Die Eisberg-Cowboys von Neufundland

von Peter Iden

Die 10,000 Jahre alten Gletscher von Grönland sind die Quelle der Eisberge des nördlichen Atlantischen Ozeans. Grönland hat etwa 100 Gletscher. Wenn diese “kalben”, d.h. kleine und große Teile von ihnen abbrechen, machen sich die meisten von ihnen (90%) auf den Weg durch die Davis Strait nach Süden, entlang des sogenannten “Iceberg Alley” vor Neufundland und Labrador. Der Rest der NL Eisberge kommt von Gletschern auf Kanadas arktischen Inseln.
Nachdem sie von diesen abbrechen, fangen sie an, zu tauen, Wind sowie die Labrador Current treiben sie nach Süden. Im Iceberg Alley werden sie selten älter als ein Jahr. Lange genug jedoch, um eine Gefahr für die Schiffahrt zu werden. Heutzutage können größere Eisberge von Satelliten gesehen werden. Die größten von ihnen produzieren sogar Kielwasserspuren wie bei größeren Schiffen.

Der größte Eisberg in der nördlichen Hemisphaere war der “Peterman” (no sowas!) in 2010 bis 2011, von einer Größe wie Manhattan Island, der dann in 3 bis 4 Stücke zerbrach. Die Eisberge des Nordens sind generell viel kleiner als die der südlichen Hemisphaere. Jedes Jahr brechen etwa 40,000 mittelgroße bis riesige Eisberge von den Gletschern in Grönland ab. Nur 400 bis 800 von ihnen erreichen Neufundland bis südlich nach St. Johns und den Grand Banks vor Südost-Kanada und New England, aber das variiert von Jahr zu Jahr.
Die Titanic traf ihr Schicksal dort am Morgen des 15. April 1912, weil ihr Kapitän nicht wusste, dass 90% der Ausdehnung eines Eisbergs sich unter Wasser befindet.
Auf dem Weg nach Kanada in 1954 machten auch wir Bekanntschaft mit Eisbergen. Unser Kapitän musste eine südlichere Route als geplant fahren. Kurz vor unserer Einfahrt in den St.Lorenz River sahen wir sogar unseren einzigen Eisberg weit entfernt nördlich von unserer kleinen Nusschale am Fußende des Iceberg Alley!
Die populären Plätze für Eisberg-Tourismus an der Ostküste Neufundland’s liegen entlang einer etwa 1,000 Kilometer langen Strecke von Bay Bulls, Witless Bay, St.Johns/Cape Spear, Bonavista, Twillingate, La Scie und St.Anthony. Diese Plätze sind sämtlich mit dem Auto erreichbar. Die Monate Mai und Juni sind die besten für Eisberg-Sucher.
Wer also die Eisberge vor Neufundland besichtigen will, muss sich schon auf viele Kilometer Fahrt vorbereiten, Eisberge sind eine der beliebten Tourismus-Ziele, und zahlreiche Firmen im Iceberg Alley bieten Bootsausflüge zu ihnen an.

