Prince Edward County – im Land der tausend Inseln und kanadischer Tradition.

von Marc Lautenbacher

Strände wie in der Karibik – Sandbanks Provincial Park

Interessante Reise in die kleine Provinz am Ontariosee, zu Sanddünen wie auf Sylt und zur Wiege kanadischer Einwanderer vor 150 Jahren. Mit vielen, geschichtlichen Hintergründen sowie Restauranttipps im Verlauf der gesamten Reise.

Es ist ein fantastischer Tag mit strahlend blauem Himmel, als wir in aller Herrgottsfrühe aufbrechen – ein heißer, kanadischer Hochsommertag im August. Meine kanadische Lebenspartnerin Marie und ich wollen heute noch die rund 650 Kilometer von unserer Heimatstadt Québec bis zum „Sandbanks Provincial Park“ an den Ontariosee fahren, was gerade mal der Strecke von Nürnberg nach Amsterdam entspricht. Für kanadische Verhältnisse jedoch ein Katzensprung.

Nach rund 4 Stunden Fahrzeit kurz nach Montréal auf der Autobahn Nummer 20, dem „Trans-Canada-Highway“, kommt der Verkehr jedoch zum stocken bis wir komplett anhalten müssen: Stau! Ich bin vollkommen überrascht, daß es in dem doch sehr dünn besiedelten Land Kanada so viel Verkehrsaufkommen gibt, so dass der Verkehr sogar zum Erliegen kommt. Wir stehen, es dauert! Grund dafür ist eine Baustelle, für die eine der zwei Fahrspuren gesperrt wurde. Der Verkehrsfunk hatte diese Engstelle leider nicht angekündigt. Aber es ist Montag in der sommerlichen Ferienzeit mit ausgesprochen viel LKW-Aufkommen und obendrein reisen wohl noch mehr Menschen als gedacht mit dem Auto in Richtung Toronto. 

Wir studieren die Straßenkarte und nehmen die erstbeste Ausfahrt zur nahen Landstrasse, die den Stau umgehen dürfte. Jedoch haben einige andere Autofahrer genau dieselbe Idee und wir stehen nach kurzer Zeit schon wieder – in der brütenden Mittagshitze obendrein. So beschließen wir, eine Mittagspause zu machen und finden in dem kleinen Ort „Les Cèdres“ ein nettes, ländliches Bistro, wo wir uns ein feines „Chiabata jambon-fromage“ aufs Beste schmecken lassen.

Um nicht noch einmal in den Ferienstau zu geraten, nehmen wir einen weitläufigen Umweg über die netten Dörfchen Coteau-du-Lac und Saint-Zotique in Kauf, der uns durch eine sehr ländliche Gegend führt, die mich mit ihren Wiesen und Weiden stark an Oberbayern erinnert. Kurz nach Rivière-Baudette sehen wir am Strassenrand eine Gruppe junger Leute, die ihren Wagen mit quebecker Kennzeichen geparkt und sich an einem Pylon zum gemeinsamen Gruppenfoto aufgestellt haben. Es ist ein blau-weißer Grenzpfosten, der inmitten der Landschaft die Grenze zwischen den Provinzen Québec und Ontario weit hin sichtbar markiert. Ich denke mir insgeheim: so zelebriert man also hier den Übertritt in ein „anderes“ Land – nämlich dort, wo die Leute englisch sprechen.

Unsere Lodge Nr.1, wo wir im Isaiah Tubbs Resort wohnen

Bei Lancaster gehts dann wieder auf die Autobahn, die nun Macdonald-Cartier-Freeway heißt. Der Stau hat sich endlich aufgelöst, aber unseren Zeitplan für diesen Tag total durcheinander gebracht. Bei Belleville erscheint auf der Autobahnstrecke endlich das Ausfahrtsschild nach Picton. So heißt, nach deutschen Schema, die „Große Kreisstadt“ des Prince-Edward-County (nicht zu verwechseln mit Prince-Edward-Island) und so kommen wir erst gegen 19 Uhr in unserem netten Ferienressort an. Wir haben das „Isaiah Tubbs Resort“ ausgewählt, eine weitläufige Ferienanlage mit mehreren Bungalows jeder Kategorie, eigenem Restaurant und Sandstrand, die wunderschön direkt am Westufer des Ontariosees liegt. Denn leider sind private B&B-Pensionen, wo wir sonst gerne wohnen, besonders in dieser Gegend im Sommer immer ausgebucht.

