Max Gros-Louis (1931 – 2020)

von Marc Lautenbacher

Kanada-Spezialist-Autor Marc Lautenbacher 2014 im Gespräch mit dem großen First-Nations-Politiker.

An diesem Samstag, den 14. November, ging eine erschütternde Meldung durch die ostkanadische Presse und alle wichtigen Rundfunk- und Fernsehsender berichteten: Der hier in Kanada wohl bekannte Max Gros-Louis hat uns im Alter von 89 Jahren verlassen. Kanada-Spezialist-Autor Marc Lautenbacher möchte deshalb unseren Lesern die Bedeutung des großen First-Nations-Politikers ein wenig nahebringen. Zudem hatte er selbst die große Ehre, ihm zwei Mal einen Besuch abstatten zu dürfen: dem mit insgesamt 33 Jahren am längsten amtierenden Stammeshäuptling der Wendat-Huronen, die sich vor knapp 400 Jahren nahe der frankofonen Provinzhauptstadt Québec angesiedelt hatten.

Zuallererst ein wenig Geschichte! Da ich seit 2007 in der Stadt Québec lebe, ist mir die autochthone Volksgruppe der Wyandot, früher auch fälschlicherweise Huronen genannt, allerbestens vertraut. Der ehemals mächtige Indianerstamm an den großen Seen in der Mitte des nordamerikanischen Kontinents, der im 17. Jahrhundert über 30.000 Menschen zählte, schrumpfte durch die von europäischen Kolonisten eingeschleppten Krankheitserregern auf klägliche 400 Stammesmitglieder zusammen. Schließlich wurden die übrig gebliebenen Wyandot vertrieben und siedelten sich im Jahre 1697 ganz in der Nähe von Québec an. Natürlich haben sich seit dieser Zeit die Ureinwohner mit den dort ansässigen Kolonisten von Neu-Frankreich vermischt und man findet dort heute eine fast homogene Bevölkerung vor, die fast aussehen wie Du und Ich!

Nichtsdestotrotz hat sich Wendake, wie sich das 164 Hektar große Reservat nennt, zu einer prosperierenden Gemeinde entwickeln können. Einer der Hauptgründe dieser heutigen Situation sind die jahrelangen, sehr intensiven Anstrengungen des Stammeshäuptlings Max Gros-Louis, der in seiner Sprache „Oné Onti“ genannt wird (übersetzt „der gute Ruderer“). Geboren am 6. August 1931, stand er von 1964 bis 1984 ununterbrochen als politischer Führer an der Spitze der Wyandot Premières Nations. Erneut wurde er von 1987 bis 1992 wiedergewählt sowie von 1994 bis 1996, ganz zuletzt von 2004 bis 2008, als er schon 73 Lenze zählte. Ich hatte zweimal die große Ehre, Max Gros-Louis besuchen zu dürfen, um ein wenig über seine Vergangenheit und die Zukunft seines Volkes zu plaudern.

Max Gros-Louis ist vor allem für seine Beiträge als Gründer und Leiter von Organisationen, die die Kultur und die Rechte der Indianer vertreten, bis weit über die Grenzen Kanadas hinaus bekannt geworden. Zwischen 1965 und 1976 war er nacheinander Gründungsmitglied, Vizepräsident und oberster Schatzmeister der „Association des Indiens du Québec“, er war fünf Jahre lang Generalsekretär des Indianerbeirates und er wurde für drei Jahre zum Direktor des Weltkongresses der First Nations berufen. Von 1983 bis 1987 vertrat er sämtliche Ureinwohner der Provinz Québec beim Bundesverfassungsgericht von Kanada zu Gesetzen für die indigenen Völker. Er war verantwortlicher Leiter des landesweiten „Aboriginal Economic Development Programm“, Mitglied des Rates für multikulturelle Angelegenheiten und des Weiteren 10 Jahre lang Direktor und Vizevorstand der Hauptversammlung der First Nations von ganz Kanada.

Seit seiner frühen Jugend ist Max Gros-Louis zudem ein ausgezeichneter Jäger, Fischer und Fallensteller gewesen. Zudem war er in den verschiedensten Berufen im Zusammenhang mit indianischem Kunsthandwerk und auch für deren Vermarktung tätig. Für gut zehn Jahre hatte er die Vizepräsidentschaft des Berufsverbandes der Kunsthandwerker von Québec inne, der „Association professionnelle des artisans du Québec“.

Max Gros-Louis vertrat immer einen sehr eigenständigen und souveränen Ansatz zu den wirtschaftlichen und sozialen Problemen seines Volkes – mehr, als die meisten Führungsfiguren der „Premières nations“. Während seines ausgesprochen aktiven Lebens hat Max Gros-Louis zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen erhalten. Allen voran den „Ordre national du Mérite de la France“ sowie die Ehrenmedaille in Gold für sein „Engagement und seine herausragenden Verdienste gegenüber der menschlichen Gemeinschaft“. 2016 schließlich erhielt er vom Generalgouverneur von Kanada den „Order of Canada“, was in Deutschland etwa dem Verdienstkreuzes am Bande entspricht. Sein ganzes Leben hat er der Entwicklung der Kultur und den Rechten indigener Völker sowie deren internationale Anerkennung gewidmet. Das sicherlich bedeutendste Amt bekleidete er als Vorstand des Internationalen Indianerrates (World Assembly of First Nations) für volle drei Jahre.

Das 4-Sterne-Hotel Premières Nations

Aber nicht nur überregional hatte sich Max Gros-Louis für die „Premières Nations“ engagiert, sondern auch in seinem Heimatort Wendake. Ein Ergebnis ist ohne Zweifel das 4-Sterne „Hotel Premières Nations“, das er für 16 Millionen Dollar bauen und am 8. März 2008 einweihen ließ: pünktlich zum 400-jährigen Gründungsjubiläum der Stadt Québec. „Zeitgenössisch, aber verankert in der Tradition“ betitelte eine der großen lokalen Tageszeitungen das repräsentative Bauwerk, das in seiner Bauform an die bewährten Langhäuser der Ostküstenindianer sowie an ein Tipi-Zelt erinnert. Das Hotel besteht aus dem Gästetrakt sowie einer eigenen Museumshalle, die die Geschichte der Wendat-Huronen erzählt. Einschließlich des originell ausgestatteten Eingangsbereiches wurden alle 55 Zimmer und Suiten ausschließlich nach dem Verlauf der Sonne ausgerichtet und man hat somit Richtung Norden kein einziges Fenster einbauen lassen.

Eine gelungene Mischung aus modernster Architektur mit indianischen Insignien unter Zuhilfenahme naturbelassener Bauelemente machen den ganz eigenen Charme des am Fluss „Akiawenrahk“ sehr schön gelegenen Hotels aus. Nicht zu vergessen das Spitzenrestaurant des Hauses, das die Reise zu indianischen Wurzeln auch auf höchstem kulinarischen Niveau abrundet, ich habe es mehrfach probiert und kann es nur empfehlen! Sicherlich wird uns Max Gros-Louis dort von seinem Ansitz in den ewigen Jagdgründen mit einem Schmunzeln beobachten und wir können an ihn denken.

Marc Lautenbacher als Touristenführer 2011 im Haus von Max Gros-Louis.

 

(Text und Fotos: Marc Lautenbacher, Québec/Canada)

Infos zu Wendake im Internet unter:
www.tourismewendake.ca
www.huron-wendat.qc.ca
www.hotelpremieresnations.ca

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