Die friedvollen Indianer – Teil 1 – DIE EHRENHAFTEN UND FRIEDVOLLEN INDIANER?

von Peter Iden

Eine Tiefenstudie zu den nordamerikanischen Ureinwohnern

Die Auffassung, dass die nordamerikanischen Indianer vor dem Kommen der ersten Siedler „ehrenhafte und friedvolle Wilde“ waren, ist in Europa weit verbreitet. Besonders in den zahlreichen „Indianer- und Western-Clubs“ werden ihnen diese Eigenschaften vielfach in einer romantisch-idealisierten, jedoch sehr stereotypen Fantasiewelt zugesprochen, die entweder durch teilhaftes Nichtwissen oder Unkenntnis der historischen Tatsachen regiert wird.
Auf der Kehrseite lag die andere allgemeine Auffassung, dass die Indianer als „primitive Wilde“ (wild savages) angesehen werden mussten, was ebenfalls historisch falsch ist. Auf den sozialen, ökonomischen und politischen Ebenen betrachtet, waren die eingeborenen Kulturen zwar fundamental verschieden von den europäischen, aber tatsächlich den damaligen europäischen weit überlegen. Die Pueblo-Indianer des südlichen Nord-Amerikas bauten bereits Apartment- und „Hochhäuser“ ohne technische Beihilfe Hunderte von Jahren, bevor diese in Europa und dem Rest der Welt wegen des heutigen Menschen-Überschusses populär wurden (Arizona Cliff Dwellings)
Dass der Begriff „Indianer“ nicht seine geographische Richtigkeit hat, lernt heute schon jedes Schulkind. Offiziell werden sie jedoch immer noch so genannt, selbst von den Regierungen.

Die „FIRST NATIONS“
Die heutigen „First Nations“ existierten nicht zur Zeit der Besiedlung und Kolonisierung Nord-Amerikas. Ihre Struktur basiert auf der Struktur der Vereinigten Nationen (United Nations General Assembly). Ich habe daher diese Bezeichnung nicht in der geschichtlichen Vergangenheit der Indianer benutzt.
Das erste Treffen der „Assembly of First Nations“ (AFN) fand im April 1982 in Penticton, BC statt. Das UN-Modell der AFN sowie dessen Charter wurde in 1985 offiziell angenommen. Es gibt heute 634 First-Nations-Stämme in Kanada. Die AFN wird durch kanadische Steuergelder von der Regierung unterstützt (die Mitglieder zahlen keine Steuern).

„Confederations“ oder die Formierung von verbündeten Stämmen war jedoch nichts Neues unter den Indianern. Als prominente Beispiele sind die Iroquois und die Blackfoot Confederacies zu nennen. Aus politischen Gründen wurden danach der „Grand Indian Council of Ontario and Quebec (1870), und die „Allied Tribes of B.C.“ (1915) sowie die nach dem Ersten Weltkrieg formierte „Federation of Saskatchewan Indian Nations“ (1982) und die „League of Indians of Alberta“ (Cree and Stoney – 1933) gegründet. Die Blood Indians machten ihre eigene Organisation auf, die „Blood Local Indian Association“ (1943), um nicht mit ihren vorherigen bitteren Feinden, den Crees, unter einer Decke schlafen zu müssen. Aus diesen Verbindungen der Stämme ging letzten Endes die „Indian Association of Alberta“ hervor (1946).
Also nichts Neues im Westen, genau wie im Osten (Europa), wo schon seit Jahrhunderten die Länder, Staaten und Volksgruppen ihre eigenen Zwistigkeiten und Zersplitterung austrugen (und es noch heute tun).
Ich erwähne noch kurz, weil ich hier umfassend von Nordamerika schreibe, dass auch Kanada eingeschlossen ist. Die Geschichte vieler der Eingeborenen Kanadas ist in diesem Beitrag mit denen der Vereinigten Staaten verschmolzen, denn bis 1818 gab es keine genau definierte Grenze zwischen Kanada und den USA.
Ein wenig Information über diese Grenze heute: auf der Landkarte scheint sie schnurgerade durch den Kontinent zu laufen (außer am Sank-Lorenz-Strom und den Großen Seen. Die generelle Auffassung, dass sie dem 49. Breitengrad folge, ist falsch. Sie ist markiert durch einen sechs Meter breiten „clearcut strip“, läuft jedoch im Zickzack zwischen der offiziell markierten Grenze hin und her, und zwar manchmal um mehrere Hundert Meter.

