„Côte-Nord du Québec – Tausend Kilometer Einsamkeit“ [FOLGE 4]: Leichtmetall und Beinahe-Unfall am längsten Tag des Jahres!

von Marc Lautenbacher

Rückfahrt auf der Nationalstraße – am längsten Tag des Jahres

Obwohl wir bislang so einiges erleben durften, bietet uns der sechste und siebte Tag unseres Roadtrips an die quebecer Nordküste ungeahnte Überraschungen, darunter eine Beinahe-Kollision mit einem ausgewachsenen Elch, …. und das ausgerechnet ganz am Ende unserer Reise.

6. Tag: „575 km – heute – in einem Wutsch“, verkünde ich meinem Freund Denis beim Frühstück in freudiger Erwartung, „das soll unser Tagespensum werden, wie besprochen, oder!“ „Oooch, das ist doch nicht so weit“, antwortet er mir lapidar und im Stillen denke ich mir: sowas kann nur von einem Kanadier kommen, der große Entfernungen und lange Autofahrten seit Kindesbeinen an kennt. Denn wir wollen heute Abend wieder in der Herberge der beiden Schweizer von Sabine und Thomas in Les Bergeronnes übernachten, da dort unsere Zimmer bereits reserviert sind. Und das sind nun mal 575 Kilometer von hier aus entfernt, also Pi mal Daumen die Strecke von München nach Magdeburg – nicht mehr und nicht weniger!

Auf dem Weg dorthin habe ich mir noch etwas ganz Besonderes ausgedacht, nämlich eine Besichtigung in Sept-Îles, wie eingangs erwähnt – es sind ja bloß 175 Kilometer dorthin. In der Stadt befindet sich die größte Aluminiumfabrik Nordamerikas, die „Aluminérie Alouette“, die 2005 massiv ausgebaut und in ihrer Kapazität erweitert wurde. Dadurch entstand auch Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften in anderen Branchen, welche zum Wachstum der Stadt beitrug. Die unbestrittene Hauptstadt der Côte-Nord mit heute rund 26.000 Einwohnern bekam ihren Namen tatsächlich von den sieben, immer noch unbewohnten, vorgelagerten Inselchen im Sankt-Lorenz: Îlets-de-Quen, Île-Manowin, Île-du-Corossol, La-Grande-Basque, La-Petite-Basque, La-Grosse-Boule und La-Petite-Boule. Als ich Denis bei der Planung der Reise vorschlug, das Aluminiumwerk in Sept-Îles zu besichtigen, bekam er gleich leuchtende Augen und somit reservierte ich unsere Plätze schon lange im Voraus. Nun, heute ist endlich der große Tag!

Besichtigung der größte Aluminiumfabrik Nordamerikas – mit Helm, Visier und Schutzbrille

Unser Rendezvous ist exakt um 13.15 Uhr mit Herrn Maxime Lelièvre, dem Tourguide des Werkes, der für höchste Sicherheitsvorkehrungen sorgt. Als wir ankommen, müssen wir einen Fragebogen ausfüllen wie „Tragen sie einen Herzschrittmacher?“ und ähnliches. Sämtliche Metallgegenstände, die wir am Leibe tragen, müssen wir abgeben, denn die magnetischen Felder im Werk sind außergewöhnlich hoch, Armbanduhren könnten kaputtgehen. Zum Glück darf ich die Kamera behalten, da ich mich bereits mit Denis als Pressevertreter angekündigt hatte. Die ganze Tour ist übrigens kostenlos und so werden wir in den werkseigenen Bus verfrachtet, der unsere 6-köpfige Gruppe über das Gelände, welches den Vergleich mit einer mittleren Kleinstadt nicht scheuen braucht, zu den zur Besichtigung autorisierten Orten bringt.