Nach dem einchecken an der Rezeption der Anlage darf man mit seinem Auto direkt vor die Haustüre „seines“ Bungalows fahren, denn wie gesagt, das parkähnliche Ressort mit viel uraltem Baumbestand ist sehr weitläufig. Zu Fuß wäre der knapp 1 Kilometer lange Weg mit unserem ganzen Gepäck wohl zu lange geworden (siehe Plan). Wir haben nun riesigen Hunger bekommen und zum Glück ist das Restaurant „On the Knoll“, das direkt neben unserem Cottage liegt, noch gut frequentiert und wir lassen uns ein Gericht mit frischem Fisch – selbstredend aus dem Ontariosee – servieren. Dazu genießen wir einen guten kanadischen Weisswein aus der Region, die berühmt dafür sein soll, wie uns der freundliche Kellner bestätigt. Nach diesem aufregenden und vor allem anstrengenden Reisetag wird der Abend nicht lange und wir fallen bald in das Kingsizebett unseres wirklich geräumigen Zimmers.

Der Ontariosee (englisch „Lake Ontario“; französisch „Lac Ontario“) ist der flächenmäßig kleinste der fünf immens großen Süßwasserseen Nordamerikas mit „nur“ 311 Kilometern Länge und 85 Kilometern Breite. Seine Größe entspricht in etwa dem Bundesland Rheinland-Pfalz und man kann auf Grund seiner riesigen Ausdehnung dort sogar Gezeiten wie am Meer erleben. Mitten durch den See verläuft die Grenze Kanadas zu den Vereinigten Staaten. Man teilt sich sozusagen die Seefläche mit knapp 10.000 Quadratkilometern auf kanadischer und mit rund 9.000 Quadratkilometern auf amerikanischer Seite. Im Übrigen sichert der See die Trinkwasserversorgung der Metropolregion von Toronto mit seinen fast 6 Millionen Einwohnern.

Am kommenden Tag genießen wir das herrliche Wetter mit einem ausgiebigen Frühstück im Restaurant des Resorts auf dessen Terrasse, direkt mit Blick auf den West-Lake des Ontariosees. Beim Erkunden unserer Anlage fällt mir der typische englische Cottage-Stil einiger der Häuser auf. Die gesamte Anlage hat vielmehr das Flair eines alten englischen Anwesens von einer begüterten Familie als das einer Ferienanlage. Durch Zufall entdecke ich im Gästebereich die interessante Geschichte des „Isaiah Tubbs Resort“, die für kanadische Verhältnisse wirklich ziemlich lang ist.

Prince Edward County während der Getreideernte

Der Besitzer hieß wirklich Isaiah Tubbs, kam ursprünglich aus Amerika und ließ sich mit seiner Frau Rhoda Shepard, die er 5 Jahre zuvor in Greenville, einer Kleinstadt in der nähe von Albany des Bundesstaates New York, geheiratet hatte, exakt im Jahre 1800 im Prince Edward County nieder. Man mochte damals nicht so gerne Zugereiste, die der britischen Krone nicht loyal ergeben waren, sogenannte Royalisten. Jedoch hatten einige Mitglieder der Tubbsfamilie bereits Besitzungen in der Gemeinde, die damals Hallowell Township genannt wurde, direkt am Westufer des Ontariosees, erworben. Isaiah Tubbs kaufte im Verlauf der kommenden 40 Jahre weitere Grundstücke dazu, unterhielt eine Farm und war als Großgrundbesitzer 1833 ein Gründungsmitglied der „Prince Edward County Agricultural Society“. Somit begann die Familie ab dieser Zeit des Öfteren als Gastgeber für gesellschaftliche Anlässe zu fungieren. Als der Familienvater 1844 starb, hinterließ er seine Frau und 7 Kinder, wovon eines in die Fußstapfen des Vaters trat und das Erbe weiterführte, das bis heute Bestand hat. Sie residierten auf dem heute noch vorhandenen Backsteingebäude, direkt am Haupteingang des beschaulichen Anwesens, das sich inzwischen „Isaiah Tubbs – Resort & Conference Centre“ nennt.

