„Côte-Nord du Québec – Tausend Kilometer Einsamkeit“ [FOLGE 2]: Mingan-inseln, Manitu und Moltebeeren

von Marc Lautenbacher

Zwei Abenteurer mitten in der Einsamkeit – der Autor (rechts) mit Freund Denis Robitaille

Fortsetzung des Roadtrips an die Côte-Nord von Quebec im Verlauf von sieben aufschlussreichen Tagen, der mir und meinem quebecer Freund Denis diese so wenig bekannte Region sehr viel näher gebracht hatte. Wir waren dort, wo ein französischer Mönch eine Kathedrale bauen ließ, ein Deutscher eine internationale Walforschungstation leitet und wo auch heute noch Indianervölker insgeheim die Oberhand behalten haben.

4. Tag: Da wir noch am Vormittag wie vereinbart ein paar Bilder vom Inneren des Hotels „Château Arnaud“ machen wollen, unseres Nachtlagers, erreichen wir erst wesentlich später als gedacht mit dem Honda CR-V von Denis, einem sehr komfortablen Auto die „Cent-trente-huit“, also die besagte Nationalstraße. Heute stehen 175 Kilometer Wegstrecke auf unserem Programm und deshalb fällt der Besuch vom „Vieux-Poste de Sept-Îles“, einer historisch wichtigen Begegnungsstätte aus der Epoche von „La Nouvelle-France“ von 1673 zwischen Indianern und ersten Siedlern aus Europa, leider ins Wasser. Und ebenso das Kunst- und Kulturerbe-Museum über die Côte-Nord und ihren Bewohnern, welches man sich eigentlich nicht entgehen lassen sollte. Denn die Stadt ist ein wahrer Hotspot der Ureinwohner Kanadas: die Premières Nations der Innu haben hier ihren Verwaltungssitz, eine Gruppierung aus vier Stämmen der „Mamit-Innuat“ mit mehr als 3.300 Mitgliedern. Hinzu kommt ein weiterer Innu Stamm der „Takuaikan-Uashat-Mak-Mani-Utenam“ mit mehr als 4.700 Mitgliedern. Will heißen, knapp ein Drittel von Sept-Îles mit aktuell 25.399 Einwohner gehören zu autochthonen Volksgruppen, was sich insbesondere an den fliegenden, überdimensionalen Kanadagänsen ausdrückt, die weithin sichtbar als grafisches Emblem auf der Fassade des größten Einkaufszentrums der Stadt prangen.

Heute ist Sonntag. Schon wieder kein Mensch auf der Landstraße zu sehen – wo sind nur all die Leute, fragen wir uns. Da, auf einmal, wider Erwarten kommt uns ein Auto entgegen und wir scherzen einvernehmlich darüber, dass heute ausgesprochen VIEL VERKEHR herrscht! Und weil wir bedauerlicherweise unsere Indianer-Erkundungstour in Sept-Îles heute nicht stattfinden lassen konnten, werden wir uns im Verlauf der Strecke trotzdem auf den Spuren der Premières Nations bewegen. Spektakuläre und äußerst wilde Wasserfälle mit dem so schönen Namen „Les chutes Manitou“, also die „Manitu-Wasserfälle“, warten auf uns. Ich weiß nicht mehr warum, aber im Stillen amüsiere ich mich in Erinnerung an die Filmkomödie „Der Schuh des Manitu“ von Bully Herwig, die mein kanadischer Freund Denis natürlich nicht kennen kann.

Nach knapp 80 Kilometern seit unseres Aufbruchs steht das Schild „Halte touristique Manitou“ halb verdeckt vom Wald am Straßenrand, zu Deutsch: Raststätte für Ausflügler. Jedenfalls sind die Fälle wirklich etwas Besonderes, wie sie gefährlich in reißenden Stromschnellen an uns vorbei über glitschige Felsen mit weiß aufstäubendem Gischtnebel laut schnaubend in die Tiefe rauschen. Wie gebannt bestaunen wir das Naturereignis! Ach ja, und auch hier sind wir auf dem kurzen Waldweg die einzigen Touristen, die am heutigen Sonntag unterwegs sind. Denis dreht ein Wasserfall-Video; ich widme mich mehr dem borealen Nadelwald, der hier besonders undurchdringlich ist, mit meiner Kamera. Der Wanderweg geht noch weiter hinunter bis zum Fuße der Fälle. Aber da ein für die Region so typischer, unangenehmer Nieselregen anfängt, der uns auf die Nerven geht, wollen wir uns auf den Rückweg machen.