Schon die Ankündigungsrede unseres Guides klingt spannend: Das Werk wurde 1992 erbaut. Sept-Îles wurde wegen seines Tiefseehafens zur Anlieferung von Bauxit, dem Rohstoff für Aluminium, sowie wegen der äußerst günstigen Strompreise gewählt. Strom ist sozusagen der zweite Rohstoff für die Elektrolyse von Aluminium. Knapp 800 Mitarbeiter sind aktuell im Werk beschäftigt, deren Anteile sich fünf Aktionäre teilen: davon gehören 40 % den Kanadiern, 13,3 % den Japanern, 6,7 % der Regierung von Québec, 20 % den Österreichern und 20 % den Norwegern. Das Werk hatte bei unserem Besuch eine Jahreskapazität von 600.000 Tonnen – also mehr als die gesamte Produktion der Bundesrepublik Deutschland! Mit Stand vom 13. Januar 2021 wurde bei „Alouette“ ein neuer Rekord mit 620.706 Tonnen aufgestellt. Wenn man bedenkt, daß die Tonne auf dem Weltmarkt im Schnitt mit 2.000 amerikanischen Dollar, also rund 1.600 Euro gehandelt wird, erkennt man rasch die wirtschaftliche Bedeutung des Aluminiumwerkes. Jedoch ist dies nur eine Klacks gegenüber den gut 36 Millionen Tonnen, die aktuell China pro Jahr auf den Markt wirft. Immerhin steht Kanada schon seit den 80er Jahren ohne Unterbrechung an dritter Stelle der Weltproduktion und ich bemerke, daß mich diese Tatsache äußerst stolz macht.

Ja, das Werksgelände ist wirklich riesig und wir verbringen knapp drei Stunden dort, immer mit allerlei interessanten Fakten gespickt, die unser Guide ohne Unterlass auf uns herabregnen lässt. Die ausgedehnten Werkshallen sind menschenleer und ich frage mich ernsthaft, wo denn die rund 800 Mitarbeiter wohl „rumturnen“; nur hin und wieder fährt ein Tieflader mit einem gigantischen „Suppentopf“ an uns vorbei, der von innen heraus dunkelorange leuchtet: flüssiges Aluminium. In einer der Hallen, wo die Elektrolyse stattfindet, ist das Fotografieren streng verboten und ich darf keine Bilder machen. Offenbar das Allerheiligste der Produktion bei „Alouette“, das wichtige Industriegeheimnisse bergen dürfte! Von dem mehrere Fußballfelder großen Außengelände, ganz am Ende der Hallen, leuchtet sie uns dann schon von weitem entgegen. Hunderte von Aluminiumbarren, die dort sauber in Reih und Glied haushoch aufgestapelt sind, schimmern dezent in der Sonne. Industrieästhetik pur – für mich ein tolles Fotomotiv des „grauen Goldes“, wie es hier auf Französisch heißt.

Aluminiumbarren werden interessanter Weise in 4er, 12er und 16er Türmen aufgestapelt

Am Ende der Tour frage ich noch unseren Guide, was denn „Alouette“ genau bedeutet und er gibt mir schmunzelnd eine sehr schöne Antwort:
„Das Unternehmen nennt sich aus diversen Gründen ALOUETTE. Erstens dürfte es sich um einen geheimen Codenamen während des Gründungsprojektes der Anlage in Sept-Iles gehandelt haben. Möglicherweise, weil dieser Name mit der Silbe „Alou“ beginnt [sprich „Alu“ auf französisch], genauso wie „Aluminum“, einem Metall, das so leicht ist wie ein Vogel im Flug. Denn unser Logo ist eine stilisierte Lerche [Alouette auf französisch], die im Flügel sieben Federn aufweist. Sie symbolisieren die Stadt Sept-Îles, wo sich der Hauptsitz des Unternehmens befindet.

Eine weitere, sehr wahrscheinliche Namens-Hypothese: ALOUETTE ist eines der populärsten Volkslieder bei uns in Franko-Kanada. Man sagt, es war das Lieblingslied eines Topmanagers zur Entstehungszeit des Werkes. Doch ich darf Ihnen sagen: um all diese Erklärungen rankt sich nach wie vor ein gewisses Mysterium!“

Kurz vor der Verabschiedung bittet er mich mit dem freundlichsten Lächeln, das er sich aufzusetzen vermag, um meine Kamera und überprüft jedes einzelne der knapp 100 Bilder, die ich im Werk geschossen hatte.  Mist, denn er löscht mir – völlig ungerührt – einige meiner besten Aufnahmen, nämlich die, wo flüssiges Aluminium herrlich rot-orange aus den Töpfen spritzt. Vielleicht hatte ich doch ein paar Industriegeheimnisse fotografiert???

