arktischer Seehafen in Churchill war wichtiger Getreideumschlagsplatz und wuchs in den späten 1920er Jahren durch den Bau der Hudson Bay Railway zu einem geschäftigen Seehafen auf. Er ist auch heute noch in den Sommermonaten in Betrieb und befördert vor allem Brennstoffe, Baumaterialien und andere Gebrauchsgüter.

Churchill, diese kleine Stadt auf dem 58,7684 Breitengrad bezeichnet sich selbst als „Welthauptstadt der Eisbären“ … und das mit Recht! Hier leben etwa genauso viel Polarbären wie Einwohner … eine der wenigen Regionen, in denen die mächtigen weißen Riesen in freier Wildbahn beobachtet werden können. Besucher aus der ganzen Welt kommen, um die „Herren der Arktis“, wie die Eisbären auch genannt werden, von speziellen Fahrzeugen aus (Tundra Buggys) oder einer Wilderness Lodge zu beobachten. Ein guter Aussichtspunkt ist Cape Churchill … rund 50 km östlich von Churchill. Die besten Beobachtungszeiten sind im Oktober und November, wenn sich das Packeis bildet und die Polarbären an die Hudson Bay ziehen, um auf Robbenjagd, ihrer Hauptnahrungsquelle, zu gehen.

„Polar Bear Capital of the World“ … überall Eisbären … auf Schilder, Wandmalereien, Skulpturen … und mitunter auch „leibhaftig“ in der Stadt! Churchill wird rund um die Uhr von patroullierenden bewaffneten Rangern (Natural Ressource Officers) bewacht und die Autos werden in Churchill grundsätzlich nicht verschlossen, um sich rechtzeitig bei unvorhergesehenen Begegnungen mit dem größten an Land lebenden Raubtier der Erde in Sicherheit bringen zu können! Churchill verfügt über das einzige „Bärengefängnis“ weltweit! Hier werden ungebetene „Stadtbesucher“ in Gewahrsam genommen. Die Polarbären bekommen während des „Arrests“ nur Wasser und werden nach einigen Wochen per Helicopter ausgeflogen und fern jeder Zivilisation, z. B. im Wapusk-Nationalpark, in die Freiheit entlassen. „Wapusk“ bedeutet in der Sprache der Cree-Ureinwohner „Weißer Bär“ und es wird vermutet, dass sich im überwiegend unzugänglichen Wapusk-Nationalpark das größte Eisbären-Geburtshöhlengebiet der Welt befindet. Touren in das Wapusk-Nationalpark-Schutzgebiet sind nur in den Monaten Oktober und November gestattet; angeblich dürfen jährlich maximal 200 Touristen das Schutzgebiet betreten.

Die Eisbären der westlichen Hudson Bay gelten als die am besten erforschte Population; etwa 950 Polarbären leben ganzjährig in dieser Region.

Churchill … „Polar Bear Capital of the World“, aber nicht nur! Churchill ist auch die Stadt der einzigartigen verspielten Beluga-Wale! Belugas, wegen ihres „Gesangs“ mit hohen Pfeifen-, Zwitscher- und Klicklauten, auch „Kanarienvögel des Meeres“ genannt, bewegen sich zu Tausenden in der Mündung des Churchill River, nachdem das Eis aufgebrochen ist. Der Fluss bietet Schutz und ist ein sicherer Ort für die eleganten Meeressäuger – wegen ihrer Farbe auch Weißwale genannt, um sich zu ernähren und auszuruhen. Belugas, die „Seekanarien“, sind für ihre beeindruckende Intelligenz bekannt; sie sind auch die einzigen Wale mit einem flexiblen Hals, was ihnen ermöglicht, zu nicken und den Kopf zu drehen. Am besten lassen sich die Wale von einem Boot aus beobachten. Mit den geselligen und gutmütigen Belugas hautnah im Neoprenanzug im kalten Wasser zu schnorcheln … nirgendwo sonst auf der Welt sind derartige Interaktionen mit den majestätischen Kreaturen möglich … eine einmalige Erfahrung und unvergessliches Erlebnis!