Ein Eisberg mit einem grossen Loch in der Mitte war ein Lieblingsziel für die Touristen am und um den 4. Juni 2018.
Wo findet man Eisberge? https://icebergfinder.com
Newfoundland Photo Tours in St.Johns ist nur eine der vielen Firmen, welche Bootstouren zur Sichtung von Eisbergen, Walen und Vogelkolonien offeriert (Angabe ohne Gewähr).
https://members.hnl.ca/members/member/newfoundland-photo-tours-4603
Mai/Juni ist auch die beste Zeit für die Rückkehr der Wale und “Whale Watching Tours” sowie die Frühlins-Wanderungen der Vögel nach Norden, sodass man vielleicht sogar drei Sachen auf einmal schaffen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das bringt uns jetzt zu den im Titel angekündigten “Eis-Cowboys” von Neufundland. Die Vorgeschichte oben war notwendig, um das “Einfangen” der Eisberge für kommerzielle Zwecke zu verstehen. Es ist ein von den Medien kreierter Begriff, wohl um die relativ wenigen Neufundlaender, welche ihren Lebensunterhalt mit dem “Einfangen” von Eisbergen verdienen, “mehr kanadisch” zu beschreiben. “Cowboys” ist ein erheblich weit hergeholter Begriff, denn nur die Seile, mit denen die Netze voll Gletscher-Eis an die Boote heran gezogen werden, oder mit denen kleinere Eisberge in die Häfen geschleppt werden, gleichen entfernt den Lassos, mit denen die Stiere und Pferde des Westens gefangen werden.
Das Wasser der Eisberge ist angeblich das sauberste und beste der Welt. Der Neufundländer Ed Keane fing in den frühen 1990’er Jahren damit an, Gletscher-Eis für die Produktion von Vodka anzuzapfen. Etwa 6 bis 8 Firmen sind heute auf Neufundland in diesem Geschäft aktiv. Ed war der erste der “Iceberg Cowboys” in Newfoundland, und hat heute etwa 30 kleine Lastkähne, welche mit speziell fuer diesen Zweck gebauten Kränen mit Greifklauen ausgerüsted sind, die große “Greifklauen” haben um Eisstücke von den Eisbergen abzubrechen und in Netze zu befördern, die dann mit den Kränen in die Kähne gehoben und sofort zerkleinert werden, wo sie in rostfreien Tanks bis zur Rückkehr in den Hafen aufbewahrt werden.
Das Eis wird dann im Hafen zum Auftauen in grössere rostfreie Tanks gefüllt, und letzten Endes als Eisberg-Wasser in Tankwagen zu der Iceberg Vodka Fabrik in Toronto befördert. Die Firma besteht bereits seit 1996.
Das Wasser wird mit dreifach distilliertem Frucht-Alkohol gemischt und durch Holzkohle gefiltert. Das Resultat ist ein Gluten-freier, kristallklarer Alkohol (weil nicht aus Getreide produziert (wie z.B. Whiskey) mit einem delikaten Zitrus-Aroma und 40% (80 Proof) Alkohol. Iceberg Vodka wurde auf dem 2019 San Francisco Weltwettbewerb für Alkohol mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.
Der Begriff “Proof” stammt aus England und hat etwas mit dem Brennpunkt des Alkohols zu tun. In den 1500’er Jahren, wenn der Alkohol-Brennpunkt hoeher als 57,15% lag, mussten hoehere Steuern darauf bezahlt werden. Die Amerikaner benutzen “Proof” noch heute, um auf den Alkohol-Gehalt eines Getränks hinzuweisen.
In Kanada wird der Alkohol-Gehalt eines Getränks in Prozent ausgedrückt. Der Prozentsatz ist die Hälfte von Proof, also hat ein 80-Proof Getränk 40% Alkohol-Gehalt. Iceberg Vodka ist 80-Proof, also dem Standard-Prozentsatz der meisten Alkohol-Sorten in Kanada.
Bacardi 151 Rum mit 75,5% Alkohol (151 Proof) wurde im letzten Jahr aus dem Markt zurückgezogen, weil es mehrere Fälle von Verbrennungen bei der Zubereitung von flammenden Drinks gab und die Firma sich vor gerichtlicher Belangung schützen will. Die Warnung auf den Flaschen, diesen Alkohol nicht fuer die Bereitung von flammenden Drinks oder Gerichten zu benutzen, wurde scheinbar von vielen Leuten sowie in einigen Restaurants ignoriert.

