Orientierung im “bush” in Kanada

von Peter Iden

Jedes Jahr werden 70,000 bis 80,000 Menschen in Kanada als “verloren” bei der RCMP (Royal Canadian Mounted Police) gemeldet. Die meisten werden relativ schnell gefunden, aber bei vielen geht es nicht so schnell, besonders wenn es sich um entlaufene Kinder und Erwachsene, nicht um entführte oder sogar ermordete Personen handelt. In 2015 z.B. waren es 71,000 Personen, davon waren 45,000 Kinder und 26,000 Erwachsene.
Ein guter Prozentsatz sind jedoch auch Menchen, welche sich im “bush” in Kanada verlaufen haben. Deren Anzahl wuchs seitdem jedes Jahr durch die vielen Besucher, ging allerdings in 2020 durch die Covid19-Einschränkugen für Besucher erheblich zurück.

Weil ich bereits oft im kanadischen “bush” allein wanderte, interessierte mich ein mögliches Verlorengehen in der Wildnis schon immer. Oder vielmehr was ich machen sollte, um es zu verhindern, und was ich wissen sollte, wenn es tatsächlich einmal passiert. Mein Wissen aus meinen deutschen “Pfadfinder”-Jahren war dabei ziemlich nutzlos.
Die Lexikon-Beschreibung “stark bewaldetes, wenig bewohntes Land” ist alles andere als korrekt fuer den kanadischen bush, und selbst unter diesem Wort können sich die meisten kaum vorstellen, wie es tatsächlich assieht. Es sind keine von allen herunter gefallenen Ästen und Gebüsch gesäuberte Forste wie in Deutschland. Um es klar zu beschreiben ist der “bush” ein wüstes Durcheinander von Bäumen, Büschen, Pflanzen und Steinen verschiedenster Arten und Größe, welches teilweise beinahe total undurchdringbar ist. Jede Provinz hat ihren “bush”, der zwar in der Artenreichheit variiert, aber kollektiv denselben Charakter hat.


Den Indianern wurde durch ihr Jahrhunderte langes Leben im bush das Kennen dieser Naturlandschaft mitgegeben, welches ihnen die Himmelsrichtung andeutet. Sie wissen, dass Moos am besten auf der Nordseite (der Wetterseite) der Bäume gedeiht, welche die Sonne nie erreicht; dass Spinnen ihre Gewebe im Windschatten der Bäume bauen, und dass die Wolken immer von Westen nach Osten ziehen (das funktioniert jedoch nicht überall). Für die faulen unter ihnen genügen gelegentlich auch von ihnen gebrochene kleine Äste, an denen sie ihren Weg zurück finden können.
Für modern Menschen genügt eine analoge (nicht digitale) Armband- oder andere Uhr, mit der man die Himmelsrichtung feststellen kann. Man orientiert die Ziffer 12 in Richtung Sonne; die Nord-Süd-Linie liegt halbwegs zwischen dem kleinen Stundenzeiger und der Ziffer 12 (Sommerzeit = Ziffer 1).
Wo in den kanadischen Wäldern Pfade existieren, wie z.B. in einigen der Regenwälder des Westens auf Vancouver Island bei Tofino und Ucluelet, tut man gut, auf diesen zu bleiben. Das allein ist schon ein unvergessbares Erlebnis.

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