„Côte-Nord du Québec – Tausend Kilometer Einsamkeit“ [FOLGE 3]: Leuchttürme, Papageientaucher und Titaneisenerz.

von Marc Lautenbacher

Die hervorragend geschulten Mitarbeiter von Parcs Canada ließen keine Fragen offen

Heute, an unserem fünften Tag, werden einmal Denis und ich die Naturforscher spielen, inspiriert von unserem Museumsbesuch bei den Walen am Vortage! Madame Vibert, unsere Herbergsmutter, hatte uns bereits beim Einchecken in unser Ferienhäuschen empfohlen, rechtzeitig eine Bootsüberfahrt auf eine der Inseln im Nationalpark „Réserve de parc national de l’Archipel-de-Mingan“ zu reservieren.

Stolz erzählte sie uns, dass ihr Vater der letzte Leuchtturmwärter auf einer der Inseln war und verrät uns ihren Mädchennamen: Kavanagh! Aber bedauerlicherweise herrscht am frühen Morgen wieder dichter Küstennebel, da im Juni der Sankt-Lorenz-Strom noch kalt ist, die Luft hingegen schon sommerlich warm. Somit perfekte Bedingungen für die graue Suppe! Macht nix, sagen wir uns, denn richtigen Naturforschern ist das Wetter total egal und steigen mangels Anlegesteg vom Strand aus direkt ins Motorboot, das dort am kiesigen Ufer auf uns wartet. Es ist 7 Uhr in der früh. Herr Vibert ist unser Kapitän, der Denis und mich sowie zwei weitere Hobbybiologen auf zwei der Eilande bringen wird. Er ist der einzige in Longue-Pointe, der eine Lizenz besitzt, um Besucher auf die von Parcs Canada verwalteten Nationalpark-Inseln zu bringen.

Übernachten im Leuchtturm – 250 Dollar pro Nacht und pro Person

Dort angekommen, werden wir von einem Nationalparkmitarbeiter aufs aller freundlichste empfangen: erster Halt ist die Île-aux-Perroquets (zu Deutsch: Papageien-Insel), die gerade mal 800 Meter Uferweg hat und auf der 1888 ein Leuchtturm errichtet wurde, den wir besuchen werden. Die Luft ist erfüllt vom Geschrei einiger hundert Seevögel, die uns geschäftig um die Ohren fliegen, obwohl man fast nichts erkennen kann, da noch immer dichter Frühnebel herrscht. Herr Vibert will uns unbedingt in den Genuss einer Delikatesse der Côte-Nord kommen lassen, beziehungsweise uns diese kosten lassen: frischen Seeigel!

Er stochert mit seinem selbst fabrizierten Seeigel-Fänger im flachen Wasser, ein wohl ausrangierter Wischmopp mit langen, wolligen Schnüren, bis sich ein halbes Dutzend darin verfangen haben. Dann schneidet er gekonnt mit dem Taschenmesser das Tier auf und holt mit einem Esslöffel das orangefarbene Fleisch heraus! „Wer will als erster kosten?“, fragt er in die Runde und Denis ist der Tapferste unserer kleinen Reisegruppe. Als er mit einem langgezogenen „MMmmmmh!“ seine buschigen Augenbrauen hochzieht, bin ich überzeugt und versuche den zweiten Löffel – und dann noch einen! Ja, das ist offenbar der echte, der wahre Geschmack der Nordküste – sehr delikat und ganz leicht salzig, etwa wie frischer Kaviar, jedoch wesentlich feiner!

