Unterwegs im zauberhaften Wellington County/Ontario

by Ira Hoch

Ich war mit dem späten Flieger über Reykjavik in Toronto gelandet und hoffte, meine Unterkunft noch vor 22.30 Uhr zu erreichen. Schnell den Mietwagen abholen, um dann möglichst zügig nach Guelph aufzubrechen, etwa 100 km von Toronto im Südosten Ontarios.

Guelph ist eine vergleichsweise alte Stadt, County Seat of Wellington und gilt als eine der ersten geplanten Städte Kanadas. Gegründet 1827 zunächst als Hauptquartier der Canada Company, einem britischen Unternehmen zur Unterstützung von Einwanderung, bekam es 1879 die Stadtrechte verliehen. Hört man die Einwohner den Namen der Stadt aussprechen, spitzt man die Ohren: gesprochen wird es dort lautsprachlich Gwelf, was sich auf den Geschlechternamen der Welfen bezieht, des ältesten noch existierenden Hochadelsgeschlechts Europas.
Derzeitiges Oberhaupt ist Ernst August von Hannover.
Der Stadtgründer John Galt, zugleich Superintendent der Canada Company, wollte die Stadt besonders attraktiv für europäische Einwanderer gestalten und plante sie nach europäischem Vorbild. Die Architektur und das gesamte Erscheinungsbild der Stadt zeugen davon. Die Siedler sollten sich wie zu Hause fühlen!

Bei mir hat es funktioniert! Ich habe mich augenblicklich in Guelph verliebt!

Doch zunächst galt es erstmal, dort anzukommen.

Die Agentin der Mietwagenzentrale übergab mir einen mächtigen Ford Taurus und war sofort wieder verschwunden. Die Zeit drängte, ebenso wie die anderen Kunden in der Schlange der Wagen hinter mir. Langsam schob mich der Autokonvoi aus dem Flughafengelände Toronto Pearson heraus um mich dann, nach einem tiefen Atemzug während der letzten Ampelphase im Areal, direkt auf den pulsierenden Highway ON-409 E Richtung Südosten zu katapultieren.

Hinaus in die Nacht!

Die Highways in Toronto sind an breiten Stellen 12-spurig, der Highway 401 hat an seiner breitesten Stelle 18 Fahrspuren! Das ist Abenteuer pur! Nach dem langen Flug war es eine Schnapsidee gewesen, am selben Abend noch Guelph erreichen zu wollen, zumal ohne Ortskenntnisse. Das Navi steuerte mich zwar zuverlässig, trotzdem drängte mich ein Truck durch seine mächtige, aufrückende Präsenz einmal rechts ab auf eine falsche Abfahrt. In kürzester Zeit war ich im stockfinsteren Irgendwo eines Vororts gelandet, in welchem es keinerlei Straßenbeleuchtung gab.
Es war so dunkel, dass ich Mühe hatte, einen Platz zum Wenden auszumachen.

Als ich dann das Royal Brock Hotel in Guelph erreichte, fiel ich todmüde ins Bett.

Müde, aber auch stolz! Wow, ich hatte die Anreise gemeistert!

Träume haben keine Halbwertszeit!

Ich hatte immer davon geträumt, Pferde zu erforschen und die Kulturen, die die jeweiligen Rassen hervorbrachten, an den Originalstätten kennen zu lernen. Über das Träumen waren die Jahre ins Land gegangen, doch niemand hat einen Vertrag mit der Ewigkeit!

Es wurde Zeit. Daher hatte ich mich zwar spät, aber immerhin noch rechtzeitig aufgemacht, diesen Träumen zu folgen.

Zuerst galt es, meine enorme Flugangst zu überwinden. Flug war Stress!

Mich dem auszusetzen brach das Eis. Viele andere Ängste wurden kleiner und ein Schritt folgte dem Nächsten in ein weites Feld von Möglichkeiten.

Dennoch blieb eine solche Anreise eine  Herausforderung für mich!

