RESIDENTIAL SCHOOLS

von Peter Iden

Was waren die Indianer-Schulen in Kanada? Warum wurden sie als separate Schulen für Indianer gegründet? Wer war für sie verantwortlich? Und warum geniessen sie heute einen schlechten Ruf?

Es sind Fragen, die  besonders ausserhalb Kanadas viele Menschen bewegt, und über welche die meisten Kanadier ebenso wenig wissen.

In diese Beitrag habe ich absichtlich nicht den heutigen Begriff “First Nations” benutzt, denn er existierte nicht in Kanada in den hier beschriebenen Situationen, obwohl eine “Royal Proclamation” in 1763 die Eingeborenen einiger Länder des Commonwealth als “tribes” (Stämme) oder “nations” (Nationen) beschreibt.

Der Begriff “First Nations” hat jedoch andere Bedeutungen. Er beschreibt die Eingeborenen (Aboriginals) von Kanada (die Indianer). Die Inuit und die Metis werden nicht als “First Nations” angesehen sondern als “Aboriginals” (Quelle: Assembly of First Nations).

Der Begriff “First Nations” entstand in den 1970’er Jahren um die Benennung der eingeborenen kanadischen Stämme als  “Indian Bands” zu ersetzen, weil dieser für die Eingeborenen beleidigend war. Band in der “Regierunssprache” ist eine Gruppe von Menschen denen das Recht, ein bestimmtes Gebiet zu bewohnen, von der Regierung durch den “Indian Act” reserviert” wurde (daher die Bezeichnung “Reservation”)

In Kanada gibt es 634 First Nations Reservationen mit diversen kulurellen und linguistischen Charakteren.
Ihre Einwohner sprechen mehr als 50 verschiedene Sprachen.

Nun also zu den “Residential Schools”:

Wer verwaltete diese Schulen?

Die Verwaltung dieses separaten Schulsystems wurde vom  Department of Indian Affairs den christlichen Kirchen, vorwiegend der katholischen, aber auch der Anglikanischen, Presbyterianischen und Vereinigten (United Church) übergeben.

Der Sinn dieses Schulung-Systems war es, die Kinder dem Einflussbereich ihrer Eltern und ihrer Kultur zu entziehen und sie in die kanadische Kultur zu assimilieren. Die Schulen wurden absichtlich weitab der Reservationen der Eltern gebaut, um Kontakte der Kinder mit ihnen zu minimalisieren, was weiterhin durch Besucherpaesse vermindert wurde. Die Eltern durften die Reservationen nur in Ausnahmefällen verlassen.

Während ihres mehr als hundertjährigen Bestehens wurden etwa 30% (cira 150,000) der Indianer, Metis und Inuit Kinder dazu gezwungen,diese Schulen zu besuchen. Todesfälle unter den Studenten werden auf zwischen 3,200 bis 6,000 geschätzt. Sie starben wegen der sehr oft unhygienischen Kondtion der ungelüfteten Räumlichkeiten an Pocken, Masern, Lungenentzuendungen und Tuberkulose. Viele wurden in unmarkierten Gräbern bestattet, oder als entlassen, entlaufen oder vermisst gemeldet.  Die kanadische Regierung hielt in 1920 auf, die Todesfälle in Residential Schools zu katalogisieren, weil es einfach zu viele waren.

Die Schulen gab es in allen kanadischen Provinzen ausser New Brunswick und Prince Edward Isand. Die letzte Residential School in Kanada, in Punnichy, Saskatchewan, wurde in 1996 geschlossen.

Der Begriff ”residential” bedeutet eigentlich, dass die Schüler solche Schulen privat und freiwillig besuchen. Es sind also Privat-Schulen ausserhalb des öffentlichen Schulwesens, deren Besuch fuer die Schüler (oder ihre Eltern) sehr kostspielig ist.

Bei den Schülern der Indianschen “Privat-Schulen” lagen jedoch die Gründe für ihren Besuch weitaus anders.
Die Kinder wurden ihren Eltern gewaltsam von der Regierung weggenommen und gezwungen, eine Schulungauf ganz anderen Gebieten als im normalen Schulsystem zu absolvieren.

Der Grund für diesen krassen Unterschied war bereits in den kanadischen Gestzen verankert, bevor die Konföderation der kanadischen Provinzen in 1876 gegründet wurde. Eine Änderung im Indian Act der Constitution in 1884 machte den Besuch aller indianischen Kinder in Residential Schools zum Gesetz.

Anfänglich besuchten etwa 1,000 Kinder 69 die etablierten Residential Schools. In 1931 gab es 80 dieser Schulen in allen Provinzen von Kanada ausser Newfoundland, New Brunswick und Prince Edward Island.

Noch in der Mitte der 1960’er Jahre wurden indianische Kinder von Agenten des Department of Indian Affairs  (vorwiegend der RCMP) gewaltsam aus ihren Elternhäusern gerissen, weil das kanadische Sozial-System seitdem auch auf indianische Familien zutraf. Die Kinder wurden angeblich an Pflege-Familien gegeben, aber die Wirklichkeit war, dass sie in den damals noch existierenden Residential Schools untergebracht wurden (Quelle: TRC).

Die RCMP spielte durchaus eine Hauptrolle , als Polizei zuständig fuer die Reservationen, in dem gewaltsamen Abtransport der Kinder, besonders wenn die Eltern sich dagegen auflehnten (Quelle: RCMP).

Theodore in the classroom at the Fort Alexander Indian Residential School about 1949. He is in the second row, visible between the two boys in the front row. (Theodore Fontaine)

Wie lebten die Kinder in den Residential Schools?