Nach dem ausgiebigen Frühstück wollen wir einen Badetag machen und den Tag am Strand verbringen, der weit über die Grenzen der Region als „Sandbanks Provincial Park“ bekannt geworden ist. Wir entscheiden uns für einen der drei Strände, den größten natürlich! Ja, es ist wirklich ein herrlicher weißer Sandstrand mit Dünen, die sich bis auf 25 Meter auftürmen, rund 5 Kilometer lang und die Überraschung für uns ist perfekt: er ist beinahe menschenleer! Da sich der Strand wegen seines seichten Ufers besonders für Familien mit Kindern eignet, bleibt das Gros der Besucher in Fußweite des Parkplatzes mit Toiletten und Kiosk, der sich ganz am Anfang des Strandes befindet. Wenn man jedoch nur einige Meter weiter in nordwestlicher Richtung geht, hat man den ganzen Strand für sich alleine – und das mitten im Hochsommer! Der See ist wirklich riesig, denn das 85 Kilometer entfernte Ufer kann man nicht sehen und wir genießen das warme Süßwasser. Es hat den Vorteil, dass man sich nicht duschen muss wie am Meer, was besonders Marie hoch erfreut. Wir erfahren, dass es im gesamten Sandbanks Park fünf Campingplätze mit über 500 Zeltplätzen mit Parkplatz gibt, die im Sommer sehr gut besucht sein sollen.

Wilde Sanddünen im Sandbanks Provincial Park

Das Abendessen wollen wir in Bloomfield, einem sehr ländlichen Ort nicht unweit des Parks, einnehmen und Marie hat in unserem Reiseführer ein feines Restaurant entdeckt. Als wir jedoch ankommen, sehen wir das Schild schon von Weitem: Monday to Wednesday closed! Auch das Städtchen selbst macht keinen sonderlich belebten Eindruck – es ist doch erst 18.00 Uhr und Hochsaison im August? Offenbar schert sich die lokale Bevölkerung so gar nicht um Touristen und so bleibt man auf dem platten Lande eben bei seiner täglichen Routine, Sommer wie Winter. Zum Glück hat auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein kleines Bistro geöffnet, das sich im gleichen Haus wie der „Agrarian Cheese-Market“ des Dorfes befindet. Wir speisen ganz vorzüglich, müssen uns aber beeilen, denn man schließt um 19 Uhr. Man geht nämlich mit den Hühnern ins Bett – ja, wir sind wirklich auf dem platten Lande!

Sehr beschaulich – Bloomfield zur Hauptverkehrszeit!

Der kommende Tag beschert uns wieder herrliche Sonne mit tiefblauem, wolkenlosen Himmel und wir machen uns in der Frühe auf, um die größte Ortschaft der „Insel“ zu besuchen. Es ist schon unser letzter Tag und wir wollen in Picton frühstücken, dem quirligen Geschäfts- und Verwaltungszentrum von „Prince Edward County“. Das pittoreske Städtchen hat sogar einen kleinen Hafen, zu dem wir nach unserer Ankunft schlendern. Das einzige Restaurant direkt am Kai, das „Picton Harbour Inn“, ist heute bis auf den letzten Platz besetzt – Schade! Auf der Hauptstrasse entdecken wir „Miss Lily’s Café“, das sich im sehr geräumigen Buchgeschäft von „Books & Company“ die Verkaufsfläche teilt. Man kann dort herrliche Croissants oder warme Schinkenbrötchen erstehen und sich gleichzeitig mit einem neu erstandenen Buch vergnügen.