Unberührte Natur – der boreale Nadelwald bedeckt die gesamte Cote-Nord

Heutiges Etappenziel ist die Ortschaft Longue-Pointe-de-Mingan, wo wir zwei Tage unsere Zelte aufschlagen werden. Dort hatte ich schon vor Wochen mit Valentine Ribadeau-Dumas ein Treffen ausgemacht – heute um 15 Uhr, in der berühmten Station zur Erforschung von Meeressäugetieren! Von unserem Standort aus sind es nur noch 85 Kilometer. Denis kennt etwa auf halber Strecke einen guten Schnellimbiss, in ganz Québec „Casse crôute“ genannt, der in Rivière-au-Tonnerre [zu Deutsch „Donnerfluß] auf uns wartet. Wir bestellen uns ein Kabeljaufilet, das uns ausgezeichnet mundet. Es ist so unvorstellbar frisch, daß man glauben könnte, der Fisch sei nur wenige Stunden zuvor noch im Sankt-Lorenz-Strom geschwommen! Auf der gegenüber liegenden Seite der Hauptstraße, die nun hier „Route Jacques Cartier“ heißt, sticht mir die Aufschrift MAISON DE LA CHICOUTAI an einem himmelblauen Haus ins Auge. Was bedeutet das, frage ich Denis? Nun, Chicoutai [sprich Schikuteh] ist die hiesige Bezeichnung der Moltebeere, auch Multebeere, Schellbeere, Sumpfbrombeere oder Torfbeere genannt. Das Wort bedeutet „Feuer“ auf Inuktitut, einer Algonkin-Sprachfamilie. Sie ist die wahrhaftige Beerenfrucht der Indianer der Côte-Nord, aus der man allerlei Kulinarisches zaubern kann: Marmelade, Gelee, Kompott, Saft, Likör, Senf, einen Tee aus den Blättern und sogar ein Bier. Wir nehmen ein paar Gläser als süßes Mitbringsel unserer Reise mit, das zu Hause ganz bestimmt keiner kennt. Im übrigen ist diese Pflanzenart eines der Wahrzeichen Lapplands und als Motiv auf der 2-Euro-Münze von Finnland zu finden, wo die gleichen klimatischen Bedingungen der borealen und zirkumpolaren Zonen zwischen 78° und 54° nördlicher Breite herrschen – eben ganz genau wie bei uns hier in Québec an der Côte-Nord.

Uns fällt der, für das kleine Nest äußerst imposante Sakralbau auf, der sich nur wenige Schritte hinter dem Indianer-Marmeladen-Haus empor reckt, als wir gerade wieder ins Auto steigen wollen. „Komm“, sag’ ich zu Denis, “lass uns mal schauen, was das genau ist“! Als wir eintreten, traue ich meine Augen kaum: eine so wundervolle, sehr geräumige, nur in weiß und hellblau gehaltene und reich verzierte Dorfkirche hatte ich absolut nicht erwartet und sie verzückt uns beide sofort. Alles ist aus bemaltem Holz, unglaublich, grandios! Der Kirchendiener, ein grauhaariger Mann gehobenen Alters bittet uns freundlich herein. Als Denis ihn so ganz naiv ein paar Dinge fragt, ist es um uns geschehen; der Mann zieht alle Register seines profunden Wissens über die turbulente Kirchengeschichte und schlägt dazu seinen dicken Aktenordner auf!

Im Jahr 1902 kam François Hesry nach Kanada, ein Mönch aus der Normandie, der eine Gruppe von Missionaren begleitete. Er gehörte zur Priesterkongregation von Jesus und Maria, die nach ihrem Begründer, dem heiligen Johannes Eudes, als „Eudisten“ bekannt ist. Pater Hesry gelangte schließlich nach Rivière-au-Tonnerre und ließ sich dort als Pfarrer dauerhaft nieder. Doch das Dorf hatte damals noch keinen adäquaten Ort für Gottesdienste und Pater Hesry, der auch studierter Architekt war, schlug den Bewohnern der Gemeinde vor, eine Kirche zu bauen. Daraufhin legte er Pläne für den Bau einer riesigen Kathedrale vor. Aber das Dorf zählte schon damals nur wenige hundert Einwohner und man bat Pater Hesry, sein Projekt den moderaten Gegebenheiten anzupassen. Er überarbeitete seine Pläne und schlug eine kleinere Kirche vor, die ebenso eine Kathedrale im normannischen Stil, jedoch in verkleinertem Maßstab darstellte. Der Bau der Kirche begann schließlich 1908 und wurde 1912 abgeschlossen. Die Arbeiten wurden von mehr als 300 Freiwilligen geleistet, wobei ausschließlich Holz, das einzige damals leicht verfügbare Material, verwendet wurde. Viele der rund 60 Skulpturen, die die Kirche im Innenraum schmücken, wurden von örtlichen Handwerkern mit dem Taschenmesser geschnitzt. Heute ist die Kirche Saint-Hippolyte, die 1975 komplett renoviert wurde, in ihren Dimensionen und ihrem normannischen Stil in ganz Québec einzigartig. Manche sagen, sogar auf dem ganzen nordamerikanischen Kontinent!