Die erste Besiedelung von Nord-Amerika:
Eine Bemerkung für etwaige Zweifler bezüglich der ersten Ankunft der Europäer in Nord-Amerika: Die Wikinger, die sich etwa im Jahre 1 000 nur kurze zehn Jahre lang in L’Anse aux Meadows ansiedelten (in einem Gebiet im Norden Neufundlands, das sie „Vinland“ nannten), kamen nur zum Fischen nach Nord-Amerika. Im Gegensatz zu den Europäern waren sie keine Kolonisatoren und kamen nicht als Eroberer wie die Spanier und andere Nationen.

Die Spanier nahmen an, dass Virginia ein Teil von Florida war, als Ponce de Leon diese Gegend als erster 1513 während des spanischen „Pasqua florida“ (Fest der Blumen) betrat. Die spanischen Erforscher von Nord-Amerika zeichneten bereits Karten der Küstenlinie von Florida bis Neufundland, Labrador und Grönland. Ponce de Leons erster Versuch im Jahr 1521, eine Kolonie auf dem nordamerikanischen Festland zu gründen wurde von Calusa-Indianern an Floridas Südwest-Küste verhindert. St. Augustine in Florida wurde dann im Jahr 1565 als Fort und erste dauerhafte Ansiedlung in Nord-Amerika gegründet.

Die britischen Niederlassungen in Virginia (1607) und Massachusetts (1620) kamen also über 50 Jahre zu spät, um als erste Besiedelung zu gelten, auch wenn die Touristik das Gegenteil behauptet.

Und sollte ich mit diesem Beitrag jemand auf den Kulturnerv treten: die Recherchen zu diesem Thema erforderten eine Unmenge von Hintergrundmaterial, Hunderte von verlässlichen Internetseiten und Schriften der verschiedensten Autoren, dazu etwa ein Dutzend Bücher, um die Fakten jenseits mythischer Wildwest-Romantik zu versichern.

Jeder Leser kann diese selbst im Internet suchen und mühelos dort finden. Eine durchgreifende Kenntnis der englischen Sprache ist hilfreich für die Suche, aber auch in Deutschland wurden schon Dutzende von (oft irreführenden) Büchern und Artikel über das Thema „Indianer“ geschrieben. Die Liste der Bücher ist im Internet einzusehen unter „Images or-Indianer-Bücher in deutscher Sprache“.
Ausnahmen von Menschen, welche diese Informationen frei zur Hand haben, gibt es wenige selbst in den deutschen Indianer-Klubs (z.B. „The Free Bavarian Indians e.V.“ (http://fbi-olching.com/M_Bine_deutsch.htm), ein Klub der über eine kleine Bücherei verfügt.
Bei der Vielfalt der Bücher verschiedenster Autoren und Themen ist es eigentlich verwunderlich, dass das Klischee-Bild der mit Federhauben bekleideten und auf Pferden reitenden Indianer noch heute von den meisten europäischen Indianer-Enthusiasten aufrecht erhalten wird.

