„Zeitreise in die Vergangenheit Kanadas“ [FOLGE 1]

von Marc Lautenbacher

Herrlich gelegenes originalgetreu aufgebautes Museumsdorf zwischen Toronto und Montréal, das „Upper Canada Village“. Kanadaspezialist-Autor Marc Lautenbacher konnte dort eine Zeitreise in die Vergangenheit Kanadas hautnah erleben und sie fotografieren. Er durfte dem Schuster und dem Käsemacher bei der Arbeit zuschauen, intime Einblicke in die Kleiderordnung der Epoche erfahren und in der Schule die strengen Regeln von vor rund hundertfünfzig Jahren kennen lernen.

Es ist August. Wir fahren zurück von einem aufregenden und sehr entspannenden Ferienaufenthalt in Price-Edward-County mit fantastischen Sandstränden wie in der Karibik. Die Autobahn namens Highway 401, welche die Stadt Québec mit Montréal und Toronto verbindet, liegt auf dem sogenannten Québec-Windsor-Korridor, der rund 1100 km lang und 100 km breit ist. Hier leben über 18 Millionen Einwohner, was damit mehr als der Hälfte der Bevölkerung Kanadas entspricht.  Im übrigen erstrecken sich hier sechs der zehn bedeutendsten urbanen Zentren des ganzen Landes. Sein Name ist von den Städten Québec und Windsor abgeleitet, die an den jeweiligen Enden des Korridors liegen: einem Gebiet, etwa so groß wie Bayern und Baden-Württemberg (!) zusammen genommen. 

Kurz nach Brockville gibt es eine Abzweigung des Highway nach Ogdensburg, das in den USA liegt und – ziemlich lustig für uns zu lesen – weiter nach einem Ort namens „Potsdam“ führt. Denn die Grenze zu den Vereinigten Staaten liegt in der Mitte des mächtigen Sankt-Lorenz-Stromes, der uns bereits den ganzen Tag begleitet. Dann, bei Morrisburg: das im hellbraunen Design für lokale Attraktionen gehaltene Hinweißschild leuchtet uns von Weitem entgegen: „Upper Canada Village – 20 km“. Marie, meine kanadische Lebensgefährtin und ich sind aufs Äußerste gespannt; denn viele Gäste unseres B&B, das zehn Jahre lang unser Hauptgeschäft war, hatten uns schon so einiges darüber berichtet.

Wir verlassen die heute in der Ferienzeit ausgesprochen belebte Autobahn Nr. 401, den Macdonald-Cartier-Freeway, der zu Ehren der beiden Väter der kanadischen Konföderation, Sir John Macdonald und Sir George-Étienne Cartier getauft wurde. Damit hat man schon einmal das Gefühl, auf geschichtsträchtigem Boden zu wandeln. Als dann auf der Strecke zum Museumsdorf eine Gedenkstätte für eine entscheidende Schlacht bei John Chrysler’s Farm (Anm. hat absolut nichts zu tun mit der bekannten Automobilmarke) im Verlauf des britisch-amerikanischen Krieges auftaucht, werden wir nochmals daran erinnert, warum gerade diese Gegend ausgesprochen wichtig für die kanadische Historie sein soll. 

Ein dreißigjähriger rettet Kanada

Diese denkwürdige Schlacht fand im Herbst des 10. November 1813 zwischen britisch-kanadischen und amerikanischen Truppen statt. Obwohl die damals britisch-kanadische Seite mit nur knapp 800 Soldaten, Milizen und verbündeten Indianern dem Aufgebot der USA mit 2500 Männern plus 5500 in Reservesoldaten weit unterlegen war, endete die kriegerische Auseinandersetzung mit einem Sieg der Briten. Unter dem Kommando des damals erst 30 Jahre alten Oberstleutnants Joseph Wanton Morrison konnten die hervorragend geführten, disziplinierten britischen Berufssoldaten alle drei Angriffe der Amerikaner abwehren und ihnen – nach nur einstündigen Gefecht – eine empfindliche Niederlage zufügen. Dies zwang sie zum hastigen Rückzug über den Sank-Lorenz-Strom und zur vollständigen Aufgabe der US-amerikanischen Invasionspläne: Kanada war gerettet! Obwohl mit dem „Frieden von Gent“ am 24. Dezember 1814 der „Status-quo-ante-bellum“ wieder hergestellt wurde, war für Kanada der britisch-amerikanische Krieg von enormer Wichtigkeit. Er stärkte sowohl in der britischstämmigen als auch in der französischstämmigen Bevölkerung durch den Kampf gegen einen gemeinsamen Feind das Gemeinschaftsgefühl und bildete somit die weitere Grundlage für ein sich damals stärker entwickelndes, kanadisches Nationalbewusstsein.