Der Ort selbst besteht im wesentlichen aus der langgetreckten „Main Street“, wo sich auch das historische „Regent Theatre“, erbaut 1890 im Art-Deco Stil, dem moderneren Strassenbild einreiht. Auch findet man hier Kanadas älteste Wochenzeitung, „The Picton Gazette“, die bald ihr 185-jähriges (!) Jubiläum feiern darf. Es fällt mir auf, dass hier ungewöhnlich oft das Symbol einer Königskrone verwendet wird: sei es als Hotelsignet, sei es als Neon-Leuchtreklame oder sei es als Schmuck der offiziellen Nummerierung der Strasse, die hier „Loyalist Parkway“ heißt. Offensichtlich ist man hier immer noch mehr dem britischen Königshaus verhaftet als sonst wo in Kanada. Alles in allem erinnert mich das ganze Ambiente sehr an meine Sprachferien, die ich als 16-Jähriger im Süden von England verbracht hatte.

Sogar ein Kino gibt’s – auf der Hauptstrasse in Picton!

Nach einem kurzen Stopp beim „Bean Counter Café“, einem netten Straßenkaffee direkt auf der Hauptstraße verabschieden wir uns von Picton. Es geht weiter nach Wellington, gleichnamig mit der Hauptstadt Neuseelands. Es ist die zweitgrößte Ortschaft auf Prince Edward County, die wir ein wenig genauer erkunden wollen. Für die Größe des Ortes erstaunlich gibt einen richtigen Stadtpark, der direkt am Ontariosee liegt. Von hier aus hat man eine völlig andere Perspektive zum „Sandbanks Park“, dessen Sanddünen zu uns herüber leuchten und dessen Landzunge bis fast an das Ufer des Stadtparks reichen. Leider haben Regenwolken den Himmel in eine graue Suppe verwandelt, es ist windig, jedoch ist die Luft sommerlich warm. Und so baden wir kurz in dem von Windböen aufgewühlten Wasser des Ontariosees, nutzen die gut ausgebauten, öffentlichen Umkleideräume und freuen uns schon auf den Abend.

Meine liebe Marie hat wieder ein gutes Restaurant mit Seeblick ausspioniert und um auf Nummer sicher zu gehen, wollen wir schon am frühen Nachmittag unseren Tisch für den Abend reservieren. Aber nein – Pustekuchen, auch hier ist das Restaurant geschlossen – wegen Umbau: „Re-opening in Spring“ steht auf dem Schild. Es gibt jedoch noch ein zweites Haus auf der Hauptstraße des niedlichen Ortes, die hier ebenfalls wie in Picton das Zentrum bildet. Eine einzige Straßenkreuzung, einige Geschäfte, der obligatorische Baumarkt, das war’s schon. Wir werden heute also im Bistro „East & Main“ chic zum Abendessen gehen, das zum Glück am Mittwoch geöffnet hat. Wir bekommen einen Platz auf der Terrasse, der Wind hat sich gelegt und wir speisen köstlich in mehreren Gängen und mit feinen Weinen der Gegend in dem am Abend voll belegten Restaurant. Rund um Wellington gibt es im übrigen die allermeisten Weinbaubetriebe der Insel, die sich dem Besucher in einer eigenen „Wine-Tour“ präsentieren.

Heute ist unser vierter Tag und wir wollen nach Kingston, um eine Schiffstour zu den berühmten tausend Inseln machen. Die Abfahrt ist also recht früh am Morgen und sie führt uns wieder nach Picton zum Frühstück, denn das Angebot im Ressort war nicht sonderlich berauschend. Wir verlassen also Prince Edward County in Richtung Glendora, wo man mit der Fähre zurück aufs „Festland“ übersetzen kann. Warum Festland?