Das Royal Brock Hotel war eine schlafende Diva.

Seine endlosen Flure über mehrere Stockwerke, das verlassene Restaurant, der Pool, die Spuren abmontierter Münztelefone und die großen Kongressräume zeugten von besseren Zeiten. Es wirkte vergessen und war lediglich notbesetzt. Bei Regenwetter fanden sich kleine Eimerchen in der Haupthalle, um von der Decke tropfendes Wasser aufzufangen. Frühstück sehr schlicht, das Personal jedoch super.

Der etwas morbide Charme des Hauses gewann mich postwendend!

Ich bekam verlockende Preiskonditionen und verlängerte meinen Aufenthalt, auch buchte ich gleich noch für die Zeit nach der Rückkehr aus Alberta. Das Royal Brock wurde damit mein home away from home und Guelph fühlte sich nach der Rundreise fast an wie nach Hause kommen.

John Galt hatte einen prima Job gemacht!

Guelph hat mit der Basilika Our Lady Immaculate eine beeindruckende Kirche, die über die Stadt schaut.
Speed– und Eramosa River durchschneiden das Stadtzentrum, gesäumt von einem hübschen Park.

Die Universität und der Campus von Guelph sind begeisternd! Eine großartige Auswahl von Studiengängen bietet sich an und es herrscht eine großzügige und aufgeschlossene Haltung. Das prächtige Hauptgebäude ist eine Augenweide, die zahlreichen Nebengebäude und Pavillons der einzelnen Fachschaften stehen ihm kaum nach.
Man darf auch als Gast durch die ausladende Bibliothek schlendern und in den Werken zu den jeweiligen Fachschaften stöbern. An die Universität angegliedert ist Kanadas größte Pferdeklinik, die Large Animal Clinic, die bis zu 1700 Tiere jährlich behandelt. Um das eigentliche Behandlungszentrum herum finden sich endlose Reihen von Boxenställen zur Unterbringung der Patienten.

Ontario ist Rennpferdeland! Sowohl für Galopper, die Thoroughbreds, als auch für Traber, die Standardbreds.
Hier werden die kostbaren Tiere gezüchtet und angesichts der enormen Belastungen, denen diese Pferde ausgesetzt sind, hat die Klinik mit Sicherheit immer genug zu tun.

Der Studiengang Biologie unterhielt ein Forschungsprojekt mit Squirrels, Chipmunks und Groundhogs. Diese Hörnchenarten kommen in vielen Städten vor und haben längst die Vorgärten und Parklandschaften erobert.
Ähnlich wie unsere Stadttauben lassen sie sich gerne füttern und sind im Vergleich mit unseren hiesigen Eichhörnchen extrem unerschrocken. Auf dem riesigen Campus-Parkgelände hüpften sie lebensfroh herum und genossen die Experimente mittels Futterboxen, die ihre Lernfähigkeit erforschen sollten. Damit war dieses Studienprogramm eine Win-Win-Situation für beide Seiten, wobei mich der Eindruck beschlich, dass die Hörnchen die Studenten dressierten, anstatt umgekehrt.

Ontario pflegt mit Baden Württemberg eine Universitätspartnerschaft, das OBW Students Exchange Program. Studenten beider Länder werden niederschwellig Austauschsemester ermöglicht und es gibt Stipendien.
Das sind großartige Möglichkeiten für junge Leute und heranwachsende Weltbürger!

Doch auch für Pferdeverrückte hatte Guelph einiges zu bieten. Gleich am ersten Morgen besuchte ich die Park Lane Stables. Es wurde eine wundervolle Tour, die mich gleich hinter der Ortsausfahrt entlang der Guelph Lake Conservation Area Richtung Emarosa führen sollte. Der See war atemberaubend und bot mit Schilfen, Gräsern und Wasservögeln, wie dem Great Blue Heron, großartige Fotomöglichkeiten.