Die Sprachen und die Einstellungen der Indianer

Die Indianer der „vorgeschichtlichen“ Zeit (d.h. in diesem Fall vor dem Kommen der Eroberer und Siedler) als ein „friedvolles und edles“ Volk gab es nicht. Die Ureinwohner Nordamerikas bestanden ursprünglich aus etwa 300 Stämmen, die sich in Aussehen, Sprache und Kultur stark voneinander unterschieden. Die Hunderte während ihrer nomadischen Wanderungen und Siegen anderer Stämme angenommenen und vermischten Sprachen und Dialekte können fast alle in fünf linguistische Familien eingeordnet werden.
Wegen der komplexen Vielfalt dieses Themas werde ich hier nur kurz auf zwei der Sprachenfamilien hinweisen.
Die größte Sprachenfamilie in Kanada ist „Algonquian“. Sie wurde (und wird noch heute, wenn auch begrenzt) mit Variationen und mit dialektischen Unterschieden gesprochen. Verwandte Sprachen wurden von Mitgliedern diverser Bündnisse gesprochen sowie z.B. die „Blackfoot-Sprache“ von den Blackfeet in den nördlichen Plains von Montana, Idaho, und Alberta, den Crees in Saskatchewan, den Potawatomi von Manitoba bis Quebec, den Plains Ojibwe oder Chippewa und den Ottawa, Menominee, Sauk, Fox und Shawnee in Michigan, Wisconsin und Süd-Ontario sowie verwandte Dialekte der Mi’kmac in Nova Scotia, New Brunswick und Maine, der Arapaho in Colorado, Wyoming, Kansas und Nebrasca, den Delaware in Oklahoma, und den Kickapoo (welche ursprünglich in den Wäldern der südlichen Großen Seen beheimatet waren, aber von den Irokesen nach den westlichen Plains verdrängt wurden, wo sie die Kultur der Bison-Jäger annahmen).
Die Sioux Sprache war die Sprache der Assiniboine auf den Plains von Alberta, Montana, North Dakota, Alberta und Saskatchewan, der Stoney Nakoda in den Foothills der Rocky Mountains von Alberta bis Montana, und der Dakota-Sioux der nördlichen Plains von North und South Dakota, Wisconsin, Minnesota und Saskatchewan.
Im letzten Kanadischen Zensus sprachen noch viele Abkömmlinge der Indianischen Stämme ihre ursprünglichen Sprachen, besonders die Blackfoot, Ojibwe und Cree (Quelle Canada Census 2016).
Ein deutschsprachiger Einblick in die zahlreichen indianischen Sprachen und deren Sprachfamilien (mit Ausnahme der nord-kanadischen) kann man auf der Internet-Seite der „Welt der Indianer.de“ finden (http://welt-der-indianer.de/wort-schrift/sprachfamilien/).

Die Sprachen des Nordens
Reinigen wir zuerst einmal unser Vokabular, wenn wir von den nördlichen „Indianern“ in Kanada sprechen. Der Begriff „Eskimo“ ist ein Algonquin-Wort für „Esser von rohem Fleisch“. Auch wenn das auch teilweise der Wahrheit entspricht, lieben die Bewohner Nord-Kanadas diese Benennung absolut nicht. Die meisten Kanadier haben schon seit den 1960er-Jahren („Susan Agklukark’s Time“) auf den Begriff „Inuit“ umgesattelt. Susan Aglukark war die erste Inuit-Sängerin, deren Lieder zum Teil auf der kanadischen Spitzenliste der Hits landeten.
Die Sprache der Inuit besteht aus fünf Gruppen der „Eskimo-Aleut“ Sprachen-Familie (sorry, aber die heißt noch heute so). „Inuktitut“ ist die gebräuchlichste Sprache im Norden Kanadas, in Alaska „Inupiatun“, verwandt mit den Yupik-Sprachen der Aleuten (der Inselkette zwischen Nordamerika und Asien am Südrand des Bering-Meeres) sowie der Chukchi-Halbinsel von Sibirien.
Die Ureinwohner der zirkumpolaren Arktis sprechen diverse Dialekte von Inuktitut, Yupik und Inupiatun. Einige sind leicht verständlich für die Einwohner verschiedener Regionen, andere wiederum nicht. Kaum verwunderlich, denn selbst nördlich der Elbe in Deutschland wird ein anderes Plattdeutsch gesprochen als südlich der Elbe!
„Michif“ gehört zu keiner der oben genannten kanadischen Gruppen von Sprachen, sondern ist die Sprache der Metis, der „Coureurs des bois“, der freien Pelzhändler der Großen Seen. Die meisten von ihnen arbeiteten mit einer der fünf Fur Trading Companies zusammen (die französische Compagnie de la Nouvelle France, die schottische Hudsons Bay Company, die kanadische Compagnie de la Baie du Nord, die ebenfalls kanadische North West Company und die XY Company). (Quelle: Canadian Geographic Magazine – 2016).

