Skurriles aus Kanada Nr. 47

by Bernadette Calonego

Eisberge machen glücklich

Text und Bild: Bernadette Calonego

Kanada hat Grönland viel zu verdanken. Gäbe es Grönland nicht, dann gäbe es kaum Eisberge in Neufundland und Labrador. Neunzig Prozent der weißen Riesen kommen nämlich von Grönlands Gletschern, der Rest aus der kanadischen Arktis. Ich weiß nicht genau, wie die Kanadier den Grönländern diese Schuld begleichen, aber ich weiß, dass Eisberge Touristen wie Magnete anziehen. Ich sehe es gerade vor meiner Haustür.

Nein, wirklich. Eine Prozession von Wohnmobilen, Pickups, Motorrädern, Geländewagen und Mietautos zieht an meinem Sommerhaus im Norden Neufundlands vorbei. Mein kleines Fischerdorf ist bevölkert wie noch nie!
Nur wenige Schritte von meinem Briefkasten entfernt lockt ein eisiges Ungetüm Scharen von Schaulustigen an. Ihre Gesichter sind verzückt. Nach einigen Fotos entspannen sie sich und einer scherzt: „Mein Urlaub ist gerettet.“ Eisberge haben diese Wirkung auf Menschen. Es gibt die Eisbergjäger, die auf der Webseite Iceberg Finder die Standorte finden und dann einen Eisberg nach dem andern aufsuchen. „Mein“ Eisberg ist schon seit sieben Tagen hier, trotz des heftigen Windes treibt er nicht weg. Nur ein bisschen kleiner wird er jeden Tag, hat sich in drei Teile aufgespalten, und die Spitze ist auch nicht mehr so spitz.

Macht nix: Die Touristen sind trotzdem glücklich. Manche denken, dass es nicht mehr lange Eisberge geben wird, mit der Klimaerwärmung und allem. Aber jetzt haben sie wenigstens einen gesehen, und sie können in Ruhe den Rest ihres Lebens angehen.

Wenn „mein“ Eisberg eines Tages zerbrechen und verschwinden wird, werde ich für ihn Tränen vergießen. Und ihm danken, dass er soviele Menschen glücklich gemacht hat.

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