Die Kinder lebten unter unzulänglichen Konditionen und wurden emotionell, körperlich und sexuell von den als Lehrern eingesetzten Priestern und Nonnen missbraucht. Die meisten der missbrauchten Kinder, Mädchen oder Jungs) wurden in die Bureaus der männlichen oder weiblichen Verwalter kommandiert, um dort von diesen zu sexuellen Handlungen (inclusive Geschlechtsverkehr) gezwungen zu werden (Quelle: TRC).

Sie hatten keinerlei Moglichkeiten, diese Geschehnisse an irgend jemand zu melden, denn sie waren von der Aussemwelt total abgeriegelt und verbrachten mindestens 10 Monate pro Jahr in den Schulen, fern von ihren Eltern und Familien. Es gab für sie also auch keine Möglichkeiten, Beispiele eines normalen Familien-Verhältnisses zu erfahren,

Selbst Brüder und Schwestern in denselben Schulen hatten keine Gelegenheit sich zu treffen, den sie wurden getrennt untergebracht und unterrichtet. Interaktionen zwischen Jungs und Mädchen war verboten.

Briefe an ihre Eltern mussten in Englisch geschrieben werden und wurden zensiert. Eingeborene Sprachen waren verboten, obwohl ihre Eltern kein oder wenig Englisch sprechen oder lesen konnten. Was die Kinder lernten war minderwertig und nicht mit den Lehrplänen der normalen Schulen jn Kanada vergleichbar.

In einigen Schulen wurden Nahrungs-Experimente mit neu zugelassenen und unterernährten Kindern durchgeführt (Quelle: CBC Dokumentarfilm).

Was waren die Auswirkungen der Schulen auf die Kinder?

Wenn die Kinder nach Absolvierung ihrer Residential Schulzeit zu ihren Familien und in ihre Reservate zurueck kehrten, fuehlten sie sich (besonders durch ihre religioese Indoktrinierung) fehl am Platz und konnten keinen Anschluss mehr an ihre alte Welt, ihre Familien und Freunde  finden.

Die Residential Schools hinterliessen bei vielen der Schüler unauslöschbare Schäden. Sie entfernten sie von ihren Familien und ihren Sprachen. Der körperliche und sexuelle Missbrauch durch die Nonnen und Priester löste bei ihnen traumatischen Stress aus, was in ihrem späteren Leben zu, Alkohol- und Drogen-Missbrauch sowie Selbstmord führte, Tatsachen welche noch heute in den eingeborenen Gemeinschaften fortbestehen.

Wann wurde die Wahrheit uber die Residential Schools bekannt?

Am 11.Juni 2008 entschuldigte sich der damalige Premier-Minister Kanada’s, Stepen Harper, im Namen aller Kanadier, oeffentlich fuer das Unrecht, welches den Indianern unter dem Residential Schooling System angetan wurde. Kurz vor Harper’s Entschuldigung wurde die “Truth and Reconciliation Commission” etabliert, welche nach der Vernehmung von etwa 7,000 ehemaligen Studenten der Residential Schools zwischen 2,008 und 2,013 der Regierung saemtliche Einzelheiten der zahlreichen Misshandlungen und des kooerperlichen und sexuellen Missbrauchs der Schueler bestaetigte.

Das daraufhin gegründete “National Centre for Truth and Reconciliation” veröffentlichte die Ergebnisse der Commission und entschied in 2015, dass der Betrieb  dieser Schulen praktisch einem kulturellen Völkermord (oder kultureller Säuberung – im Gegensatz zu ethnischer Säuberung) gleich gestellt werden kann.

Die kanadische Regierung verhandelte mehrere Jahre lang mit den vier Kirhen-Organisationen, welche die Residential Schools waehrend ihres Bestehens verwaltet hatten, um ein System der Wiedergutmachung fuer die ehemaligen Studenten zu entwickeln.

Was tat der kanadische Staat zur Wiedergutmachung?

In 2007 brachte die Regierung einen Plan heraus, der Wiedergutmachung in der Summe von 1,9 Milliarden Dollars enthielt.

Jeder am 30. Mai 2005 noch lebende berechtigte Student bekam $ 10,000 für einen Teil eines Jahres oder ein ganzes Jahr in einer Residential School, plus $ 3,000 für jedes darauf folgende Jahr. Am 30. September 2013 waren bis dahin 1,6 Milliarden Dollar an 105.548 ehemalige Studenten auf deren Beantragung ausgezahlt worden.

Die Zeitperiode der Residential Schools ist eine von mehreren politischen Situationen, auf die die kanadische Regierung alles andere als stolz sein kann.

Sie gehoert zu den Schandflecken der kanadischen Geschichte, wie auch die “Head Tax” (Kopfsteuer) fuer chinesiche Einwanderer von $  50.00 (1885, erhöht in 1903 auf $500.00); die Weigerung Kanada’s in 1914, 367 indische Sikhs auf der “Komegata Maru” in Vancouver landen zu lassen; die Entscheidung Kanada’s in 1939, die Landung der MS St.Louis mit aus Deutschland fliehenden Juden zu verhindern; wie auch die langzeitige Internierung Japan-stämmiger Kanadier während des Zweiten Welkrieges.

Diese Ereignisse sind inzwischen von der kanadischen Regierung als schwerwiegende Fehler zugegeben worden. Anerkennungen durch die Regierung erfolgte zu verschiedenen Zeiten, und Gedenknisse sowie Monumente wurden an diversen Plaetzen in Kanada abghalten und errichtet.

Am Mittwoch, 11. Jui 2008 entschuldigte sich der damalige Premierminister von Kanada, Stephen Harper offiziell bei den First Nations fuer das Unrecht des Residettial School Systems. Der augenblickliche Premierminister Justin Trudeau folgte mit seiner offiziellen Entschuldigung am 24. November 2017.

 

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