Der ultimative Road Trip – Mit dem Motorrad über den Alaska Highway

von Gary Kiemle


photo by Destination-BC-Emanuel-Smedbol


Für Biker ist der Alaska Highway ein Traum. Die Motorradtour auf der historischen Route führt durch monumentale Landschaften und skurrile Orte. Nirgendwo auf der Welt fährt es sich entspannter als im Norden Kanadas: Der Yukon ist die größte verkehrsberuhigte Zone der Welt, angesagt ist meditatives Cruisen statt Vollgas-Modus.

Wäre der Alaska Highway ein Song, er würde nach Blues, Country und Rock n’ Roll klingen, einer Mischung aus Fernweh und Abenteuer, Melancholie und Nostalgie. Der Blues der Straße ist allgegenwärtig: Jeder Kilometer wurde in unvorstellbarer, harter Arbeit aus dem Boden gestampft. Denn für die rund 16.000 Soldaten, die 1942 die 2.250 Kilometer lange Straße in nur achteinhalb Monaten durch die Wildnis bauten, war es eher ein Trip auf dem „Highway to Hell“.

In Dawson Creek beginnt der Tag mit kristallener Frische, in der Morgenluft wabert der heranziehende Herbst. Das kleine Städtchen in British Columbia markiert den Beginn des Alaska Highways mit der berühmten Mile Zero. Die Motoren brummen, Helme und Handschuhe sitzen, ein Dreh am Gasgriff und das Abenteuer beginnt: 2.200 Kilometer bis zum Meilenstein 122 in Delta Junction, Alaska, der ultimative Road Trip.

photo by Tourism Northern BC – Christianson

Bis Watson Lake verläuft die Straße durch den wilden Norden British Columbias. Nördlich von Fort Nelson, zwischen Mile 392 und Mile 463 beginnt einer der schönsten Abschnitte des Alaska Highways. Wie im Film zieht die monumentale Landschaft der nördlichen Rocky Mountains an den Bikern vorbei: Die Straße schraubt sich durch schroffe Berge, vorbei an verlassenen Geisterhäusern, Raststätten und Bären, die friedlich am Rande der Straße nach Beeren suchen. Was für ein Gefühl: Freiheit, Weite, Abenteuer!

photo by Ruby-Range-Adventure

Mit jeder zurückgelegten Meile auf dem Motorrad lässt sich erkennen, was für eine unglaubliche Leistung der Bau dieser Straße am Ende der Welt war. Sie wäre niemals in die Wildnis gezwungen worden, wenn nicht die Japaner 1941 Pearl Harbor zerbombt hätten. Um die Sicherheit Alaskas zu gewähren, entschlossen sich die USA und Kanada zum Bau des Highways, war es doch die einzige Möglichkeit, militärischen Nachschub in den Norden zu verlegen. Der Straßenverlauf orientierte sich an bestehenden Flugrouten – diese führten mitten durch gottverlassene Wildnis. Im Winter herrschten Temperaturen von bis zu minus 50 Grad, im Sommer wurden die Soldaten von Millionen von Moskitos und Sandfliegen zerstochen. Ein einziger Höllentrip für die Bautrupps.

1948 wurde der Alaska Highway für den allgemeinen Verkehr geöffnet. Viele abenteuerlustige Reisende lockte der Ruf des Nordens. Entlang der Strecke entstanden Raststätten, Hotels und Cafés. Übrig geblieben sind nur wenige, wie etwa die Tetsa River Lodge oder die Toad River Lodge. Sie sind die Lebensader des Alaska Highways, Zeugen längst vergangener Zeiten. Hier warten leckere Cinnamon Buns, heißer Kaffee und Benzingespräche auf die Motorradfahrer, in den ruppigen und windschiefen Holzhäusern scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.

photo by Northern-BC-Tourism-Gabriel-Munhoz

Nach knapp 1.000 Kilometern durch endlose Natur ist die Grenze zum Yukon erreicht. Watson Lake gilt als drittgrößte Stadt des Territoriums, dabei leben dort grade mal 1.500 Einwohner. Größte Attraktion ist der Schilderwald, ein Kuriosum aus der Zeit des Straßenbaus. Als der US Soldat Carl K. Lindley 1942 einen der Meilenposten reparieren musste, bekam er derart Heimweh, dass er an den Pfosten ein Schild mit dem Namen seines Wohnortes nagelte. Inzwischen ist der Sign Post Forest auf rund 80.000 Schilder angewachsen, täglich kommen weitere dazu.