Ich kann gar nicht aufhören, Fotos vom Schiff und den Säulengängen dieser Holzkirche zu schiessen und so vergessen wir völlig die Zeit. Mist, schon fast 15 Uhr. In einer halben Stunde haben wir das Treffen in der Wahlforschungstation ausgemacht, wir sollten uns beeilen. Somit schneiden wir unserem unaufhörlich plapperndem Messner regelrecht das Wort ab, denn er hört nicht auf, uns mit lustigen und auch interessanten Anekdoten über die Kirche zu unterhalten. „Ja, vielen, vielen Dank, danke Ihnen, merci beaucoup“, rufen wir ihm beim Hinausgehen zu und gehen zum Auto, das Denis, als ob er es geahnt hätte, direkt vor der Kirchtür heimlich geparkt hatte.

Los geht’s. Das erste Mal auf unserer bislang sehr beschaulichen Reise kommt so etwas wie Stress auf und Denis drückt mit Vollgas auf die Tube! Wrrroooommm machen die 166 PS seines silbergrauem Honda CR-V, lassen die 50 Kilometer bis zum „Date“ in Höchstgeschwindigkeit an uns vorbeiziehen und wir sind Punkt 15 Uhr 30 in Longue-Pointe-de-Mingan, genauer gesagt vor dem Haus der Mingan Island Cetacean Study angelangt: 378, bord de la mer ist die Adresse. Ach ja: Cetacea ist der lateinische Begriff für Wale.

Schon seit 1979 existiert die gemeinnützige Forschungsinstitution, kurz MICS genannt. Sie wurde von dem Franco-Amerikaner und Biologen Robert Sears gegründet, der jedoch überhaupt nichts mit der gleichnamigen, amerikanischen Kaufhauskette zu tun hat und der nach wie vor aktiv ist. Die Station widmet sich der Erforschung von Meeressäugetieren wie Walen und Delphinen dieser Region, insbesondere dem immer noch bedrohten Blauwal. Seit einigen Jahren erst hat man ein Programm aufgelegt, das die Adoption der dem MICS seit mehren Jahren bekannten und regelmäßig vorbeiziehenden Walen erlaubt. (www.rorqual.com, siehe unter Menüpunkt „Adoptez une baleine“). Darüber hinaus betreibt die MICS mehrere Studienprojekte auf den Azoren, in der Baja California Mexikos, zuweilen auch in Island und Norwegen.

Hauptsitz der Forschungsstation ist also in der Ortschaft Longue-Pointe-de-Mingan, die unmittelbar am Tor zum „Réserve de parc national de l’Archipel-de-Mingan“ liegt. Dieser Meeres-Nationalpark erstreckt sich über eine Fläche von insgesamt 151 Quadratkilometern in einer Gesamtlänge von 150 km entlang des Sankt-Lorenz-Nordufers und umfasst unter anderem den Mingan-Archipel, der aus gut 1000 Inseln (!) besteht. Dort sollen über 450 Pflanzenarten vorkommen, von denen rund 100 als selten oder als sehr selten gelten wie die Mingan-Distel. Von den mehr als 200 Vogelarten, die im Parkgebiet brüten, findet man die einzige Kormoranart Nordamerikas, die Ohrenscharbe sowie den Tordalk und die Teiste, die zu den Alkenvögeln zählen. Besonders häufig ist der bunte Papageientaucher anzutreffen, das Symbol der Minganregion. In den Sommermonaten werden hier neun verschiedene Walarten gesichtet, darunter Zwergwale, auch Minkewale genannt, die häufig küstennah zu sehen sind, aber insbesondere Blauwale, Schweinswale, Buckel- und Finnwale, die weiter draußen auf dem offenen Meer ziehen. Ansonsten kann man beinahe überall Kegelrobben, Seehunde und Weißschnauzen- und so herrlich gezeichneten Weißseitendelfine beobachten.

