„Zeitreise in die Vergangenheit Kanadas“ [FOLGE 2]

von Marc Lautenbacher

Die Werkstatt des Wagenmachers – authentisch bis in den letzten Winkel!

 

Kanadas älteste Wochenzeitung

Da ich aus der Branche komme, interessiert mich insbesondere das Haus einer fiktiven Tageszeitung, die damals auf Französisch „Gazette“ genannt wurde, unsere nächste Haltestelle im herrlichen Museumsdorf „Upper Canada Village“.

Diese Bezeichnung geht womöglich auf „La Gazette“ oder „Gazette de France“ zurück, eine bereits 1631 in Paris gegründete Tageszeitung. Interessant ist außerdem, daß man nicht weit vom Museumsdorf im Price-Edward-County Kanadas älteste Wochenzeitung findet, „The Picton Gazette“, die schon 1830 in der Hauptstadt des County gegründet wurde und die noch heute existiert. Bei der Museumsdorf-Zeitung nun kann man dem Schriftsetzer bei der Arbeit zuschauen und sich über eine dort frisch gedruckte Zeitungsseite mit Texten alter Annoncen amüsieren, übersetzt etwa: „Möbel jeder Art – zugesägte Holzbretter im Austausch möglich!“ oder „große Preisnachlässe für Baumwolle aus Cornwall“ oder auch „Schmied in der Brückenstrasse – Kutschen und Wagen – Ausführung nach bester Handwerkskunst“.

Direkt gegenüber befindet sich ein schmuckloses und nicht besonders großes Holzhaus, dessen Fassade mit hellgrauen Streifen versehen ist. Es ist das Schulhaus. Beim nähern Hinschauen kann man erkennen, daß die Zwischenräume zwischen den einzelnen Holzbohlen minutiös mit Mörtel abgedichtet worden sind. Auch sieht man gut, daß die Stärke der Hauswände lediglich der Bohlenstärke entspricht, die elegant in Nut und Federtechnik an den Ecken ineinander gefügt wurden. Bei den hiesigen, kalten Wintern denke ich mir in Stillen, war es drinnen sicher nicht besonders gemütlich. Die ebenso eiskalte Lehrerin empfängt uns im Schulhaus selbst, das eben der Fläche eines Klassenzimmers entspricht, im hochgeschlossenen, dunkelvioletten Kleid. Sie weist mich sofort zurecht, als ich mich auf eine Schulbank des Klassenzimmers setzen will: „Sir, this is the side for girls, the other one is for the boys!“ Das waren damals eben die strengen Regeln, die Sitzordnung war puritanisch nach Geschlechtern getrennt. 

Man erfährt außerdem, daß die Schulzeit etwa 6 Jahre dauerte, in dessen Verlauf die Schulkinder Lesen und Rechnen lernten, sich ein Grundwissen in den Naturwissenschaften und in Geschichte aneignen konnten, die wichtigsten Moralprinzipien nach christlichen Vorbild sowie anständiges Benehmen erlernten. Gute Schüler, deren Eltern sich das Schulgeld leisten konnten, wechselten danach zur höheren Schule über, um sich als Juristen, Mediziner oder in religiösen Berufen weiterzubilden. Junge Mädchen aus wohlhabenden Familien wohnten oft in privaten Mädcheninternaten, die sich darüber hinaus auf die schönen Künste aber auch auf Sozialberufe spezialisierten.

Schule hieß auch: Demütigungen vor der ganzen Klasse

Schulen waren damals im Allgemeinen recht unbehagliche Orte – nur notdürftig geheizt mit kleinen Holzöfen, schlecht beleuchtet und mit nur wenigen Büchern oder Lernmitteln ausgestattet. Meistens wurde das tägliche Lernpensum auf Schiefertafeln notiert. Hingegen wurde der wichtige Lernstoff von den Schülern in die Notizbücher, den „Copy Books“, eingetragen. Allen staatlichen Volksschulen jedoch war gemein, daß sich der Unterricht auf mechanisches Auswendig-Lernen beschränkte, um sich somit die allgemeinen Wissensgrundlagen einzuprägen. Die Beherrschung dieses Allgemeinwissens wurden dann bei einer mündlichen Prüfung vor dem Schulleiter regelmäßig abgenommen. Zucht und Ordnung wurde durch Androhung körperlicher Bestrafung, durch gezielte Vermittlung von Schuldgefühlen oder durch Demütigungen vor der ganzen Klasse erreicht. Denn Kenntnisse über die Kinderpsyche gab es schlichtweg nicht.