Es ist ein herrlich sonniger und heißer Augusttag. Wir kommen endlich am Haupteingang des Upper Canada Village an, das uns in moderner Architektur der weiträumigen Eingangshalle empfängt, dem sich direkt daneben der Museumsshop in einem netten Häuschen mit Scheune im Stil der Jahrhundertwende anschließt; ein kleiner Vorgeschmack auf das Kommende. All das mit der sprichwörtlichen Freundlichkeit der Kanadier, die sofort den französischen Akzent von Marie erkennen und uns alles Wissenswertes in Kürze auf Französisch erklären. Der Eintrittspreis ist für kanadische Verhältnisse recht günstig: pro Person 13 Dollar plus die lokale Mehrwertsteuer! 

Ich hatte ja von vorne herein große Bedenken, daß das gesamte Museum vielleicht zu „disneymäßig“ aufgezogen ist. Will heißen: mit lustigen Maskottchen, Untermalung mit aktuellen Hits aus überall platzierten Lautsprechern und redseligen Animateuren im schicken Outfit, welche Geschichte kinderfreundlich und vor allem leicht verdaulich machen. Wer schon einmal in Disneyland war, weiß, was ich meine! Insbesondere, da wir uns fast einen Steinwurf von der US-amerikanischen Grenze befinden, woher ein Großteil der Besucher anreist, die etwas erleben wollen, das genauso ist wie bei ihnen zu Hause. Erfreulicherweise ist dem aber überhaupt nicht so – ganz im Gegenteil!

Warum eigentlich „Ober“-Kanada?

Das Upper Canada Village ist „das“ historische Museumsdorf in Ontario – und das obendrein mit „richtigen“ Einwohnern. Hier wird anhand von über 40 nachgebauten oder detailgetreu errichteten, historischen Gebäuden – darunter Mühlen, Wohngebäude, Werkstätten, Sägewerke – und auch einer Kirche das Landleben um das Jahrzehnt von 1860 präsentiert und für Besucher historisch getreu inszeniert. Der Name verweist auf das früher als Oberkanada bezeichnete Gebiet, das dem heutigen Ontario entspricht. 1961 wurde das Freilichtmuseum eröffnet, da drei Jahre zuvor der Ausbau des Sankt-Lorenz-Seeweges mit der Überflutung von insgesamt zehn Dörfern einher ging. Zahlreiche historische Gebäude dieses Gebietes wurden deshalb Stück für Stück abgebaut und im „Village“ wieder aufgestellt. Sie bildeten somit den Grundstock des weitläufigen Museumsdorfes, quasi als Teil des Bauprojektes des Sankt-Lorenz-Seewegs.

Wir orientieren uns erst einmal mit dem viel versprechenden Lageplan des Museumsdorfes, der uns am Eingang überreicht wurde. Man sagte uns gleich, daß wir mindestens einen halben Tag einplanen sollten, um die wichtigsten Stationen so richtig zu erleben. Gleich nach dem Eingang empfängt uns die Wollfabrik in einem altrosa gestrichen Holzgebäude, dahinter schließt sich die Getreidemühle an, die von einer Dampfmaschine betrieben wird. Unser besondere Neugier weckt jedoch das regelmäßige „ritsch-ratsch“ aus dem daneben liegenden Holzsägewerk, das am Ufer eines eigens dafür geschaffenen Wasserarmes steht: es ist tatsächlich voll funktional und große Baumstämme werden mit Hilfe der Wasserkraft in kleine Bretter zersägt. Ein Mann, gekleidet wie in alter Zeit, beaufsichtigt das mechanische Ungetüm im Inneren des urigen Bauwerkes; augenblicklich fühle ich mich ins vorige Jahrhundert verfrachtet, so echt sieht alles aus. Auf unsere neugierigen Fragen antwortet er uns sogar im alten, britisch-englischen Akzent, um die Illusion perfekt zu machen.