Picton Harbour – wie das ganze Städtchen äusserst pittoresk.

Der heutige Verwaltungsbezirk von Prince Edward County liegt mit knapp 1 Million Quadratkilometern und 25.000 Einwohnern ganz im Norden des Ontariosees und ist vollständig von Wasser umgeben. Er ist faktisch also eine Insel, die lediglich durch eine kleine Landverbindung bei Trenton, bekannter Ort der kanadischen Luftstreitkräfte, und zwei riesigen Brücken mit dem Festland verbunden ist. Schon 1792 wurde er nach Prinz Edward Augustus von Hannover zu dessen Lebzeiten benannt, dem Vater von Königin Victoria von England. Die Region wurde bereits von Indianern der so genannten Hopewell-Kultur besiedelt, die ihre Blütezeit zwischen 200 v. Chr. und 500 n. Chr. hatte, und die sich durch fantastische Grabhügel für Bestattungen und einem typischen Keramik-Stil auszeichnete.

Zurück zur Gegenwart: Die Glenora Ferry liegt auf der Strecke des Highway 33 zwischen Bloomfield und Kingston, auch als Loyalist Parkway bezeichnet. Königin Elisabeth hatte bei ihrem Besuch 1984 diesen Weg im Andenken an die ersten Siedler umbenennen lassen, die sich dort, exakt zweihundert Jahre zuvor, niedergelassen hatten. Die Autofähre, die seit 1802 in Dienst gestellt wurde, verbindet Prince Edward County im Sommer wie im Winter mit dem Festland durch einen knapp 1 Kilometer breiten Wasserstreifen. Als Teil des öffentlichen Strassennetzes ist die Überfahrt kostenlos und dauert nur 5 Minuten. Historisch interessant ist, dass der Sohn des ehemaligen Betreibers der dort ansässigen Steinmühle, Hugh Macdonald, später als Sir John A. Macdonald der allererste Premierminister Kanadas wurde.

Glennora Ferry

 Auf der anderen Seite angekommen fährt man ein herrliche Strecke direkt am Ontariosee entlang, dessen Teilstück sich hier „Adolphus Reach“ nennt, zu deutsch etwa „in Reichweite von Adolfsstadt“, dem alten Namen der Gemeinde. Auf halber Strecke bis Kingston, kurz vor Bath und unübersehbar erstreckt sich auf der rechten Seite eines der bedeutendsten Zementwerke Ontarios, das dem weltweit operierenden Industrieriesen Lafarge gehört. Es hat sogar seinen eigenen Ladekai am Fluß, wo die Ozeanriesen anlegen können, um die wertvolle Ladung aufnehmen zu können. Das Unternehmen selbst hat seinen Hauptsitz in Paris, steht an zweiter Stelle der größten Baustoffhersteller der Welt und beschäftigt weltweit über 64.000 Mitarbeiter.

In Kingston endlich angekommen fahren wir sofort zur Stadtmitte, um uns ein Ticket zu sichern. Wir wollen unbedingt mit einem der nachgebauten Raddampfer rausschippern, der genauso aussieht wie die berühmten Fährboote am Mississippi. Denn heute ist eine Kreuzfahrt zu den berühmten „Thousand Islands“ angesagt, die rund 3 Stunden beanspruchen wird. Wir haben Glück und es gibt noch zwei Plätze, denn der Dampfer ist voll besetzt – es ist schließlich August und schönes Wetter. Kaum haben wir unseren Platz auf der Aussichtsplattform des Achterdecks gefunden geht es schon los und wir fahren aus der Stadt heraus, welche sich für ihre nur 120.000 Einwohner erstaunlich in die Länge zieht. Nach einer ruhigen Fahrt hat sich der Anfangs blaue Himmel zu einem grauen Etwas zugezogen, was das Fotolicht ein wenig „suppig“ macht und wir kommen an den ersten Inselchen vorbei. Ja, es ist wirklich nett, wie sich eine nach der anderen aufreiht. Fast jede ist bewohnt und mit einem kleinen Haus oder gar einem staatlichen Anwesen bebaut, private Schiffsanlegestelle inklusive.