Bei so viel intimem Einblick in die für unser heutiges Verständnis altbackenen Disziplinarmaßnahmen von damals haben wir erst einmal die Nase voll von der alten Zeit und wir wollen uns irdischen Gaumenfreuden zuwenden. Denn endlich erscheint vor uns das Gebäude, gedeckt mit grauen Holzschindeln, mit der Aufschrift UNION CHEESE FACTORY. Es ist die Käserei, die sich fast am Ende des Museumsdorfes befindet und auf die wir bereits seit Stunden zusteuern. Doch als wir dort um die Ecke biegen, trauen wir kaum unseren Augen: ein gut beleibter Bauersmann in Holzschuhen, mit Strohhut und handgeschnitztem Wanderstab versperrt uns mit seinem Ochsenkarren fast den Weg – ja ein echter, mit lebendigen Ochsen. Ich schieße ein Foto, das wie ein impressionistisches Gemälde aussehen soll! Die beiden bulligen Tiere mit ihren spitzen Hörnern sehen uns aber nur gutmütig an und setzen gemächlich ihren Weg mit dem knarrenden Karren fort. Marie und ich sind wieder total in den Jahren von 1860 angekommen – unsere Zeitreise soll also noch lange nicht zu Ende sein.

Wir gehen in die Käserei hinein, es riecht herrlich nach frischer Milch. An den Holzwänden sind alte Plakate in der historischen Typografie angeschlagen, die ich so liebe. In der Mitte des stattlichen Holzgebäudes drängen sich noch weitere Besucher, denn die Vorführung der beiden Käsemeister ist schon fast am Ende angelangt. Heute wird Cheddar-Frischkäse gemacht, auch „Fromage en grains“ oder „Cheese curds“ genannt, also Käse in kleinen Stückchen. Die badewannengroßen Milchbehälter aus Blech sind schon beinahe leer gefischt, nur noch wenige Portionen des berühmten Cheddar (sprich: „Schädarh“) warten auf ihre weitere Bestimmung. Man darf auch probieren – lecker! Diese Käsesorte stammt ursprünglich aus dem Südwesten des Vereinigten Königreiches und trägt den Namen des kleinen Dorfes Cheddar, das in der Grafschaft Somerset nicht unweit von Bristol liegt. In England ist Cheddar der populärste Käse, denn rund die Hälfte des in England verkauften Käses ist Cheddar. In Kanada ist er nicht weniger beliebt, bis heute sogar.

Warum ist der Cheddar gelb?

Unser Käsemeister, ein alter, drahtiger Kerl, redet bei seiner Arbeit ohne Punkt und Komma und wir erfahren etwas völlig Neues: Bekanntlich gibt es ja den orange-gelben und den weißen Cheddar. Der gelbe Cheddar wird mit Annatto gefärbt, einem Farbstoff, der aus Samen des Orleansstrauches gewonnen wird. Traditionell ist das beim Herstellungsverfahren dieses Käses in England der Fall. Hingegen wird der Cheddar aus Kanada NICHT mit diesem Farbstoff gefärbt, was somit eine sichtbare Unterscheidung der beiden Herkunftsländer ausmacht. Geschmacklich gibt es dabei überhaupt keinen Unterschied. Man wollte sich damals vor dem ungezügelten Import des Cheddars aus dem Mutterland England ein wenig schützen, um dadurch die lokale Milchwirtschaft in Kanada zu unterstützen. Durch die Farbe sah der Kunde also sofort, wo der Käse herkam.

Die Käserei wird im Inneren des Hauses von der strahlenden Augustsonne langsam heiß und stickig und wir sind froh, wieder draußen in der frischen Luft zu sein – denn es geht weiter zum Bauernhof, der Tierfarm der Familie Loucks. Wir können am Eingang der Farm lesen, daß die deutschen Vorfahren der Familie sich bereits nach der amerikanischen Revolution, also Ende des 18. Jahrhunderts hier niederließen. Mich faszinierten schon immer Bauernhöfe, da ich in den Sommerferien dort einen Großteil meiner Kindheit verbringen durfte und ich fühle mich wieder wie ein Junge von sieben Jahren – die Atmosphäre, die Geräusche und die Gerüche sind dieselben wie damals. Besonders entzückt mich der frische Wurf von 8 kleinen Ferkeln, die sicher nicht älter als vier Wochen sein dürften. Sie sind so lustig, wie sie beim Herumflitzen mit den Ohren wackeln, sind schnell wie der Wind und ich habe Mühe, ein gutes Foto von ihnen zu schiessen. Aber der altbewährte Trick mit Futter klappt immer und ich mache sie mit einem Apfel neugierig, um in meine Richtung zu kommen. Die schwarz-weiß gefleckte Rasse auf dem Hof hier ist im übrigen die „Bunte Bentheimer“, die zu den ältesten Hausschweinrassen überhaupt gehört. 