Unser Guide von Parcs Canada ist auch nicht abgeneigt, schlürft seinen Löffel Seeigel aus und geht mit uns die wenigen Meter in Richtung Leuchtturm, der schon über 40 Jahre nicht mehr ständig bewohnt ist, doch noch heute seinen Dienst tut: Das System wurde voll automatisiert. Wir erfahren außerdem, daß Robert Kavanagh – also der leibliche Vater unserer Herbergsmutter – zuerst Leuchtturmwärter vom „Phare de Pointe-de-Monts“ gewesen war. Danach kam er 1951 auf die Insel und ließ dort ein neues Haus sowie einen neuen Turm errichten, bis er 25 Jahre später den Dienst quittierte. Zudem sagt man uns, daß man heutzutage im Sommer auf der Insel sogar übernachten kann. Eine eigens gegründete Kooperative vermietet in der nur 12 Wochen dauernden Sommersaison in zwei größeren Gebäuden 8 bescheidene Doppelzimmer – für schlappe 250 Dollar pro Nacht und pro Person! Im Übrigen ist die Insel der Wohnort einiger hundert Papageientaucher. Durch den dichten Dunst blicken sie uns neugierig aus ihren Nisthöhlen an, die sie in der steil aufragenden Felsenküste angelegt haben, an der wir einige Meter entlang wandern und welche die winzige Insel umrundet.

Unser Kapitän drängt zur Weiterfahrt, denn der Besuch einer zweiten von über 1000 großen und kleinen Inselchen des Archipels steht auf dem Tagesplan. Sie heißt ganz einfach „Nackte Insel“, aber nicht, weil sich drauf ein FKK-Paradies befindet, sondern weil das Eiland mit seinem 8,3 Kilometer langen Rundwanderweg völlig flach und unbewaldet ist und zudem ein geschütztes Habitat darstellt. Will heißen: Man darf nur den steinigen Uferstreifen betreten und nicht das Innere der Insel „Île-nue-de-Mingan“ [sprich: ill nüh dö’ Mängahn]. Auch dort empfängt uns eine wirklich hervorragend geschulte Nationalparkmitarbeiterin, die sich als unsere nächste Inselführerin vorstellt und die uns diese Gegend erklärt, wie sie vor genau 465 Millionen Jahren aussah: mit Fossilien, die aus dieser Zeit stammen, als das gesamte Gebiet mit Wasser bedeckt war; ein Meer in einer tropischen Klimazone. Zudem wird sie uns die besondere Attraktion, für die nicht nur die Insel „Île-nue-de-Mingan“ bekannt ist, zeigen und ich bin aufs äusserste gespannt.

Auf dem Weg sticht mir ein recht idyllisches Fotomotiv ins Auge. Ein natürliches Arrangement aus verschiedenen Überbleibseln der hiesigen Meerestierwelt, zusammen mit einem weißen Etwas, das wie eine Blütendolde aussieht. Nein, keine Pflanze! Es ist das Eigelege der Wellhornschnecke (Buccinum undatum), die gut 2.000 Eikapseln zu einem Gelegebüschel zusammenklebt, wovon sich pro Kapsel lediglich zehn bis vierzehn Eier entwickeln. Der Rest ist Nahrung für die Babyschnecken. Die Eibüschel haben an der Côte-Nord sogar einen eigenen Namen bekommen: „Savon de mer!“, denn früher wuschen sich Seeleute die Hände damit.

 

Zudem erkenne ich einige Blütenpflanzen, die genau wie unsere früh blühenden Schlüsselblumen in Deutschland aussehen, hier aber violett sind. Später finde ich ihren Namen heraus: auf Lateinisch Primula laurentiana. Sie ist eine Mehlprimelart, die in Europa nur in Alpengebieten und in Skandinavien gedeiht. Jetzt wird mir klar, warum die Insel ganz „nackt“ ist und hier nichts höher wächst. Das Klima hier an der Côte-Nord entspricht ganz dem Hochgebirgsklima auf gut 2000 Metern Meereshöhe, also oberhalb der mittleren Baumgrenze in den Alpen. Das Thermometer bleibt hier im Durchschnitt unter dem Gefrierpunkt, und zwar von November bis Ende April.

Und…da…tauchen sie schemenhaft aus dem immer noch herrschenden Frühnebel auf, regelrecht wie gespenstisch anmutende Wesen oder Figuren, manche bis zu vier oder fünf Meter hoch. Es sind diese fantastischen Monolithen, für die das Archipel so berühmt geworden ist.