Unser Besuch war so intensiv, interessant und aufregend, daß wir total die Zeit vergessen haben. So ist es schon 16 Uhr geworden und wir haben ja „bloß“ noch 400 Kilometer Fahrstrecke vor uns. Schnell gerechnet bedeutet das: Wenn wir 90 Kilometer pro Stunde und ohne Pause durchfahren, werden wir in unserem Hotel erst gegen 21 Uhr ankommen! Ich telefoniere deshalb kurz mit Sabine von unserer „Auberge La Rosepierre“ und sie sagt mir am Telefon in ihrem netten, schweizerischen Dialekt: „Dös isch gar koi Probläm, wir warta uff Euch!“ „So, dann können wir uns ja doch noch’nen Kaffee gönnen“, meint Denis und steuert zielsicher am Ortsausgang von Sept-Îles einen TIM HORTON’s an. Der Kaffee dort ist immer frisch und seit Kurzem bekommt man auch leckeren Cappuccino in XXL-Format, den wir mit ein paar süßen Stückchen aus der gut bestückten Backwarentheke in vollen Zügen genießen. Ich bin top-fit und schlage deshalb Denis vor, für den Rest der heutigen Strecke den Chauffeur spielen zu dürfen: 400 Kilometer Landstraße plus diverser Ortsdurchfahrten! Für diese Strecke hatten wir uns bei der Herfahrt zwei volle Tage genehmigt; eih-jeih-jaaaih!

Los gehts – und ich drücke „volle Kanne“ auf die Tube! Ich muss zugeben, es macht Spaß, mit ausreichend Pferdestärken unter der Haube, lässig auf die Armlehne gestützt und in Sitzposition eines super bequemen Bürosessels die nun kommenden Kilometer „fressen“ zu können: da, schon in Windeseile ist Port-Cartier erreicht, dann Baie-Trinité, dann Godbout bis wir in Baie-Comeau eine kurze Pipi-Pause machen müssen: Der viele Kaffee will wieder heraus und eine Zigarette tut auch mal wieder gut. Schon liegt die Hälfte der Strecke hinter uns und noch ist es taghell. Kein Wunder, meint Denis, denn heute ist der 20. Juni und damit erleben wir ein Phänomen, das es nur ein einziges Mal pro Jahr gibt: heute ist der längste Tag und die kürzeste Nacht!!! Was wir sehr gut brauchen können, denn nichts hasse ich mehr als längere Autofahrten ohne Tageslicht auf unbekannten Straßen! So langsam bemerke ich, dass wir irgendwie nicht richtig vorwärtskommen. Die vielen Ortsdurchfahrten, die einbrechende Dämmerung und der miese Straßenzustand nerven mich allmählich und so gebe ich etwas mehr Gas als gewohnt. Denis bemerkt wohl meine Ungeduld, verwickelt mich in Diskussionen über Gott und die Welt und schwelgt regelrecht in den Erinnerungen der vergangenen Tage. Unser Roadtrip hat bislang also nicht nur mir gefallen!

So vergeht die Fahrzeit wie im Fluge, es wird schon langsam dunkel – schon halb zehn – noch 30 Kilometer! Da, ich fahre gerade über eine Straßenkuppe, und … traue kaum meinen Augen! Schlappt doch da mitten auf der Nationalstraße, wenige Meter vor uns, ein ausgewachsener Elch gemütlich über den Asphalt, nicht im geringsten in Eile – wieso sollte er auch? Geistesgegenwärtig lege ich eine Vollbremsung hin und steuere das Auto gleichzeitig in Richtung des rechten Straßenrandes – A.B.S. hab’ Dank!!! Denn unser Elch bewegte sich – glücklicherweise – in Richtung der linken Straßenseite und so kann ich einem Zusammenprall um Haaresbreite gerade noch ausweichen. Nicht auszudenken, was bei einer Kollision bei geschätzten 70 Kilometern pro Stunde mit dem über einer halben Tonne schweren Tier passiert wäre, geschweige denn mit Denis und mir. Jedenfalls hätte es den sicheren Tod des majestätischen Waldriesen bedeutet. Kurz danach halte ich an und muss aussteigen: Ich zeige meine beiden Hände zu Denis, die so richtig zittern und rauche erst mal ’ne Zigarette zur Beruhigung. „Das war knapp!“, meint Denis mitfühlend und er fährt die letzten Kilometer bis zum Hotel, wo wir schließlich um 22 Uhr an die Türe klopfen. „Mogsch’t a Bier?“, fragt mich gleich unser Herbergsvater Thomas, nachdem wir ihm die Geschichte, die vor wenigen Minuten erst passiert war, erzählen. Echt, wir haben großes Glück gehabt!