 

Marie drängt zum Weitergehen, denn ich verliere mich zu schnell in der Zeit mit meinen neuen Freunden. Unser nächster Halt ist die Schneiderei, die sich in einem soliden Backsteingebäude befindet, was bedeutet, die Schneider hatten damals gut zu tun. Im Jahre 1871 zählte man in der Gegend einen Schneider auf rund 200 weibliche Einwohner. Meistens stellten die Frauen damals ihre normale Tageskleidung für sich und die Familie selbst her und leisteten somit einen wichtigen Beitrag am wirtschaftlichen Erfolg des Familienclans. Es gab jedoch besondere, soziale Begebenheiten, wo die Frauen so gut wie nur irgend möglich aussehen wollten. Da ging man dann halt doch zum Profi, und ließ sich etwas Schönes anfertigen. 

Was man früher drunter trug!

Interessant ist, daß erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts Frauen begannen, auch Unterwäsche zu tragen, was zuvor nicht der Fall war. Im Sprachgebrauch Nordamerikas sagt man immer noch zum Unterhöschen „a pair of panties“, denn die Damenwelt zog tatsächlich zwei getrennte Hosenbeine an, die dann an der Taille zusammengebunden wurden. Zu Beginn der 1860er Jahre war eine dreieckige Körpersilhouette bei den Damen ganz groß in Mode: mit übergroßen Reifröcken und weit ausladenden, sogenannten Pagoden-Ärmeln. Bis Mitte und Ende der 1870er Jahre dann wandelte sich der modische Stil mehr zu einer rechteckigen, geradlinigen Körpersilhouette mit schlankeren Röcken, hinten mit einem ausgepolsterten Gesäß, der Tournüre sowie eng anliegenden Ärmeln. Auch das Mieder wurde weiterhin getragen, um die damals dem Schönheitsideal entsprechende „Wespentaille“ zu schaffen. Die Kleider wurden mit Rüschen, Ornamenten, Litzen und Spitzen je nach Geldbeutel und sozialem Rang mehr oder weniger reich verziert. Die Damen bevorzugten mittlere Töne, im Sommer allerdings auch weiß und helle Naturtöne. Für die Kleidung der Männer wurden vorwiegend dunkle Wollstoffe und Tuche in Dunkelblau, Braun, Grau und Schwarz verwendet.

Die in der Schneiderei anwesende, etwas ältere Dame ist ein lebendes Musterbeispiel der damaligen Kleiderordnung und sie steht jeglichen Fragen der vielen, vor allem weiblichen Besucher, geduldig Rede und Antwort. Wir lernen weiterhin, daß die Kleiderordnung damals überaus streng war und es jede Menge Regeln zu beachten gab. Nur bei gesellschaftlichen Anlässen durften Frauen, insbesondere die der High-Society, weit ausgeschnittene Kleider tragen. Im Alltag jedoch zeigten sich die Frauen sehr hochgeschlossen mit langen Ärmeln und langen Röcken, die auch im Sommer getragen werden mussten. Eine Kopfbedeckung, meist eine weiße Haube, musste aufgesetzt werden, selbst von den Kindern. Offenes Haar war selten und störte sicher auch bei der täglichen Arbeit. In der Regel durfte keine nackte Haut und schon gleich gar nicht Décolleté gezeigt werden – sicherlich ein Relikt des Puritanismus der ersten Siedler Nordamerikas.

 

Es geht weiter. Die John Chrysler’s Farm oder Crysler Hall taucht auf, deren Bedeutung ich eingangs in der FOLGE 1 erwähnt hatte – mit einem herrschaftlichen Portal, umrahmt von dorischer Säulen und vielen großen Gemälden im ausgesprochen geräumigen Inneren. Darunter erkenne ich eines mit der berühmten Schlacht am Little Big Horn, die Indianer gegen General Custer am 25. Juni 1876 im heutigen Montana der USA siegreich geführt hatten.

