Warum trinken Kanadier Milch aus Tüten?

von Peter Iden

Besucher in Kanada wundern sich immer, warum Kanadier ihre Milch in Tüten kaufen. Zwar kann man in den Supermarkets auch Milch in Kartons kaufen (innen mit Wachs überzogenene und ohne die Probleme der in der EU immer noch umstrittenen Tetra-Paks). Kartons werden hauptsächlich von allein lebenden Menschen gekauft, die keine grosse Quantitäten von Milch trinken oder aufbewahren wollen.
Die größere Plastiktüte enthält drei kleinere mit je etwa 1,33 Litern (1,8 Imperial Quarts), also insgesamt etwa 4 Liter.
Der Hauptgrund warum kanadische Milch in Tüten verkauft wird ist der Kostenpunkt. Glas- und Plastikflaschen (obwohl es die letzteren noch begrenzt gibt) sind teuer, und besonders Plastik hat seine Zeit ausgelebt.
Auf die Frage der schädlichen Bestandelemente von Getränkbehältern aus Plastik möchte ich hier nicht eingehen. Allerdings verbringt Milch nur relative kurze Zeit in Plastik, im Gegensatz z.B. zu dem in Kanada unwahrscheinlich populären Flaschenwasser.
Nebenbei bemerkt ist Kanada nicht das einzige “Tütenmilch-Land”, denn in Südamerika und einigen ost-europäischen Ländern sowie auch in Israel wird Milch in Tüten verkauft.
Fragen Nummer 1-2-3 für Besucher nach dem Kauf von kanadischer Milch: “Was mache ich mit den angefangenen Tüten? Wie becomme ich die Milch aus der Tüte ohne etwas davon zu verschütten? Wie bewahre ich eine angebrochene Tüte Milch auf?”


Zum letzten Zweck benutzen Kanadier einen “Plastic Milk Dispenser”, der in vielen Supermarkets zu haben ist. Unser persönlicher container ist aus Keramik. Die Tüte wird in diesen Behälter gesteckt und mit einem kleinen Dreieck-Schnitt zum Giessen versehen. Dabei ist Vorsicht geboten: Ein zu grosser Schnitt ergibt eine Milch-Flut. Ein zu kleiner Schnitt hat als Resultat einen “Pinkelmilcherguss”!
Frage Nummer 4: Ist kanadische Milch sicher zu trinken?
Die Kontrolle dieses Aspekts unterliegt der Canadian Food Inspection Agency (CFIA). Da meine Firma Esswaren für mehrere grosse Restaurant-Ketten sowie Costco importiert, kann ich nur versichern, dass diese Kontrollen (auch für Milch) äußerst streng sind und bestens funktionieren.
Von den drei Fällen von kontaminierter Milch in Kanada in den letzten Jahren stammen zwei aus British Columbia einer aus Nova Scotia (Quelle CFIA).
Kanadische “Skim Milk” (Magermilch) enthält 0 bis 0,5 % Fett; 1% ist “Low Fat “, 2% “Reduced Fat”. Normale Milch enthält 3,5 % Fett; 10,5 bis 18% ist “Half and Half”; “Medium Cream” enthält 25%, und Schlagsahne (Whipping Cream) stolze 35%. Butter hat 69% Fettgehalt.
Kanadische Milch, im Gegensatz zur deutschen, wird nur homogenisert, ein rein mechanischer Prozess um die leichteren Fettkügelchen unter Hochdruck zu verkleinern, sodass sie nicht oben auf der Milch schwimmen.
Deutsche Milch wird zuerst pasteurisiert (“hoch erhitzt” bei 127 Grad), dann homogenisiert. Praktisch gesehen ist also Homogenisierung der Milch eine “zweite Pasteurisierung”.
In Deutschland hat “Vollfette Milch” generell 2,5 bis 3,5% Fettgehalt; “Fettarme Milch” 1,5 bis 1,8%, “Magermilch” 0,1 bis 0,5%.
Frischmilch (nur pasteurisiert) hält sich im Kühlschrank in Kanada und Deutschland etwa 5 bis 6 Tage. Die “ESL-Milch” (Extended Shelf Life = Verlaengertes Regal-Leben) in Deutschland hat eine Haltbarkeit von 12 bis 21 Tagen.
Dann ist da noch die “H-Milch” (“H” für haltbar – Fettgehalt 3,5%). Für mich als Kanadier schmeckt sie scheusslich, aber meine Verwandten drüben haben immer H-Milch in ihren Schraenken – manchmal eine erstaunliche Batterie davon! Sie hält sich angeblich drei bis sechs Monate lang und braucht nicht im Kühlschrank aufbewahrt werden. Durch das starke Abkochen sind jedoch nicht nur etwaige Salmonellen, Bakterien oder Pilze getötet worden, sondern auch viele Vitamine verloren gegangen.
Kanadische Milch, ob regulär oder organisch, enthält keine Steroide, Hormone oder Antibiotika.
Der kommerzielle Verkauf von “Raw Milk” (unhomogenisierter Milch) ist in Kanada verboten, ausser für den Eigenverbrauch durch Farmer und individuelle Eigentuemer einzelner Rinder oder kleinerer Herden. Ein interessanter Fall war der des Deutschen Michael Schmidt etwa 80km nördlich von Toronto, der “Anteile” seiner Kühe an Interessenten verkaufte. Seit 2010 dürfen seine “Aktionäre” nun laut gerichtlicher Entscheidung weiterhin ihren Anteil roher Milch trinken.
Wenn in Kanada einer Kuh Antibiotika gegen eine Krankheit gegeben wird, muss sie aus der Milch-Produktion ausgeschieden und ihre Milch zerstört werden. Wenn nachfolgende Tests keine Antibiotika mehr nachweisen, wird die Kuh wieder in die Produktion eingereiht. Dasselbe gilt für Steroide welche ein Veterinär gegen Rinderkrankheiten verschreibt. Synthetische Wachstums-Hormone sind illegal in Kanada.
Sicher gibt es auch in Kanada einige Milch-Produzenten, welche die Gesetze hintergehen, aber generell werden die meisten nicht damit ihren Lebensunterhalt gefährden. In den drei oben erwähnten Fällen mussten die provinziellen “Milk Boards” auf Anweisung der CFIA den Rueckzug mehrerer Produktionen aus dem Vertrieb sowie ihre Zerstörung anordnen.
Sollte ich in diesem Bericht einige Unklarheiten oder (als kuhloser Stadt-Mensch) Missverständnisse berichtet haben, sind Vorschläge zur Beseitigung solcher jederzeit willkommen!

