MYTHOS POLARLICHT – Faszinierendes Feuerwerk der Natur

by Heidi Giebl

Polarlicht, Nordlicht, Aurora Borealis … dieses geheimnisvolle Phänomen – diese mystische, atemberaubende Lichterscheinung am polaren Nachthimmel – verzaubert, fasziniert, entzückt oder erschreckt, ängstigt und verunsichert seit Menschen Gedenken.

Auch wenn heute in Zeiten der modernen Naturwissenschaften die wesentlichen Aspekte der Polarlichtentstehung bekannt und untersucht sind, zieht uns der geheimnisvolle Lichtschleier der Aurora Borealis ungebrochen in seinen Bann.

Aurora Borealis heißt das Polarlicht auf der Nordhalbkugel; Aurora Australis wird die spektakuläre Lichterscheinung auf der südlichen Halbkugel genannt (auch Südlicht). Namensgeber waren im 17. Jahrhundert Galileo Galilei und Pierre Gassendi, als sie Augenzeugen der kosmischen Naturerscheinung in ihrer ganzen Pracht wurden (Aurora, römische Göttin der Morgendämmerung) und die wissenschaftliche Erforschung des Polarlichts einleiteten. Polarlichter können in der nördlichen und südlichen Hemisphäre in einem unregelmäßig geformten Oval, das über jedem magnetischen Pol zentriert ist, gesehen werden. (Aurora-Oval Nordhemisphäre: Alaska, Kanada, Südgrönland, Island, Nordskandinavien, Nordsibirien; Aurora-Oval Südhemisphäre: Tasmanien, Südteil Neuseeland)

Polarlichter sind „Kinder der Sonne“ … sie entstehen durch ein komplexes Wechselspiel zwischen Sonne und Erde! Polarlicht entsteht – vereinfacht ausgedrückt – wenn geladene Teilchen (Elektronen), die von der Sonne permanent produziert und in riesigen Mengen ausströmen (Sonnenwind), mit Molekülen hoch oben in der Erdatmosphäre kollidieren und dadurch diese Moleküle anregen und zum Leuchten bringen.

Die elektrisch geladenen Teilchen bewegen sich rasend schnell mit mehreren Hundert Kilometern pro Sekunde. Treffen sie auf das Magnetfeld der Erde, werden sie abgelenkt und folgen den Magnetfeldlinien. Sie gelangen so in die jeweiligen Polarregionen. Beim Zusammenstoß mit den Luftmolekülen (Sauerstoff- und Stickstoffmoleküle) geht ein Teil der Energie auf die Moleküle über. Die aufgenommene Energie wird von den Molekülen in Form von Licht wiedergegeben … dem „POLARLICHT“.

Bei besonders intensiven Sonnenstürmen können sogar ganze Stromnetze ausfallen und Radio- und Funkverbindungen gestört werden. Dank moderner Teleskope und Satelliten zur Sonnenbeobachtung ist es möglich, die Aktivität der Sonne gut zu überwachen. Bei einer Geschwindigkeit von 500 km bis 800 km pro Sekunde brauchen die elektrisch geladenen Teilchen mehrere Tage, bis sie die Erde erreichen. Eine ungefähre Vorhersage über die zu erwartende Aurora-Aktivität ist deshalb für einen Zeitraum von etwa drei bis fünf Tagen heute möglich.

In einem Turnus von 27 Tagen ist eine Periodizität in der Stärke und der Häufigkeit des Auftretens der Nordlichter festzustellen. Zudem haben langjährige Beobachtungen ergeben, dass etwa alle 11 Jahre eine vermehrte Sonnenaktivität zu verzeichnen ist. Erkennbar ist dieser Zyklus an besonders vielen Sonnenflecken (dunklere Bereiche auf der Sonnenoberfläche), die bei besonders starker Sonnenaktivität entstehen.

Polarlichter treten in verschiedenen Farben auf: Stoßen die solaren Elektronen auf Sauerstoffmoleküle, so entsteht grünes und rotes Licht (Höhe ca. 100 km/grünes Licht; Höhe ca. 200 km/rotes Licht); stoßen die Teilchen auf Stickstoffmoleküle, so hat das mystische Leuchten eine blaue und violette Farbe.