Unserer Führerin erklärt uns im Detail, wie sie entstanden sind: in der letzten Eiszeit, vor erst 20.000 Jahren lag noch eine 2.500 Meter dicke Eisschicht (!) auf dem nordamerikanischen Kontinent. Genauer gesagt vom Sankt-Lorenz-Golf bis hin zu den großen Seen – und eben da, wo wir uns gerade aufhalten. Als am Ende dieser Kaltzeit diese immensen Eismassen abschmolzen, lag die Erdoberfläche rund 80 Meter unter dem heutigen Niveau. Weil nun die große Last des Eises verschwunden war, hob sich das Land langsam an und bildete diverse Inselgruppen. Die Sedimente des ehemaligen Meeresgrundes, die aus zusammengepresstem Sand bestehen, waren nun der Erosion durch Wind und Wetter sowie den Wellenbewegungen der Gezeiten ausgesetzt, die im Laufe der Zeit die herrlichen Steinskulpturen auf ganz natürlichem Wege schufen. Ich muss mehrmals meine Kamera zücken, um die vielfältigen Formen, manche wie Sauriereier, manche wie eine Schlange, manche wie eine Menschengestalt oder Tierfigur im Bild festzuhalten, um unsere Inselerfahrung hinreichend zu dokumentieren.

Noch vielschichtigere, größere und formenreichere Monolithen, mit einem Wort die Spektakulärsten, sollen sich jedoch auf der Insel L’Île Quarry und L’île Niapiskau weiter im Osten des Archipels befinden, wie ich später erfahre. Ein guter Grund, noch ein weiteres Mal hierher zu kommen sage ich zu Denis, als unser Kapitän nach diesen abenteuerlichen fünf Stunden unser Motorboot wieder zurück am Festland anlegt.

Da wir am nächsten Morgen schon nach Hause fahren werden, wollen wir die nähere Umgebung noch ein wenig erkunden. Denis schlägt vor, der Regionalhauptstadt einen Besuch abzustatten: Havre-Saint-Pierre mit rund 3.500 Einwohnern, Hauptort mit Besucherzentrum inmitten des Schutzgebietes, das erst 1857 gegründet wurde – also steinalt für kanadische Verhältnisse!

Auf dem Weg dorthin durchfahren wir die Gemeinde Mingan von den Innu Premières nations, den Mingan-Ekuanitshit, die mit den Natashquan-Nutashkan ganz am Ende des Archipels zusammen rund 1.100 Einwohner zählen und die im übrigen mehrheitlich ihre Muttersprache sprechen. Wir machen kurzen Halt im dortigen, ethnologischen Museum, denn es regnet in Strömen. Es ist ein hypermoderner, vor kurzem erst fertiggestellter Holzbau und ich erkenne sogleich, dass Geld hier bei weitem keine Rolle gespielt haben muss. Die Indianerkultur wird in der Region vom kanadischen Staat offenbar gut unterstützt.

Bei der Abfahrt sticht mir abermals der Vorgarten eines Privathauses ins Auge, der für meine Begriffe eher wie ein öffentlicher Wertstoff-Hof aussieht. Das Bild entfacht einen (falschen) Eindruck der Verwahrlosung, obwohl es eher das Gegenteil darstellt: neben ausgebauten Fenstern, Formteilen aus Weissblech, Metallröhren, Seilen und Schnüren, Bojen und Bauholz, Plastikflaschen und Kunststoffwannen, alles teilweise mit Gras überwuchert steht ein Holzgestell, auf dem kopfüber mehrere Kanus liegen. Alles unter freiem Himmel und ich interpretiere das Ganze als Lager für allerlei Material, das irgendwann einmal nützlich sein könnte – jedoch in einem Ordnungsprinzip wild durcheinander angelegt, das mir als Europäer eher fremd ist. Es ist wohl das indianische Prinzip – verstreut wie Blätter am Waldboden – denke ich im Stillen!