Vorbei am „Willard’s Hotel“, wo man auch in heutigen Tagen immer noch gut Essen kann und dem „Crysler Store“, wo man damals allerlei Fässer, Werkzeuge und starke Taue erstehen konnte, sticht uns das nächste, knallgelb gestrichene Gebäude ins Auge, das von einem weißen Holzzaun, der mit viktorianischen Elementen verziert ist, umgeben ist. Es ist ebenfalls ein sehr herrschaftliches Anwesen, das Robertson Home, das einem Immobilienmakler der Epoche gehörte. Man tritt ein und steht mitten im Wohnzimmer, das damals „Parlour“ genannt wurde. Es war sozusagen ein Ausstellungsraum und mehr dafür bestimmt, der Welt zu zeigen, wie wohlhabend eine Familie war. Aus diesem Grunde hatte man ihn mit Möbeln ausgestattet, die nicht für die alltägliche Benutzung bestimmt waren. Diese Räume waren normalerweise recht dunkel, die Vorhänge wurden zugezogen, das Mobiliar war abgedeckt und die Türen waren abgeschlossen. Im ganzen Haus ist sogar noch die Wohnzimmertapete zu sehen, die aus England importiert und nachweislich dort vor 1820 gedruckt worden war. 

Das waren noch Zeiten – das Bier für Zwei fünfzig

Als wir aus dem sehr schön angelegten Garten wieder auf den Hauptweg kommen, den man Queen’s Street getauft hat, steuern wir direkt auf die Dorfkneipe zu, der „Cook’s Tavern and Livery“, zu deutsch „Cooks Kneipe und Mietstall“. Am Eingang informiert uns ein Plakat – wieder ganz im authentischen Stil gestaltet – daß ein Glas „Gingerbeer“ zwei Dollar fünfzig kostet, das bis 16.00 Uhr an der Bar serviert wird und daß ausschließlich „gesetzliche Zahlungsmittel“ akzeptiert werden. Zwei Damen im historischen Gewand begrüßen uns am Eingang und posieren für ein Foto, um uns dann allerlei Wissenswertes über den Alkoholgenuss vor über hundert Jahren zu erklären.

Kurz zum Inhaber: Michael Cook, ein Loyalist, also ein loyaler Untertan der britischen Krone, hatte deutsche Vorfahren. Er kam aus dem Tal des Mohawk River, einem Fluss im heutigen Bundesstaat New York, nur wenige Kilometer entfernt. Seine erste Lizenz zum Betrieb einer Taverne erhielt er schon 1804, die all den Besuchern und vor allem Einwanderern diente, welche mit dem Schiff den Sankt-Lorenz stromaufwärts anreisten.

Zudem war die Taverne hervorragend als Unterstellplatz für Pferdekutschen geeignet, die auf dem „King’s Highway“ zwischen Kingston und Montreal unterwegs waren. Wenn ein Reisender also übernachten wollte, konnte etwas zu Essen und eine Auswahl an netten Zimmern sowie ein bequemes Bett erwarten. Im Haus gab es ein Lesezimmer zum Sitzen und zum Entspannen. Die meisten Gäste hielten sich jedoch bevorzugt im Gastzimmer und an der Theke auf, wo man ein Bier trinken und sich mit so manchem Mitreisenden aufs trefflichste unterhalten konnte. Wenn das Gasthaus überfüllt war, konnte man ausserdem im Tanzsaal des Hauses auf Strohsacklagern ein Plätzchen zum Schlafen finden.

Meine liebe Marie freut sich schon riesig, denn der nächste Halt soll das Haus des Schuhmachers sein. Wir gehen die Kirchstrasse hinunter Richtung Fluß und sehen seine Werkstatt schon von Weitem: ein Stiefel, geschnitzt aus Holz, baumelt an der Fassade – das übliche Zeichen der Epoche. Innen riecht es wunderbar nach Leder und der Schuhmacher, auf seinem Schemel in der Mitte des kleinen Holzhauses, ist immer noch am Werken. Er erzählt uns auf Nachfrage, daß es eine ganze Woche dauert, bis ein Paar Stiefel fertiggestellt ist. Normale Schuhe brauchen etwas weniger Zeit. Ja, der Mann ist ein gelernter Handwerker, denn sämtliche Ausstellungsstücke hat er eigenhändig fabriziert: hübsche Kinderschühchen, elegante Damenstiefel und stabile Männerschuhe, meist in der Naturfarbe des Leders belassen. Eine Volkszählung aus den 1860er Jahren ergab, daß im gesamten Ostkanada 221 Schuh- und Stiefelmacher ihr Handwerk ausübten. 141 davon waren Einzelunternehmer, die in ihrem Haus oder in einer angebauten Werkstatt arbeiteten. Manche von ihnen gingen von Tür zu Tür, um so besser an Aufträge heranzukommen und sie nahmen gleich Maß bei ihren Kunden an Ort und Stelle. Das tägliche Brot der Schuhmacher waren damals jedoch Reparaturen.

