Wilde Truthähne in Kanada

von Peter Iden

photo: Realtree

Wilde Truthähne sind mit sechs Unterarten einheimisch in Nordamerika, von denen zwei in Kanada leben. Der Eastern Wild Turkey lebt in Ontario und Quebec, der Merriam’s Wild Turkey stammt aus den USA und verbreitete sich seit 1958 in Manitoba und Saskatchewan, und seit 1962 nach Alberta und British Columbia.

Der englische Name “Turkey” für Truthähne trifft auch auf das Land Türkei zu (Turkey in Englisch). Die ersten domestizierten Truthähne wurden von den Spaniern in 1519 aus Mexiko an die Mittelmeer-Küste (inclusive der Türkei) und von dort in 1524 nach England gebracht.
In der Türkei gab es auch das dem Truthahn im Aussehen und in seinen Gewohnheiten sehr änliche “Perlhuhn”, so dass die englische Annahme, dass es sich bei Truthähnen um dieselben handelte nicht überrraschend war.
Obwohl sie die meiste Zeit auf dem Boden verbringen, fliegen Truthähne (sowie Perlhühner) nachts zum Schlafen in die Bäume.

Truthähne sind ein wichtiger Faktor in der Geschichte von Kanada und Nordamerika. Als die ersten Siedler mit der “Mayflower” in 1620 nach 66 Tagen Überfahrt bei Cape Cod landeten, waren sie nicht auf das Wetter den ersten Winter vobereitet – 45 der 102 Puritaner überlebten ihn nicht.
Die Kolonie war praktisch von den wenigen mitgebrachten Tieren (Ziegen, Schweinen und Hühnern, sowie wahrscheinlich einigen domestizierten Truthähnen) abhängig..
Die Wampanoag, wie alle Indianerstämme, hatten ihre eigenen Traditionen der Danksagung fuer die Fülle der Geschenke der Mutter Erde. Ihre Spiritualität und ihre Kommunion mit der Natur gebot ihnen den Dank für ihre Kreation, ihre Umgegend und das Geben von Geschenken zu festlichen Ereignissen.
Die Wampanoag gaben den Siedlern nicht nur die Esswaren fuer ihr erstes Erntedankfest, sondern auch ihre Lehren der Landwirtschaft (Mais, Bohnen, Wilder Reis). Sie führten die Siedler ein in das Jagen der wilden Kreaturen (Rehe, Wasservögel und wilde Truthähne).

Archäologen bewiesen, dass die Indianer schon lange vor der Ankunft der Siedler Truthähne domestizierten. Knochenfunde in vielen Ausgrabungen waren der eindeutige Beweis dafür.
Die Pilger zelebrierten ihren ersten “Thanksgiving Day” (Erntedankfest) in 1621. Ob das Essen von domestizierten oder wilden Truthähnen ein Teil des Festes war ist daher anzunehmen, aber nicht schriftlich bewiesen.
Allerdings hatte der erste Thanksgiving Day in Nordamerika bereits am 27.Mai 1578 in Neufundland bei den dortigen Siedlern stattgefunden.
Die spanischen Eroberer zelebrierten ebenfalls Thanksgiving (Dia de Acción de Gracias oder einfach Dia de Gracias) in Mexiko bereits etwa 50 Jahre vor der Mayflower-Landung im Norden.
Tatsächlich schrieb der spanische Conquistador Hernan Cortes in 1519: “sie rösten hier viele Hühner, einige so groß wie ein Pfau”. Diese Unterart gibt es noch immer in der Yucatan-Halbinsel von Mexiko, die kanadische Archäologin Camilla Speller hat sie oft in den Wäldern dort beobachtet: “sie sind die Pfauen der Truthahn-Welt”, sagte sie.


Das Essen von domestizierten Truthähnen im amerikanischen Fest des Thanksgiving wurde erst populär nachdem Präsident Lincoln (der Truthahn-Essen liebte) es in 1863 zum National-Feiertag erklärte. Das erste offizielle Thanksgiving in Kanada wurde wurde als Nationalfeiertag am 6.November 1879 gefeiert.
Wilde Truthähne waren 1930 am Rande des Aussterbens durch Überjagung und Verlust ihres Lebensraums, bevor 1984 eine Wieder-Einführung der Tierart in Ontario auf Anregung der National Wildlife Federation und der Jäger-Organisation Wild Turkey Federation begann.

In den USA verfolgte die National Wild Turkey Federation ebenfalls die Restauration der Wilden Truthähne mit viel Erfolg (nwtf.org).