Abhängig von der Stärke der Polarlichter sowie der „Sehkraft“ der eigenen Augen erscheint das Polarlicht auch manchmal nur als weißer Schleier am Himmel und wird von jedem anders in der Farbintensität wahrgenommen. Auch „sieht“ eine Kamera immer mehr als das menschliche Auge und die Polarlichter erscheinen für das Auge auch nicht so bunt, wie sie auf den meisten Bildern im Internet zu sehen sind.

Um das grandiose Farbenspiel der Aurora Borealis mit der eigenen Kamera festzuhalten, sind spezielle Kameraeinstellungen erforderlich … wertvolle Tipps hierzu finden sich z. B. bei www.meteoros.de sowie www.polarlichtfotografie.de .

Optimale Beobachtungsbedingungen der magischen Polarlichter sind nur bei völliger Dunkelheit – bevorzugt in der Neumondphase –  mit möglichst wenig Streulicht von künstlichen Lichtquellen und wolkenfreiem Himmel gegeben. Von September bis März/April bildet der sternenklare dunkle Himmel einen idealen Hintergrund für das bezaubernde Naturschauspiel. Je weiter man in den Norden Kanadas und Alaskas kommt, umso größer sind die Chancen, den spektakulären Lichterzauber zu erleben und desto intensiver und dynamischer gestaltet sich der Tanz der bunten Lichtbänder, die sich streifen- oder spiralförmig, flackernd, kräuselnd oder zuckend und springend am nächtlichen Himmel zeigen; sie drehen sich um die eigene Achse, mal langsam, mal schnell, bilden Bögen oder wallende Vorhänge! Strahlendurchsetzte Schleier, sog. „Polarlichtvorhänge“ in ständigem Wechsel von Form, Farbe und Leuchtkraft und mit fortwährend anderer Geschwindigkeit bewegen sie sich am Firmament … kein Polarlicht gleicht einem anderen! Was für eine grandiose Show!

Ideale Beobachtungsorte sind in Kanada z. B. Yellowknife (NWT) bzw. Whitehorse (Yukon Territory) oder Churchill an der Westküste der Hudson Bay; in Europa alle skandinavischen Länder und Island.

Zu dem faszinierenden Naturschauspiel der grünen, roten, und blauen Lichtern am Himmel gibt es die kuriosesten Sagen, Mythen und Geschichten. Sie führen uns die wunderlichsten Annahmen und Sichtweisen früherer Generationen vor Augen.

Bereits im Altertum soll der griechische Philosoph Aristoteles die Leuchterscheinungen am Firmament als „springende Ziegen“ wegen ihrer bizarren eigentümlichen Formen bezeichnet haben und beschrieb „leuchtende Wolken“. Im alten China versuchten Astronomen aus den Farben der Polarlichter das Eintreten von Fluten, Dürren, reichen Ernten oder Hungersnöten abzuleiten. Die Aurora Borealis wurde in vielen Texten erwähnt – von den Wikingern bis zum Alten Testament der Bibel.

Im Mittelalter wurde das Nordlicht als Zeichen für einen bevorstehenden Krieg, drohende Hungersnöte und Seuchen gedeutet.

Aus den Überlieferungen australischer Aborigines gibt es Hinweise, dass das Erscheinen des Südlichts immer ein Omen für schlimme Ereignisse war, begleitet von Furcht und Angst. Im Südlicht sahen die Aborigines immer böse Geister, Tod, Blut oder Feuer und Rauch.

In nordischen Ländern galt das Auftreten von Polarlichtern als Zeichen für eine Wetteränderung bzw. verschiedene Wetterlagen. So bedeutete ein niedrig am Himmel stehendes Nordlicht „schönes“ Wetter und ein hoch am Himmel stehendes Nordlicht signalisierte „schlechtes“ Wetter.

In Norwegen und Schweden hielt sich früher der Glaube, dass die Polarlichter die Reflektion von riesigen Heringsschwärmen in den nördlichen Meeren seien. Inzwischen hat sich der Mythos dahingehend verändert, dass die bunten Lichter am Himmel die Ankunft großer Heringsschwärme bedeuten.

Nordlichter erscheinen einer finnischen Sage nach, wenn ein Feuerfuchs (Revontulet) mit seinem langen Schwanz Schnee aufwirbelt und Funken sprühen, wenn er über blanke Felsen streicht. Das Polarlicht wird im Finnischen daher auch „Revontulet“ genannt.