 Wir gehen weiter in Richtung der Käsefabrik, denn dort soll es heute eine Vorführung geben, wie damals in Kanada der Cheddar-Käse produziert wurde. Aber wir kommen nicht so rasch vorwärts, wie geplant, denn mit so viel Interessantem hatten wir nicht gerechnet. Das Haus des Besenmachers liegt auf dem Weg und mein Faible für altes Werkzeug, womit die Werkstatt aufs Beste ausstaffiert ist, lässt mich zum wiederholten Male meine Kamera zücken. Kaum trete ich aus der Werkstatt wieder ins Freie, da kommen mir drei Mädchen entgegen, die sich völlig unbefangen zum Gruppenbild aufstellen und wie die Profis für ein Foto posieren, als sie meine Kamera bemerken – von Kopf bis Fuß im klassischen Outfit der Jahrhundertwende, versteht sich. Nur die Kleinste der Drei hatte wohl in der Eile vergessen, ihre modernen Turnschuhe zu wechseln.

Alles echt, exakt wie vor hundertfünfzig Jahren

Mein Blick fällt auf ein Plakat an der verwitterten Wand des Holzhauses, das dem Schmied gehört. Als studierter Grafikdesigner fällt mir sofort die historisch getreue schwarz-weiße Typografie auf, die eine Musikveranstaltung ankündigt. Nein, das Plakat ist nicht mit Tesafilm oder Reißzwecken aus dem Supermarkt hinter einer Plexiglasschutzscheibe angeschlagen. Es ist mit richtigem Knochenleim, der gelblich durch die unregelmäßig beschnitten Ränder des Plakates schimmert, an die Holzwand gepappt worden: Geschichtstreue also bis ins kleinste Detail!

Die Werkstatt des Schmiedes ist bereits auf die eiserne Bereifung von Wagenrädern umgestiegen, wie man gut an seiner Einrichtung erkennen kann. Denn um die Jahrhundertwende war die Fortbewegung hoch zu Ross fast nicht mehr zeitgemäß.

Die Werkbank ist übersät mit altem Werkzeug und ich entdeckte nicht ein einziges Zeugnis aus heutigen Tagen. Sogar der Zollstock ist mit Zahlen alter Typografie bedruckt.

Und gerade, als wir aus der Werkstatt schlendern, hat sich ein Mann mit weißer Schürze, blaukariertem Hemd und weißer Mütze unter dem alten Lindenbaum niedergelassen: es ist der Bäcker, der sich offenbar ein kleines Päuschen gönnt und der mich ebenfalls aufmuntert, ein Porträtfoto von ihm zu schießen. Gesagt getan – und wir schlendern weiter, vorbei an seiner Backstube, aus der ein feiner Duft von frischem Brot strömt. 

Da, schon von weitem tönt uns irische Fiedlmusik entgegen. Es ist eine kleine Bühne aufgebaut, auf der sich ein Banjospieler, eine Geigenspielerin und ein bärtiger „Schlagzeuger“ mit Tamburin und zwei Holzlöffeln zum Mittagskonzert eingefunden haben, ebenfalls gekleidet im Gewand der Epoche natürlich. Und hier ist nicht etwa ein Markise aus heutiger Industrieproduktion zum Schutz gegen die heiße Augustsonne aufgestellt: nein, ein Sonnensegel aus roter Leinwand ist mit Schnüren in den umher stehenden Bäumen aufgespannt und wir lauschen ein wenig den Liedtexten alter Geschichten, die diese Musik zum Thema haben.