Gleich neben dem Haus des Schuhmachers, kurz vor dem Fluß des Dorfes steht ein Gebäude, welches die letzte Etappe unserer heutigen Zeitreise darstellt: Es ist die Werkstatt und der Laden des „Tinsmith“, des Blechschmieds oder Blechbiegers. Zur damaligen Zeit gab es in jeder Stadt und zuweilen sogar in jedem Dorf in Ostkanada einen Blechschmied. Denn die leichten und obendrein wesentlich billigeren Blechwaren stellten einen immer begehrteren Ersatz für schweres Zinngeschirr, unhandliche Holzgefässe und zerbrechliche Töpferwaren dar. Der Rohstoff des Blechschmieds, verzinktes Blech im handlichen Format von 25 x 35 cm kam mit dem Schiff aus Großbritannien angereist. Die Zinngruben Cornwalls in England exportierten damals bis zum Ende der 1870er Jahre in die ganze Welt. Auf Bestellung fertigten die Blechschmiede auch Gefässe aus Messing- oder Kupferblechen, wenn sich Zinnblech wegen der Rostgefahr nicht dazu eignete, insbesondere Schüsseln, Wannen oder Wassereimer.

 Der Gehilfe kehrt gerade den Boden sauber: Schluss für heute, Feierabend! Wir gehen dennoch hinein, neugierig, wie wir immer noch sind. Der Laden ist über und über mit allerlei Blechwaren wie Kuchenformen in verschiedensten Größen und Formen, Wasser- und Kaffeekannen, Keksdosen, Blechtrichtern, Salzfässchen, Kerzenhaltern, Käsereiben, Siebe in allen möglichen Durchmessern und sonstigem Blechgeschirr behängt. Es sieht wirklich schön aus, wie die silbrig glänzenden Gefäße gegen die dunkelgrün gestrichen Wände im Eingangsbereich wirken. Da unser Blechschmied mein verzücktes Gesicht bemerkt und das unaufhörliche Klicken meiner Kamera, wendet er sich uns zu: „You can purchase some of these articles in the village gift shop!“ Gute Idee! Beim Hinausgehen fällt mein Blick noch auf den großen Tisch, der in der Mitte der Werkstatt steht. Auch dort, wie in allen übrigen Werkstätten des Museumsdorfes, sind ausschließlich alte Werkzeuge in Benutzung, nicht einmal ein Kugelschreiber oder gar ein elektrischer Lötkolben liegt herum. Die beiden Blechbieger im authentischen Handwerksgewand machen abermals die Illusion perfekt: ja, wir befinden uns immer noch irgendwann im Jahr 1860. Der besenschwingende Geselle hatte es uns aber bereits erahnen lassen: das Museumsdorf schließt leider bald seine Pforten, wir sind am Ende des Rundganges und damit unserer Zeitreise angelangt. 

Wir gehen zurück Richtung Ausgang und verstehen nun besser, warum diese Strasse „Church Street“, also „Kirchstrasse“ heißt. Es steht dort nämlich die „Christ Church“, die Christuskirche, welche 1837 erbaut wurde. Man sagt, daß ihr Baustil damals auf Englisch als „Picturesque“ bezeichnet wurde. Ich forsche zuhause nach: „Picturesque“ heißt wortwörtlich „…geeignet, um in ein Bild eingefügt zu werden“. Es war ein Begriff, der laut Wörterbuch ab 1703 im englischen Sprachraum und damit auch in Kanada benutzt wurde und ursprünglich vom italienischen Begriff pittoresco (zu deutsch: in der Art und Weise eines Malers) abstammt.