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6 Kommentare

Gregor 30. März 2018 - 22:27

Ich, Jahrgang 1988, bin in Stuttgart aufgewachsen und kenne diese Milchtüte aus meiner Kindheit. Irgendwann gegen Ende der 90er müssen die aber verschwunden sein.

Antworten
Uwe Schütte 8. Februar 2018 - 10:30

Moin Peter,

diese Milch in Tüten kenne ich noch aus meiner Kindheit, also aus den 70’er Jahren, in Schleswig-Holstein.

Viele Grüße aus Wandsbek – Uwe

Antworten
Peter Iden 8. Februar 2018 - 23:26

Hallo, Uwe:
Wir haben Deutschland lange vor der “Plastik-Zeit” verlassen.
Milch kam noch in Flaschen, oder man musste seine Milchkanne
Zum Einkaufsladen bringen, wo sie gefuellt wurde. Das war mein
Job nach dem Krieg. Ich erinnere dass ich selten mit einer vollen
Kanne nach Hause kam.
Das war in Wandsbeck, wo ich geboren wurde und aufwuchs.
Gruss aus Kanada,
Peter Iden

Antworten
Heike 31. Januar 2018 - 14:42

Danke für die gute Erklärung. Wir haben uns vor Jahren schon über die Milch in Plastiktüten gewundert. Nun wissen wir also, dass es eine Frage der Kosten ist, warum sie nicht, wie bei uns in Tetra Pak Kartons verpackt wird. Wieder was gelernt! 😀

Antworten
Peter Iden 28. Januar 2018 - 16:26

Zugegeben, Milch in Platiktueten ist eine hauptsaechlich “oestliche” Sache in Kanada, obwohl auch einige Provinzen westlich von Ontario eine mehr oder weniger akzeptierte “Tuetenzeit” hatten. Die Ladenketten arbeiten nach dem Motto “was hier akzeptiert ist, muss auch dort gut sein”. Ob ja oder nein, die Antwort kommt aus den Gewohnheiten der Einkaeufer, und wenn die sagen “keine Tuetenmilch fuer mich”, muessen sich die Ketten und ihre Laeden danach richten.
Als wir in 1954 in Kanada ankamen, waren Glasflaschen die einzige Methode der Verpackung fuer Milch. Das war auch noch in den 1960’er Jahren der Fall. Als junge Familie seit der Geburt unserer ersten Tochter in 1961 hatten wir sehr wenig Geld. Ich erinnere jedes Mal vor dem Einkaufen, dass wir die Schraenke nach leeren Flaschen durchsuchten, damit wir fuer das Rueckgabegeld von 10 Cents pro Flasche wieder Milch kaufen konnten.
Flaschenmilch wurde sogar noch in den 1960’er Jahren bis an das Haus angeliefert. Jedes Haus hatte ein etwa 12×12 inches (30×30 cm) grosses Loch in einer der Waende, mit einer Klappe davor. Der Milchmann platzierte die bestellte Milch taeglich in diesen Loch, das auch fuer Broetchen, Post und andere Lieferungen benutzt wurde. Das war eine Zeit, in der selbst die Haustueren in Kanada nachts nicht zugeschlossen wurden.
Mit den Jahren jedoch passierten Hauseinbrueche, bei denen kleine Kinder durch das Loch Zugang hatten und von innen die Haustuer fuer seine erwachsenen “Lehrer” oeffneten. Dazu kam spaeter noch die Tatsache von Hitzeverlust im Winter durch diese Loecher. Viele Kanadier haben (auch ich) haben sie daher in bereits in der Mitte der 1960’er Jahre zugemauert. Seit mehr als einem halben Jahrhundert warden Haeuser ohne diese Milchtueren gebaut.

Antworten
Gary Kiemle
Gary Kiemle 27. Januar 2018 - 13:02

Hi Peter,
habe ein paar posts aus Berlin bekommen, dort sind Tüten in Milch wohl auch völlig normal und überall zu kaufen, bei uns im Süden habe ich das noch nicht gesehen.
Beste Grüße
Gary

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