Wir treten hinein in das rote, hochmoderne Holzgebäude und obwohl wir als Pressevertreter angemeldet sind, bleibt die Dame am Schalter hart: „7,50 Dollar par personne, s’il-vous plait“, sagt sie ungerührt und ich zahle ohne zu murren. Doch das Museum ist es wirklich wert. Ein Finnwal, der nächste Verwandte des Blauwals, ist in Lebensgröße mit sicherlich 20 Metern Länge als Halbrelief naturgetreu nachgebildet. Eine Gruppe Weißseitendelfine hängt wie ein Mobile von der Decke herab. Alle übrigen Walarten, die im Sommer in den Sankt-Lorenz-Strom ziehen, sind auf eine Wand des Museumssaales gemalt worden, dessen Ausmaße den Vergleich einer mittleren Gemeindehalle nicht zu scheuen braucht. Ein Buckelwal ist neben allerlei Walknochen als Mosaik in den Boden eingelassen und von einem Balkon, der ins Herz der Forschungsstation führt, kann ich alles aufs Beste im Bild festhalten.

Da kommt schon eine blonde Walforscherin zu uns, erkennbar am Logo der Station auf ihrem Pullover, die sich als Assistentin von Herrn Christian Ramp vorstellt. Ich runzele die Stirn: Christian Ramp? Das klingt ziemlich deutsch! Ja, tatsächlich, denn als wir schließlich ins Allerheiligste der Station eintreten, kommt er uns entgegen: „Hallo, ich bin Christian! Du musst der Marc Lautenbacher sein, oder?“ Mein Freund Denis versteht nur „Bahnhof“ und ich beeile mich, ihn vorzustellen und ihm diesen freudigen, für mich vollkommen unerwarteten Zufall zu erklären – auf Französisch, versteht sich.

v.l.n.r.: Assistentin Josiane Riopel, Leiter Dr. Christian Ramp und der Autor in der Forschungsstation

Christian ist Biologe Dr. rer. nat., kommt ursprünglich aus Bremen, erwarb 2002 seinen Master-Abschluss über Blauwale im Sankt-Lorenz-Golf und seit 2008 einen Doktortitel über Buckelwale. Er leitet nun die Forschungsstation schon seit einigen Jahren und ist deshalb auch privat nach Kanada gezogen. Wir werden kurz durch die Büros geführt, die nichts Besonderes zu bieten haben, außer eine Wand mit vielen kleinen Bildchen: Pi mal Daumen etwa Tausend! „Alles Erinnerungen von Forschungsreisen“, sagt er zu mir, als ich beginne, jedes einzelne davon genauestens zu untersuchen. Der ideale Hintergrund für ein Gruppenfoto, wie ich finde und ich drücke Denis meine Kamera in die Hand. „Darf ich mich verabschieden, hab’ noch zu tun“, sagt uns Herr Dr. Ramp und weist seine blonde Assistentin Josiane Riopel an, uns noch ein wenig das Museum zu erläutern. Sie spricht fließend Französisch, was meinen Freund Denis sichtbar erleichtert und sie macht mit uns einen imaginären Ausflug in die weite Welt der Wale, jedenfalls empfinde ich ihren ganz fantastischen Vortrag so.

Nun ist es Zeit geworden, unsere Herberge zu beziehen, denn die knapp zwei Stunden vergingen wie im Handumdrehen. Wir haben für zwei Tage in dem kleinen Ort, in dem gerade mal 434 Seelen wohnen, bei „Les Maisonnettes des Îles“ ein Ferienhaus reserviert. Nach so viel Aufregung brauchen wir eine Pause. Die bunten Häuschen stehen ganz am anderen Ende des überschaubaren Ortes, direkt am Meer und Madame Danielle Kavanagh, die Inhaberin, begrüßt uns: „Monsieur Lautenbacher et Monsieur Robitaille? Bonsoir!“

Unser Hauptquartier für zwei Tage – Les Maisonnettes des Îles

Zum Glück haben wir uns zuvor in Sept-Îles wohlweisslich mit allerlei Lebensmitteln eingedeckt, denn die Inhaberin hatte uns vorgewarnt, daß es keinerlei Geschäfte oder Restaurants, geschweige denn eine Bäckerei in ihrem Dorf gibt und wir uns um das Frühstück selbst kümmern müssten. Aber daß es sooo einsam werden würde, damit hatten wir nicht gerechnet. Unser Häuschen ist das knallrote; Denis tischt alles auf, was wir haben. Nun ist es draußen so still geworden – Geräuschpegel gleich null. Und als langsam die Abenddämmerung hereinbricht, fallen wir ziemlich erschöpft in tiefen, wohl verdienten Schlaf.

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