Aber nicht nur atemberaubende Tierbegegnungen bietet die Region um die Hudson Bay in Manitoba. Hier treffen Tundra- und Taigaklima aufeinander und die Hudson Bay bietet zu jeder Jahreszeit ein bestechendes Naturschauspiel. In der unendlichen Weite der Tundra gedeihen über 400 Pflanzenarten und verwandeln diesen eindrucksvollen Landstrich im Sommer in ein einzigartiges Blütenmeer. Im Herbst bieten die arktischen Blumen sowie die Flechten und Miniaturbüsche der Tundra eine farbenprächtige Szenerie. Auf dem weichen Rasen der Tundra zwischen den Felsen gedeihen viele vitaminreiche Beeren (z. B. Blaubeeren, Preiselbeeren, Cloudberries und Cranberries). Es ist ein beeindruckendes Terrain vom borealen Wald am nördlichen Rand bis zur ausgedehnten subarktischen Tundra und gletscher-geformten Quarzit-Felsblöcken am Rand der Hudson Bay.

Mit über 250 Vogelarten, die sich während der Brut oder zur Zeit des Vogelzuges an der Hudson Bay aufhalten, ist Churchill ein Paradies für Vogelliebhaber. Die subarktische Umgebung von Churchill bietet einen gesunden Lebensraum für eine Vielzahl von Falken, Tundra-Schwänen und Schnee-Eulen. Seit vielen Jahren nistet hier die sehr seltene Rosen-Möwe, die ursprünglich in Sibirien beheimatet ist. Ein weltbekannter Hotspot für (Hobby)-Ornithologen ist “Bird Cove“ … hier lassen sich Vögel hervorragend beobachten. Am westlichen Kap der Bucht liegt auch das Wrack der 1961 bei einem verheerenden Sturm zerstörten geheimnisumwobenen „MV Ithaca“.

Churchill bietet aber noch mehr! Churchill ist einer der besten Plätze weltweit, um das spektakuläre Farbenspiel des Nordlichts, der Aurora borealis, zu bewundern. Durch seine Lage direkt unter dem Aurora Oval sind die Bedingungen optimal, den magischen Zauber des meist smaragdgrünen Polarlichts fast ganzjährig zu bestaunen, jedoch ist die Aktivität von Januar bis März besonders lebendig. Am Ufer der Hudson Bay zeigen sich die Polarlichter in ihrer ganzen Pracht, hier stört kein Fünkchen künstliches Licht die nächtliche Dunkelheit. Das atemberaubende Feuerwerk der Natur kann mit einem fantastischen 360° Rundumblick unter der Aurorakuppel des Churchill Northern Studies Centre, einer Forschungs- und Bildungseinrichtung an der Küste der Hudson Bay beobachtet werden. Hier befindet sich auch das Gelände der inzwischen inaktiven Raketenabschussbasis (Churchill Rocket Research Range/National Historic Site of Canada).

Churchill, eine kleine Stadt mit interessanten Menschen … hier kennt jeder jeden! Um mit den freundlichen Einheimischen ins Gespräch zu kommen, ist Gypsy’s Bakery „der“ geeignete Ort! Das Café ist stolz auf die Bezeichnung „The place to be“ und die Geschichten, die hier immer wieder gern erzählt werden, sind spannend und echt!

Churchill heute … eine Stadt, die vom Ökotourismus lebt … ein Eldorado für Outdoor-Enthusiasten!

Der Tier- und Pflanzenreichtum machen die Churchill-Region zu einem attraktiven Reiseziel für Naturliebhaber mit Hang zum Außergewöhnlichen, und das nicht nur während der “Eisbärenmonate” Oktober und November! Wild, atemberaubend und schier grenzenlos … „Hochsaison“ das ganze Jahr!

CHURCHILL … „POLAR BEAR CAPITAL OF THE WORLD”

 

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