Heute leben schätzungsweise etwa 7 Millionen wilde Truthähne in Nord- und Zentral-Amerika. Sie sind sie zumindest in Ontario ein alltäglicher Anblick und dürfen sogar wieder von Jägern abgeschossen werden, solange diese eine “Small Game License” und eine “Special Wild Turkey License” haben.

Vor wenigen Jahren lebte meine jüngste Tochter Sylvia mit ihrem Partner in einer kleinen Cottage in Muskoka. An einem Wintermorgen gingen sie hinaus, und ein wilder Truthahn flog vom Dach herunter, nach Futter und Gesellschaft suchend. Sie nannten ihn “Turk-Turk” wegen seiner Ruflaute und nahmen ihn in ihr kleines Zuhause auf, wo er sich bald sehr heimisch fühlte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Turk-Turk folgte ihnen wo immer sie hingingen. Nur im Auto durfte er sie nicht begleiten, weil der Besitz eines wilden Truthahns gesetzlich verboten war. Aber bei ihren Langstrecken-Skitouren in der Umgegend der Cottage war er immer dabei.


Eines Tages verschwand Turk-Turk. Ob er von einem Auto oder von einem wilden Tier getötet wurde, oder vielleicht sogar von einem illegalen “Jäger”, wurde niemals bekannt.

Die normale Lebenserwartung von Truthähnen in der Wildnis beträgt 3 bis 5 Jahre, obgleich der älteste mit Menschen lebende, 13 Jahre alt wurde. Vielleicht war Turk-Turk auch ein Senior-Truthahn, der seine alten Tage nicht einsam und alleine verbringen wollte.

 

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2 Kommentare

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Marc Lautenbacher 5. September 2020 - 06:46

Lieber Kollege Peter,
Du gestattest mir sicherlich ein paar Präzisionen, da kanadische Geschichte meine neue Passion geworden ist, wie folgt:

Das erste offizielle, jährlich stattfindende Erntedankfest in Kanada wurde am 6. November 1879 gefeiert, obwohl die Ureinwohner Kanadas seit jeher ihre traditionelle Herbsternte feierten, die der Ankunft europäischer Siedler vorausging.

Ein gewisser Sir Martin Frobisher, ein englischer Seefahrer und Entdecker und seine 400 Mann starke Mannschaft gelten als die ersten Europäer, die 1578 bei ihrer dritten Expedition nach Nordamerika ein Erntedankfest gefeiert haben sollen. Die ersten Siedler Neufrankreichs unter Samuel de Champlain taten es ihnen im Jahr 1606 gleich; in ihrer ersten Niederlassung in Port Royal, dem heutigen Annapolis Royal in Nova Scotia.

Die Feier mit dem wohl einzigartigen, nordamerikanischen Truthahn sowie mit Gartenkürbis und dem orangefarbenen Winter-Kürbis wurde in den 1750er Jahren erst in Nova Scotia eingeführt und hat sich dann in den 1870er Jahren in ganz Kanada verbreitet.
Im Jahr 1957 schliesslich wurde „Thanksgiving“ als jährliches Ereignis proklamiert, das immer am zweiten Montag im Oktober stattfindet. Heute ist es ein offizieller gesetzlicher Feiertag in allen Provinzen und Territorien Kanadas – mit Ausnahme von Prince Edward Island, New Brunswick und Nova Scotia.
(Quellen: l’Encyclopédie canadienne, Dictionnaire biographique du Canada)

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PETER IDEN
PETER IDEN 5. September 2020 - 17:46

Geschichte ist immer faszinierend, wo immer sie auch stattfand. Meine Abgangsarbeit in der Schule im Alter von 17 Jahre, vor unser Auswanderung nach Kanada, war die Geschichte des Altertums in Europa. In den Pfadfindern sangen wir bereits schon seit Ende des Weltkriegs die Lieder der Landsknechte des Mittelalters und mussten uns daher mit den alten Helden wie Joerg von Frundsberg familiarisieren.
In Kanada bekam ich den ersten Einblick in die Geschichte der heutigen First Nations und in die damit verbundene (und zu dem Zeitpunkt in 1954 solche noch in keinen oeffentlichen Quellen erwaehnten Ereignisse wie “Treaties”, “Native Schools”. usw.
Auch ich bin daher an der Geschichte nicht nur Kanada’s, sondern auch der anderer Laender sehr interessiert. Alles was wir erleben hat eine Geschichte, und wir haben heute das Internet, indem fast alle geschichtlichen Ereignisse, von vielen Quellen recherchiert, nachgesehen werden koennen.
Man kann niemals genug lernen!
Beste Gruesse aus dem immer sonnigen Wasaga Beach,
Peter.

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