Der Fluss Rivière Mingan führt weniger Wasser im Sommer

Auf dem weiteren Weg nach Havre-Saint-Pierre kennt Denis einen Fluss, den er mir unbedingt zeigen will, weil er Schauplatz des tragischen Liebesliedes „Jack Monoloy“ von Gilles Vigneault ist, dem Nationalbarden von Québec und berühmten Chansonier der Côte-Nord [https://youtu.be/6ramKbL468s], da sein Geburtsort in Natashquan liegt, ganz am Ende der Nationalstrasse. Es ist nämlich der Fluss Rivière Mingan, dessen Fälle im Sommer nur zur Hälfte überflutet sind und deshalb die verschiedenen Gesteinsarten von Gneis und Granit in ihrer ganzen Farbenpracht auftauchen lassen: gebändert oder gepunktet, diagonal oder gekringelt, hell rosa oder tief schwarz: Super Motive für eine ganze Stein-Bilderserie sage ich zu Denis und fotografiere voller Begeisterung drauf los.

Schließlich gelangen wir in Havre-Saint-Pierre an, nachdem wir durch die dort schon vorhandene, fast baumlose Tundra mit unzähligen, kleinen Seen und Tümpeln gefahren sind. Es ist ein recht übersichtliches Städtchen, dessen Abwesenheit von Lärm nur durch das Entladen der Eisenbahnwagons unterbrochen wird, die hier in ansehnlicher Zahl quietschend ihre edle Fracht ausspucken. Wovon ich aber absolut keine Ahnung hatte: Havre-Saint-Pierre ist nämlich der Endpunkt eines Schienenstranges, der von der weltgrößten Titaneisenerzmine, 42 Kilometer nördlich am Lac Tio gelegen, bis zum Verladehafen von Havre-Saint-Pierre führt.

Reichtum der Côte-Nord – Titaneisenerz am Verladehafen von Havre-Saint-Pierre

Dort wird es in Schiffe verladen und auf dem Sankt-Lorenz-Strom zum Verhüttungswerk des australischen Rio-Tinto-Konzernes in Sorel-Tracy bei Montréal transportiert. Kanada steht an dritter Stelle der Weltproduktion dieses äußerst wichtigen Bodenschatzes, der auch Ilmenit genannt wird und der als Titandioxid aus unserem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken ist: Es ist chemisch stabil, völlig ungiftig und in Zahnpasta, Kaugummis und Hustenbonbons vorhanden sowie als Pigment in Kosmetika, in nahezu allen Farben und Lacken, Kunststoffen und Textilien; außerdem benötigt man es zur Erzielung eines hohen Weissgrades bei der Papierherstellung sowie als UV-Blocker in Sonnencremes. Titandioxid – ein wahrer Tausendsassa also!

Zum Abendessen wollen wir uns an diesem letzten Tag unseres Côte-Nord-Abenteuers nochmals verwöhnen und Denis kennt „das amtliche“ Restaurant des Ortes von seinen früheren Dienstreisen gut: Es heißt Restaurant Chez Julie, besteht seit 1977 und ist wegen seiner Fischgerichte immer hervorragend besucht. Deshalb bestelle ich mir, ohne lange zu überlegen eine Meeresfrüchteplatte mit Gemüse, Denis ein „Surf ’n’ Turf“ und ich frage ihn, was das bedeutet. „Das ist seit den 60er Jahren ein Gericht, bekannt in ganz Nordamerika, welches Fleisch und Fisch kombiniert: also Surf für Fisch und Turf für Fleisch… ganz einfach!“ schmunzelt Denis mich an und da eilt schon die Bedienung mit unseren Riesenportionen heran (siehe Foto), wie ich das von Landgasthöfen in Oberbayern her kenne. Meine Meeresfrüchte mit italienischem Weißwein dazu mundet hervorragend, Denis verputzt seine Fleisch-Fischkombination in Windeseile und wir fahren früher als sonst nach Hause. Der kommende Tag wird anstrengend!

 

Fortsetzung Folge 4
Zu Folge 1
Zu Folge 2

 

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