Das gabs schon damals – Kirchen ohne Kruzifix

Das Kirchengebäude, natürlich vollständig aus Holz errichtet, spiegelt in seiner Architektur den Sinn für Ordnung, Symmetrie und Gleichgewicht wider. Dies kennzeichnete sehr deutlich den Baustil des Klassizismus, der in Europa von 1770 bis etwa 1830 den Ton angab. Dazu kommen die spitzen, gotischen Fensterbögen, deren Form sich im Dachgeländer wiederholt, Architrave um das Dachgesims sowie die vier architektonischen Betonungen um die Spitze des Glockenturms, die eher dem Historismus zuzuordnen sind. Dies war ein Phänomen der Stilepoche in der Architektur des 19. und sogar noch des 20. Jahrhunderts, welche auf ältere, nicht mehr zeitgenössische Stilrichtungen zurückgriff. Interessant außerdem: auf der Turmspitze sowie in der Kirche findet man weder ein Kruzifix noch stehen Kerzen auf dem Altar; solch profane Dinge wären bei Gottesdiensten in den 1860er Jahren in Kanada keinesfalls akzeptiert worden.

Wir schlendern langsam Richtung Ausgang an diesem unglaublich schönen und warmen Augusttag – ein wenig erschöpft aber dennoch gut gelaunt – und kommen an einem Gemüsegarten vorbei, der genau in der traditionellen Manier angelegt wurde, um somit Schädlinge abzuwehren: Das Karottenbeet liegt neben dem Zwiebelbeet, die Bohnen stehen neben roten Rüben, der Weißkohl ist neben dem Rettich gepflanzt. Da ich selbst über längere Zeit den Gemüsegarten meiner Mutter in Deutschland angelegt und gepflegt hatte, kenne ich mich aus: Ich entdecke außerdem ganz alte Gemüsesorten wie Tobinabur, Pastinak und auch den herrlich roten Mangold.

Da da Museumsdorf schon um 17 Uhr schließt, hat sich fast der ganze Besucherstrom im Souvenirshop eingefunden, der strategisch günstig vor dem Ausgang platziert wurde. Ja, es geht zu wie in einem Bienenstock! Wir kommen am Bäckerladen vorbei, aber das frische Brot des Tages ist leider schon ausverkauft, der Andrang ist immens. Auch die Abteilung mit Blechgeschirr hat nicht das, was wir uns beim „Tinsmith“ in dessen Werkstatt ausgesucht hatten – leider! So treten wir, bedauerlicher Weise ohne ein einziges Souvenir die Rückreise nach Québec an. Aber unser Köpfe sind randvoll mit Eindrücken von Menschen, Bildern, Gerüchen und Geräuschen aus der alten Zeit, daß wir uns noch lange danach gerne an diese, ich würde sogar sagen, einmalige Zeitreise erinnern werden.

Marc Lautenbacher (Québec / Canada)

Adresse:
Upper Canada Village (nahe Morrisburg)
5591 Stormont, Dundas and Glengarry 2,
Ingleside (Ontario) K0C 1M0
Telefon: 1-613-537-2024
www.uppercanadavillage.com

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2 Kommentare

PETER IDEN
PETER IDEN 15. August 2020 - 16:31

Hallo, Marc: Ich gratuliere dir zu deinem ausgezeichnet recherchierten und geschriebenen Beitrag. Die Upper Canada Village ist mir sehr bekannt. Auf unseren Erkundungen von Kanada haben meine Frau und ich es nie verpasst, aehnliche Nacbildungn aus der Geschichte in diversen Provinzen zu besuchen. Auch Toronto hat seine „Pioneer Village“, die schon oft auf unserer Visitenliste stand, besonders wenn wir Besuch aus Deutschland hatten. Auch waehrend unserer Besuche in den USA verpassten wir nie historische Plaetze, besonders weil meine Tante in Philadephia eine Quakerin und Nachkomme der urspruenglichen Siedler der „Mayflower“ war. Die restaurierte Mayflower habe wir in Plymouth besichtigt, sowie auch den Stein, auf dem der erste Siedler (oder alle) zuerst den Kontinent betrat.

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Marc Lautenbacher
Marc Lautenbacher (Kanadaspezialist-Autor) 21. August 2020 - 20:33

Lieber Peter, danke für Deinen netten Worte und Wünsche! Hoffe sehr, das auch andere Leser meinen Artikel als Inspiration für einen Kanada-Reise verwenden können.

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