Letzte Übernachtung vor der Heimfahrt – die Pension von Sabine und Thomas

Ich forsche zu Hause nach und finde in LE SOLEIL, der wichtigsten Tageszeitung Québec’s, einen Artikel über Zusammenstöße mit Wildtieren. Dort steht, dass jährlich in unserer Provinz bei rund 1.000 Kollisionen auf öffentlichen Straßen tatsächlich Elche verwickelt sind. Davon enden zwischen 200 und 300 dieser Begegnungen mit leichten oder schwereren Verletzungen der Autofahrer. Unfälle mit tödlichem Ausgang der Automobilisten sind jedoch äußerst selten, über die Situation der Tiere steht leider gar nichts. Wie gesagt, wir haben Glück gehabt.

7. Tag: Ein herrlicher, stahlblauer Himmel mit strahlendem Sonnenschein an unserem heutigen letzten Tag lässt uns fast das gestrige Elch-Erlebnis vergessen. Und noch besser geht das Vergessen mit dem reichlichen Frühstücksangebot, das Sabine für ihre Gäste und für uns heute wieder aufgebaut hat. Heute gibts Spiegeleier mit Speck, besser bekannt unter „Bacon and Eggs“, wie das allseits bekannte Frühstücksgericht in Nordamerika heißt. Angenehm dabei ist für mich hier bei Sabine, daß sie den Teller nicht mit einem Berg Bratkartoffeln überlädt, sondern knuspriges, goldbraunes Toastbrot dazu gibt, dazu frischen Kaffee. Zudem steht auf dem Frühstücks-Buffet eine Reihe von Säften, eine Schale frische Früchte, verschiedene Brotsorten und außerdem Marmeladen, Käse und Schinken sowie allerlei Backwaren wie Croissants und Muffins. Herz, was willst Du mehr und wir lassen es uns schmecken, um gut gestärkt unsere Heimreise antreten zu können. Als wir uns schließlich von Thomas und Sabine in aller Form verabschieden, haben wir noch keine Ahnung, dass Sie schon wenige Jahre später ihrer Pension „Auberge La Rosepierre“ den Rücken kehren werden, um Ende 2020 wieder nach Europa zurückzukehren: in die Schweiz, ihrer alten Heimat.

Mein Freund Denis würde am liebsten sofort nach Hause fahren, doch ich bitte ihn inständig, noch ein letztes Etappenziel in Angriff zu nehmen, das lediglich 10 Autominuten von unserem Übernachtungsdomizil entfernt ist: das „Centre d’interprétation et d’observation de Cap-de-Bon-Desir“. „Klingt ja sehr interessant, lass‘ uns hinfahren!“, antwortet mir Denis schließlich, nachdem ich ihm ein wenig die Bedeutung erkläre. Denn er kennt den Ort nicht, der so spektakulär direkt am Sankt-Lorenz-Strom liegt und der insbesondere dafür bekannt ist, daß man Wale direkt vom Ufer aus beobachten kann. Denn die Wassertiefen des Stromes reichen dort vom Ufer ab auf 300 Meter (!) bis zum Meeresgrund hinunter, was den Walen den Eindruck gibt, sie seien auf dem offenen Meer unterwegs. Deswegen ziehen manche Tiere nicht weit von der Küste entfernt vorbei und haben so dem Ort seine Berühmtheit verliehen. Außerdem gibt es ein Besucherzentrum mit kleinem Museum sowie einen Leuchtturm, der für uns Männer immer eine Attraktion darstellt. Gesagt getan und schon nach 10 Minuten Fahrzeit steht am Straßenrand das Schild, das uns zum Besucherzentrum leitet.

Blick auf das Cap-de-Bon-Desir – ein paar Walbeobachter sind schon da!