Unser Guide aus dem Lautsprecher erzählt uns, dass ein amerikanischer Milliardär sich sogar ein Schloss auf einer der Inseln hat bauen lassen, um seine Ehefrau aufs Beste zu erfreuen. Diese Hauptattraktion der Inselgruppe, das „Boldt Castle“, liegt jedoch auf der anderen Seite der Grenze, die hier zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten verläuft. Man braucht seinen Reisepass, denn wir nicht dabei haben und so haben wir die kurze Tour gebucht, welche auf der kanadischen Seite die Inseln umrundet. Unser Lautsprecher-Reiseführer erzählt weiterhin, dass es insgesamt 1864 Inseln gibt und dass eine amerikanische Salatsoße, das Thousand-Islands-Dressing, nach der Region benannt wurde. Auf Grund vieler kriegerischer Auseinandersetzungen sollen darüber hinaus rund 400 Schiffswracks auf dem Grund des Ontariosees liegen, die dort auf ihre Entdeckung warten. Auf unserer Rückfahrt bricht wieder die Sonne durch die Wolkendecke und verzaubert die Gegend mit herrlichem Abendlicht mit langen Schatten. 

Bewohnte Insel auf einer der Thousand-Islands

Es ist warm und so beschließen wir, heute ein Restaurant mit Außenterrasse zu suchen und es gibt etliche auf der Brockstreet, in Sichtweite der klassizistischen Kuppel des Rathauses. Man könnte auch irgendwo in Italien sein, denn das Zentrum von Kingston hat etwas davon. Kingston wird von den Einheimischen auch Limestone City (Stadt aus Kalkstein) genannt, da die Bausubstanz der Altstadt im Wesentlichen aus weißem Kalkstein besteht.

Um das italienische Flair komplett zu machen, haben wir uns das „Casa Domenico“ herausgesucht, um die angepriesene „authentic Italien cuisine“ zu probieren. Die Terrasse liegt in der Abendsonne, die Speisen sind köstlich und der italienische Wein passt gut dazu. Die Strasse ist belebt und auf der anderen Straßenseite erstreckt sich ein großer Platz, der „Springer Market Square“. Eine haushohe Leinwand ist heute aufgespannt und der Platz ist bestuhlt. In den Sommermonaten hat die Stadtverwaltung diesen Platz zum Open-Air-Kino auserkoren und wir sehen uns, direkt nach unserem leckeren Abendessen, einen Harry-Potter-Film an, kostenlos.

Rathaus in Kingston

Kingston war 1673 eine erste Siedlung von Franzosen zur Zeit von Neu-Frankreich auf dem Gebiet des Indianerdorfes Cataraqui und hieß nach dem damaligen Gouverneur Fort Frontenac. Erst fünfundachtzig Jahre später, 1758, wurde das Fort von britischen Soldaten mit Unterstützung der Irokesen eingenommen. 1784 dann siedelten sich etliche Loyalisten in der Stadt an, da sie die damaligen, erst ganz frisch gegründeten Vereinigten Staaten wegen ihrer Loyalität zur britischen Krone verlassen mussten. Zu Ehren des britischen Königs George III. nannten sie die Stadt „King’s Town“, woraus sich ab 1788 der heutige Name Kingston bildete. Von 1841 bis 1844 war sie sogar Hauptstadt von Ober- und Niederkanada.

Heute sind die kanadischen Streitkräfte zusammen mit der Militärakademie, dem Royal Military College of Canada mit rund 8000 Arbeitnehmern die größten Arbeitgeber der Stadt, deren Wirtschaft stark von staatlichen und städtischen Unternehmen geprägt ist. An der Queen’s University, die seit 1841 besteht, sind rund 16.000 Studenten in 18 Fachbereichen eingeschrieben. Und nur wenige wissen, dass Kingston die Geburtsstadt von Bryan Adams ist, dem weltberühmten Rockstar.