Vor allem in der nordischen Mythologie wurde das Nordlicht oft als Tanz der Jungfrauen, der Walküren, oder als Kampf der Götter und Geister bzw. als Nachricht der gefallenen Krieger an die Lebenden gedeutet. Auch bei den Mythen der nordamerikanischen Indianer, den Eskimos und den Sibiriern spielte das Nordlicht eine bedeutende Rolle. Die Inuit von Alaska glaubten, dass die Nordlichter die Geister der Tiere waren, die sie jagten, z. B. Robben, Lachse, Hirsche oder Weißwale.

Skurill auch der Glauben im westlichen Alaska … hier sah man in den Bewegungen der Nordlichter die Geister von Jungen, die mit Walrossschädeln „Ball spielen“, wobei es galt, die Schädel so zu werfen, dass sie mit ihren Stoßzähnen nach unten im Boden stecken blieben. Ähnliche Annahmen existierten auch bei den Inuit in Grönland.

In Kanada wurden die Himmelsschleier der Polarlichter als Fackeln der Götter gedeutet. Eine Überlieferung kanadischer Indianer besagt, dass der Halbgott Nanabozho die Welt und den Menschen erschuf. Nachdem er sein Werk vollendet hatte, zog er sich in den Norden zurück, versprach den Menschen aber, sie stets zu begleiten. Als ein Zeichen seines Schutzes entzündet er von Zeit zu Zeit kräftige Flammen, die als Lichtschleier für die Menschen am Himmel sichtbar sind. Außerdem werden die bunten Lichter am Himmel auch als Zeichen der Begleitung der Seelen der Verstorbenen durch Götter ins Paradies gesehen.

Auch glauben Indianer in Nordamerika, dass leises Flüstern die Lichter anlockt und auf diese Weise Nachrichten an Verstorbene geschickt werden könnten.

Vor allem Südostasiaten sind fasziniert vom Polarlicht. Chinesen und Japaner schreiben dem Nordlicht besondere Kräfte bei einem Kinderwunsch zu und glauben fest an eine Wirkung auf die Fruchtbarkeit junger Paare. In der japanischen Kultur herrscht der Glaube, dass ein Kind, das unter Nordlichtern gezeugt wurde, mit besonders viel Glück, Verstand und gutem Aussehen gesegnet ist. Auch besagt ein Mythos, dass bei einer Empfängnis unter dem magischen Nordlicht das Kind ein Junge wird.

Wunderlich auch der Glaube in Island: Isländische Folklore besagt, dass, wenn eine schwangere Frau in das Nordlicht blickt, ihr ungeborenes Kind schielen wird. Auch dürfen in Island Betrachter weder winken, singen noch pfeifen, wenn Nordlichter am Himmel erscheinen. Andernfalls drohe die Gefahr, dass die Geister der Lichter auf die Erde kommen, um den Betrachter zu holen. Wer jedoch seine Freude über das prächtige farbenfrohe Himmelsspektakel zum Ausdruck bringen möchte, kann dem Volksglauben nach den schillernden geheimnisvollen Lichtern applaudieren.

In diesem Sinn … ein fast ehrfürchtiges Staunen und ein Applaus auf eines der aufregendsten, eindrucksvollsten und spannendsten Schauspiele, das die Natur am nächtlichen Himmel zaubert … ein Applaus auf das größte, reizvollste und spektakulärste Feuerwerk am Himmel … ein Applaus auf das imposante und faszinierende POLARLICHT!

Fotos: www.pixabay.com

Produkte von Amazon.de

Ähnliche Artikel & Themen

2 Kommentare

Peter Iden
Peter Iden 15. August 2019 - 20:27

Ein ausgezeichneter Beitrag der sehr viele Recherchen enthaelt. Als genau meine Art, nichts zu schreiben bevor nicht ein gutes Ausmass an Informationen darin enthalten ist. Die Worte warum, weshalb und wieso geistern immer in meinem Gehirn herum. Wenn das aufhoert, ist Sense (nun mus ich recherchieren, wo der Ausdruck kommt 🙂

Antworten
Heidi Giebl
Heidi Giebl 16. August 2019 - 23:53

Ich freue mich sehr über Ihr Interesse an meinem Bericht über das Polarlicht … zieht uns doch das spektakuläre Himmelsschauspiel seit Menschen Gedenken in Bann!
Vielen Dank für Ihr positives Feedback!

Antworten

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.