Da wir uns als Pressevertreter ausweisen können ist der Eintritt für uns kostenlos. Gleich am Eingang steht ein kleines Museumsgebäude, wo man uns erzählt, dass man bis zu 13 erschienen Walarten vom Ufer aus sehen kann. Dazu wurde extra ein Beobachtungsposten in Form eines Holzhauses mit großer Terrasse gebaut, von wo man auch bei schlechtem Wetter auf Wale warten kann. Man hört sie beim Auftauchen sofort, wenn sie ihr langgezogenes „Pschhhh!“ ausstoßen und Luft zu holen. Denn Wale sind ja, wer es immer noch nicht wissen sollte, keine Fische sondern Säugetiere, die mit Lungen atmen und die in alten Büchern fälschlicherweise als Walfische bezeichnet wurden.

Nach dem kurzen Besuch in Museum, das eine Nachbildung eines Blauwales im maßstabsgerechten Verhältnis zu einem Menschen zeigt – unglaublich – und außerdem die Geschichte der Region erklärt, gehen wir die wenigen Meter hinunter in Richtung Ufer zu der besagten Beobachtungsplattform. „He, Marc, das ist Thé-du-Labrador“, ruft mir Denis zu und zeigt auf einen weißblühenden Strauch am Wegesrand. „Die Blätter geben einen würzigen Kräutertee, den kenn’ ich seit meiner Kindheit!“ Ich bin mir so gut wie sicher, daß bislang kein einziger der rund hundert heutigen Besucher dieses Naturgeheimnis kennt. Der „Thé-du-Labrador“ ist eine wichtigsten Heilpflanze der Indianer gewesen, die als Medizin gegen Blutarmut, Erkältungen, Tuberkulose, Schwindel, Sodbrennen, Nierenproblemen und sogar gegen Kater ausgezeichnet hilft. Auf Deutsch heißt sie Grönländischer Porst (Rhododendron groenlandicum) und hat so umfangreiche Heilwirkungen, die denen einer mittleren Hausapotheke mühelos gleichkommt. Der Porst wird sogar zur Behandlung von Grippe, bei Atembeschwerden, sogar bei Geburtsschmerzen und aller Art von Magenproblemen angewendet; die zu Pulver zermahlenen Blätter helfen gegen Nasenbluten. Der „Thé-du-Labrador“ steht an der Spitze einer Liste von 17 Pflanzen, die von indianischen Medizinmännern für ihre besonderen Heilkräfte ausgewählt wurden. Nicht zu vergessen ist er die einzige Futterpflanze zweier wichtiger Schmetterlingsarten des nördlichen Kanadas.

Beobachtungsposten in spektakulärer Lage – Cap-de-Bon-Desir

Wir gehen hinunter bis fast zum Sankt-Lorenz und es wird mir abermals deutlich, warum Parcs Canada den Ort auserkoren hat: eine vorgelagerte Felsgruppe mit riesigen Granitquadern, manche in der Form von Walkörpern, ziehen sich gut hundert Meter am Ufer entlang und hindern somit die Vegetation, sich hoch aufragend anzusiedeln. Damit bietet der Platz eine ausgedehnte, natürliche Plattform, um die Meeresfauna zu beobachten. Leider ist es heute Morgen ein wenig mau mit Meeressäugetieren bestellt; wir sehen jedenfalls keine, vielleicht schlafen sie ja noch. Beim herumhopsen auf den Felsen fällt mir eine Pflanze auf, die ich aus den Vorgärten Deutschlands so gut kenne: es ist die kanadische Unterart der Borsten-Schwertlilie (Iris setosa canadensis), die dort in einer feuchten Senke zwischen den Felsen gedeiht und da für sie Ende Juni Blütezeit ist, an diesem Morgen ihre zarten Blütenblätter mit der filigranen weißen und blauen Zeichnung ganz taufrisch entfaltet hat. Sagenhaft, das Design der Natur, einfach unschlagbar!

Denis drängt zum Aufbruch, er würde heute gerne am frühen Nachmittag zu Hause ein, wie er mir gesteht. „Mach‘ doch bitte noch ein Leuchtturmfoto von mir“, frage ich ihn. Immerhin liegen noch gut 240 Kilometer Landstraße vor uns und wir steigen in unsere bequeme Reiselimousine, die vor wenigen Stunden fast von einem Elchkörper zerschmettert worden wäre.