Auch wir wollen uns nun eine kleine Pause gönnen und so kommt uns der herrlich angelegte, schattige Obstgarten hinter dem Haus des Schreiners, der hier „Chair Maker“ heißt, (zu deutsch: Stuhlmacher) wie gerufen. Die Apfelbäumchen versprechen bereits reiche Ernte, der Kiesweg ist mit Löwenmäulchen in allen Rosa- und Gelbtönen gesäumt, tiefrote Bartnelken und eine Reihe von hoch aufragenden Zierpflanzen mit trompetenförmigen, weißen Blüten schmücken den Garten. Aus der Nähe betrachtet erkenne ich sie sofort: es ist Wald-Tabak, eine stark duftende Unterart unseres bekannten Tabaks, der im August in voller Blüte stehen. Denn früher hatte Tabak eine sehr wichtige Bedeutung als Heilpflanze, insbesondere in der Augenheilkunde. 

Hundertprozentig: Wettervorhersage in alten Zeiten

Wie in jedem Bauerngarten kann ich auch hier die leuchtend-orangenen und gelben Ringelblumen finden – ein wahrer Tausendsassa der Pflanzenheilkunde, ebenso unter dem Namen Calendula bekannt. Die Blüten wirken entzündungshemmend, bei Magen- und Darmgeschwüren sowie bei Menstruationsbeschwerden werden sie innerlich angewendet. Äußerliche Anwendung finden sie bei Hautentzündungen, schlecht abheilenden Wunden, bei Quetschungen, Furunkeln sowie bei allerlei Hautausschlägen. Bei Bauern stand die Ringelblume in hohem Ansehen, weil sich mit ihrer Hilfe sehr schön das Tageswetter voraussagen ließ. Waren die Blüten morgens zwischen 6 und 7 Uhr bereits geöffnet, so versprach dies einen schönen sonnigen Tag. Waren sie jedoch nach 7 Uhr immer noch geschlossen, so musste mit Regen gerechnet werden. Des Weiteren finde ich den roten Fingerhut, auch Digitalis genannt, dessen therapeutische Wirkung bei Herzleiden bereits damals bekannt war und der zu diesem Zwecke aus Europa mitgebracht worden war.

Unsere Mittagspause dauert nicht zu lange und wir suchen auf unserem Plan die öffentlichen Toiletten. Wir hatten sie gar nicht recht bemerkt, denn sie stehen direkt beim soeben beschriebenen Obstgarten. Sie sind nicht in einem unpassenden, modernen Backsteingebäude untergebracht sondern sie sind ebenfalls im historisch korrekten Stil vorhanden, wenngleich auch im alten Stil nachgebaut. Selbst das Toilettensymbol ist kein Plastikschild, sondern handgemacht – in guter, alter Schreinerarbeit. Ja, ich muss sagen, ich mag sehr die Liebe zum Detail bis in den letzten Winkel.

Auf unserer weiteren Route, die von historischen Häusern jeglicher Bauart rechts und links des Weges gesäumt ist, sehen wir von Weitem schon ein Pferd, das ständig im Kreis herumläuft, und dies zusammen mit dem Geräusch einer Säge. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich das Ganze als Miniatursägewerk mit komplizierter Mechanik, welche die Drehbewegung in eine Auf- und Abbewegung umsetzt: der nette Museumsmitarbeiter mit Strohhut und Hosenträgern aus Leder erklärt uns auf Nachfrage genauestens sämtliche Einzelheiten der Ingenieurskunst von hundert Jahren. Dabei ist sein stolzer Unterton nicht zu überhören, was seine kanadischen Vorfahren damals schon erfunden hatten!

Gleich daneben besuchen wir das Haus der Mc Diarmids, einer Familie, die nachweislich aus Perthshire in Schottland stammend in den frühen 1860er Jahren die Gegend besiedelte. Im Gebäude zeigt man heute, wie in alter Zeit die Leute ihre Kleidung selbst herstellten. In einem Zimmer kann man einer Frau am Spinnrad beim Spinnen der rohen Wolle zu einem Faden zusehen und es sogar selbst probieren. In einem weiteren Raum sitzen zwei ältere Damen mit dunkelblauen Kleidern und Spitzenhäubchen, die mit Nadel und Faden mit einer Engelsgeduld von Hand Kleider nähen. Das Foto, das ich davon machte, könnte gut und gerne aus einem historischen Filmszenario stammen, so echt ist alles.

Szenerie wie im Film: zwei Frauen beim Kleider nähen !

-Fortsetzung-

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