Wer stilecht wie damals die US Piloten übernachten möchte, kann sich ein Zimmer in der Airforce Lodge buchen. Nicht nur Piloten, auch Biker sind herzlich willkommen. Das zweitälteste Gebäude ist heute ein rustikales Motel, das von Michael, einem deutschen Auswanderer geführt wird. Vor knapp 30 Jahren hat er sich hier niedergelassen, lebt in einem alten Schulbus, den er zu einem zweistöckigen Wohngebäude umfunktioniert hat, und genießt die Weite des Yukon. „Ich kann tagelang in eine Richtung laufen, ohne einem Menschen zu begegnen“, erklärt auf Deutsch, das mit kanadischem Akzent gefärbt ist. Die Heimat war ihm längst zu eng geworden.

photo by Government-of-Yukon

Wer zum ersten Mal in den Yukon kommt, begreift, was Michael an seiner neuen Heimat schätzt. So viel Weite, so viele Berge, so viel Himmel und so wenig Menschen. Es ist dieses Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, das entspannte Fahren, ohne Hektik, ohne Zeitdruck. Das sich Treiben lassen und dem Lauf der Straße folgen, deren Kilometerangaben so astronomisch hoch sind, dass einem schier schwindlig wird. Wo es nicht ums Ankommen, sondern ums Unterwegs sein geht. Den Blues der Straße fühlen, cruisen statt rasen und den Alltag weit hinter sich lassen. Sich den Fahrtwind um die Nase wehen lassen, an der Tankstelle in einem gottverlassenen Nest einen miserablen Kaffee trinken und den Geschichten der Einheimischen zuhören. Anhalten in Geisterdörfern wie Silver City am Kluane Lake, wo alte Autowracks im Vorgarten verfallener Holzhütten liegen und es angeblich spuken soll. Und die Gedanken häufig um die zentrale Frage kreisen, ob das Benzin wohl noch bis zur nächsten geöffneten Tankstelle reicht.

photo by Destination-Canada-Kyle-Mulinder

Nach Haines Junction werden die Berge höher und majestätischer, der Kluane-See glitzert kristallblau in den Himmel. Eine grandiose Kulisse, an der sich niemand satt sehen kann. Und es ist Zeit genug, sich der Landschaft hinzugeben – es gibt sonst nichts zu tun, außer zu gucken. Auf den Verkehr achten muss niemand, es gibt ja so gut wie keinen, höchstens dann, wenn ein Bär über die Straße läuft oder ein behelmter, in orange gekleideter Straßenbauarbeiter ein Stopp-Schild in die Höhe hält. Auch wenn die Straße fast durchgehend asphaltiert ist und es nur wenige Schotterabschnitte gibt, so wird doch ständig irgendwo gebaut, geflickt und der Straßenbelag erneuert.
Einen Steinwurf vor der US-Grenze entfernt liegt Beaver Creek, Kanadas westlichster Ort. 112 Menschen leben hier und in einer versteckten Seitenstraße liegt das wohl kurioseste Museum in ganz Kanada. Kurioser noch als das Museum ist sein Besitzer, Sid. Groß, schlank, mit langem grauen Haar und Schnauzbart und spitzbübischen Lachen begrüßt er die Neuankömmlinge. 1953 kam Sid aus Dänemark nach Kanada und heiratete die Tochter eines First Nation Häuptlings. Das ist lange her, denn Sid erzählt, dass er kürzlich erneut geheiratet hat. Zum fünften Mal, lacht der über 80-Jährige, der so agil und drahtig ist, dass das Alter ihm einfach nicht anzusehen ist.

Wer sein Haus sieht, ahnt, weshalb es keine Frau lange bei ihm ausgehalten hat. Seit über 50 Jahren sammelt Sid alles, was ihm im Yukon in verfallenen Häusern und auf Müllkippen zwischen die Finger kommt. Als in den 70er Jahren die historischen Meilenposten gegen Kilometermarker ausgetauscht wurden, schmissen die Straßenarbeiter die alten Pfosten weg. Sid bewahrte sie auf, zusammen mit weiteren Fundstücken, die Geschichten aus der Vergangenheit erzählen: haufenweise Autos, sogar ein Oldtimer aus dem Jahr 1928, Goldgräberpfannen, Schilder, alte Zapfsäulen, Gerätschaften der US Armee, ein Sammelsurium aus Trödel, Tand und Schrott. Border Town Museum nennt er sein faszinierendes museales Refugium, durch das er gerne Besucher führt.

photo by Destination-Canada_Paddy-Pallin

Jenseits der Grenze zieht sich der Alaska Highway wie ein grauer Strich durch die Landschaft. Berge, Wälder, Einsamkeit. Dann endlich, nach vielen Stunden im Sattel, ist Delta Junction erreicht. Ein weißer Pfosten markiert den Mile 1422, End of the Alaska Highway. Das Touristenbüro stempelt eine Alaska Highway Urkunde. Das Ende der Straße ist glücklicherweise nicht das Ziel. Morgen geht es weiter. Zurück in den Yukon, ganz entspannt über den Alaska Highway. Noch einmal das Glücksgefühl beim Cruisen durch die Wildnis des Nordens spüren.

Quelle: Destination Canada

 

Ähnliche Artikel & Themen

3 Kommentare

Herbert KALT 21. März 2021 - 17:59

Ganz sicher ein Traum eines jeden Bikers. Wo bekommt man Angebote über so einen Trip?

Antworten
Gary Kiemle 23. März 2021 - 17:05

Da würde ich Robert Wassermann von Canada Dream Tours empfehlen – Email: info@cdt-reisen.de

Beste Grüße
Gary

Antworten
Gustavo Woltmann 18. März 2021 - 17:34

Da ich selber ein großer Motorrad-Fan bin, würde ich sehr gern diesem Ort besuchen um ein Road Trip zu machen. Ich kann nur vermuten wie schön es dort ist.
Gustavo Woltmann

Antworten

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie diesem zu. Datenschutzbestimmungen