Letztes Bild der Reise – ein Leuchtturmfoto mit dem Autor

Aber nein, lassen wir das, die Geschichte ist schon fast vergessen. Bald ist die Fähre erreicht, die uns schon bei der Herfahrt über den Saguanay-Fjord geschippert hatte und die folgende Strecke kennen wir schon ziemlich gut, was den Weg nach Hause auf angenehme Weise verkürzt. Einen letzten Halt zum Mittagessen in Saint-Hillarion hat sich Denis aber doch noch auserkoren. So rasten wir auf halber Strecke bei einem Imbiss, der sich „Casse Croûte chez MONICA“ nennt und mit einem Hinweisschild „Terrasse chauffée“, zu Deutsch: „geheizte Außenterrasse“, die vorbeifahrende Kunden zum Verweilen verführen will. Ich finde, dies zeigt ein ganz typisches Lokalkolorit, wenn man die Klimabedingungen in Québec kennt. Man wirbt nicht mit leckeren Gerichten oder frischen Getränken – nein – man wirbt mit einem warmen Plätzchen zum Sitzen.

Zu Hause angekommen verabschiede ich mich herzlichst von Denis und danke ihm für die tolle Reisepartnerschaft. Wir kommen überein, diesen Trip nochmals zu machen, jedoch in einem Sommermonat mit weniger Nebel und mehr Sonne….im August, oder so. Denn ja – diese Côte-Nord – sie war so fantastisch – wir kommen wieder!

Text sowie Fotos: Marc Lautenbacher (Québec-Canada)

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4 Kommentare

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Karl 8. März 2021 - 09:17

Hallo Marc,
herzlichen Dank für ihre Mühe, der link für die Campplätze ist super! Die Vorfreude steigt und wir hoffen natürlich, wie alle anderen, dass wir bald wieder nach Kanada reisen dürfen.
Sobald wir konkreter planen können, werden wir sehr gerne eine Stadtführung in Quebec City bei ihnen buchen. 🙂
Ich hoffe, dass wir sie persönlich dann antreffen werden!
Liebe Grüße
Karl

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Marc Lautenbacher 8. März 2021 - 20:10

Lieber Karl,
danke für Ihre nette Antwort aus der alten Heimat. Ja, auch bei hier uns freut man sich schon auf die Reiseerleichterungen, die mit der aktuellen Impfkampagne in Kanada täglich steigen. Im übrigen sind seit heute in der frankophonen Hauptstadt Québec wieder die Restaurants, Museen und Kaffees geöffnet – ein gutes Zeichen wie ich meine!
Da ich die kommenden Jahre die Stadt Québec ganz sicher als mein Domizil beibehalten werde, werden Sie mich auf jeden Fall persönlich antreffen.
Bis dahin beste Grüsse aus einem vorfrühlingshaften Québec,
Marc Lautenbacher

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Marc Lautenbacher 7. März 2021 - 00:59

Lieber Karl,
direkt an Ihre private Email-Adresse sende ich Ihnen gerne die Originalkarten vom quebecker Verkehrsministerium, neuester Stand. Eine ist für die touristische Region MANICOUAGAN, die zweite ist für die Region DUPLESSIS bestimmt. Diese beiden Regionen werden hier im Volksmund als Nordküste bezeichnet, also „Côte-Nord“. Aber eigentlich braucht man keine Karte, denn es gibt sowieso nur eine einzige Strasse, die wie im Beitrag genannt lapidar „138“ heisst: auf französisch „Cent-trente-huit“.
Die Strecke mit dem Camper zu fahren ist sicherlich ein Hochgenuss. Genaue Lage der Campingplätze finden sie auf dieser Webseite unter [ http://www.tourismecote-nord.com ]. Sie müssen nur die Öffnungszeiten berücksichtigen.
Und wenn Sie in Quebec-Stadt sind, dann müssen Sie unbedingt bei mir eine Stadtführung machen – versprochen!?
Schönste Grüsse aus Quebec,
Ihr
Marc Lautenbacher

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Karl 3. März 2021 - 09:34

Hallo Herr Lautenbacher,
Glückwunsch zu diesem Artikel, ich habe alle Folgen aufmerksam und mit Freude gelesen. Um die Etappenbeschreibungen perfekt zu machen, hätte ich mir noch eine Karte dazu gewünscht, wo die Strecke eingezeichnet ist. Können sie mir sagen, ob man diese Strecke auch gut mit dem Camper fahren könnte, also sind genügend Campingplätze vorhanden?

Herzlichst
Karl

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