Die Sprache dieser „Waldläufer“ war eine Mischung von Französisch und Plains Cree. Die Nicht-Franzosen unter ihnen hatten noch eine zweite Sprache (Bungee), welche eine Mischung von Englisch, Gälisch, Ojibwe und Cree war. Bungee als Sprache in Kanada ist ausgestorben, während Michif als eine durch Aussterben bedrohte Sprache angesehen wird.

Der Indianer-Enthusiasmus der Deutschen:

Am 1. März 2019 brachte das Canadian Broadcasting System (CBC-TV) einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Searching for Winnetou“ (Untertitel: „Should we be offended that Germans are obsessed with North American Indigenous Culture?“). Man kann diese super interessante TV-Show (wie auch alle anderen Dokumentar-Filme des CBC, soweit man mir sagte) im ZDF, in Zusammenarbeit mit der CBC, auch in Deutschland ansehen.

https://www.cbc.ca/cbcdocspov/episodes/searching-for-winnetou

https://zdf-enterprises.de/en/catalogue/d-a-ch/zdfeunscripted/history-biographies/searching-for-winnetou

Zufällig las ich dann am 1. März eine Anzeige über eine Lektüre an der University of Toronto (Faculty of Germanic Languages and Literatures), welche von dem Jackman Humanities Institute vorgebracht wurde, mit dem Thema „Searching for Winnetou“. Leider hatte ich keine Zeit, am 7. März 2019 an dieser Lektüre teilzunehmen, denn es war der Geburtstag eines meiner Enkel, der für mich einen höheren Grad der Wichtigkeit einnahm.
Der Vortrag mit dem Untertitel „German Indianthusiasm and Indigenous Remasterings“ beschäftigte sich mit dem Thema der bizarren Attraktion des Indianer-Enthusiasmus, eines Phänomens, welches in Deutschland, der Schweiz und einigen anderen europäischen Ländern seit 150 Jahren oder mehr existiert. Es basiert hauptsächlich auf den Schriften von Karl May, wird jedoch gleichzeitig für die Teilnehmer als geschichtliches und kulturelles Erbe der 18. und 19. Jahrhunderte angesehen, verwandt mit Kulturkampf und Nationalismus.
https://humanities.utoronto.ca/events/german-indianthusiasm-and-indigenous-remasterings
Das Thema wurde bereits vorher in Kanada und in Deutschland ausgiebig in diversen Medien behandelt, z.B. von Naomi Lopinto in „Albertaviews“ (2008: „Der Indianer: Some 40,000 Germans spend their weekends dressed as North American Aboriginals. Why?“). Die Deutsche Welle (2016: „Winnetou: Why so many Germans fell in love with the unrealistic „Indian’„). Der Spiegel On-Line (2007: „In Germany, Wild for Winnetou“). Wikipedia: („Indian Country today: Germany’s Obsession with American Indians Is touching—and occasionally surreal“).

Alle Teile dieser Tiefenstudie der nordamerikanischen Ureinwohner:

Teil 1 – DIE EHRENHAFTEN UND FRIEDVOLLEN INDIANER?

Teil 2 – Die Romantisierung der Indianer in Deutschland

Teil 3 – Die Kultur der Indianer

Teil 4 – Buffalo Bill, der Held aus Amerika? 

Teil 5 – Indianer lebten im „Krieg gegen alle“

 

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4 Kommentare

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