Am kommenden Morgen und nach einem sehr ausgiebigen, kanadischen Frühstück in unserer schlossähnlichen Herberge, dem „Hochelaga Inn“, das sich nur in Gehweite der Altstadt befindet und das wir schon des Öfteren frequentiert haben, sagen wir Kingston „adieu“: Abfahrt nach Cornwall, um nochmals ganz tief in die Historie Kanadas einzutauchen. Wir wollen das „Upper Canada Village“ besichtigen, was den ganzen Tag beanspruchen wird. Aber das ist eine andere Geschichte (in Kürze auf diesem Reiseblog zu lesen)!

Marc Lautenbacher (Québec / Canada)

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4 Kommentare

Bernd Heubacher
Bernd Heubacher 7. Juli 2020 - 12:54

Ein toller Bericht! Es macht Spaß ihn zu lesen und er ist sehr informativ, da überwältigt einen die Reiselust. Ich freue mich schon auf den nächsten. Vielen Dank!

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Marc Lautenbacher 7. Juli 2020 - 18:22

Lieber Bernd,
danke für die „Blumen“ und Deinen netten Kommentar. Und falls Dich dann tatsächlich die Reiselust überwältigt hat, komm‘ doch einfach mal bei uns vorbei. Meine neue Heimatstadt Québec – seit 2007 nun schon – ist außerdem eine Reise wert. Sie steht auf Platz 3* unter insgesamt 40 der beliebtesten Reiseziele in Kanada!
*Quelle: [https://traveltriangle.com/blog/best-places-to-visit-in-canada/]
Mit herzlichen Grüssen aus Franko-Kanada,
Marc Lautenbacher
[www.quebecerleben.com]

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Marc Lautenbacher
Marc Lautenbacher 6. Juli 2020 - 22:55

Lieber Peter,
es freut mich ausserordentlich, daß Dir mein Reisebericht so gut gefallen hat und daß Du Dir vor allem die Zeit genommen hast, einen Kommentar zu schreiben. Du weißt ja: über Applaus freut jeder Künstler !
Und falls es Dich doch einmal in die älteste Stadt Kanadas verschlagen sollte, dann spendiere ich Dir gerne ein Stadtführung – selbstverständlich in Deiner Muttersprache.
Mit herzlichen Grüssen aus Franko-Kanada,
Marc Lautenbacher
(seit 2019 akkreditierter Stadtführer in Québec-Stadt)

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PETER IDEN
PETER IDEN 6. Juli 2020 - 17:42

Mein Kompliment fuer einen ausgezeichneten Beitrag. Einen so ausfuehrlichen und informativen Bericht kann man nur mit sehr viel Recherchen und Interesse am Thema schreiben. So stelle auch ich meine Berichte zusammen. Meine Familie in unseren jungen Jahren der 1960’er und 1970’er Jahren lernten Prince Edward County gruendlich kennen, nicht zuletzt auch durch Freunde in Kingston und Gaqnanoque. Wir haben uns immer als Reisende gesehen, mit einem tiefen Interesse an den Plaetzen, welche wir besuchten, an ihrer Geschichte und besonders ihren Menschen. Touristen besuchen nur die Hauptattraktionen und haben scheinbar nichts dagegen, ein Teil der durch die Medien geleiteten Masse zu sein. Ich lebe jetzt zwar an einem dieser massenbesuchten Orte (Wasaga Beach), aber vermeide den Hauptstrand zu den Zeiten, wenn dort zig-Tausende von Besuchern weilen. Den „eingeborenen“ Bewohnern sowie mir sind die herrlich leeren und ruhigen Straende und Naturschoenheiten in und nahe Wasaga Beach bekannt, und die sind unsere Welt. Die einsamen Straende von Sylt sind ein guter Vergleich. Gruesse vom Strand, Peter Iden.

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