Vodka ist heute das zweit-populärste Alkohol-Getränk in Kanada (24,8%), eben hinter Whiskey (31,3%) und weit vor Rum (17,1%). Iceberg’s Konkurrenz ist “Polar Ice”, sowie globale Marken wie Smirnoff und Absolut. Eine kürzliche Studie in 2017 meinte allerdings, das Cannabis-infusierter Alkohol eine Rolle auf dem kanadischen Markt spielen wird, und das andere Alkohol-basierte Getränke wie Bier und Wein deshalb ebenfalls einem fallenden Markt entgegen sehen.
Der populärste Drink in Neufundland seit dem 18. Jahrhundert ist “Screech”, ursprünglich ein aus British Guiana in Süd-Amerika im Austausch-Handel für gesalzenen Stockfisch (Codfish) nach Neufundland importierter Rum-Verschnitt. Der gesalzene Stockfisch wurde in den britischen Kolonien der Amerikas und in der Karibik hauptsächlich als billige Essware für die Sklaven importiert.
Die Popularität von Rum in Neufundland war schon immer vorwiegend. Geschichtsforscher haben die Neufundländer oft als Menschen in einem “Kampf zwischen Rum und Religion” beschrieben. Rum bleibt populär dort. Heute kommt er aus Jamaica, ist aber immer noch gelb-braun wie Bernstein und hat 40% Alkohol-Gehalt.
Der Name “Screech” (Schrei) ist etwas mysteriös und stammt scheinbar ab von dem schottischen Wort dafür “screigh”. Eine andere Quelle quotiert einen britischen Soldaten, der an einer Bar in St.John nach einem Glas Rum fragte, und beim ersten Schluck von Screech einen lauten Schrei von sich gab. Auf die Frage seines Offiziers, was der Grund für den Schrei war, sagte der Bartender: “Es ist der Rum, mein Sohn!”. Und das kann ich sehr gut verstehen, denn als mir mein Newfie-Nachbar vor einigen Jahren ein Glas Screech servierte, ließ auch ich einen Schrei vom Stapel!
In Deutschland gibt es allerdings den “Rum-Verschnitt” von Firmen wie Asmussen, Boddel, Pott, Stroh und Hansen, der vieles mit dem “Screech” gemeinsam hat, inklusive dem harten Geschmack. Auf keinen Fall kann er sich mit dem echten Jamaica Rum vergleichen, denn es ist kein “sauberer” Rum, sondern wird aus einer fünfprozentigen Mischung Original-Rum, Wasser und neutralem Alkohol hergestellt. Der Rum-Verschnitt wurde ursprünglich in 1885 kreiert, um die Zollgebühren zu vermindern. Er wird von den deutschen Firmen trotzdem als “Rum” mit 40%, 42%, 54%, 60% und 80% vermarktet. Beim Hansen Rum erinnere ich, dass mein Großvater ihn traditionell in Grog, Tee oder Kaffee getrunken hat, während meine Großmutter ihn zum Backen benutzte.
Auch die Die Flaschenwasser-Industrie hat schon seit einigen Jahren die Gletscher von Kanada und Alaska dafür angezapft und verkauft massenhaft Wasser mit wunderbaren Namen und angeblichen Vorteilen für die menschliche Gesundheit. Die kanadische Firma Berg ist eine von denen, die Gletscherwasser verkaufen, das ebenfalls auf Newfoundland-Gletschern “geerntet” wird. Die riesigen Firmen wie Nestle, Coca-Cola usw. sind natürlich schon seit längerer Zeit ebenfalls im Flaschenwasser-Geschaeft, benutzen jedoch zum grossen Teil staedtisches Leitungswasser, welches durch Filterung und andere Methoden gesäubert wird.
Natürlich sind inzwischen die kleinen Micro-Breweries (besonders in Neufundland) auch in das Geschäft mit Eisberg-Wasser eingestiegen.
Die Quidi-Vidi Microbrewery in St.Johns produziert “Iceberg Lager Beer”. Die Auk Island Winery in Twillingate produziert Fruchtweine mit Eisberg-Wasser (Apfel, Blaubeere, Erdbeere, Himbeere usw.).
Nebenbei bemerkt: die “Great Auk” ist ein ausgestorbener flugloser Vogel in Neufundland, der Riesenalk, der einzige Vogel in der Gattung Pinguinus, jedoch nur entfernt verwandt mit den Pinguinen der südlichen Arktik. Die letzte Great Auk wurde in 1844 von Jägern zum Aussterben gebracht.
Alle der Eisberg-Firmen müssen sich mit der Newfoundland-Regierung auseinander setzen, die immer neue Steuern von ihnen verlangt. Sie mussten bisher $ 4,000 bezahlen, um eine fünf Jahre gültige Lizenz fuer die “Benutzung” des Eisberg-Wassers zu bekommen. Seit Oktober 2016 verlangt die liberale Regierung nun $ 5,000 pro Jahr von ihnen.
Danny Bath, der Partner und General Manager von Auk Island Winery wehrte sich dagegen, weil die hohen Steuern das Geschäft mit dem Eisberg-Wasser negative beeinflusste. Die Regierung setzte daraufhin ihre Steuerforderung fuer Firmen, welche weniger als 5,000cbm Wasser von Eisbergen benutzen, auf den Stand von $ 4,000 für 5 Jahre zurueck gesetzt wurde.
Danny Bath hat grosse Pläne fuer seine Eisberg-Fruchtweine. Seine augenblickliche Produktion von 1,200 Kisten (14,400 Flaschen) pro Jahr möchte er auf 30.000 bis 40.000 Kisten ausdehnen, mit Aussicht auf den chinesischen und andere asiatische Märkte. Scheinbar, obwohl er Fruchtweine mit Gletscherwasser produziert, nimmt er sich die Eiswein-Winzereien in Ontario und British Columbia als Vorbild, welche große Mengen der berühmten kanadischen Eisweine an Asiaten verkaufen.
Kanada hat mehr als 800 Winzereien, davon sind 180 allein in Ontario lizensiert, und 370 in British Columbia, etwa 70 in Quebec, der Rest in allen Provinzen ausser Alberta, Saskatchewan und Manitoba, die aber einige Fruchtweine produzieren.

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3 Kommentare

PETER IDEN
PETER IDEN 16. Mai 2019 - 00:23

Ira, bitte zuerst sicher machen, dass deine „Feuerloescher“ (fuer draussen und drinnen) bereit stehen!
Gruss, Peter.

Antworten
Gerd Damitz
Gerd Damitz 15. Mai 2019 - 15:36

Lieber Peter, es ist immer ein grosses Vergnuegen Deine so detailliert recherchierten Artikel ueber Kanadathemen zu lesen. Vielen Dank und bitte weiter so :)! Gerd

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Ira Hoch
Ira Hoch 15. Mai 2019 - 14:26

Vielen Dank für diesen Artikel. Er verknüpft so kenntnisreich Informationen aus verschiedenen Bereichen um Neufundland und erlaubt einen Einblick in die Produktion von Hochprozentigem, der richtig neugierig macht!

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