Die Landschaften rund um Guelph, Kitchener und Orangeville erinnerten mich an zu Hause. Völlig anders waren jedoch die enorme Weitläufigkeit und vor allem … der Duft!

Dieser alle Sinne ansprechende Nachhall der Wälder und des Wassers.

Neben den zauberhaften Städten Shelburne oder Fergus, das eine lebhafte, schottisch geprägte Kultur pflegt und Erin, mit seinen malerischen Cafes und Blumenshops, sorgte besonders Kitchener für Überraschungen: gleich zwei deutsche Clubs konnte ich dort ausfindig machen: den Kitchener Schwaben Club und den Concordia Club, der zudem das größte Oktoberfest außerhalb Münchens veranstaltet! Ich muss ehrlich gestehen, Concordia Club machte bessere Spätzle als ich!

Über Emarosa erreichte ich die Stables. Hier in Ontario findet sich ein sehr klassisches Bild des Reitsports, ebenbürtig unserer europäischen Reitweisen. Prachtvolle Anlagen wie Caledon Equestrian Park sind einzig und allein dafür da, den Sport bei großen Turnieren glänzen zu lassen. Zweifelsfrei gehört sie zu den größten Pferdesportanlagen weltweit, neben ihrem Pendant im Westen, Spruce Meadows in Calgary/Alberta.

So fühlte ich mich auf dem Hof gleich heimisch, mit Ausnahme vielleicht, dass der Pfad zu den Weiden von einer grünen Grasnatter gekreuzt wurde, die es in Ontario häufig gibt! Das passiert mir zu Hause eher nicht.

Auffallend waren die edel eingezäunten, riesigen Weiden der Vollblutpferdezüchter.
Wow, der Anblick der Gestüte erhöhte den Pulsschlag!

Ersten echten Kontakt mit den Rennpferden genoss ich dann auf der Trabrennbahn in Elora.

Elora gehört zu Mennonite Country. Eine Glaubensgemeinde mit europäischen Wurzeln hatte sich hier niedergelassen, kulturelles Zentrum ist St. Jacobs. Die Mennoniten gingen, ebenso wie die Hutterer oder auch Amish People, aus den Täuferbewegungen der Reformationszeit hervor. Aufgrund extremer Verfolgung flohen viele vor etwa vier Jahrhunderten zuerst in liberalere Staaten Europas, dann auch nach Amerika.

Die nordamerikanischen Gemeinden in Ontario stammen vorwiegend aus Deutschland und der Schweiz. Beim Besuch des Farmers Market in St. Jacobs sprach ich mit Frauen, die die traditionell gefertigten, prachtvollen Quilts sowie sündhaft leckere Backwaren verkauften.

Zu meiner Herkunft sagten sie: wir könnten auf Deutsch plaudern! Es sind sehr fromme, zurückhaltende Menschen, die sich bewusst der modernen Gesellschaft entziehen. Die Kinder lernen Englisch erst in der Schule, in den Familien wird das hier sogenannte Pennsylvania-Deitsch gesprochen. Tatsächlich ist es leicht zu verstehen und die Mundart klingt Süddeutsch/Schweizerdeutsch. Obwohl deutsche Sprache und Traditionen aufrecht erhalten werden, besteht jedoch seit über vier Generationen keinerlei Kontakt mehr zu deutschen Gemeinden. Ihre Farmen finden sich überall entlang der Landstraßen, welche eine extra Fahrspur am Rand für die typischen, schwarzen Pferdekutschen bereithalten.

Die Pferde erschienen mir sofort bekannt und ich sollte bald herausfinden woher!

Es waren ausgediente Trabrennpferde von der Rennbahn in Elora, die hier bei den Familien eine Aufgabe und Lebensstellung als Arbeitspferd fanden.

Vom Luxusgut und Spielzeug der vermögenden Gesellschaft zum Gebrauchstier einer alternativen Gemeinde.

Diese beachtlichen Pferde schafften den Brückenschlag zwischen den Kulturen!

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